gehabt hatte)? Oder von Haber selbst? Er konnte es nicht sagen. Der wirkungsvolle Teil des Traumes war gewesen, da? es aufgehort hatte, zu regnen, da? das Wetter sich verandert hatte; Aber das bewies nichts. Haufig war es gar nicht das vordergrundig auffallige oder eigentliche Element eines Traums, das sich als das wirkungsvolle entpuppte. Er vermutete, da? Kennedy aus Grunden, die nur sein Unterbewu?tsein kannte, seinen eigenen Beitrag darstellte, aber sicher konnte er nicht sein.

Er ging mit einem endlosen Strom anderer in die U-Bahn-Haltestelle East Broadway hinunter. Er warf seine Funfdollarmunze in den Fahrscheinautomaten, bekam seine Fahrkarte, erwischte seine Bahn, tauchte in die Dunkelheit unter dem Flu? ein.

Das Schwindelgefuhl in Korper und Geist wurde starker.

Unter einem Flu? durchzufahren: das war schon etwas Seltsames, eine geradezu unheimliche Vorstellung. Einen Flu? uberqueren, an einer Furt ubersetzen, durch ihn waten, hinuberschwimmen, Boote, Fahren, Brucken, Flugzeuge benutzen, in der endlosen Erneuerung und dem Anbeginn der Stromung flu?aufwarts oder flu?abwarts reisen: das alles erscheint sinnvoll. Aber wenn man unter einem Flu? hindurchgeht, das beinhaltet etwas, das in des Wortes zentraler Bedeutung, pervers ist. Es gibt Stra?en im Verstand und au?erhalb, deren blo?e Komplexitat allein bereits zeigt, da? man, um in so etwas hineinzugeraten, schon ein gutes Stuck des Wegs zuruck eine falsche Abzweigung eingeschlagen haben mu?te.

Neun U-Bahn- und Lastwagentunnel verliefen unter dem Willamette; sechzehn Brucken daruber, die Ufer hatte man auf einer Lange von siebenundzwanzig Meilen betoniert. Die Uberschwemmungskontrolle sowohl am Willamette, wie auch an seinem gro?en Zuflu?, dem Columbia mehrere Meilen von der Stadtmitte Portlands flu?abwarts gelegen, war so hochentwickelt, da? keiner der beiden Flusse um mehr als zehn Zentimeter ansteigen konnte, auch nach langsten Wolkenbruchen nicht. Der Willamette stellte ein nutzliches Element der Umwelt dar, ein sehr gro?es, friedfertiges Nutztier, das mit Gurten, Ketten, Stangen, Satteln, Zugeln, Harnischen und Fu?fesseln fugsam gemacht worden war. Ware er nicht nutzlich gewesen, hatte man ihn naturlich zubetoniert, so wie die Hunderte von kleineren Flu?chen und Bachen, die im Dunkeln unter den Stra?en und Hausern der Stadt von den Bergen herunterflossen. Aber ohne ihn ware Portland keine Hafenstadt mehr gewesen; die Schiffe, die langen Reihen der Barken, die gro?en holzbeladene Flo?e passierten ihn nach wie vor in beide Richtungen. Darum mu?ten die Lastwagen und Bahnen und wenigen Privatautos entweder unter dem Flu? hindurch oder daruber hinweg. Uber den Kopfen derer, die gerade mit der GPRT-Bahn durch den Broadway Tunnel fuhren, befanden sich Tonnen Felsgestein und Schotter, Tonnen flie?endes Wasser, die Etagen der Dockanlagen, die Kiele von Ozeanriesen, die riesigen Betonpfeiler der hohen Freewaybrucken und Zufahrtsrampen, ein Konvoi von Dampflastern mit tiefgefrorenen Huhnchen aus Batterieaufzucht, ein Dusenflugzeug in zehntausend Metern Hohe, die mindestens 4,3 Lichtjahre entfernten Sterne. George Orr stand mit aschfahlem Gesicht schwankend im glei?enden, flackernden Neonlicht des U-Bahnwagens in der undurchdringlichen Dunkelheit drau?en und hielt sich, eingekeilt zwischen tausend anderen Menschen, am schaukelnden Stahlgriff eines Gurtes fest. Er spurte die ganze Last uber sich, das Gewicht, das unablassig niederdruckte. Ich lebe in einem Alptraum, dachte er, aus dem ich von Zeit zu Zeit im Schlaf erwache.

