»Das ist mir gleich, Barchen. Ich mochte dir zeigen, wie viel du mir bedeutest. Und wie soll ich das tun, wenn ich mich dir nicht hingebe?« Tranen traten ihr in die Augen. »Bitte, Norman, tun wir's doch. Du sollst jetzt schon wissen, wie gut ich fur dich sein werde.«

Er war schlau genug zu erkennen, dass dies nicht der wahre Grund dafur war, dass sie mit ihm schlafen wollte. In seinen Augen wurde ihre Beziehung zur Schachpartie, bei der jeder sich bemuhte, den anderen in die Ecke zu drangen. Norman wollte Elsie zu der Erkenntnis bringen, dass keine Zukunft mit ihm auf sie wartete. Und Elsie wollte Norman mit einer Schwangerschaft an sich binden.

In den dunklen Nachtstunden versuchte Norman oft, sich einzureden, dass er Elsie heiraten sollte. »Besser der Teufel, den du kennst, als der, den du nicht kennst«, sagte er laut vor sich hin.

Er hatte vier Jahre lang sein Leben mit ihr geteilt. Sie wusste mehr uber ihn als sonst ein Mensch auf Erden. Es gab sogar Momente, da machte ihm der Gedanke, dass sie nicht mehr da sein wurde, Angst. Vielleicht wurde er auch Bessies uberdrussig werden.

Manchmal fragte er sich, ob er sich uberhaupt etwas aus Frauen machte. Seine Huhner brachten ihm mehr Zuneigung entgegen als die Menschen. Es griff ihm immer noch ans Herz, wenn er ihnen die Halse umdrehen und ihr schones Federkleid rupfen musste.

Er liebte es zu sehen, wie sie angerannt kamen, wenn er nach ihnen rief. Mit langen Halsen und strampelnden Beinen. Die jungen trippelten so schnell, dass sie uber seine Fu?e fielen, wenn er ihnen entgegenging. Manche waren so zutraulich, dass sie sich streicheln lie?en, andere flohen angstlich piepsend.

Er hatte einen jungen Hahn, der ein richtiger Kampfhahn war, ein Welsummer mit blauschwarzem Schwanzgefieder und einem prachtigen roten Kamm. Norman nannte ihn Satan, wegen des Bosen, das in seinen runden Augen lauerte. Wenn ein Junghahn im Nachbarauslauf sich zu nahe heranwagte, sprang Satan gegen den Maschendraht und versuchte, ihn anzugreifen. Er wachte eifersuchtig uber seine Hennen. Norman bewunderte das.

Und er bewunderte Satans ausgepragten Geschlechtstrieb, dem zu verdanken war, dass unter seinen Hennen kaum welche unbefruchtete Eier legten. Das war ganz anders als bei Normans Buff Orpington und Leghorn Hahnen, die, sanfter geartet, eher faul waren.

Das hie? aber nicht, dass Norman den Hahn mochte. Er war vor ihm auf der Hut wie vor einer Schlange, nachdem der Vogel ihn einmal von hinten angegriffen hatte. Satan hatte Norman seine scharfen Sporne in die Wade geschlagen, und die Verletzung tat tagelang weh.

»Ich verstehe nicht, warum du ihn nicht schlachtest«, sagte Elsie.

»Wozu?«

»Damit er's endlich lernt.«

»Was soll er denn noch lernen, wenn er tot ist? Und was wurde mir das nutzen? Hochstens ein Irrer wurde seinen besten Zuchthahn schlachten.«

»Du solltest ihm trotzdem eine Lektion erteilen.«

Norman sah sie argerlich an. »Das sind Huhner, Elsie. Ihr Gehirn ist ungefahr so gro?.« Er zeigte eine winzige Lucke zwischen Daumen und Zeigefinger an. »Sie lernen, wo sie ihr Futter finden, und sie lernen, ihre Eier in die Nistkasten zu legen. Aber damit hat sich's auch schon.«

»Du brauchst nicht gleich so gereizt zu werden. Ich wollte nur helfen.«

»Na ja — es ist eine dumme Idee. Au?erdem war es sowieso meine eigene Schuld. Ich habe ihn geargert. Er wird immer eifersuchtig, wenn seine Hennen mir aus der Hand fressen.«

»Dann kann sein Gehirn so klein nicht sein«, meinte sie bissig. »Ist Eifersucht nicht eine menschliche Regung?«

Normans Gereiztheit wuchs. »Woher soll ich das wissen?«, fragte er schroff. »Ich hatte nie Anlass zur Eifersucht.«

Er hatte gelogen. Er war eifersuchtig auf jeden Mann, der Bessie Coldicott zum Lacheln bringen konnte. Sie war Schneiderin in Crowborough, und er begann, drau?en vor dem Laden herumzulungern, in dem sie arbeitete.

