86 Clifford Gardens
Kensal Rise
London
20. November 1924
Mein einziger geliebter Norman,
ich verstehe ja, dass Du erschrocken bist, und es tut mir leid, dass ich Dir Schwierigkeiten mache. Aber es hat keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Der Arzt hat gesagt, dass eine Frau schon von heftigem Schmusen schwanger werden kann, und Du wei?t, wie oft wir das getan haben. Wir sollten das Beste daraus machen, Liebster, und nicht miteinander streiten.
Mein Vater mochte, dass wir uns treffen, damit ich beweisen kann, dass ich nicht luge. Er sagt, am besten an einem offentlichen Ort, damit Du mich nicht beschimpfen kannst. Du kennst doch die Teestube in Groombridge? Dort erwarte ich Dich am nachsten Montag (dem 24.) um drei. Wenn Du nicht kommst, sagt mein Vater, geht er am Abend zu Deinem Vater und spricht mit ihm. Mir ist jeden Morgen ubel, Barchen, und bald wird mein Zustand nicht mehr zu verheimlichen sein. Ich hoffe, Du liebst Deine kleine Elsie genug, um recht an ihr zu handeln.
Dein Schatz,
KAPITEL 7
In der Teestube war es duster. Vor den Fenstern hingen dichte Spitzenvorhange, und die Wande waren dunkel getafelt. Norman war im ersten Sommer auf der Farm mit Elsie hierhergekommen. Er hatte sie auf die Stange seines Fahrrads gesetzt, und so waren sie die knapp acht Kilometer bis Groombridge geradelt. Auf der Fahrt durch die Landschaft von Sussex hatten sie schnelle Kusse getauscht. Elsie war selig gewesen, obwohl ihr das Gesa? hinterher tagelang weh tat.
Norman kam fruh zu der Verabredung, aber Elsie war schon da. Er entdeckte sie sofort. Sie sa? an einem Tisch in der Ecke und kaute nervos an den Fingernageln. Er fragte sich, wie lange sie schon wartete. Stunden wahrscheinlich. Vermutlich hatte sie ihre Rede einstudiert, nachdem sie ihm den Brief geschrieben hatte.
Sie hob die Hand, um zu winken, als sie ihn sah, und senkte sie gleich wieder angesichts seiner finsteren Miene. Wozu uberhaupt mit ihr reden? Glaubte sie im Ernst, er ware so dumm, an ein Kind zu glauben, das es gar nicht gab — nicht geben
»Ich wusste, dass du kommen wurdest«, sagte sie.
»Du hast mir ja praktisch keine Wahl gelassen. Ich mochte nicht, dass mein Vater mit deinen Lugen belastet wird.«
»Ich luge nicht.« Sie legte schutzend eine Hand auf ihren Bauch. »Ich trage deinen Sohn unter dem Herzen, Norman.«
Gegen seinen Willen zog es seinen Blick zu der behutenden Hand. »Das ist doch alles erfunden, Elsie.«
»Der Arzt sagt etwas anderes.«
»Woher will er es denn uberhaupt wissen? Du warst gerade einmal zwei Wochen von hier weg, als du zu ihm gegangen bist. Vorausgesetzt, du warst uberhaupt beim Arzt. Das glaube ich namlich genauso wenig, wie dieses Marchen von dem Kind, das du angeblich erwartest.«
Elsie lachelte strahlend, als die Bedienung an den Tisch kam. »Wir hatten gern eine Kanne Tee und Scones dazu. Mein Mann sagt, dass ich jetzt fur zwei essen muss.«
Die Frau lachte. »Das freut mich fur Sie«, sagte sie zu Norman gewandt. »Wann ist es denn so weit?«
»Keine Ahnung«, antwortete er, den Blick auf Elsie gerichtet. »Wann ist es so weit, Elsie?«
»Im nachsten Sommer naturlich. Das kannst du doch nicht schon wieder vergessen haben.« Sie verdrehte die Augen zur Zimmerdecke, als wollte sie sagen,
»Ich kann Ihnen nur raten, das Leben zu genie?en, solange es noch geht«, sagte die Bedienung, wahrend sie ihre Bestellung aufschrieb. »Danach wird alles anders.« Sie ging weiter zu einem anderen Tisch.
