Jennifer starrte das Telefon an. »Ich - ja, das werde ich tun.« Langsam legte sie den Horer wieder auf und wandte sich an die Leute im Raum, die sie beobachteten. »Es - es tut mir leid«, sagte sie. »Entschuldigen Sie mich.« Sie lief hinaus in den Empfangsraum. »Cynthia, such Dan! Bitte ihn, die Zeugenbefragung fur mich zu Ende zu fuhren. Mir ist etwas dazwischengekommen.«
»Einver...«
Jennifer war schon aus der Tur.
Sie fuhr nach Hause wie eine Wahnsinnige, ubertrat die Geschwindigkeitsbegrenzung, ignorierte rote Ampeln. Visionen von einem schrecklichen Ungluck stiegen in ihr auf. Die Fahrt schien unendlich, und als das Haus in der Ferne auftauchte, erwartete Jennifer halb und halb, eine Armee von Krankenwagen und Polizeifahrzeugen auf dem Burgersteig stehen zu sehen. Die Zufahrt war verwaist. Jennifer fuhr bis zum Vordereingang und hastete ins Haus. »Joshua!«
Er sa? im Wohnzimmer und sah sich ein Baseballspiel im Fernsehen an. »Hi, Mama. Du bist aber fruh zu Hause. Haben sie dich gefeuert?«
Jennifer stand im Turrahmen, starrte ihn an und spurte, wie sie von Erleichterung durchflutet wurde. Sie fuhlte sich wie eine Idiotin.
»Du hattest die letzte Halbzeit sehen sollen. Craig Swan war phantastisch!«
»Wie fuhlst du dich, Sohn?«
»Gro?artig.«
Jennifer legte die Hand auf seine Stirn. Er hatte kein Fieber. »Bist du sicher, da? du in Ordnung bist?«
»Naturlich. Warum schaust du so komisch? Hast du Kummer? Mochtest du dich von Mann zu Mann unterhalten?« Sie lachelte. »Nein, Liebling. Ich habe nur - tut dir irgend etwas weh?«
Er stohnte. »Das kann man wohl sagen. Die Mets verlieren sechs zu funf. Wei?t du, was in der ersten Halbzeit passiert ist?«
Aufgeregt begann er, die Heldentaten seiner Lieblingsmannschaft zu rekapitulieren. Jennifer stand da, betrachtete ihn hingerissen und dachte: Meine verdammte Einbildung! Naturlich ist er gesund.
»Schau dir den Rest des Spiels an. Ich kummere mich um das Abendessen.«
Erleichtert ging Jennifer in die Kuche. Sie beschlo?, einen Bananenkuchen zu machen, eines von Joshuas Lieblingsgerichten.
Als Jennifer drei?ig Minuten spater wieder in das Fernsehzimmer ging, lag Joshua bewu?tlos auf dem Boden.
Die Fahrt zum Blinderman Memorial Hospital schien eine Ewigkeit zu dauern. Jennifer sa? hinten im Ambulanzwagen und pre?te Joshuas Hand. Ein Sanitater hielt eine Sauerstoffmaske gegen das Gesicht des Jungen. Er hatte das Bewu?tsein nicht wiedererlangt. Die Sirene des Krankenwagens heulte durchdringend, aber der Verkehr war zahflussig, und der Wagen konnte nur langsam fahren, wahrend neugierige Passanten durch die Scheiben auf die bleiche Frau und den bewu?tlosen Jungen gafften.
»Warum gibt es in Krankenwagen keine Einwegfenster?« fragte Jennifer.
Der Sanitater blickte irritiert auf. »Bitte?«
»Nichts... nichts.«
Nach einer scheinbar unendlichen Fahrt hielt die Ambulanz am Noteingang hinter dem Hospital. Zwei Assistenzarzte warteten bereits an der Tur. Hilflos sah Jennifer zu, wie Joshua aus dem Krankenwagen auf eine fahrbare Bahre gehoben wurde.
Ein Pfleger fragte: »Sind Sie die Mutter des Jungen?«
»Ja.«
»Hier lang, bitte.«
Danach erschien Jennifer alles wie ein verwischter, kaleidoskopartiger Eindruck von Gerauschen, Licht und Bewegungen. Sie sah, wie Joshua einen langen wei?en Korridor hinunter in einen Rontgenraum gerollt wurde. Sie wollte ebenfalls hineingehen, aber der Pfleger sagte: »Sie mussen ihn erst eintragen.«
Eine dunne Frau am Empfangstisch fragte Jennifer: »Wie wollen Sie fur die Behandlung aufkommen? Sind Sie im Blauen Kreuz oder in einer anderen Versicherung?« Jennifer mu?te sich davon abhalten, die Frau anzubrullen. Sie wollte zuruck an Joshuas Seite, aber sie zwang sich, die Fragen zu beantworten.
