Die Abendzeitungen brachten zwei weitere Notizen. Die »niedergeschmetterte« Mrs. Clayton hatte ihre Wohnung in Cardigan Gardens verlassen, und man nahm an, da? sie sich bei Freunden aufhalte.

Die andere Notiz erschien in der Rubrik »Letzte Meldungen«: Major Charles Rich war des Mordes an Arnold Clayton beschuldigt und in Untersuchungshaft genommen worden.

»Das war's also«, meinte Poirot und blickte zu Miss Lemon auf. »Die Verhaftung des Majors war zu erwarten. Aber was fur ein merkwurdiger Fall! Ein sehr merkwurdiger Fall! Finden Sie nicht auch?«

»So etwas passiert ja wohl, Monsieur Poirot«, erwiderte Miss Lemon ohne besonderes Interesse.

»Oh, gewi?! So etwas passiert jeden Tag. Oder beinahe jeden Tag. Aber gewohnlich sind derartige Vorkommnisse ganz verstandlich- wenn auch betrublich.«

»Es ist bestimmt eine sehr unangenehme Sache.«

»Erstochen und in eine spanische Truhe gesteckt zu werden, ist gewi? unangenehm fur das Opfer - ganz entschieden. Aber wenn ich von einem merkwurdigen Fall spreche, so bezieht sich das auf das merkwurdige Verhalten des Majors Rich.«

Miss Lemon sagte in leicht mi?falligem Ton:

»Man scheint zu vermuten, da? Major Rich und Mrs. Clayton sehr eng befreundet waren ... Es war eine Andeutung und keine erwiesene Tatsache. Daher habe ich es in meinem Resumee nicht erwahnt.«

»Sehr richtig von Ihnen. Aber es ist eine Folgerung, die ins Auge springt. Ist das alles, was Sie zu sagen haben?«

Miss Lemon blickte ausdruckslos vor sich hin. Poirot dachte mit einem Seufzer an die lebhafte Phantasie seines Freundes Hastings. Die Diskussion eines Falles mit Mess Lemon war eine muhsame Arbeit.

»Betrachten wir einmal diesen Major Rich. Er ist in Mrs. Clayton verliebt - zugegeben ... Er will ihren Gatten beiseite schaffen - auch das raumen wir ein, obgleich man sich fragt: Wenn Mrs. Clayton in ihn verliebt ist und die beiden ein Verhaltnis miteinander haben, warum pressiert's denn so? Will Mr. Clayton sich vielleicht nicht von seiner Frau scheiden lassen? Doch davon will ich nicht reden. Major Rich ist ein pensionierter Soldat, und manchmal hei?t es, da? Soldaten nicht viel Grips haben. Aber, tout de meme, ist denn dieser Major Rich ein kompletter Idiot?«

Miss Lemon erwiderte nichts darauf. Sie hielt dies fur eine rein rhetorische Frage.

»Nun«, fragte Poirot, »was halten Sie denn von der ganzen Geschichte?«

»Was ich davon halte?« wiederholte Miss Lemon erschrocken.

»Mais oui - Sie!«

Miss Lemon bemuhte sich, der neuen Anforderung, die ihrem Verstand zugemutet wurde, gerecht zu werden. Sie erging sich nie in irgendwelchen Spekulationen, falls sie nicht direkt dazu aufgefordert wurde. Wenn sie einmal uber einen mu?igen Augenblick verfugte, beschaftigten sich ihre Gedanken mit den Einzelheiten eines uberaus vollkommenen Ablegesystems. Das war ihre einzige geistige Ausschweifung.

»Nun ...« begann sie und brach ab.

»Erzahlen Sie mir einfach, was nach Ihrer Ansicht an jenem Abend geschah. Mr. Clayton sitzt im Wohnzimmer und schreibt ein paar Zeilen. Major Rich kehrt zuruck - was dann?«

»Er findet Mr. Clayton vor. Sie haben - ist jedenfalls anzunehmen - einen Wortwechsel, und Major Rich ersticht Mr. Clayton. Sobald er sieht, was er getan hat, verbirgt er die - die Leiche in der Truhe. Die Gaste konnten schlie?lich jeden Augenblick eintreffen.«

»Ja, ja. Die Gaste erscheinen! Die Leiche ist in der Truhe. Der Abend vergeht. Die Gaste brechen auf. Und dann?«

»Na, dann geht Major Rich vermutlich zu Bett und . Oh!«

»Aha«, sagte Poirot. »Jetzt geht Ihnen ein Licht auf. Sie haben einen Menschen ermordet und die Leiche in einer Truhe versteckt. Und dann - gehen Sie seelenruhig zu Bett, ohne sich von dem Gedanken storen zu lassen, da? Ihr Diener am nachsten Morgen das Verbrechen entdecken wird.«

»Vielleicht hat er nicht damit gerechnet, da? der Diener einen Blick in die Truhe werfen wurde.«

»Trotz einer gro?en Blutlache auf dem Teppich?«

»Vielleicht ahnte Major Rich nichts von dem Fleck.«

»War es nicht reichlich nachlassig von ihm, sich nicht davon zu uberzeugen?«

»Er war wohl etwas aufgeregt«, meinte Miss Lemon.

