er mit hoher, kreidiger Stimme vor.
Der Missionar wollte ihm zustimmen, aber John Bradden fuhr dazwischen: »Das halte ich fur keine gute Idee. Je spater die Indianer in Molalla Spring mitkriegen, was in den Bergen los ist, desto besser. Und wenn sie es mitkriegen, konnten Gewehre in ihren Handen gefahrlich sein. Ich halte es fur ungewi?, auf wen sie dann die Waffen richten.«
»Was schlagst du vor, Bruder John?« fragte Mercer.
»Solange wir hier sind, passen wir schon auf«, antwortete Bradden. »Dann sehen wir weiter.«
Die Mercers verstandigten sich mit einem wechselseitigen Blick, und der Missionar sagte: »Gut, Bruder John, so machen wir es. Jetzt spannt eure Tiere aus und richtet euch ein.« Er zeigte zu den Gebauden, die um die Kirche herum standen. »Das Gastehaus steht zu eurer Verfugung. In etwa einer Stunde gibt es ein kraftiges Essen. In der Zwischenzeit kummere ich mich um die Verletzten.«
Das Gastehaus war ein langgestrecktes, einstockiges Gebaude, aus Holz gebaut wie alle Gebaude mit Ausnahme der Kirche, die aus festem Stein bestand. Das Gastehaus war sauber, aber nicht besonders komfortabel. Es war durch eine dunne Bretterwand nur in zwei Raume unterteilt, einen Schlafraum fur Manner und einen fur Frauen. Aber hier sollte auch niemand auf Dauer wohnen. Wie Irene erfuhr, war es fur genau den Zweck erbaut worden, dem es jetzt diente: Durchreisende Auswanderer sollten hier fur ein paar Tage verweilen und neue Kraft fur die Weiterreise schopfen.
Am gemeinsamen Abendessen im Haus der Mercers durfte Irene auf John Braddens Gehei? nicht teilnehmen. Vermutlich befurchtete der Treck-Captain, die Gastgeber konnten merken, da? etwas nicht in Ordnung war. Irene war das gar nicht unrecht, durfte sie doch mit Eliza Bradden bei Jamie zuruckbleiben. John Bradden wollte ihnen Essen heruberschicken.
Bevor er ging, sagte er zu seiner Frau: »Wenn die Dutch-Lady Arger macht oder abhaut, wei?t du, was du mit dem Kleinen machst!«
»Ja, John«, nickte Mrs. Bradden.
In einer Art, die Irene Angst machte.
Obwohl sich die Frau des Treck-Captains um Jamie kummerte wie um ein eigenes Kind, schien sie jederzeit bereit, sich an ihm zu vergreifen.
Zum wiederholten Mal stellte sich Irene eine Frage: Was fur Menschen waren das blo??
*
Ein Gerausch weckte Jacob, und er zuckte zusammen.
Seine Hand tastete nach dem Messergriff. Wie hatte er nur so leichtsinnig sein konnen, sich einfach schlafen zu legen?
Die Antwort war ebenso einfach wie vielleicht verhangnisvoll: Die Erschopfung und die Schmerzen hatten ihn uberwaltigt.
Der gro?e breitschultrige Mann aus dem fernen Deutschland schuttelte die Indianerdecken von sich ab und sprang auf. Die Rechte umschlo? fest den Griff des gro?en Messers.
Dammeriges Licht erfullte die Lichtung und tauchte sie in graue Farben.
Hatte er bis zum Abend geschlafen?
Als das Grau ganz langsam heller wurde, begriff er die volle Wahrheit: Es war schon wieder Morgen!
Genug Zeit fur die geschlagenen Wolfe, um mit Verstarkung zuruckzukehren. Schon einmal hatten die behaarten Bestien im Morgengrauen angegriffen.
Jacob drehte sich ganz langsam um sich selbst. Seine Blicke tasteten sorgfaltig das Unterholz ab.
Er wu?te genau, wonach er suchte: nach katzenartigen Pupillen, die den kleinsten Lichtschimmer auffingen und in ein boses, mordlusternes Feuer verwandelten. Leuchtende Augen, die ihn voller Gier aus dem Unterholz anstarrten und nur auf den richtigen Moment warteten, um ihn anzufallen.
Der Auswanderer horte wieder ein Gerausch, ein leises Rascheln. In seinem Rucken!
Er wirbelte herum und hob die Hand mit dem Messer.
Der erste Sonnenschimmer fiel auf das braune Fell eines Hasen, der an einem Grasbuschel mummelte, wahrend er den Menschen beobachtete.
