Der Inspektor sah auf, und sofort war eine Kellnerin an ihrem Tisch. Der Inspektor bestellte die Drinks und dim sum, chinesische Appetitanreger. »Ich hoffe, es stort Sie nicht, wenn ich auch das Essen fur Sie auswahle.«
»Ganz und gar nicht. Es ware mir ein Vergnugen.«
»Ich wei?, da? in Ihrem Land die Frauen daran gewohnt sind, das Ruder in die Hand zu nehmen. Hier hat noch immer der Mann zu sagen.«
Ein mannlicher Chauvinist, dachte Jennifer, aber sie hatte keine Lust, sich zu streiten. Sie brauchte diesen Mann. Wegen des unvorstellbaren Getoses und der Musik war es fast unmoglich, ein Gesprach zu fuhren. Jennifer lehnte sich zuruck und blickte sich im Raum um. Sie war schon in anderen orientalischen Landern gewesen, aber die Menschen in Singapur waren au?erordentlich schon, Manner und Frauen gleicherma?en.
Die Kellnerin stellte Jennifers Drink vor sie hin. Er erinnerte an ein Schokoladensoda, mit schlupfrigen Klumpen darin. Inspektor Touh beobachtete sie. »Sie mussen ihn umruhren.«
»Ich kann Sie nicht verstehen.« Er brullte: »Sie mussen ihn umruhren!« Gehorsam ruhrte Jennifer ihren Drink um. Sie kostete. Er war schrecklich, viel zu su?, aber sie nickte und sagte: »Er - er ist ungewohnlich.«
Ein halbes Dutzend Teller mit dim sum erschienen auf dem Tisch. Einige dieser Kostlichkeiten hatten hochst ungewohnliche Formen, die Jennifer noch nie gesehen hatte, aber sie beschlo?,nicht zu fragen. Das Essen war hervorragend. Inspektor Touh brullte Erklarungen: »Dieses Restaurant ist bekannt fur sein Essen im Nonya-Stil. Es handelt sich um eine Mischung aus chinesischen Zutaten und malayischen So?en. Die Rezepte sind nirgendwo niedergeschrieben.«
»Ich mochte mit Ihnen uber Stefan Bjork reden«, sagte Jennifer.
»Ich kann Sie nicht verstehen.« Der Larm der Band hatte einen neuen Hohepunkt erreicht.
Jennifer beugte sich naher zu Touh. »Ich mochte wissen, wann ich Stefan Bjork sehen kann.«
Inspektor Touh zuckte mit den Schultern und gestikulierte, da? er sie nicht verstehen konnte. Jennifer fragte sich plotzlich, ob er diesen Tisch ausgewahlt hatte, damit sie ungehort reden konnten oder damit jegliches Gesprach unmoglich war.
Eine endlose Prozession von Speisen folgte auf die dim sum, und es war ein uberwaltigendes Mahl. Das einzige, was Jennifer storte, war, da? sie nicht ein einziges Mal das Thema Stefan Bjork zur Sprache bringen konnte.
Als sie zu Ende gegessen hatten und wieder auf der Stra?e waren, sagte Inspektor Touh: »Ich habe meinen Wagen da.« Er schnippte mit den Fingern, und ein schwarzer Mercedes, der in der zweiten Reihe geparkt hatte, rollte heran. Der Inspektor offnete Jennifer die Hintertur. Ein machtiger, uniformierter Polizist sa? am Steuer. Irgend etwas stimmte nicht. Wenn Inspektor Touh vertrauliche Dinge mit mir besprechen wollte, dachte Jennifer, dann hatte er dafur gesorgt, da? wir alleine sind. Sie nahm auf dem Rucksitz Platz, und der Inspektor glitt neben sie.
»Sie sind das erste Mal in Singapur, nicht wahr?«
»Ja.«
»Ah, dann gibt es viel fur Sie zu sehen.«
»Ich bin nicht als Tourist hier, Inspektor. Ich mu? so schnell wie moglich wieder nach Hause zuruck.« Der Inspektor seufzte. »Ihr Amerikaner seid immer in einer solchen Hetze. Haben Sie schon einmal von der Bugisstra?e gehort?«
»Nein.«
Jennifer veranderte ihre Stellung, so da? sie Inspektor Touh studieren konnte. Er hatte ein sehr bewegliches Gesicht, und seine Gesten waren ausdrucksvoll. Er wirkte extrovertiert und redselig, und dennoch schaffte er es, seit Stunden praktisch nichts zu sagen.
Der Wagen mu?te wegen eines betjaks halten, eines dreiradrigen Fahrrads, mit dem eingeborene Fahrer Touristen beforderten. Inspektor Touhs Gesicht hatte einen verachtlichen Ausdruck angenommen. »Eines Tages werden wir das verbieten.«
Jennifer und der Inspektor verlie?en den Wagen einen Block von der Bugisstra?e entfernt.