»Du musst vollig verruckt sein, wenn du dir einbildest, ich heirate dich ohne einen Beweis«, sagte Norman leise.
»Glaubst du vielleicht, ich lache hinterher, wenn dann gar kein Kind kommt? Toben werde ich!«
Elsie behielt das kunstliche strahlende Lacheln bei. »Aber naturlich kommt das Kind. Meine Mutter hat gesagt, es wird ein Junge, weil mir morgens immer so schlecht ist. Bei meinem Bruder ist es ihr genauso gegangen.«
Sie wollte Normans Hand ergreifen, aber er zog sie weg.
»Du konntest mich wenigstens trosten«, sagte sie. »Es macht Angst, wenn man nicht verheiratet ist und merkt, dass man ein Kind erwartet.«
»Du erwartest kein Kind, Elsie.«
Ein Funken Wut blitzte in ihren Augen auf. »Hor auf, das zu sagen.«
»Es ist die Wahrheit.«
»Nein, ist es nicht«, zischte sie. »Die Wahrheit ist, dass du etwas getan hast, was du jetzt bereust — aber es ist zu spat, Norman. Jetzt musst du mich heiraten, ob es dir passt oder nicht.« Sie rieb ihren Bauch. »Oder mochtest du lieber, dass dein Sohn unehelich zur Welt kommt?«
Nein, das wollte er nicht. Er wollte einen Sohn, auf den er stolz sein konnte. Mit Bessie. Aber angesichts Elsies aufflammender Wut zogerte er. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie du schwanger geworden sein sollst«, entgegnete er kleinlaut. »Wie ist es passiert?«
Das war die Frage, auf die sie gewartet hatte. Mit einem mit leiser Stimme hervorgebrachten Wortschwall fiel sie uber ihn her und beschwor ihn, ihr zu glauben. Der Arzt habe ihr erklart, dass intime Zartlichkeiten weit gefahr- liher waren, als die meisten Leute ahnten. Die meisten Kinder seien nicht geplant gewesen, sondern durch Missgeschick entstanden. Eine Frau brauchte einen Mann nur zu beruhren, damit seine Spermien in sie hineinwandern konnten.
Norman schuttelte unglaubig den Kopf. »Wie denn?«
»Wenn sie sich danach selbst beruhrt. Hier…« Sie wies abwarts.
Konnte das stimmen?
»Ich habe deine Knopfe aufgemacht«, fuhr sie fort. »Da muss es passiert sein.« Sie senkte die Stimme zu einem bedeutungsschweren Flustern. »Du wei?t doch, ich war nackt.«
Norman ballte die zwischen seinen Knien herabhangenden Hande zu Fausten und starrte zum Tisch hinunter. Obwohl er mit Bessie oft genug im Bett gewesen war, beschrankte sich sein Wissen uber den Zeugungsvorgang auf das, was seine Huhner ihm vormachten. »So einfach kann es unmoglich sein, Else. Satan muss immer richtig ran.«
»Satan ist ein Huhn, Barchen. Bei Menschen ist das anders.«
Wirklich?
Er wunschte, er konnte Bessie fragen. Oder auch seinen Vater. Auch als die Bedienung ihnen den Tee und die Scones brachte, plapperte Elsie ungeniert weiter von der kleinen Familie, die sie im kommenden Sommer schon sein wurden. Doch ihr frohlicher Ton klang gekunstelt, als ginge es ihr mehr darum, Fremde zu uberzeugen als Norman.
Als er sie spater zum Bahnhof brachte, befahl sie ihm, so schnell wie moglich alles fur die Hochzeit vorzubereiten. »Ich sage meinen Eltern, dass es noch vor Weihnachten so weit ist.«
Den Kuss, den sie ihm geben wollte, lehnte er ab. »Du haltst eine Menge fur selbstverstandlich, Elsie.«
»Sollte ich das nicht?«, fragte sie mit einem Zittern der Furcht in der Stimme. »Es ist
»Und wenn ich es nicht tue?«
»Dann bringe ich mich um«, schluchzte sie unter Tranen. »Und das ist dann deine Schuld.«