Poirot hob verzweifelt die Hande.

Miss Lemon benutzte die Gelegenheit, um sich eiligst aus dem Zimmer zu entfernen.

Das Geheimnis der spanischen Truhe ging Poirot, genaugenommen, nichts an. Er war im Augenblick mit einem delikaten Auftrag beschaftigt, den ihm eine der gro?en Olgesellschaften erteilt hatte. Es handelte sich dabei um einen Mann in hoherer Position, der moglicherweise an fragwurdigen Transaktionen beteiligt war. Eine streng vertrauliche, wichtige und hochst lukrative Aufgabe. Sie war genugend kompliziert, um Poirots Interesse zu fesseln, und hatte den gro?en Vorteil, da? sie sehr wenig physische Aktivitat erforderte. Aber sie war nuchtern und appellierte nur an den Verstand. Verbrechen auf hochster Ebene.

Das Geheimnis der spanischen Truhe dagegen war hochdramatisch und mit Gefuhlen durchsetzt; zwei Eigenschaften, vor denen er Hastings oft gewarnt hatte. In dieser Hinsicht war er mit ce eher Hastings sehr streng gewesen, und nun war er selbst, genau wie sein Freund, besessen von schonen Frauen, Verbrechen aus Leidenschaft, Eifersucht, Ha? und allen anderen romantischen Mordursachen! Er wollte genau daruber Bescheid wissen. Er wollte in Erfahrung bringen, was fur Menschen das waren, dieser Major Rich und sein Diener und Margharita Clayton (obgleich er uber sie im Bilde zu sein glaubte), und der ermordete Arnold Clayton (denn seiner Ansicht nach war der Charakter des Opfers bei der Losung eines Mordfalles von allergro?ter Bedeutung), und sogar Commander McLaren, der treue Freund, und Mr. und Mrs. Spence, die kurzlich erworbenen Bekannten. Und er sah keine Moglichkeit, seine Neugierde zu befriedigen! Spater am Tage kehrten seine Gedanken zu diesem Thema zuruck.

Warum fesselte ihn eigentlich dieser Vorfall so sehr? Nach einiger Uberlegung kam er zu dem Schlu?, da? ihn das Problem so reizte, weil das Ganze im Hinblick auf die Beziehung der Tatsachen zueinander eigentlich ein Ding der Unmoglichkeit war!

Er uberflog noch einmal die akzeptierbaren Tatsachen.

Zunachst ein Wortwechsel zwischen zwei Mannern. Ursache vermutlich eine Frau. Im Eifer des Gefechts brachte der eine den anderen um. Ja, das kam vor - obwohl es einleuchtender ware, wenn der Ehemann den Liebhaber beseitigt hatte. Immerhin - der Liebhaber hatte den Ehemann getotet, ihn mit einem Dolch erstochen - irgendwie eine ziemlich unwahrscheinliche Waffe. Hatte Major Rich vielleicht eine italienische Mutter gehabt? Sicherlich mu?te irgendwo eine Erklarung fur die Wahl eines Dolches als Waffe existieren. Jedenfalls mu?te man den Dolch akzeptieren (in manchen Zeitungen wurde er als Stilett bezeichnet). Er war eben zur Hand und wurde benutzt. Die Leiche wurde dann in der Truhe versteckt. Das war gesunder Menschenverstand und unvermeidlich. Das Verbrechen war nicht vorausgeplant, und da der Diener jeden Augenblick zuruckkehren konnte und vier Gaste in Kurze eintrafen, schien es die einzige Moglichkeit zu sein.

Die Party steigt und geht zu Ende, die Gaste brechen auf -der Diener ist bereits fort - und Major Rich geht zu Bett!

Um das zu verstehen, mu?te man Major Rich sehen und ausfindig machen, was fur ein Mensch so handeln kann.

Hatte er vielleicht, uberwaltigt von dem Entsetzen uber seine Tat und von der gro?en Anstrengung, den langen Abend hindurch naturlich zu erscheinen, eine Schlaftablette genommen, die ihn in einen so tiefen Schlummer versetzte, da? er nicht um die gewohnte Zeit wach wurde? Moglich. Oder aber handelte es sich um das psychologische Phanomen, da? das Schuldgefuhl in Major Richs Unterbewu?tsein das Verlangen nach Aufdeckung des Verbrechens erweckte? Um in dieser Hinsicht zu einer Entscheidung zu gelangen, war es unbedingt erforderlich, Major Rich kennenzulernen. Es lie? sich alles zuruckfuhren auf - Das Telefon lautete. Poirot lie? es eine Weile klingeln, bis es ihm dammerte, da? Miss Lemon bereits nach Hause gegangen war. Also nahm er den Horer ab.

»Monsieur Poirot?«

»Am Apparat.«

»Oh, wie herrlich!« Poirot war ein wenig erstaunt uber die Glut in der bezaubernden weiblichen Stimme. »Hier ist Abbie Chatterton.« - »Ach, Lady Chatterton. Was kann ich fur Sie tun?«

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