Als sie vorbei waren und Jennifer verschiedene Formulare ausgefullt hatte, erlaubte die Frau ihr, zu gehen.
Sie lief zum Rontgensaal und ging hinein. Der Raum war leer. Joshua war weg. Jennifer lief zuruck in den Flur und blickte gehetzt in beide Richtungen. Eine Schwester naherte sich. Jennifer packte ihren Arm. »Wo ist mein Sohn?« Die Schwester sagte: »Ich wei? nicht. Wie hei?t er?«
»Joshua. Joshua Parker.«
»Wo haben Sie ihn verlassen?«
»Er - er sollte gerontgt werden... er...« Sie war unfahig, zusammenhangend zu reden. »Was haben sie mit ihm gemacht? Sagen Sie es mir!«
Die Schwester sah Jennifer genauer an und sagte dann: »Warten Sie hier, Mrs. Parker. Ich werde versuchen, es herauszufinden.«
Ein paar Minuten spater kehrte sie zuruck. »Dr. Morris wurde gern mit Ihnen sprechen. Kommen Sie bitte mit.« Jennifer stellte fest, da? ihre Beine zitterten. Das Laufen fiel ihr schwer.
»Geht es Ihnen gut?« Die Schwester starrte sie an. Jennifers Mund war trocken vor Angst. »Ich will meinen Sohn.«
Sie gelangten zu einem Raum, der mit fremdartig aussehenden Instrumenten gefullt war. »Warten Sie hier, bitte.« Dr. Morris kam ein paar Augenblicke spater. Er war sehr dick, hatte ein rotes Gesicht und Nikotinflecken an den Fingern. »Mrs. Parker?«
»Wo ist Joshua?«
»Treten Sie einen Augenblick herein, bitte.« Er fuhrte Jennifer in einen kleinen Buroraum.
Jennifer nahm Platz. »Joshua ist... ist es... es ist doch nichts Ernstes, oder, Doktor?«
»Das wissen wir noch nicht.« Seine Stimme war uberraschend hell fur einen Mann seines Umfangs. »Ich brauche einige Informationen. Wie alt ist Ihr Sohn?«
»Er ist erst sieben.«
Das erst war ihr herausgerutscht, ein Verweis fur Gott. »Hatte er kurzlich einen Unfall?«
Blitzartig stieg vor Jennifers Augen das Bild vo n Joshua auf, wie er ihr zuwinkte, das Gleichgewicht verlor und gegen die Planken sturzte. »Er - er ist beim Wasserski gesturzt. Er hat sich eine Beule am Kopf geholt.« Der Arzt kritzelte Notizen. »Wie lange ist das her?«
»Ich... ein paar... ein paar Tage. In Acapulco.« Es war schwierig, logisch zu denken. »Wirkte er nach dem Unfall normal?«
»Ja. Er hatte eine Beule am Hinterkopf, aber davon abgesehen wirkte er in Ordnung.« »Haben Sie irgendeinen Gedachtnisverlust bemerkt?« »Nein.«
»Keine Veranderungen in seinem Wesen?« »Nein.«
»Keine Krampfe? Ein steifer Nacken oder Kopfschmerzen?« »Nein, nichts.«
Der Arzt horte auf zu schreiben und blickte Jennifer an. »Ich habe ihn rontgen lassen, aber das Ergebnis war nicht befriedigend. Ich mochte sein Gehirn gern fotografieren lassen.«
»Sein...?«
»Mit einer neuen, computergesteuerten Maschine aus England, die das Innere des Gehirns ablichten kann. Es kann sein, da? ich danach noch ein paar weitere Tests mit ihm machen mochte. Sind Sie damit einverstanden?«
»Wewewenn...«, stotterte sie, »wenn es notwendig ist. Es - es wird ihm nicht weh tun, oder?«
»Nein. Eventuell mu? ich auch eine Punktion des Ruckgrats vornehmen.« Er jagte ihr Angst ein.
Sie zwang sich zu fragen: »Was hat er, Ihrer Meinung nach? Was ist mit meinem Sohn?« Sie erkannte den Klang ihrer eigenen Stimme nicht wieder.
»Ich wurde es vorziehen, keine Vermutungen zu au?ern, Mrs. Parker. In einer oder zwei Stunden wissen wir Bescheid. Er ist jetzt wach, falls Sie ihn sehen wollen.«
»O ja, bitte!«
Eine Krankenschwester fuhrte sie zu Joshuas Zimmer. Er lag im Bett, eine blasse, kleine Gestalt. Als Jennifer eintrat, offnete er die Augen. »Hallo, Mama.«
