Haufig machte Norman die Briefe gar nicht auf. Schon beim Anblick ihrer Handschrift auf dem Umschlag bekam er Magenschmerzen. Mit solchen Gefuhlen konnte er nicht umgehen. Er fuhlte sich vereinnahmt und in die Ecke gedrangt von dem falschen Bild, das Elsie von ihm zeichnete.
Er war ein gescheiterter Geflugelzuchter mit einem Haufen Schulden, der seiner Verlobten mude war. Wieso nannte sie ihn da immer noch ihren „geliebten klugen Ehemann” und sich selbst „seine einzige kleine Frau”?
Sobald das Wetter besser wurde, kam sie fur ein Wochenende nach Sussex. Er versuchte, ihr beizubringen, dass er die Beziehung beenden wollte. Aber sie reagierte vollig hysterisch, stampfte mit dem Fu? auf und fiel wutend uber ihn her.
»Ich
Norman schuttelte schuldbewusst den Kopf. »Was meinst du?«
»Schau dir die Laken an«, zischte sie. »Da haben andere Frauen drauf geschlafen.« Sie riss die Wasche vom Bett und schleuderte sie an die Wand. »Sie sind
Er starrte sie mit offenem Mund an. »Du spinnst ja. Ich kenne uberhaupt keine anderen Frauen — jedenfalls nicht von der Seite.«
»Auch keine
»Ich glaube, du solltest mal deinen Kopf anschauen lassen, Elsie«, sagte er abgesto?en.
Sie fing an, hysterisch zu weinen, und warf sich an seine Brust. »Entschuldige — es tut mir leid, Barchen. Du wei?t ja nicht, wie das ist, wenn ich nicht bei dir sein kann. Ich werde so schwermutig. Und so
Er umarmte sie steif. »Es gibt keinen Grund zur Eifersucht.«
»Aber das wei? ich ja nicht«, entgegnete sie und schlang ihm die dunnen Arme um die Mitte. »Ich stell mir dauernd vor, du tust mit anderen Frauen das Gleiche, was du mit mir tust. Es ist so schon, Liebster. Ich mag es.« Sie zog ihn fester an sich. »Du magst es doch auch, nicht?«
Sie wollte seine Hand zu ihrer Brust fuhren, aber er zuckte zuruck, wie vom elektrischen Schlag getroffen. »Nicht«, sagte er scharf.
»Warum nicht?«
»Weil es nicht in Ordnung ist.«
Ihre Augen hinter den Brillenglasern blitzten argerlich. »Letztes Jahr fandest du es aber vollig in Ordnung. Du kannst nicht mit mir rummachen und dann so tun, als ware nichts gewesen, Norman. Ich bin kein billiges Flittchen, das du einfach abservieren kannst, wenn dir langweilig wird. Ich bin die Frau, die du heiraten willst.«
Er wandte sich zur Tur. »Ich muss die Huhnerstalle sauber machen«, brummte er. »Wir reden nachher.«
Norman sturzte sich in die Arbeit, um sich Elsie vom Leib zu halten. Sie sah ihm von der Huttentur aus teilnahmslos zu. Er wusste nicht, was er tun sollte. Ihr ins Gesicht sagen, dass es vorbei war? Oder weiter hoffen, dass sie es von selbst begreifen wurde? Selbst Elsie, so eigen sie war, musste doch einsehen, dass es keinen Sinn hatte, einen Mann zu heiraten, der sie nicht liebte.
Aber am Abend benahm sie sich, als ware nichts geschehen. Das Bett war frisch gemacht, und Norman war wieder ihr „einziger liebster Schatz”. Es war, als hatte sie den ganzen Tag darauf verwendet, sich zu uberlegen, wie sie ihn wieder fur sich gewinnen konnte. Keine bosen Blicke. Kein Aufstampfen. Keine Beruhrungen. Nur kraftiges selbstgekochtes Essen und viel heiteres Lachen — und ein endloser Schwall zartlicher Worte.
Irgendwie empfand Norman es als beleidigender, als wenn sie sich ihm mit Gewalt aufgedrangt hatte. Denn es unterstellte, dass er oberflachlich und gefuhllos war. Glaubte sie wirklich, dass fur ihn die Liebe einzig durch den Magen ging? Und dass Mahlzeiten mit Lacheln und albernen Koseworten aufgetragen werden sollten?
