»Sie antworten mit bewundernswerter Schlichtheit. Die meisten Frauen hatten das Verlangen, ihre Gefuhle bis ins einzelne zu erklaren. Wie lange waren Sie verheiratet?«

»Elf Jahre.«

»Konnen Sir mir ein wenig von Ihrem Gatten erzahlen? Wie war er als Mensch?«

Sie runzelte die Stirn.

»Es ist schwierig. Ich wei? eigentlich gar nicht, was fur ein Mensch Arnold war. Er war sehr ruhig, sehr reserviert. Man konnte seine Gedanken nicht erraten. Naturlich war er klug, jeder sagte, er sei brillant - in seiner Arbeit, meine ich. Aber er - ich wei? nicht, wie ich es ausdrucken soll - er hat sein ureigenes Wesen nie enthullt.«

»War er in Sie verliebt?«

»O ja. Das mu? er schon gewesen sein. Sonst hatte er sich nicht so aufgeregt -« Sie brach plotzlich ab.

»Uber andere Manner? Das wollten Sie doch sagen, wie? Er war also eifersuchtig?«

Wieder sagte sie:

»Das mu? er schon gewesen sein.« Und dann, als ob sie spurte, da? die Redensart einer Erklarung bedurfte, fuhr sie fort:

»Manchmal sprach er tagelang kein Wort mit mir.«

Poirot nickte nachdenklich.

»Diese Gewalttatigkeit - die in Ihr Leben gekommen ist. Haben Sie sie zum ersten Male erlebt?«

»Gewalttatigkeit?« Sie runzelte die Stirn und errotete dann.

»Meinen Sie etwa den armen jungen Mann, der sich erschossen hat?«

»Ja«, erwiderte Poirot. »So etwas habe ich wohl gemeint.«

»Ich hatte keine Ahnung, da? er so viel fur mich empfand. Er tat mir sehr leid. Er schien so scheu, so einsam zu sein. Er mu? wohl sehr neurotisch gewesen sein. Und dann die beiden Italiener - ein Duell. Es war lacherlich. Jedenfalls ist keiner dabei umgekommen,. Gott sei Dank . Und offen gestanden, war mir an keinem der beiden etwas gelegen. Ich habe nicht einmal eine Zuneigung vorgetauscht.«

»Nein. Sie waren eben nur - da! Und wo Sie sind -passiert etwas! Die Erfahrung habe ich schon fruher in meinem Leben gemacht. Eben weil Sie gleichgultig sind, werden die Manner zum Wahnsinn getrieben. Aber fur Major Rich haben Sie tatsachlich etwas ubrig. Daher -mussen wir tun, was wir konnen.«

Er schwieg eine Zeitlang, wahrend sie ernst vor ihm sa? und ihn beobachtete.

»Wir wenden uns nun von den Personlichkeiten ab, die oft das wirklich Wichtige darstellen, und den einfachen Tatsachen zu. Ich wei? nur, was in den Zeitungen gestanden hat. Auf Grund dieser Darstellungen hatten nur zwei Personen Gelegenheit, Ihren Gatten zu toten, konnten nur zwei Personen ihn getotet haben - Major Rich und sein Diener.«

Eigensinnig wiederholte sie:

»Ich wei?, da? Charles ihn nicht getotet hat.«

»Dann mu? es also der Diener gewesen sein. Geben Sie das zu?«

»Ich sehe, was Sie meinen«, sagte sie zweifelnd.

»Aber es will Ihnen nicht so recht einleuchten, ja?«

»Es erscheint einfach - phantastisch!«

»Und doch besteht die Moglichkeit. Ihr Gatte erschien zweifellos in der Wohnung, da seine Leiche dort gefunden wurde. Wenn die Aussage des Dieners auf Wahrheit beruht, hat Major Rich den Mord begangen. Wenn aber die Aussage des Dieners falsch ist? Dann hat der Diener Ihren Gatten getotet und die Leiche vor der Ruckkehr seines Herrn in der Truhe versteckt. Von seinem Standpunkt aus eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Leiche loszuwerden. Er brauchte nur am nachsten Morgen >den Blutfleck zu bemerken< und >die Leiche zu entdeckend Der Verdacht wurde sofort auf Rich fallen.«

»Aber warum sollte der Diener meinen Mann toten wollen?«

»Ja, warum? Das Motiv kann nicht auf der Hand liegen. Sonst hatte die Polizei Nachforschungen angestellt. Moglicherweise wu?te Ihr Gatte etwas uber den Diener, was ihm zur Schande gereichte, und stand im Begriff, Major Rich davon in Kenntnis zu setzen. Hat Ihr Gatte jemals mit Ihnen uber diesen Burgess gesprochen?«

Sie schuttelte den Kopf.

