»Es mu? eins vorhanden gewesen sein. Nicht, da? wir Mrs. Clayton unbedingt Glauben schenken. Aber Clayton hatte auch dem Diener gegenuber erwahnt, da? er telegrafisch nach Schottland gerufen sei. Ebenfalls Commander McLaren gegenuber.«
»Um welche Zeit hat er mit Commander McLaren gesprochen?«
»Sie nahmen in ihrem Klub gemeinsam einen Imbi? ein, und zwar gegen Viertel nach sieben. Dann fuhr Clayton in einem Taxi nach Richs Wohnung, wo er kurz vor acht eintraf. Danach .«
Miller machte eine vielsagende Handbewegung.
»Hat jemand irgend etwas Merkwurdiges in Richs Verhalten an diesem Abend wahrgenommen?«
»Na, Sie kennen die Menschen ja. Nach dem Ereignis bilden sie sich ein, allerlei entdeckt zu haben, was sie -darauf mochte ich jede Wette eingehen - uberhaupt nicht sahen. So behauptet Mrs. Spence, Rich sei den ganzen Abend uber sehr zerstreut gewesen, habe nicht immer eine richtige Antwort gegeben, als ob er >etwas auf der Seele habec. Und das hatte er ja auch wohl, wenn er eine Leiche in der Truhe hatte! Er mu?te sich doch den Kopf daruber zerbrechen, wie er den verwunschten Kadaver fortschaffen konne!«
»Warum hat er ihn denn nicht fortgeschafft?«
»Da fragen Sie mich zuviel. Hat vielleicht den Mut verloren. Aber es war heller Wahnsinn, es bis zum nachsten Tage aufzuschieben. Er hatte die allerbeste Chance in der Nacht. Es war namlich kein Nachtportier vorhanden. Er hatte seinen Wagen holen, die Leiche im Kofferraum verstauen, aufs Land hinausfahren und sie irgendwo abladen konnen. Vielleicht ware er beim Verstauen der Leiche gesehen worden. Aber das Haus liegt in einer Seitenstra?e, und au?erdem ist ein Hof vorhanden. Gegen drei Uhr morgens, sagen wir mal, hatte er eine gute Chance gehabt. Aber was tut er statt dessen? Geht zu Bett, schlaft bis in die Puppen und findet beim Erwachen die Polizei in der Wohnung!«
»Er ging zu Bett und schlief gut, genau wie ein unschuldiger Mann.«
»Wenn Sie wollen, konnen Sie es auch so auslegen. Aber glauben Sie es tatsachlich selbst?«
»Die Frage kann ich erst beantworten, wenn ich den Mann mit eigenen Augen gesehen habe.«
»Glauben Sie etwa, einem Menschen die Unschuld an der Nasenspitze ansehen zu konnen? So einfach ist es nun auch nicht.«
»Das wei? ich, und ich wurde nicht daran denken, eine so kuhne Behauptung aufzustellen, Ich will nur zu einer Entscheidung kommen, ob der Mann wirklich so dumm ist, wie es den Anschein hat.«
Poirot hatte nicht die Absicht, Charles Rich aufzusuchen, ehe er alle anderen gesehen hatte.
Er begann mit Commander McLaren.
McLaren war ein gro?er, dunkler, verschlossener Mann mit einem groben, aber angenehmen Gesicht. Er war zuruckhaltend und lie? nicht leicht mit sich reden. Doch Poirot besa? Ausdauer.
Als McLaren Margharitas Zeilen gelesen hatte, sagte er fast zogernd:
»Nun, wenn Margherita wunscht, da? ich Ihnen alles erzahlen soll, was ich wei?, werde ich das naturlich tun. Wei? zwar nicht, was es noch zu erzahlen gibt. Sie haben doch sicher schon alles gehort. Aber ganz wie Margharita es wunscht. Ich habe ihr stets den Willen getan - schon seit ihrem sechzehnten Lebensjahr. Sie hat so etwas an sich, wissen Sie.«
»Ich wei?«, bestatigte Poirot und fuhr fort: »Zunachst einmal mochte ich, da? Sie mir eine Frage ganz offen beantworten. Halten Sie Major Rich fur schuldig?«
»Ja, entschieden. Ich wurde es Margharita nicht sagen, wenn sie ihn unbedingt fur unschuldig halten will. Aber ich sehe keine andere Moglichkeit. Zum Teufel, der Mann
»Gab es zwischen ihm und Mr. Clayton irgendeine Unstimmigkeit?« »Nein, durchaus nicht. Arnold und Charles waren die besten Freunde. Deshalb wirkt das Ganze ja so phantastisch.«
»Vielleicht hatte Major Richs Freundschaft mit Mrs. Clayton -«
Er wurde unterbrochen.
