Sie lie? sich aufs Bett sinken. »Gut. Ich werde sie nicht weiter nehmen. Ich habe keine Lust, standig wie im Halbschlaf herumzulaufen.«

»Aber wenn sie dir guttun -«

»Du tust mir gut, Norman. Wei?t du noch, letzten Sommer? Es war alles so wunderbar. Du und ich ganz allein in unserem kleinen Hauschen.«

»Das war im Jahr vorher«, korrigierte er sie. »Im letzten Jahr hast du deine Arbeit verloren — und dein Bruder und deine Schwester haben geheiratet.«

»Wir haben uns doch die ganze Zeit geliebt, Barchen. Das kannst du nicht vergessen haben.«

»Das war doch nichts weiter als ein paar Kusse und ein bisschen Knutscherei. Du tust so, als waren wir miteinander im Bett gewesen.«

Sie starrte ihn an. »Waren wir ja auch, Norman. Du hattest mich beinahe geschwangert.«

Norman warf ihr einen argerlichen Blick zu. »Kein Mann kann eine Frau beinahe schwangern, Else. Da gibt's nur ja oder nein. Aber ganz egal, wir sind der Sache nicht mal nahe gekommen. Du wolltest auf keinen Fall vor der Hochzeit mit mir schlafen.«

»Das ist nicht wahr.«

Wieder zuckte er mit den Schultern. »Du warst der Meinung, wenn ich so dringend mit dir ins Bett will, musste ich dich eben heiraten.«

Sie sah plotzlich verwirrt aus. »Du lugst.«

»Nein, das wei?t du genau«, entgegnete er. »Ich sage nicht, dass ich nicht wollte, aber -« Er breitete die Hande aus und ging zur Tur. »Der schonste Sommer war der vor unserer Verlobung. Damals warst du ziemlich glucklich. Wurdest du den Tee machen? Ich habe drau?en noch zu tun.«

Elsie verstand Normans Bemuhungen, sie versteckt zu halten, grundlich falsch. Sie glaubte, er holte sie aus Ungeduld schon vor Sonnenaufgang bei den Coshams ab. Und hielte sie aus Leidenschaft in der Hutte fest, bis es drau?en ganz dunkel war. Es machte sie nicht einmal argwohnisch, dass er plotzlich „Barchen”, „Schatz” und „Liebste” zu ihr sagte.

»Wir konnen heute nicht zur Stadt gehen, Barchen…« »Bleib drinnen, Schatz. Ich will nicht, dass du dir die Hande schmutzig machst…« »Es ist ein richtiger Festtag, wenn du fur mich kochst, Liebste…«

Norman wusste, dass sein Verhalten grausam war, aber er gab Elsie die Schuld. Wenn sie nur halbwegs normal gewesen ware, wurde er sie heute noch lieben. Sie hatte seine Winke verstehen und langst gehen mussen. Wie sollte man sich als Mann verhalten, wenn man ein Versprechen gegeben hatte, das man nicht einlosen wollte?

Zu jeder anderen Frau hatte er sagen konnen: »Es hat nicht geklappt… Nichts fur ungut… Hier trennen sich unsere Wege…«

Elsie wurde der Welt gro?tes Drama daraus machen. »Du hast mir das Herz gebrochen… Ich bringe mich um… Ich mochte nur noch sterben…«

Nach einer Weile sagte er sich, der einfachste Weg, Elsie loszuwerden, sei es, Bessie zu heiraten. Wenn er verheiratet war, wurde Elsie ihn in Ruhe lassen mussen. Am Tag nach der Hochzeit wollte er ihr einen Brief schreiben.

Liebe Elsie,

gestern habe ich Bessie Coldicott geheiratet. Sie ist jetzt Mrs. Thorne. Es tut mir leid, dass ich Dir das auf diese Weise mitteilen muss, aber wenn ich es Dir vorher gesagt hatte, hattest du garantiert eine Szene gemacht. Alles Gute, Norman

Es war feige, aber es war auch am sichersten so. Wenn der Brief sie unglucklich machte, wurden ihre Eltern sie schon wieder aufmuntern. Und wenn ihnen das nicht gelang, sollte sich Elsie lieber in London umbringen als in der Blackness Road.

»Du liebst mich doch, Barchen«, beschwor Elsie ihn am letzten Tag ihres Aufenthalts auf dem Hof.

»Naturlich.«

»Dann beweise es mir.«

Mit Widerwillen sah Norman zu, wie sie ihr Kleid aufknopfte und uber die Schultern abwarts gleiten lie?. Sie war so mager, dass jede einzelne Rippe sich unter ihrer Haut abzeichnete. In der klaglichen Hoffnung, dann attraktiver auszusehen, nahm sie ihre Brille ab und blickte ihn mit beinahe blinden Augen an.

»Schau meinen Busen an, Barchen.« Mit den Handen schob sie ihre flachen Bruste hoch. »Ist er schon? Gefallt er dir?« Sie senkte die rechte Hand zu ihrer Scham. »Gefallt dir das, Norman? Ist das schon?« О Gott!

Elsie begann zu weinen. »Hab mich lieb, Barchen. Bitte. Ich kann ohne dich nicht leben. Ich bin so — einsam.«

Beschamt zog Norman sie an sich. Aber er konnte nur an Bessie denken…

~~~

86 Clifford Gardens

Kensal Rise

London

16. November 1924

Mein Allerliebster,

es ist etwas Wunderbares geschehen. Deine kleine Elsie bekommt ein Kind. Ich habe diesen Monat meine Regel nicht bekommen, und der Arzt sagt, dass ich ein Kind erwarte. Es muss passiert sein, als wir an meinem letzten Tag bei Dir zusammen waren.

Ich wei?, Du willst kein Kind, Barchen, aber glaub mir, wir schaffen das. Wir mussen nur so schnell wie moglich heiraten. Mein Vater will, dass es noch vor Weihnachten passiert. Er mochte mich nicht zum Altar fuhren, wenn man es schon sieht.

Ach, mein Liebster, ich bin so glucklich. Bitte sag mir, dass Du auch glucklich bist, und schreibe mir, wie schnell Du die Formalitaten fur unsere Trauung erledigen kannst.

Deine einzige, Dich liebende Frau

Elsie xxx xxx
~~~

Blackness Road

Crowborough

Sussex

18. November 1924

Liebe Elsie,

Dein Brief war ein Schock fur mich. Wie kannst Du ein Kind von mir erwarten, wenn wir nie Geschlechtsverkehr miteinander hatten? Wir waren in der Hutte nicht „zusammen”. Ich habe Dich in den Arm genommen, als Du gesagt hast, dass Du einsam bist, aber ich habe nicht mal meine Sachen ausgezogen. Du kannst gar kein Kind erwarten. Der Arzt irrt sich.

Sag Deinem Vater, dass Du die Geschichte erfunden hast, um mich zu zwingen, Dich zu heiraten. Wenn Du wirklich schwanger bist, kann das Kind nur von einem anderen sein.

Dein

Norman
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