»Keine Angst, Meister Lampe, ich tu dir nichts«, grinste Jacob und steckte das Messer zuruck in die Scheide. »Du bist mir tausendmal lieber als jeder Wolf. Au?erdem habe ich keine Lust auf Hasenbraten.«
Der junge Zimmermann fuhlte sich nun vollig sicher. Waren Wolfe in der Gegend herumgestrichen, hatte der Hase bestimmt nicht so friedlich gefruhstuckt. Er ware nervos gewesen wie am Morgen zuvor der Appaloosa und hatte wahrscheinlich sofort sein Panier ergriffen.
Diesmal zundete Jacob kein Feuer an. Er wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. Au?erdem war ihm zwar ein wenig kalt, aber sonst fuhlte er sich einigerma?en ausgeruht. Der Schlaf hatte ihn Zeit gekostet, aber ihm auch gutgetan. Vielleicht war es eine sinnvolle Investition.
Er a? einen von den indianischen Fleischballchen, spulte ihn mit einem Schluck Wasser hinunter und packte dann seine Sachen zu einem Bundel zusammen, das er auf Schulter und Rucken schnurte.
Fast wie in alten Zeiten, dachte Jacob. Wie damals, als der junge Handwerksgeselle drei Jahre lang durch Deutschland gewandert war, um seine Fahigkeiten als Zimmermann zu vervollkommnen. Damals hatte er weder Wagen noch Pferd gehabt. Schusters Rappen waren seine einzigen Fortbewegungsmittel gewesen.
Mit Erschrecken wurde ihm bewu?t, da? es nicht einmal ein Jahr her war, als er von der Walz in seinen Heimatort Elbstedt zuruckkehrte. Das Herz voller Hoffnungen, die brutal zerschlagen wurden.
Ihm kam es vor, als lage eine Ewigkeit dazwischen. Als ware es das Leben eines ganz anderen gewesen.
Jacob schuttelte die truben Gedanken von sich ab und verlie? den Pappelwald.
Nur kurz verfolgten ihn die neugierigen Blicke des Hasen, dann wandte das Tier sich wieder seinem Fruhstuck zu.
Mit weit ausgreifenden Schritten tauchte der Mann aus Deutschland in die unbekannte Bergwelt des fremden gro?en Landes Amerika ein.
*
Der Tag schleppte sich mit qualender Langsamkeit dahin. Genauso wie die Nacht, in der Irene kein Auge zugetan hatte.
Naturlich war Jamie der Grund fur ihre Schlaflosigkeit gewesen. Er lag bei Eliza Bradden und weinte sich die Seele aus dem Leib, weil er sich nach seiner Mutter sehnte.
Aber obwohl die Frauen im selben Raum schliefen, lie? die eifersuchtige Frau des Treck-Captains nicht zu, da? Jamie die Nacht bei Irene verbrachte. Mehrmals machte Irene diesen Vorschlag, und jedesmal erhielt sie eine scharfe Abfuhr.
Statt dessen bemuhte sich Eliza Bradden vergeblich, das kleine Kind zu beruhigen. Es weinte fast die ganze Nacht hindurch und schlief erst gegen Morgen vor Erschopfung ein.
Wahrend Irene wach lag und sich unruhig auf der zerschlissenen alten Matratze hin und her walzte, deren Moosfullung aus vielen kleinen Lochern nach drau?en drangte, ergriff ein entsetzlicher Gedanken immer starker von ihr Besitz: Was war, wenn Eliza Bradden das Kind gar nicht mehr hergab?
Die junge Mutter konnte an nichts anderes mehr denken. Es erschien ihr immer wahrscheinlicher, da? die Frau des Treck-Captains Jamie als den ihr zustehenden Ersatz fur den Verlust ihrer eigenen Kinder betrachtete.
Irene beruhigte sich erst ein bi?chen, als sie Jamie am Morgen stillen durfte. Wieder lie?en Eliza Braddens wachsame, neidvolle Blicke Mutter und Kind keine Sekunde aus den Augen.
Narcissa Mercer brachte den beiden Frauen das Fruhstuck und sagte: »Der Herr sieht es bestimmt mit Wohlgefallen, wie du dich um die junge Mutter und um das arme kleine Wurmchen kummerst, Schwester Eliza. Dein Mann hat mir erzahlt, wie du dich fur die beiden aufopferst. Wenn ich dich ablosen soll, brauchst du es nur zu sagen.«
»Danke, Mrs. Mercer«, sagte Eliza Bradden und setzte ein tapferes Lacheln auf. »Es geht schon. Der Herr
