Ruckkopplung der Gehirnwellen durch.«
»Sie meinen, er ist ein verruckter Wissenschaftler mit einer Hollenmaschine?«
Der Klient lachelte klaglich. »So hort es sich bei mir an. Nein, ich glaube, da? er einen sehr guten Ruf als Forscher genie?t und es wirklich seine Absicht ist, den Menschen zu helfen. Ich glaube nicht, da? er mir oder einem anderen Schaden zufugen mochte. Seine Motive sind edel.« Er bemerkte einen Moment den ernuchterten Blick der Schwarzen Witwe und geriet ins Stottern. »Die, die Maschine. Also ich kann Ihnen nicht sagen, wie sie funktioniert, aber er benutzt sie bei mir, um mein Gehirn im paradoxen Schlaf zu halten, wie er sich ausdruckt — das ist der Fachausdruck fur diesen speziellen Schlaf, in dem man traumt. Er unterscheidet sich sehr vom gewohnlichen Schlaf. Dr. Haber versetzt mich durch Hypnose in den Schlaf, und dann schaltet er diese Maschine ein, damit ich unverzuglich anfange zu traumen — normalerweise ist das nicht der Fall. So jedenfalls habe ich es verstanden. Die Maschine gewahrleistet, da? ich traume, und ich glaube, sie regt das Traumstadium auch an. Und dann traume ich das, was er mir in der Hypnose befohlen hat.«
»Na ja. Das hort sich nach einer narrensicheren Methode an, wie ein altmodischer Psychoanalytiker Traume analysieren kann. Aber statt dessen befiehlt er Ihnen durch hypnotische Suggestion, was Sie traumen sollen? Ich vermute einmal, da? er Sie aus irgendeinem Grund durch die Traume konditioniert. Jetzt ist ja allgemein bekannt, da? eine Person unter Hypnose praktisch alles kann und tun wird, ganz gleich, ob ihr Gewissen es im Normalzustand zulassen wurde oder nicht: das ist seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt und wurde durch den Fall
Der Klient zogerte. »Gefahrlich, ja. Wenn man akzeptiert, da? ein Traum gefahrlich sein kann. Aber er gibt mir keine Anweisungen, etwas
»Naja, aber sind denn die Traume, die er Ihnen suggeriert, moralisch verwerflich fur Sie?«
»Er ist kein … boser Mensch. Er meint es gut. Ich habe nur Einwande dagegen, da? er mich als Instrument benutzt, als Mittel zum Zweck — auch wenn er die besten Absichten haben sollte. Ich kann mir kein Urteil uber ihn anma?en — meine eigenen Traume hatten unmoralische Auswirkungen, eben darum habe ich ja versucht, sie mit Hilfe von Medikamenten zu unterdrucken und bin in dieses Schlamassel hineingeraten. Und ich mochte wieder da raus, mochte von den Medikamenten loskommen, mochte geheilt werden. Aber er heilt mich nicht. Er
»Was zu tun?« fragte Miss Lelache nach einer Pause.
»Die Realitat zu verandern, indem ich traume, da? sie anders ist«, sagte der Klient unterwurfig und ohne Hoffnung.
Miss Lelache lie? die Spitze des Kinns erneut zwischen ihre Hande sinken und betrachtete eine Zeitlang die blaue Schachtel mit Buroklammern an der au?ersten Peripherie ihres Gesichtsfelds auf dem Schreibtisch. Sie schaute verstohlen zu dem Klienten auf. Da sa? er, so sanftmutig wie zuvor, aber jetzt glaubte sie, da? er nicht mehr zerquetscht werden wurde, sollte sie auf ihn treten, er wurde auch nicht knirschen, vermutlich nicht einmal brechen. Er wirkte erstaunlich solide.
Menschen, die einen Anwalt aufsuchen, sind meist in der Defensive, wenn sie nicht in der Offensive sind; sie haben es naturlich auf etwas abgesehen — ein Erbe, einen Besitz, eine einstweilige Verfugung, eine Scheidung, eine Einweisung, was auch immer. Sie kam nicht dahinter, worauf es dieser Bursche, der so zuruckhaltend und schutzlos wirkte, abgesehen hatte. Seine Worte ergaben keinen Sinn, und dennoch horte er sich nicht
»Na ja«, sagte sie vorsichtig. »Und was ist falsch an dem, was er mit Hilfe Ihrer Traume tut?«
»Ich habe kein Recht, etwas zu verandern. Und er nicht, mich dazu zu zwingen.«
O Gott, er glaubte das wirklich, er hatte tatsachlich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und doch faszinierte sie seine moralische Festigkeit, als ware auch sie selbst nicht mehr ganz richtig im Oberstubchen.
»Wie verandern Sie etwas? Und was? Nennen Sie mir ein Beispiel!« Sie empfand kein Mitleid mit ihm, wie es sich bei einem Kranken, einem Schizo oder Paranoiden mit Wahnvorstellungen, da? er die Wirklichkeit manipulieren konnte, geziemt hatte. Hier sa? »wieder ein Opfer dieser unserer Zeiten, die die Seelen der Menschen auf die Probe stellen«, wie Prasident Merdle mit seiner stets erheiternden Art, ein Zitat zu entstellen, in seinem Bericht zur Lage der Nation gesagt hatte; und hier sa? sie und war gemein zu einem armen, elenden, blutenden Opfer mit Lochern im Gehirn. Aber sie wollte nicht freundlich zu ihm sein. Er konnte es ertragen.