Sie neckte ihn deswegen. »Was hast du denn so oft in meiner Stra?e zu tun? Der nachste Metzgerladen ist doch zwei Stra?en weiter.«

»Es ist eine Abkurzung.«

»Schwindler.« Sie klopfte ihm leicht aufs Handgelenk. »Du bringst mich in Schwierigkeiten, wenn du das zu oft machst. Mrs. Smith ist eine nette Frau, aber sie mag es nicht, wenn Manner durch das Fenster glotzen. Das stort die Kunden.«

»Ich mochte dir nur ab und zu guten Tag sagen.«

Sie lachte. »Aber nicht wahrend meiner Arbeitszeit, Norman. Ich mag meine Arbeit und mochte sie nicht verlieren. Du kannst mich ja mal abends hinten im Hof abholen. Und mich nach Hause begleiten.«

Im Lauf des Sommers verbrachte er immer mehr Zeit mit ihr. Wiederholt bat er sie, ihn auf dem Hof zu besuchen, aber sie lehnte ab. »Du lebst allein, Norman. Die Leute wurden tratschen.«

»Wer soll dich schon sehen? Es ist mitten in der Wildnis.«

»Irgendeiner sieht einen immer. Alte Weiber, die nichts anderes zu tun haben, als hinter den Gardinen zu stehen und ihre Nachbarn zu bespitzeln. In einem Nest wie diesem tratschen alle.«

Er fragte sich, ob sie von Elsie wusste. »Und was sagen sie?«

»Dass bei dir ein paar Mal eine Frau zu Besuch war. Stimmt das?«

Er hatte immer gewusst, dass es fruher oder spater herauskommen wurde. Er holte tief Atem. »Ja, aber da war uberhaupt nichts dabei, Bessie. Sie hat nie in der Hutte ubernachtet. Es war alles vollig harmlos.«

»Was ist das fur eine Frau?«

»Ich kenne sie aus London. Ich war einmal in sie verliebt, aber das ist vorbei. Das Dumme ist nur -« Er brach ab. »Sie ist ein bisschen verdreht. Benimmt sich oft wie eine Verruckte — schreit und keift und fangt in der nachsten Minute an zu heulen. Deswegen fliegt sie auch aus jeder Arbeit raus.«

Bessie zog ein Gesicht. »So eine Frau wohnt bei uns in der Stra?e. Man braucht sie nur anzureden, und sie bricht in Tranen aus. Mein Vater meint, das kommt, weil sie im Krieg zwei Sohne verloren hat, aber meine Mutter hat gesagt, sie ist schon so seltsam auf die Welt gekommen. Sie war vor dem Tod ihrer Sohne auch schon so.«

»Elsie ist immer sonderbar gewesen.«

»So hei?t sie?«

Norman nickte. »Elsie Cameron. Hauptsachlich wollten ihre Eltern, dass sie mich besucht. Ich schatze mal, sie haben gehofft, ich werde ihnen Elsie abnehmen und sie heiraten. Sie ist viel alter als ich, und sie haben es satt, sich standig um sie kummern zu mussen.«

»Das ist ja schrecklich.«

Ja, dachte Norman. Es war wirklich schrecklich. Wie kamen Mr. und Mrs. Cameron darauf, dass er ihnen das Leben erleichtern sollte, indem er ihre verruckte Tochter heiratete? Schlie?lich hatte doch nicht er sie zur Welt gebracht. Schlie?lich hatte nicht er sie so verwohnt.

Er ergriff Bessies Hand. »Keine Sorge, Barchen. Das passiert bestimmt nicht. Ich habe gro?e Plane fur die Zukunft — und Elsie passt da nirgends rein.«

»Und ich? Passe ich in deine Plane?«

»Vielleicht.«

Sie kniff ihn unvermittelt in die Hand. »Dann nenn mich nicht „Barchen”, Norman. Ich bin kein Kuscheltier, das du streicheln und knutschen kannst, wenn du gerade Lust hast. Ich bin ich — und ich gehore niemandem.«

KAPITEL 6

Wesley Geflugelfarm, Blackness Road — Herbst 1924

Вы читаете Der Schrei des Hahns
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату