»Kommen Sie so rasch wie moglich zu einer absolut schauderhaften Cocktail-Party, die ich gebe. Nicht gerade wegen der Cocktail-Party - sondern wegen einer ganz anderen Geschichte. Bitte, bitte, lassen Sie mich nicht im Stich! Sagen Sie blo? nicht, da? Sie es nicht einrichten konnen.«

Poirot hatte nicht die geringste Absicht gehabt, die Einladung abzulehnen. Lord Chatterton war, abgesehen von seiner Peerswurde und der Tatsache, da? er gelegentlich eine langweilige Rede im Oberhaus hielt, keine bemerkenswerte Personlichkeit. Doch Lady Chatterton war einer der strahlendsten Sterne am Himmel der hohen Gesellschaft. Alles, was sie tat oder sagte, war ein Ereignis. Sie besa? Verstand, Schonheit, Originalitat und genug Energie, um eine Rakete zum Mond zu befordern.

Sie sagte nochmals:

»Ich brauche Sie. Zwirbeln Sie einfach Ihren wundervollen Schnurrbart mit kuhnem Schwung, und kommen Sie!«

Ganz so rasch ging es allerdings nicht. Zunachst einmal machte Poirot aufs sorgfaltigste Toilette. Dann erst zwirbelte er seinen Schnurrbart und machte sich auf den Weg.

Die Tur zu Lady Chattertons bezauberndem Haus in der Cheriton Street war angelehnt, und aus dem Innern drang ein Gerausch, das einer Meuterei im Zoo glich. Lady Chatterton fuhrte gerade eine geschickte Unterhaltung mit zwei Gesandten, einem internationalen Fu?ballspieler und einem amerikanischen Evangelisten. Aber mit der Schnelligkeit eines Taschenspielers warf sie diese Leute uber Bord, als Poirot eintrat, und eilte zu ihm.

»Monsieur Poirot, wie wunderbar, da? Sie gekommen sind! Nein, trinken Sie nicht diesen garstigen Martini. Ich habe etwas Besonderes fur Sie - eine Art Sirup, den die Scheiche in Marokko trinken. Ich habe ihn oben in meinem kleinen Zimmer.«

Auf dem Wege nach oben erwahnte sie:

»Ich habe diese Party nicht abgeblasen, weil es ungeheuer wichtig ist, da? keiner ahnt, was hier vor sich geht, und ich habe den Dienstboten unerhorte Belohnungen versprochen, wenn nichts ausgeplappert wird. Man mochte schlie?lich nicht sein Haus von Reportern belagert sehen. Und die arme Seele hat auch schon so viel durchmachen mussen.«

Lady Chatterton machte im ersten Stock nicht halt, sondern eilte weiter in den nachsten. Keuchend und etwas verblufft folgte ihr Poirot.

Im zweiten Stock blieb Lady Chatterton stehen und stie? nach einem raschen Blick uber das Gelander eine Tur auf, wobei sie ausrief:

»Ich habe ihn, Margharita! Ich habe ihn! Hier ist er!«

Sie trat triumphierend zur Seite, um Poirot eintreten zu lassen, und machte die beiden rasch miteinander bekannt.

»Dies ist Margharita Clayton, eine sehr, sehr liebe Freundin von mir. Sie werden ihr helfen, nicht wahr? Margharita, dies ist der wundervolle Hercule Poirot. Er wird alles tun, was du ihm sagst - nicht wahr, lieber Monsieur Poirot?«

Und ohne auf eine Antwort zu warten, die sie offenbar als positiv voraussetzte, sturzte sie aus dem Zimmer und die Treppe hinunter, wahrend sie ziemlich indiskret zuruckrief:

»Ich mu? leider zu all diesen gra?lichen Leuten zuruckkehren.«

Die Frau, die in einem Sessel am Fenster gesessen hatte, erhob sich und kam auf ihn zu. Poirot hatte sie auch erkannt, selbst wenn Lady Chatterton ihren Namen nicht erwahnt hatte: diese breite, sehr breite Stirn, das dunkle Haar, das so beschwingt daraus emporstieg, und die grauen, weit auseinanderstehenden Augen. Sie trug ein enganliegendes, hochgeschlossenes Kleid in einem stumpfen Schwarz, das die schonen Linien ihres Korpers und die magnolienhafte Wei?e ihrer Haut betonte. Ihr Gesicht war eher ungewohnlich als schon. Sie war von einer Aura mittelalterlicher Einfachheit umgeben - von einer seltsamen Unschuld, die, wie Poirot dachte, eine vernichtendere Wirkung ausuben konnte als eine wollustige Raffiniertheit. Wenn sie sprach, tonte aus ihren Worten eine gewisse kindliche Offenheit. »Abbie sagt, Sie wollen mir helfen.«

Sie blickte ihm ernst und forschend ins Gesicht.