Das Schieben und Drangeln von Leuten, die an der Haltestelle Union Station ausstiegen, verdrangte diese niederschmetternden Gedankengange aus seinem Kopf; er konzentrierte sich voll und ganz darauf, den Griff am Gurt nicht loszulassen. Da er sich immer noch schwindlig fuhlte, hatte er Angst, da? ihm, sollte er den Halt verlieren und er ganz und gar und ausschlie?lich der Kraft (c) ausgesetzt sein, ubel werden wurde.

Der Zug fuhr mit einem Gerausch an, das sich zu gleichen Teilen aus tiefem, gequaltem Gebrull und schrillen, durchdringenden Schreien zusammensetzte.

Das gesamte GPRT-System war erst funfzehn Jahre alt, aber spat und ubersturzt erbaut worden, mit minderwertigen Baustoffen und wahrend, nicht vor dem Zusammenbruch der Automobilindustrie. Die Wagen der Bahnen stammten tatsachlich aus den Fabriken von Detroit; dementsprechend haltbar und dementsprechend laut waren sie auch. Als Gro?stadtmensch und regelma?iger U-Bahnfahrer horte Orr den grauenhaften Larm nicht einmal mehr. Die Enden seiner Hornerven waren schon deutlich abgestumpft, obwohl er erst drei?ig war, und in jedem Fall bildete die Larmkulisse nur den Hintergrund des Alptraums. Als er den Griff am Ende des Gurts wieder fest in der Hand hielt, konnte er sich erneut seinen Gedanken zuwenden.

Seit er sich gezwungenerma?en fur das Thema interessierte, verwirrte ihn die Tatsache, da? sich der Verstand an die meisten Traume gar nicht erinnern konnte. Unbewu?tes Denken, ob in der Kindheit oder im Traum, ist fur die bewu?te Erinnerung offenkundig nicht verfugbar. Aber war er wahrend der Hypnose ohne Bewu?tsein? Keineswegs: hellwach, bis er gesagt bekam, da? er schlafen sollte. Warum konnte er sich dann nicht erinnern? Das beunruhigte ihn. Er wollte gern wissen, was Haber so trieb. Zum Beispiel der erste Traum heute nachmittag: Hatte der Arzt ihm nur suggeriert, da? er wieder von dem Pferd traumen sollte? Und er selbst hatte die Pferdeschei?e hinzugefugt, das war peinlich. Oder wenn der Arzt die Pferdeschei?e angeregt hatte, dann war das auf eine andere Art und Weise peinlich. Und vielleicht konnte sich Haber glucklich schatzen, da? er am Ende nicht einen gro?en, dampfenden Haufen Pferdeapfel auf dem Teppich gehabt hatte. Freilich, in gewisser Weise hatte er das ja: das Bild des Berges.

Orr fuhr hoch und erstarrte, als ware er mit einer Nadel gepiekst worden, als die Bahn in die Haltestelle Alder Street einfuhr. Der Berg, dachte er, wahrend sich achtundsechzig Menschen an ihm vorbeiquetschten und schubsten und drangelten. Der Berg. Er hat mir in meinem Traum befohlen, den Berg wieder herbeizuschaffen. Also lie? ich das Pferd den Berg wieder herstellen. Aber wenn er mir befohlen hatte, den Berg wieder herzustellen, dann wu?te er, da? der Berg vor dem Pferd da gewesen war. Er wu?te es. Er hat gesehen, wie der erste Traum die Wirklichkeit veranderte. Er hat die Veranderung bemerkt. Glaubt mir. Ich bin nicht verruckt!

