Als der Wagen sich ihrem Hotel naherte, sagte sie: »Wegen Stefan Bjork...«
»Ach ja. Ich habe dafur gesorgt, da? Sie ihn morgen fruh um zehn Uhr besuchen konnen.«
55
In Washington wurde Adam Warner aus einer Konferenz gerufen, weil er telefonisch dringend aus New York verlangt wurde.
Staatsanwalt Di Silva war am Apparat. Er frohlockte. »Die Grand Jury hat gerade die Anklageverfugungen ausgesprochen, um die wir sie ersucht haben. In jedem einzelnen Fall. Wir konnen jederzeit losschlagen.« Er erhielt keine Antwort. »Sind Sie noch dran, Senator?«
»Ja.« Adam zwang sich, begeistert zu klingen. »Das sind ja gute Nachrichten.«
»Innerhalb von vierundzwanzig Stunden mu?ten wir sie einkreisen konnen. Wenn Sie nach New York kamen, sollten wir morgen fruh eine letzte Konferenz abhalten, damit wir unsere Zuge koordinieren konnen. Ware das moglich, Senator?«
»Ja«, sagte Adam.
»Ich bereite alles vor. Zehn Uhr morgen fruh.«
»Bis dann.« Adam legte den Horer auf. Die Grand Jury hat gerade die Anklageverfugungen ausgesprochen, um die wir sie ersucht haben. In jedem einzelnen Fall. Adam nahm den Horer wieder auf und begann zu wahlen.
56
Das Besuchszimmer im Changi-Gefangnis war ein kleiner, kahler Raum mit wei?verputzten Wanden und einem langen Tisch mit harten Holzstuhlen zu beiden Seiten. Jennifer sa? auf einem der Stuhle. Sie wartete. Als Stefan Bjork, begleitet von einem uniformierten Warter, eintrat, blickte sie auf. Bjork war etwa drei?ig, ein gro?er Mann mit einem dusteren Gesicht und hervorquellenden Augen. Er hat es an den Schilddrusen, dachte Jennifer. Auf Bjorks Wangen und Stirn leuchteten Prellungen. Er nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz.
»Ich bin Jennifer Parker, Ihre Anwaltin. Ich werde versuchen, Sie hier herauszuholen.«
Er blickte sie an: »Am besten beeilen Sie sich etwas damit.« Es klang wie eine Drohung. Jennifer dachte an Michaels Worte: Ich mochte, da? du ihn auf Kaution herausholst, ehe er zu singen anfangt.
»Werden Sie gut behandelt?«
Er warf einen versteckten Blick zu dem Warter an der Tur. »Ja. Es geht.«
»Ich habe beantragt, Sie auf Kaution freizulassen.«
»Wie stehen die Chancen?« Bjork war unfahig, die Hoffnung in seiner Stimme zu unterdrucken.
»Ich glaube, ganz gut. Es wird langstenfalls noch zwei oder drei Tage dauern.« »Ich mu? hier 'raus.« Jennifer stand auf. »Wir werden uns bald wiedersehen.«
»Danke«, sagte Stefan Bjork. Er streckte seine Hand aus. Der Warter rief scharf: »Nein!« Beide wandten sich um. »Keine Beruhrung.«
Stefan Bjork warf Jennifer einen Blick zu und sagte heiser:
»Beeilen Sie sich!«
Als Jennifer wieder im Hotel war, fand sie eine Nachricht vor. Inspektor Touh hatte angerufen. Wahrend sie die Zeilen uberflog, klingelte das Telefon. Es war der Inspektor. »Ich dachte, da? Sie vielleicht gern eine kleine Stadtrundfahrt unternehmen wurden, wahrend Sie warten, Mi? Parker.«
Zuerst wollte Jennifer ablehnen, aber dann uberlegte sie, da? sie nichts tun konnte, bis sie Bjork sicher in einem Flugzeug aus Singapur herausgebracht hatte, und so lange war es wichtig, Inspektor Touh bei Laune zu halten. Jennifer sagte: »Danke schon. Das wurde mir Spa? machen.«
Sie a?en bei Kampachi zu Mittag und fuhren dann aufs Land hinaus. Sie nahmen die Bukit-Timan-Stra?e nach Malaysia und kamen durch eine Reihe farbenprachtiger kleiner Dorfer voller Lebensmittelstande und Geschafte. Die Menschen waren gut gekleidet und wirkten wohlhabend. Jennifer und Inspektor Touh hielten am Friedhof von Kranji und stiegen die Stufen zu den gro?en blauen Toren hinauf. Vor ihnen erhob sich ein gro?es Marmorkreuz und im Hintergrund eine riesige Saule. Dazwischen erstreckte sich ein Meer wei?er Kreuze.
»Der Krieg war sehr schlimm fur uns«, sagte Inspektor Touh. »Wir alle haben viele Freunde und Familienmitglieder verloren.«
Jennifer sagte nichts. Vor ihrem inneren Auge stieg ein Grab in Sands Point auf. Aber sie durfte nicht daran denken, was unter dem kleinen Hugel lag.
Bei der Nachrichtendiensteinheit der Polizei in Manhattan fand eine Konferenz verschiedener Dienststellen zur Verbrechensbekampfung statt. Eine Stimmung von Triumph und Aufregung hing in der Luft. Viele der Manner hatten die Tatsache einer weiteren Untersuchung lange Zeit mit Zynismus betrachtet. Jahr um Jahr hatten sie immer wieder uberwaltigendes Beweismaterial gegen Schlager, Morder und Erpresser zusammengetragen, und in einem Fall nach dem anderen hatten teure, gerissene Anwalte Freispruch uber Freispruch fur die Verbrecher, die sie vertraten, erreicht. Diesmal wurde der Hase in die andere Richtung laufen. Sie hatten die Zeugenaussage von consigliere Thomas Colfax, und niemand wurde das erschuttern konnen. Uber funfundzwanzig Jahre war Colfax die Radnabe der Mafia gewesen. Er wurde vor Gericht auftreten und Namen, Daten, Fakten und Zahlen nennen. Und bald wurden sie das Zeichen zum Losschlagen erhalten.
Adam hatte harter als alle anderen in diesem Raum gearbeitet, um zu diesem Punkt zu gelangen. Es hatte der Triumphwagen werden sollen, der ihn direkt ins Wei?e Haus transportieren sollte. Und jetzt, wo der Augenblick da war, schmeckte der Sieg nach Asche. Vor Adam lag eine Liste mit Leuten, die von der Grand Jury unter Anklage gestellt worden waren. Der vierte Name auf der Liste war der von Jennifer Parker, und sie wurde des Mordes und der Verschworung zu einem halben Dutzend anderer Kapitalverbrechen beschuldigt. Adam Warner blickte sich im Raum um und zwang sich, ein paar Worte zu sagen. »Ich - ich mochte Ihnen allen gratulieren.«
Er versuchte, noch mehr zu sagen, aber er brachte kein weiteres Wort heraus. Er war von solchem Abscheu vor sich selber erfullt, da? es fast korperlich schmerzte.
Die Spanier haben recht, dachte Michael Moretti. Rache schmeckt am besten, wenn man sie kalt genie?t. Der einzige Grund, aus dem Jennifer Parker noch lebte, lag in ihrer Abwesenheit. Sie war au?er Reichweite. Aber bald wurde sie zuruckkehren. Und in der Zwischenzeit konnte Michael sich ausmalen, was er mit ihr anstellen wurde. Sie hatte ihn auf jede nur mogliche Weise betrogen. Deswegen wurde er sie mit besonderer Aufmerksamkeit behandeln.
In Singapur versuchte Jennifer, zu Michael durchzukommen.
»Es tut mir leid«, sagte die Telefonistin, »aber alle Leitungen in die Vereinigten Staaten sind belegt.«
»Wurden Sie es bitte weiter versuchen?«
»Naturlich, Mi? Parker.«
Das Madchen sah zu dem Mann neben dem Schaltbrett auf und lachelte ihm verschworerisch zu.
In seinem Hauptquartier blickte Robert Di Silva auf einen Haftbefehl, der ihm gerade zugestellt worden war. Der Name auf dem Papier lautete Jennifer Parker. Endlich habe ich sie, dachte er. Und er verspurte wilde Genugtuung.
Die Telefonistin verkundete: »Inspektor Touh wartet im Foyer auf Sie.«
Jennifer war uberrascht, denn sie hatte den Inspektor nicht erwartet. Er mu?te Neuigkeiten von Stefan Bjork haben. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter in die Halle. »Verzeihen Sie, da? ich Sie nicht angerufen habe«, entschuldigte der Inspektor sich. »Ich dachte, ich rede am besten personlich mit Ihnen.«
»Haben Sie Neuigkeiten fur mich?«
»Wir konnen uns im Wagen unterhalten. Ich mochte Ihnen etwas zeigen.«
Sie fuhren die Yio-Chu-Kang-Stra?e entlang. »Gibt es Probleme?« fragte Jennifer.
»Uberhaupt nicht. Ubermorgen wird die Kaution festgesetzt.« Wohin brachte er sie dann?
Sie passierten einen Gebaudekomplex an der Jalan Goatopah-Stra?e, und der Fahrer hielt an.