»Pfui! Dieses Gewasch! Alle Zeitungen weisen versteckt darauf hin. Verdammte Anspielungen! Mrs. Clayton und Rich waren gute Freunde und weiter nichts! Margharita hat viele Freunde.
»Sie sind also nicht der Ansicht, da? sie ein Verhaltnis miteinander hatten?«
»Aber ganz gewi? nicht!« stie? McLaren zornig hervor. »Horen Sie blo? nicht auf diese Spence, diese Giftnudel. Die schwatzt Unsinn uber Unsinn.«
»Aber vielleicht hat Mr. Clayton Verdacht geschopft und angenommen, es bestehe ein Verhaltnis zwischen seiner Frau und Major Rich.«
»Ich kann Ihnen versichern, da? dies nicht stimmt. Sonst hatte ich davon gewu?t; Arnold und ich waren sehr eng befreundet.«
»Was fur ein Mann war Mr. Clayton eigentlich? Das mu?ten Sie doch in erster Linie wissen.«
»Nun, Arnold war ein ruhiger Mensch. Aber klug -geradezu glanzend, glaube ich. Fabelhafter Kopf fur Finanzen. Er bekleidete einen ziemlich hohen Posten im Schatzamt.«
»Das habe ich gehort.«
»Er war sehr belesen und sammelte Marken. Er hatte eine gro?e Vorliebe fur Musik. Aber er tanzte nicht und ging abends nicht gern aus.«
»War es Ihrer Ansicht nach eine gluckliche Ehe?«
Commander McLaren beantwortete diese Frage nicht sofort.
»So etwas ist sehr schwer zu sagen. Ja, ich glaube, sie waren glucklich. In seiner ruhigen Art war er ihr ergeben, und ich bin uberzeugt, da? sie ihn gern mochte. Eine Trennung war sehr unwahrscheinlich, falls Sie daran gedacht haben sollten. Sie hatten allerdings nicht viele gemeinsame Interessen.«
Poirot nickte. Das war anscheinend alles, was er aus ihm herausbekommen konnte.
Er sagte: »Nun erzahlen Sie mir noch etwas von dem letzten Abend. Mr. Clayton speiste mit Ihnen im Klub. Was hat er da gesagt?«
»Er sagte mir, da? er nach Schottland fahren musse. Schien sehr argerlich daruber zu sein. Wir a?en ubrigens nicht zu Abend. Keine Zeit. Nur belegte Brote und einen Drink. Das hei?t, fur ihn. Ich hatte nur den Drink, da ich ja zu einem kalten Souper eingeladen war.«
»Erwahnte Mr. Clayton ein Telegramm?«
»Ja.«
»Hat er es Ihnen eigentlich gezeigt?«
»Nein.«
»Erwahnte er, da? er bei Rich vorsprechen wolle?«
»Nicht definitiv. Er wu?te nicht, ob die Zeit dazu reichen wurde, und meinte: >Margharita kann es erklaren, oder auch du.< Dann fugte er hinzu: >Sorge dafur, da? sie gut nach Hause kommt.< Dann ging er fort. Es war alles ganz naturlich und ungezwungen.« »Und er hegte keinen Verdacht, da? das Telegramm nicht echt sei?«
»War es das etwa nicht?« Commander McLaren blickte besturzt drein.
»Anscheinend nicht.«
»Wie merkwurdig ...« Commander McLaren versank in eine Art Trance, aus der er plotzlich emportauchte mit den Worten:
»Aber das ist tatsachlich seltsam. Ich meine, was ist der Sinn der Sache? Warum sollte ihn jemand nach Schottland schicken wollen?«
»Es ist eine Frage, die unbedingt eine Antwort verlangt.«
Hercule Poirot brach auf und lie? den Commander offenbar in einer tiefen Grubelei zuruck.
Die Spences lebten in einem winzigen Haus in Chelsea.
Linda Spence empfing Poirot voller Begeisterung.
»Sie mussen mir alles erzahlen«, sagte sie. »Alles von Margharita! Wo steckt sie?«
»Das darf ich Ihnen leider nicht verraten, Madame.«
»Sie hat sich tatsachlich gut versteckt. So etwas versteht Margharita vorzuglich. Aber bei der Verhandlung mu? sie doch wohl als Zeugin erscheinen, nicht wahr? Davor kann sie sich nicht drucken.«
Poirot lie? abschatzend seine Blicke uber sie gleiten und mu?te widerwillig gestehen, da? sie im modernen Stil attraktiv war. Es war kein Typ, den er bewunderte. Das kunstvoll zerzauste Haar hing ihr wirr um den Kopf, und ein Paar scharfsinnige Augen beobachteten ihn aus einem leicht schmuddeligen Gesicht, das, abgesehen von