»Hier sind keine Automobile erlaubt«, erklarte Touh. Er nahm Jennifers Arm, und sie begannen, den belebten Burgersteig entlangzugehen. Nach ein paar Minuten war die Menge so dicht, da? es fast unmoglich wurde, sich zu bewegen. Die Bugisstra?e war eng und zu beiden Seiten von Standen gesaumt, an denen Obst, Gemuse, Fisch und Fleisch feilgeboten wurden. Es gab Terrassenrestaurants mit kleinen, von Stuhlen umgebenen Tischen. Jennifer blieb stehen und sog Farben, Gerausche und Geruche, die ganze fremdartige Szenerie ein. Inspektor Touh nahm ihren Arm und bahnte ihr einen Weg durch die Menge. Sie erreichten ein Restaurant mit drei Tischen davor, die alle besetzt waren. Der Inspektor ergriff den Arm eines vorbeieilenden Kellners, und einen Augenblick spater war der Eigentumer an ihrer Seite. Der Inspektor sagte ein paar Worte auf chinesisch zu ihm. Der Chef ging zu einem der Tische und redete mit den Gasten. Sie sahen zu Inspektor Touh her und standen dann hastig auf, um zu verschwinden. Der Inspektor und Jennifer nahmen an dem Tisch Platz.
»Darf ich Ihnen etwas bestellen?«
»Nein, danke.« Jennifer beobachtete das Menschengewimmel, das sich auf der Stra?e und den Burgersteigen drangte. Unter anderen Umstanden hatte sie den Abend genossen. Singapur war eine faszinierende Stadt, eine Stadt, die man mit einem Menschen erleben mu?te, der einem etwas bedeutete. Inspektor Touh sagte: »Passen Sie auf. Es ist beinahe Mitternacht.«
Jennifer wu?te zuerst nicht, was er meinte. Dann bemerkte sie, da? alle Geschaftsleute gleichzeitig ihre Stande zu schlie?en begannen. Innerhalb von zehn Minuten waren alle Stande abgesperrt, die Besitzer verschwunden. »Was geht da vor?« fragte Jennifer. »Das werden Sie gleich sehen.«
Vom Ende der Stra?e drang ein Murmeln, und die Menschen zogen sich auf die Burgersteige zuruck. Ein breiter Streifen der Stra?e war jetzt frei. Ein chinesisches Madchen in einem langen, enganliegenden Abendkleid wandelte in der Mitte des Streifens. Sie war die schonste Frau, die Jennifer je gesehen hatte. Sie schritt stolz und langsam dahin und blieb hin und wieder an verschiedenen Tischen stehen, um Leute zu begru?en, ehe sie weiterging.
Als das Madchen sich dem Tisch naherte, an dem Jennifer und der Inspektor sa?en, konnte Jennifer es genauer betrachten, und aus der Nahe war es sogar noch attraktiver. Seine Gesichtszuge waren weich und feingeschnitten, die Figur war atemberaubend. Das an den Seiten hochgeschlitzte wei?e Seidenkleid lie? hinrei?end geschwungene Schenkel und kleine, perfekte Bruste erkennen.
Als Jennifer sich an den Inspektor wandte, um eine Bemerkung fallenzulassen, erschien ein zweites Madchen. Es war womoglich noch schoner als das erste. Hinter ihr kamen zwei weitere, und binnen weniger Sekunden war die Stra?e mit
jungen Madchen uberflutet. Sie waren eine Mischung aus malayischen, indischen und chinesischen Einflussen. »Es sind Prostituierte, nicht wahr?« riet Jennifer. »Ja, Transsexuelle.«
Jennifer starrte ihn an. Das war doch nicht moglich. Sie beobachtete wieder die Madchen. Sie konnte absolut nichts Mannliches an ihnen erkennen. »Sie nehmen mich auf den Arm.«
»Sie werden die Billy Boys genannt.« Jennifer war verwirrt. »Aber sie...«
»Sie haben sich alle operieren lassen. Sie halten sich fur Frauen.« Er zuckte mit den Schultern. »Warum auch nicht? Sie tun niemandem weh. Sie mussen wissen«, fugte er hinzu, »da? Prostitution bei uns verboten ist. Aber die Billy Boys locken Touristen an, und solange sie die Gaste nicht belastigen, druckt die Polizei ein Auge zu.«
Jennifer konnte ihre Blicke nicht von den vollkommenen jungen Leuten wenden, die sich die Stra?e hinunterbewegten und an den Tischen stehenblieben, um Kunden fur sich zu interessieren.
»Es geht ihnen nicht schlecht. Sie berechnen bis zu zweihundert Dollar.«
Die meisten Madchen sa?en jetzt bei Mannern an den Tischen und feilschten. Eine nach der anderen standen sie auf und verschwanden mit ihren Kunden.
»Die meisten bringen es auf zwei oder drei Transaktionen pro Nacht«, erklarte der Inspektor. »Sie ubernehmen die Bugisstra?e um Mitternacht, und um sechs Uhr morgens mussen sie verschwunden sein, damit die Stande wieder offnen konnen. Wenn Sie soweit sind, konnen wir gehen.«
»Ich bin soweit.«
Wahrend sie die Stra?e hinuntergingen, tauchte Ken Baileys Bild vor Jennifers innerem Auge auf, und sie dachte: Ich hoffe,es geht dir gut und du bist glucklich.
Auf dem Weg zuruck zum Hotel entschlo? sich Jennifer -Chauffeur hin, Chauffeur her -, die Rede auf Bjork zu bringen.