Eine so tiefe Freude uberkam Orr, da? die sieben oder acht der zweiundvierzig Menschen, die sich in dem Wagen am dichtesten an ihn drangten, eine leichte, aber eindeutige Warme des Wohlbefindens oder der Erleichterung verspurten. Die Frau, die vergeblich versucht hatte, ihm den Haltegurt zu entwinden, spurte ein gesegnetes Abklingen der stechenden Schmerzen in ihrem Huhnerauge; der Mann, der auf der linken Seite gegen Orr gedruckt wurde, dachte plotzlich an Sonnenschein; der alte Mann, der zusammengekauert unmittelbar vor ihm sa?, verga? ein Weilchen, da? er Hunger hatte.

Orr war kein logischer Schnelldenker. An sich war er uberhaupt kein logischer Denker. Er kam auf langsame Weise zu seinen Schlu?folgerungen, ohne je uber das klare, harte Eis der Logik zu sausen, ohne mit den Aufwinden der Phantasie zu segeln, sondern behabig, auf dem festen Boden solider Tatsachen dahinstapfend. Er sah keine Zusammenhange, was ja, wie behauptet wird, ein Wesensmerkmal des Intellekts ist. Er erspurte Zusammenhange — wie ein Klempner. Man konnte nicht sagen, da? er ein dummer Mensch gewesen ware, aber er nutzte sein Gehirn nicht halb so oft, wie es erforderlich gewesen ware, und nicht einmal halb so schnell. Erst als er an der Haltestelle Ross Island Bridge West aus der U-Bahn ausgestiegen, mehrere Stra?enblocks den Hugel hinaufgegangen, mit dem Fahrstuhl die achtzehn Stockwerke zu seinem 2,5?Ч?3,5 Meter gro?en Einzimmerapartment in dem zwanzigstockigen, aus Stahlbeton erbauten Corbett Condominium fur Werktatige (Stilvolles Wohnen fur den kleinen Geldbeutel in der Innenstadt!) hinaufgefahren war, eine Scheibe Sojamehlbrot in den Infrabacker gelegt, ein Bier aus dem Wandkuhlschrank geholt und eine ganze Weile zum Fenster — das Au?enapartment kostete doppelt soviel — hinausgesehen und die westlichen Hugel von Portland betrachtet hatte, wo dichtgedrangt die riesigen, funkelnden Wohnturme standen, in denen Licht und Leben pulsierte, dachte er schlie?lich: Warum hat mir Dr. Haber nicht gesagt, da? er wei?, da? ich wirkungsvoll traume?

Er grubelte eine Weile daruber nach. Er walzte das Problem herum, versuchte es hochzuheben und mu?te feststellen, da? es sehr, sehr sperrig war.

Er dachte: Haber wei? jetzt, da? sich das Wandbild zweimal verandert hat. Warum hat er nichts gesagt? Er mu? wissen, da? ich Angst hatte, ich konnte den Verstand verlieren. Er sagt, da? er mir hilft. Es hatte mir schon viel geholfen, wenn er mir gesagt hatte, da? er sehen kann, was ich sehe, wenn er mir versichert hatte, da? es keine Wahnvorstellungen sind.

Er wei? jetzt, dachte Orr nach einem kraftigen Schluck Bier, da? es aufgehort hat zu regnen. Aber er ging nicht nachsehen, als ich ihm sagte, da? es so ware. Vielleicht hatte er Angst davor. Das wird es vermutlich sein. Diese ganze Sache macht ihm Angst und er mochte mehr daruber herausfinden, bevor er mir sagt, was er wirklich denkt. Also das kann ich ihm nicht verdenken. Richtig merkwurdig ware, wenn er keine Angst davor hatte.

Aber ich frage mich, was er machen wird, wenn er sich an den Gedanken gewohnt hat … Ich frage mich,

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