Als er sie am Sonntagnachmittag endlich zum Bahnhof brachte, war er nahe daran, sie zu erwurgen. Wieso merkte sie nicht, wie sehr sie ihn abstie?? Mehr als alles andere verabscheute er die Beruhrung ihrer rissigen, abgekauten Fingernagel auf seiner Haut.
KAPITEL 5
Pfingsten lernte Norman bei einer Tanzveranstaltung Bessie Coldicott kennen. Es war kurz nach dem Wochenende mit Elsie. Bessie war das genaue Gegenteil von Elsie. Sie war jung. Sie war hubsch. Sie war herzlich und verstandnisvoll. Und sie flirtete gern. Das Beste war, dass sie Norman nahm wie er war — als einen jungen Mann, der in schwierigen Zeiten versuchte, sich eine Existenz aufzubauen.
Er fand es wunderbar, dass sie so gar nichts von ihm verlangte. Bessie war nicht standig von der Angst geplagt, sitzen zu bleiben; mit ihr lie? sich uber all die Dinge reden, die nichts mit Hochzeitsglocken zu tun hatten. Plotzlich konnte Norman so sein, wie er gern sein wollte. Ein bisschen Teufelskerl. Ein bisschen Spa?vogel.
Es war wie eine Wiedergeburt. Statt wie bei Elsie immer wieder in dumpfes Schweigen zu verfallen, war er in Bessies Gegenwart vergnugt und komisch. Keine Woche nach dem Tanzabend begannen sie, sich regelma?ig zu sehen.
»Bin ich deine erste Freundin?«, fragte sie ihn eines Tages.
»Nein.«
»Wie waren die anderen?«
»Konnten dir nicht das Wasser reichen. Die Erste sah aus wie ein Pferd.« Er lachte. »Die Zweite wie ein Pferdearsch.«
Bessie tanzelte ihm davon. »Ich glaube dir nicht. Sie waren bestimmt hubsch, und du hast bestimmt mehr als zwei gehabt. Heute konnen die Manner sich's doch aussuchen.«
»Ich war ein Spatzunder… aber jetzt hole ich auf.« Er lief ihr nach und fasste sie um die Taille. »So zum Beispiel.« Er kusste sie auf die vollen, weichen Lippen.
Ihre Augen blitzten ubermutig. »Bild dir blo? nichts ein, Norman Thorne. Ich habe genug andere Verehrer, und ein paar von ihnen mag ich genau so gern wie dich.«
Das wusste er. Alle Manner fanden Bessie attraktiv. Das war Teil ihres Reizes. Die Jagd. Der Kitzel des Wettstreits um sie. Wenn Elsie von anderen Mannern auch so angesehen worden ware, hatte er sie vielleicht mehr geschatzt. Aber nach Elsie hatte sich nie einer umgedreht.
Jedes Mal, wenn ein Brief von Elsie kam, hatte Norman Gewissensbisse, weil er sie zappeln lie?. Aber wie allen Moglern war ihm das eigene Gluck am wichtigsten. An den zwei oder drei Wochenenden, an denen Elsie in diesem Sommer herunterkam, schaffte er es, allzu heftige Streitereien zu meiden und sie bei Laune zu halten. Ihre Stimmungen konnten ihm nicht mehr so viel anhaben, seit er wusste, dass er spater, wenn sie weg war, mit Bessie zusammen sein und lachen konnte.
Am schwierigsten war es, sich Elsie in der Hutte vom Leib zu halten. Sie bedrangte ihn unablassig, druckte sich an ihn und bat ihn, sie zu entkleiden, wie er das fruher immer getan hatte. Sie erklarte, sie habe sich verandert.
»Ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem Akt, Schatz«, lockte sie. »Das ist etwas ganz Naturliches, wenn zwei Menschen sich lieben.«
»Und wenn du schwanger wirst?«
»Du kannst einen Gummi nehmen, wenn du willst.«
»Ich habe keine mehr«, log er. »Ich habe sie weggeworfen. Aber es ist sowieso zu gefahrlich, Else. Dein Vater macht einen Riesenkrach, wenn du plotzlich mit einem unehelichen Kind dastehst.«
