Anfang September kam Bessie zum Tee. Sie gab Norman einen Tag vorher Bescheid, und er nutzte die Nacht und den Morgen, um die Hutte sauber zu machen. Sie war unglaublich verwahrlost. Der Boden war voller Huhnerkot, den er an seinen Stiefeln hereingetragen hatte, und uberall lag dicker Staub.
Entsetzt daruber, wie sein Bettzeug aussah, radelte er in den Ort und kaufte neues. Danach war sein Geldbeutel leer, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass Bessie sich auf ein Bett setzen wurde, das nach Schwei? und Schmuddel roch. Er faltete die schmutzigen Laken zusammen und versteckte sie in einem leeren Nistkasten. Vor Elsies nachstem Besuch wurde er sie wieder austauschen, sonst erriet sie womoglich, dass eine andere Frau bei ihm gewesen war.
Sein Flei? lohnte sich, Bessie war beeindruckt von seiner Hutte. »Es ist richtig gemutlich. Wie lange lebst du schon hier?«
»Seit zwei Jahren.«
»Und du frierst nicht?«
»Doch, im Winter.«
Sie schaute zu dem Balken uber ihrem Kopf hinauf, wo er seine Hute aufbewahrte. »Das ist ja raffiniert. Und wo hast du deine Kleider?«
»Da hinten.« Er hob einen Vorhang, der uber einer Wand festgemacht war. »Sie hangen auf Haken, und der Vorhang schutzt vor dem Staub.«
»Raffiniert«, sagte sie wieder. »Und was hast du da drinnen?« Sie wies auf eine kleine Kommode.
Norman blieb einen Moment die Luft weg.
Sie setzte sich auf die Bettkante. »Es ist hubscher, als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe etwas Schabiges erwartet.«
»Wieso?«
»Weil du immer von der Hutte sprichst. Ich dachte, es ware so eine Wellblechgeschichte.« Sie klopfte auf die Matratze. »Wenn du mir gesagt hattest, dass es hier so nett ist, ware ich vielleicht fruher gekommen.«
Er wusste nicht, ob er das als Aufforderung deuten sollte. Nach allem, was er mit Elsie erlebt hatte, fand er weibliche Signale verwirrend. Wollte Bessie ihm sagen, er solle sich zu ihr aufs Bett setzen? Wollte sie ihm sagen, dass sie mehr von ihm wollte? Oder wollte sie ihn nur auf die Probe stellen, um zu sehen, ob er ein anstandiger Kerl war?
Er buckte sich, um den Olofen unter dem Teekessel anzuzunden. »Wo mochtest du deinen Tee trinken?«, fragte er.
»Drau?en«, antwortete sie lachelnd. »In der Sonne ist es warm.« Sie stand auf und ging zur Tur. »Drinnen konnen wir ihn trinken, wenn die Tage kalter werden.«
Danach entglitt Normans Leben seiner Kontrolle. Bessie kam jeden Abend nach der Arbeit zum Hof hinaus. Ungehemmt von starren Ansichten uber Praservative und jungfrauliche Keuschheit, wie Elsie sie vertreten hatte, gingen sie schon bald miteinander ins Bett. Der Gegensatz zwischen Bessies weicher, entgegenkommender Umarmung und Elsies steifer, furchtsamer Abwehr hatte nicht gro?er sein konnen.
Wie hatte er sich nur jemals in Elsie verlieben konnen?
Er versuchte sich zu wappnen, um ihr die Wahrheit zu sagen. Er schrieb Briefe, die er nie abschickte. Er fuhr sogar Anfang Oktober nach London, um es ihr ins Gesicht zu sagen. „Es ist aus, Elsie. Ich liebe dich nicht mehr. Ich habe eine andere.”
Er brachte es nicht uber sich. Sie hing an ihm wie eine Klette und lachelte andauernd ohne jeden Grund. Als er ihr vorwarf, sie sei betrunken, lachte sie.