»Glauben Sie, da? er es getan hatte, wenn sich die Sache so verhalten hatte?«

Sie runzelte die Stirn.

»Es ist schwierig, etwas daruber zu sagen. Wahrscheinlich nicht. Er sprach nicht viel uber andere Menschen. Wie ich Ihnen schon sagte, war er reserviert.«

»Er war also ein Mann, der seine Meinungen fur sich behielt. Nun, was fur eine Meinung haben Sie von Burgess?«

»Er ist kein Mann, der einem sehr auffallt. Ein ziemlich guter Diener. Ausreichend, aber nicht besonders geschliffen.«

»Wie alt?«

»Etwa sieben- oder achtunddrei?ig, denke ich. Wahrend des Krieges war er Offiziersbursche, aber kein regelrechter Soldat.«

»Wie lange war er bei Major Rich?«

»Nicht sehr lange. Vielleicht anderthalb Jahre.«

»Haben Sie nie bemerkt, da? er Ihrem Gatten gegenuber ein merkwurdiges Verhalten an den Tag legte?«

»Wir waren nicht so sehr oft dort. Nein, ich habe uberhaupt nichts bemerkt.«

»Nun schildern Sie mir bitte die Vorgange des Abends. Um welche Zeit waren Sie geladen?«

»Acht Uhr funfzehn bis acht Uhr drei?ig.«

»Und was fur eine Party sollte es sein?«

»Nun, gewohnlich wurden Drinks gereicht, und es gab ein kaltes Bufett - meistens ein sehr gutes. Ganseleberpastete und hei?en Toast. Geraucherten Lachs und dergleichen. Manchmal gab es auch ein warmes Reisgericht - Charles hatte ein besonderes Rezept aus dem Nahen Osten mitgebracht - aber das war meist im Winter. Dann hatten wir haufig Musik - Charles besitzt einen sehr guten stereophonischen Plattenspieler. Mein Mann und Jock McLaren begeisterten sich beide fur klassische Platten. Auch hatten wir Tanzmusik - die Spences waren leidenschaftliche Tanzer. So war es meistens - ein ruhiger, zwangloser Abend. Charles war ein sehr guter Gastgeber.«

»Und glich dieser besondere Abend den anderen Abenden, die Sie dort verbrachten? Sie haben nichts Ungewohnliches bemerkt? War alles an seinem Platz?«

»Alles an seinem Platz?« Sie runzelte die Stirn. »Eben als Sie das sagten, hatte ich - nein, es ist wieder verschwunden. Aber da war irgend etwas ...« Wiederum schuttelte sie den Kopf. »Nein. Es war uberhaupt nichts Ungewohnliches an dem Abend. Wir hatten viel Spa?. Alle schienen ungezwungen und glucklich zu sein.«

Sie schauderte. »Und wenn man bedenkt, da? wahrend der ganzen Zeit -«

Poirot hob rasch die Hand.

»Denken Sie nicht daran. Was wissen Sie von den Geschaften, derentwegen Ihr Gatte nach Schottland reisen wollte?«

»Nicht viel. Es handelte sich um einen Disput uber den Verkauf von Landereien, die meinem Mann gehorten. Der Verkauf war offenbar vollzogen, und dann tauchten plotzlich Schwierigkeiten auf.«

»Was hat Ihr Gatte Ihnen genau gesagt?«

»Er kam mit einem Telegramm in der Hand zu mir herein. Soweit ich mich entsinnen kann, sagte er: >Eine hochst argerliche Geschichte! Ich mu? mit dem Nachtzug nach Edinburgh fahren und morgen fruh gleich mit Johnston sprechen. Zu dumm, wenn man schon angenommen hatte, da? die Sache endlich im klaren sei.< Dann fugte er hinzu: >Soll ich Jock anrufen und ihn bitten, dich abzuholen?< Und ich erwiderte: >Unsinn, ich nehme einfach ein Taxi.< Er meinte, da? Jock oder die Spences mich nach Hause bringen wurden. Ich fragte ihn dann, ob ich ihm beim Packen helfen solle, und er sagte, er wurde nur ein paar Sachen in einen Koffer werfen und dann einen kleinen Imbi? im Klub einnehmen, ehe er zum Bahnhof gehe. Bald darauf ging er fort, und - und das war das letzte Mal, da? ich ihn gesehen habe.«

Ihre Stimme brach ein wenig bei diesen Worten.

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