Inspektor Touh wandte sich an Jennifer. »Ich bin sicher, das wird Sie interessieren.«
»Was denn?«
»Kommen Sie mit, Sie werden schon sehen.« Das Innere des Gebaudes, das sie betraten, wirkte alt und heruntergekommen. Ein uberwaltigender, wilder und primitiver Moschusgestank hing in der Luft. Er war anders als alles, was Jennifer je gerochen hatte.
Ein junges Madchen eilte auf sie zu und fragte: »Mochten Sie eine Begleitung haben? Ich...«
Der Inspektor winkte sie zur Seite. »Wir brauchen dich nicht.« Er nahm Jennifers Arm, und sie gingen ins Freie auf ein Gelande hinter dem Gebaude. Vor ihnen lag ein halbes Dutzend in die Erde versenkter Becken, aus denen seltsame, gleitende Gerausche drangen. Jennifer und Inspektor Touh erreichten das erste Gehege. Auf einem Schild stand: Nicht zu nah an die Becken treten. Gefahr! Jennifer blickte hinein. In dem Becken wimmelte es von Krokodilen und Alligatoren, die sich in standiger Bewegung befanden, uber- und untereinander glitten. Es mu?ten mindestens drei?ig sein. Jennifer erschauerte. »Wo sind wir?«
»Das ist eine Krokodilfarm.« Er starrte zu den Reptilien hinein. »Wenn sie zwischen drei und sechs Jahre alt sind, werden sie gehautet und zu Handtaschen, Gurteln und Schuhen verarbeitet. Wie Sie sehen, haben die meisten ihre Mauler offen. Auf diese Weise faulenzen sie. Erst wenn sie die Mauler schlie?en, mu? man vorsichtig sein.« Sie gingen zu einem anderen Becken, in dem zwei riesige Alligatoren lagen. »Die hier sind funfzehn Jahre alt. Sie sind nur zur Fortpflanzung da.«
Jennifer schuttelte sich. »Mein Gott, sind die ha?lich. Wie konnen die sich nur gegenseitig ertragen!« Inspektor Touh sagte: »Tatsachlich konnen sie das auch nicht. Sie paaren sich nicht sehr oft.«
»Sie wirken richtig urzeitlich.«
»Genau. Sie sind Millionen Jahre alt und haben immer noch dieselben primitiven Verhaltensweisen wie zu Beginn der Zeiten.«
Jennifer fragte sich, warum Touh sie hergebracht hatte. Wenn er glaubte, diese scheu?lich aussehenden Bestien interessierten sie, hatte er sich getauscht. »Konnen wir gehen?« fragte sie.
»Gleich.« Der Inspektor sah zu dem jungen Madchen hinuber, das sie am Eingang getroffen hatten. Es trug einen Eimer zu dem ersten Becken.
»Heute ist Futtertag«, sagte Touh. »Passen Sie auf.« Er fuhrte Jennifer zuruck zum ersten Becken. »Alle drei Tage werden sie mit Fisch und Schweinelungen gefuttert.« Das Madchen begann, das Futter in das Gehege zu werfen, und sofort verwandelten sich die Bestien in eine kochende, brodelnde Masse. Sie stie?en auf das rohe, blutige Fleisch zu und schlugen ihre Saurierfange hinein. Vor Jennifers Augen sturzten sich zwei von ihnen auf dasselbe Stuck und wandten sich sofort gegeneinander. Verbissen griffen sie sich mit Zahnen und Schwanzhieben an, und bald fullte sich das Becken mit Blut. Das eine Krokodil hatte seine Zahne tief in die Kiefer des anderen vergraben und lie? nicht mehr los, obwohl sein Augapfel halb herausgerissen war. Als das Blut starker hervorstromte und das Wasser verfarbte, beteiligten sich die anderen Tiere an dem Kampf und fielen uber ihre verwundeten Artgenossen her. Sie rissen an ihren Kopfen, bis das Fleisch blo?lag, und begannen, sie bei lebendigem Leib zu verspeisen.
Jennifer wurde ubel. »Bitte, lassen Sie uns gehen.« Inspektor Touh legte die Hand auf ihren Arm. »Einen Augenblick.«
Er konnte sich nicht abwenden, und erst nach einer Weile lie? er Jennifer gehen.
In der Nacht traumte Jennifer davon, wie die Krokodile miteinander gekampft und sich in Stucke gerissen hatten. Zwei von ihnen verwandelten sich plotzlich in Michael und Adam, und in der Mitte des Alptraums erwachte sie zitternd und konnte nicht wieder einschlafen.
Die Razzien begannen. In einem Dutzend verschiedener Staaten und mindestens sechs fremden Landern schlugen die Manner des Bundes und der lokalen Polizeibehorden gleichzeitig zu.
In Ohio wurde ein Senator verhaftet, wahrend er gerade vor einem Frauenverein eine Rede uber Redlichkeit in der Regierung hielt.