»Nein, Dummchen«, sagte sie liebevoll. »Der Arzt hat mir Tabletten fur meine Nerven verschrieben.«
»Was fur Tabletten?«
Sie nahm ein Flaschchen aus ihrer Handtasche. »Keine Ahnung, aber sie wirken. Ich rege mich nicht mehr uber jede Kleinigkeit auf.«
Norman las das Etikett. »Was sind „Sedativa”, Else?«
»Keine Ahnung«, antwortete sie wieder. »Aber es geht mir jetzt ganz gut. Wir konnen jederzeit heiraten.«
»Nein, das -«
»Wir besprechen das, wenn ich Ende des Monats zu dir komme«, unterbrach sie ihn vergnugt. »Es ist schon alles in die Wege geleitet. Ich habe Mr. und Mrs. Cosham geschrieben und ein Zimmer bestellt. Ach, was werden wir Spa? haben, Barchen.«
»Aber -« Er brach ab.
»Aber was, Barchen?«
»Da ist es doch schon kalt«, sagte er lahm.
Bessie erzahlte Norman, sein Vater kame zu Besuch. »Er mochte gern mit eigenen Augen sehen, wie der Hof sich macht«, log er. »Ich bin es ihm schuldig, Bess. Er hat mir das Startkapital gegeben.«
»Aber warum mochtest du denn nicht, dass ich ihn kennenlerne?«
»Das mochte ich schon — aber jetzt noch nicht. Ich habe ihm erzahlt, dass ich von morgens bis abends schufte, um das Geschaft auf die Beine zu bringen.«
»Schamst du dich meiner, Norman?«
»Nein, naturlich nicht. Aber was soll er denn denken, wenn er dich hier sieht? Er wird sofort wissen, dass ich die Finger nicht von dir lassen kann.«
Bessie walzte sich auf die Seite, um ihn ansehen zu konnen. »Das stimmt. Du bist schlimmer als Satan.«
Norman lachte. »Nur tut Satan es mit allen Hennen — und ich tu's nur mit einer.«
Sie druckte ihm einen Finger auf den Mund. »Ich hoffe, du lugst nicht, Norman. Ich verlasse dich namlich auf der Stelle, wenn ich dich mit einer anderen erwische.«
»Das wird nicht passieren«, versicherte er. »Du bist die Einzige fur mich, Bessie.« Er nahm sie fest in die Arme und zog sie an sich. Doch uber ihre Schulter hinweg starrte er unglucklich auf den Vorhang, der seine Kleider vor Staub schutzte.
Elsie hatte ihn genaht, als sie ihn das erste Mal auf dem Hof besucht hatte.
Er machte die Hutte sauber, um alle Spuren von Bessie zu beseitigen. Blonde Haare. Den Geruch ihres Parfums. Einen ihrer Steckkamme. Die schmutzigen Laken, die er aus dem Nistkasten holte, musste er waschen, um den Huhnergeruch loszuwerden. Sie kamen einheitlich grau aus der Wasche, verrieten aber durch nichts, dass sie sieben Wochen lang das Bett nicht beruhrt hatten.
Das Erste, was Elsie auffiel, war die Sauberkeit in der Hutte. »Hast du das fur mich getan?«, fragte sie, offensichtlich erfreut.
»Ich wollte es nett haben, wenn du kommst, Else. Als du das letzte Mal hier warst, war alles ein bisschen verwahrlost.«
»Ach, das hat mir nichts ausgemacht. Ich wei? doch, wie schwer du arbeitest, Schatz. Wenn ich erst fur immer hier lebe, sorge ich dafur, dass alles immer blitzblank ist.«
Er wechselte hastig das Thema. »Wie geht es deinen Eltern?«
»Wie immer.« Sie runzelte die Stirn. »Mrs. Cosham sagte, sie sei uberrascht, mich zu sehen. Das ist ein bisschen komisch, findest du nicht auch? Ich habe das Zimmer schon vor einer Ewigkeit bestellt.«
Norman wandte sich ab, um Teewasser aufzusetzen.
»Sie hat mich gefragt, ob wir noch verlobt sind. Warum sollte sie so was sagen, Barchen?«
Er versuchte, gleichgultig mit den Schultern zu zucken. »Ich wei? nicht. Vielleicht wundert sie sich, dass du dieses Jahr nicht so oft hier warst.«
»Hast du ihr gesagt, dass ich es mit den Nerven habe? Wei? sie, dass ich Tabletten nehme?«
»Nein.«