»Die Blockhutte«, sagte er, als er ein wenig nachgedacht hatte. »Bei meinem zweiten Besuch fragte er mich nach Tagtraumen, und ich sagte ihm, da? ich manchmal Tagtraume von einem Stuck Land in den Naturschutzgebieten hatte, wissen Sie, ein Hauschen auf dem Land, wie in alten Romanen, einen Ort, wohin ich mich zuruckziehen konnte. Naturlich hatte ich keine. Wer schon? Aber letzte Woche mu? er mir suggeriert haben, da? ich traume, ich hatte eine, denn jetzt gehort eine mir. Eine auf dreiunddrei?ig Jahre gepachtete Blockhutte im Siuslaw-Nationalpark in der Nahe des Neskowin. Am Sonntag habe ich mir ein Batterieauto gemietet und bin hingefahren. Sie ist sehr hubsch. Aber …«
»Warum sollten Sie keine Blockhutte haben? Ist das unmoralisch? Viele Leute haben an der Lotterie fur die Pachtvertrage teilgenommen, seit sie letztes Jahr eigens einen Teil der Naturschutzgebiete dafur geoffnet haben. Sie hatten einfach verdammtes Gluck.«
»Aber ich hatte keine«, sagte er. »Niemand hatte eine. Die Parks und Walder, soweit sie uberhaupt noch existierten, dienten ausschlie?lich als Naturschutzgebiete, sogar Camping war nur in den Randbereichen erlaubt. Es existierten keine Blockhutten, die der Staat verpachtete. Bis letzten Freitag. Als ich traumte, da? es sie gibt«
»Aber horen Sie, Mr. Orr, ich
»Ich wei?, da? Sie es wissen«, sagte er leise. »Und ich wei? es auch. Alles daruber, wie sie letztes Fruhjahr beschlossen, einen Teil des Nationalparks zu verpachten. Und ich bewarb mich, bekam ein Los in der Lotterie, das gezogen wurde, und so weiter. Aber ich wei? auch, da? das bis letzten Freitag nicht so gewesen ist. Und Dr. Haber wei? es auch.«
»Dann hat Ihr Traum vom letzten Freitag«, sagte sie spottisch, »die Realitat ruckwirkend fur den gesamten Bundesstaat Oregon verandert, eine Entscheidung beeinflu?t, die letztes Jahr in Washington getroffen wurde, und die Erinnerung von allen geloscht, au?er Ihrer eigenen und der Ihres Arztes? Ein toller Traum! Konnen Sie sich daran erinnern?«
»Ja«, sagte er murrisch, aber nachdrucklich. »Es ging um die Blockhutte und den Bach davor. Ich erwarte nicht, da? Sie das alles glauben, Miss Lelache. Ich glaube, nicht einmal Dr. Haber durchschaut es vollig; er wartet einfach nicht ab, bis er ein Gefuhl dafur bekommen hat. Andernfalls wurde er vielleicht etwas vorsichtiger damit umgehen. Sehen Sie, es funktioniert folgenderma?en: Wenn er mir unter Hypnose befehlen wurde zu traumen, da? sich ein rosa Hund in dem Zimmer befindet, wurde ich es tun; aber der Hund konnte nicht da sein, solange rosa Hunde in der Natur nicht vorkommen, nicht Bestandteil der Realitat sind. Es wurde so aussehen, da? ich einen wei?en Pudel bekomme, der rosa eingefarbt wurde, sowie einen stichhaltigen Grund fur seine Anwesenheit; und wenn er darauf bestehen wurde, da? es sich um einen wahrhaftigen rosa Hund handelt, dann mu?te mein Traum die naturliche Ordnung dahingehend verandern, da? rosa Hunde dazugehoren. Uberall. Seit dem Pleistozan, oder wann immer Hunde entstanden sind. Dann waren sie schon immer schwarz, braun, gelb, wei? und — rosa gewesen. Und einer dieser rosa Hunde hatte sich dann in seine Praxis verirrt, oder er ware sein Collie oder der Pekinese seiner Sprechstundenhilfe, oder etwas in der Art. Nichts Wundersames. Nichts Ungewohnliches. Jeder Traum verwischt seine Spuren vollstandig. Es wurde einfach ein ganz normaler rosa Hund da sein, wenn ich erwache, und es wurde einen ganz plausiblen Grund fur seine Anwesenheit geben. Und gar niemandem wurde etwas Neues auffallen, au?er mir — und ihm. Ich behalte die Erinnerung an beide Realitaten. Genau wie Dr. Haber. Er ist im Augenblick der Veranderung anwesend und wei?, wovon der Traum gehandelt hat. Er gibt nicht zu, da? er es wei?, aber ich wei?, da? es so ist. Fur alle anderen hatte es schon immer rosa Hunde gegeben. Aber fur mich, und ihn, hat es sie gegeben — und auch wieder nicht.«
»Zweierlei Zeitverlaufe, Alternativuniversen«, sagte Miss Lelache. »Sehen Sie sich viele alte Filme im Nachtprogramm des Fernsehens an?«
»Nein«, sagte der Klient fast so trocken wie sie. »Ich verlange nicht von Ihnen, da? Sie mir glauben. Ganz bestimmt nicht ohne Beweise.«
»Na also. Gott sei Dank!«