Einen Augenblick lang stand Poirot ganz still und unterzog sie einer genauen Prufung, was durchaus nicht unhoflich wirkte. Es war eher der freundliche, aber durchdringende Blick, mit dem ein beruhmter Arzt einen neuen Patienten betrachtet.

»Sind Sie sicher, Madame«, sagte er schlie?lich, »da? ich Ihnen helfen kann?«

Eine leichte Rote stieg in ihre Wangen.

»Ich wei? nicht, was Sie meinen.«

»Was wunschen Sie denn von mir, Madame?«

»Oh!« Sie schien uberrascht. »Ich dachte, Sie wu?ten, wer ich bin.«

»Ich wei?, wer Sie sind. Ihr Gatte wurde getotet - erdolcht, und ein gewisser Major Rich ist wegen Mordverdachts verhaftet worden.«

Die Rote in ihren Wangen vertiefte sich.

»Major Rich hat meinen Mann nicht getotet.«

Pfeilschnell entgegnete Poirot:

»Warum nicht?«

Sie starrte ihn verblufft an. »Wie - wie, bitte?«

»Ich habe Sie verwirrt - weil ich nicht dieselbe Frage gestellt habe wie alle anderen, die Polizei, die Rechtsanwalte, ... warum sollte Major Rich Arnold Clayton toten? Ich aber frage das Gegenteil. Ich frage Sie, Madame, warum Sie davon uberzeugt sind, da? Major Rich ihn nicht getotet hat.«

»Weil« - sie hielt einen Augenblick inne - »weil ich Major Rich so gut kenne.«

»Sie kennen Major Rich so gut«, wiederholte Poirot mit ausdrucksloser Stimme. Nach einer kleinen Pause fragte er scharf: »Wie gut?«

Ob sie die Bedeutung seiner Frage verstand, konnte er nicht raten. Er dachte bei sich: Hier ist eine Frau, die entweder sehr einfach oder sehr raffiniert ist. Viele Menschen mussen versucht haben, das bei Margharita Clayton zu ergrunden .

»Wie gut?« Sie blickte ihn zweifelnd an. »Seit funf Jahren - nein, es sind schon fast sechs.«

»So war das eigentlich nicht gemeint. Sie mussen einsehen, Madame, da? ich Ihnen scheinbar impertinente Fragen stellen mu?. Vielleicht werden Sie die Wahrheit sprechen, vielleicht aber auch lugen. Es ist manchmal sehr notwendig fur eine Frau zu lugen. Frauen mussen sich verteidigen, und die Luge kann eine gute Waffe sein. Aber es gibt drei Menschen, Madame, denen eine Frau die Wahrheit sagen sollte: ihrem Beichtvater, ihrem Friseur und ihrem Privatdetektiv - wenn sie ihm vertraut. Vertrauen Sie mir, Madame?«

Margharita Clayton schopfte tief Atem.

»Ja«, sagte sie. »Das tue ich.« Und setzte hinzu: »Ich mu? es ja.«

»Na schon. Was soll ich also fur Sie tun? Ausfindig machen, wer Ihren Gatten ermordet hat?«

»Das auch - ja.«

»Aber es ist nicht wesentlich, wie? Sie wunschen in erster Linie, da? ich Major Rich von dem Mordverdacht befreien soll, ja?«

Sie nickte rasch, dankbar.

»Das - und sonst nichts?«

Eine unnotige Frage, das sah er ein. Margharita Clayton war eine Frau, die nur eins zur Zeit im Auge hatte.

»Und jetzt eine sehr impertinente Frage, Madame. Sie und Major Rich sind ineinander verliebt, ja?«

»Wenn Sie damit sagen wollen, da? wir ein Verhaltnis miteinander hatten - nein.«

»Aber er war in Sie verliebt?«

»Ja.«

»Und Sie - waren in ihn verliebt?«

»Ich glaube, ja.«

»Sie scheinen nicht ganz sicher zu sein, wie?«

»Doch - jetzt bin ich sicher.«

»Aha! Sie haben also Ihren Gatten nicht geliebt?«

»Nein.«

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