In New Orleans wurde ein illegales Buchmacherunternehmen geschlossen.
In Amsterdam wurden Diamantenschmuggler auf frischer Tat ertappt.
Ein Bankmanager in Gary, Indiana, wurde unter der Beschuldigung festgenommen, er habe schmutziges Geld der Organisation wei?gewaschen.
In Kansas City fand eine Razzia in einem gro?en Diskontgeschaft statt, das bis unters Dach mit gestohlenen Waren gefullt war.
In Phoenix, Arizona, wurde ein halbes Dutzend Detektive der Sittenpolizei unter Arrest gestellt. In Neapel wurde eine Kokainfabrik beschlagnahmt. In Detroit wurde ein im ganzen Land tatiger Ring von Autodieben geknackt.
Da er Jennifer telefonisch nicht erreichen konnte, suchte Adam Warner ihr Buro auf. Cynthia erkannte ihn augenblicklich.
»Es tut mir leid, Senator Warner, Mi? Parker ist au?er Landes.«
»Wo halt sie sich auf?«
»Im Shangri- La Hotel in Singapur.«
Adams Hoffnungen stiegen wieder. Er konnte sie anrufen und davor warnen, zuruckzukehren.
Der Etagenkellner betrat die Suite, als Jennifer gerade unter der Dusche hervorkam. »Entschuldigen Sie. Wann reisen Sie heute ab?« »Ich reise nicht heute ab, sondern morgen.« Der Etagenkellner wirkte verwirrt. »Mir wurde aufgetragen, die Suite fur eine heute abend eintreffende Reisegruppe fertigzumachen.«
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Der Geschaftsfuhrer.«
In der Telefonzentrale ging ein Anruf aus Ubersee ein. Diesmal hatte eine andere Telefonistin Dienst, und ein anderer Mann stand bei ihr.
Die Telefonistin sprach in ihr Mundstuck. »Ein Anruf aus New York City fur Mi? Jennifer Parker?« Sie blickte den Mann neben der Schalttafel an. Er schuttelte den Kopf.
»Es tut mir leid. Mi? Parker ist schon vor einiger Zeit abgereist.«
Die Razzien gingen weiter. Auf Honduras, in San Salvador, Mexiko und der Turkei, uberall wurden Verhaftungen vorgenommen. Dealer, Killer, Bankrauber und Brandstifter wurden in das ausgeworfene Netz geschwemmt. Es gab Festnahmen in Fort Lauderdale, Atlantic City und Palm Springs. Ein Ende war noch nicht in Sicht.
In New York verfolgte Robert Di Silva jeden Fortschritt, und sein Herz klopfte schneller, wenn er daran dachte, wie sich das Netz um Jennifer Parker und Michael Moretti zusammenzog.
Michael Moretti entkam dem Stahlnetz der Polizei durch reinen Zufall. Es war der Todestag seines Schwiegervaters, und er und Rosa waren zum Friedhof gegangen, um Antonio Granellis zu gedenken.
Funf Minuten nach ihrem Aufbruch erreichte eine Wagenladung von FBI-Beamten Michael Morettis Haus und eine weitere sein Buro. Als sie feststellten, da? er weder am einen noch am anderen Ort war, richteten sie sich darauf ein, zu warten.
Jennifer fiel ein, da? sie vergessen hatte, fur Stefan Bjork einen Ruckflug in die Vereinigten Staaten zu buchen. Sie setzte sich mit den Singapore Airlines in Verbindung. »Hier spricht Jennifer Parker. Ich habe eine Reservierung fur Ihren Flug EinsZwolf morgen nachmittag nach London. Ich mochte gern eine zusatzliche Buchung vornehmen.«
»Wurden Sie bitte einen Augenblick in der Leitung bleiben?« Jennifer wartete, und nach einigen Minuten meldete sich die Stimme wieder. »Sagten Sie Parker? P-A-R-K-E-R?«
»Ja.«
»Ihre Reservierung ist storniert worden, Mi? Parker.« Jennifer war uberrascht. »Storniert? Von wem?«
»Ich wei? nicht. Ihr Name ist aus der Passagierliste gestrichen.«
»Das mu? ein Mi?verstandnis gewesen sein. Bitte setzen Sie mich wieder auf die Liste.«
»Es tut mir leid, Mi? Parker. Der Flug ist ausgebucht.«
Inspektor Touh wird das alles in Ordnung bringen konnen, dachte Jennifer. Sie hatte sich bereit erklart, mit ihm zu Abend zu essen. Dann wurde sie herausfinden, was vorging.
Er erschien noch vor der ausgemachten Zeit, um sie abzuholen.
Jennifer berichtete dem Inspektor von dem Durcheinander im Hotel und den Flugreservierungen.
Er zuckte mit den Schultern. »Unsere beruhmte Schlamperei, furchte ich. Ich werde mich darum kummern.«
