Orr schuttelte stumm den Kopf; er war zu niedergeschlagen fur eine Antwort.
Haber redete weiter, und Orr versuchte, ihm seine Aufmerksamkeit zu schenken. Er redete jetzt von Tagtraumen, ihrer Beziehung zu den anderthalbstundigen Traumzyklen der Nacht, ihrem Nutzen und Sinn. Er fragte Orr, ob ihm eine bestimmte Art von Tagtraum besonders zusagen wurde. »Zum Beispiel«, sagte er, »traume ich haufig von Heldentum. Ich bin der Held. Ich rette ein Madchen, oder einen Astronautenkollegen, eine belagerte Stadt oder einen ganzen verdammten Planeten. Messiastraume, Gro?tatentraume. Haber rettet die Welt! Sie machen ziemlich viel Spa? — solange ich ihnen den Stellenwert beimessen kann, der ihnen zukommt. Wir brauchen alle die Seelenmassage, die uns Tagtraume geben, aber wenn wir anfangen, sie fur bare Munze zu nehmen, dann sind unsere Realitatsparameter ein bi?chen durcheinander geraten … Dann gibt es die Tagtraume vom Typ Sudseeinsel — viele kleine Angestellte mittleren Alters haben sie. Und die vom Typ Edelmut-Leiden- Martyrer, und die verschiedenen romantischen Phantasien der Pubertat, und die sadomasochistischen Tagtraume, und so weiter. Die meisten Menschen sind mit allen Varianten vertraut. Wir waren schon fast alle einmal in der Arena und haben den Lowen getrotzt, mindestens einmal, oder haben eine Bombe geworfen und unsere Feinde vernichtet, oder eine durchgeistigte Jungfrau von einem sinkenden Schiff gerettet oder Beethovens zehnte Symphonie fur ihn komponiert. Welchen Typ bevorzugen Sie denn?«
»Oh — Flucht«, sagte Orr. Er mu?te sich wirklich zusammenrei?en und diesem Mann antworten, der doch versuchte, ihm zu helfen. »Ab durch die Mitte. Fort von …«
»Fort von Ihrem Job, von der tagtaglichen Tretmuhle?«
Das schien ihm Haber nicht zu glauben, da? er mit seinem Job zufrieden war. Haber war offenkundig von einem ausgepragten Ehrgeiz erfullt und konnte sich nicht vorstellen, da? das nicht auf alle Manner zutraf.
»Eigentlich mehr von der Stadt, den Menschenmassen, meine ich. Uberall zu viele Leute. Die Schlagzeilen. Alles.«
»Sudsee?« fragte Haber mit seinem Barengrinsen.
»Nein. Hier. Ich habe keine besonders ausgepragte Phantasie. Ich tagtraume davon, da? ich eine Blockhutte irgendwo abseits der Stadte besitze, vielleicht sogar im Kustenstreifen, wo noch einige der alten Walder existieren.«
»Schon mal daran gedacht, tatsachlich eine zu kaufen?«
»Der Morgen Land kostet in den billigsten Naherholungsgebieten, unten in der Wuste des sudlichen Oregon, achtunddrei?igtausend Dollar. Fur ein Areal mit Meeresblick reichen die Preise bis zu vierhunderttausend pro Parzelle.«
Haber gab einen Pfiff von sich. »Ich sehe, Sie haben schon mit dem Gedanken gespielt — und sind bei Ihren Tagtraumen geblieben. Gott sei Dank sind die wenigstens umsonst, hm! Und, fuhlen Sie sich fit fur einen weiteren Versuch? Wir haben noch fast eine halbe Stunde.«
»Konnten Sie …«
»Was, George?«
»Mir die Erinnerung lassen?«
Haber holte zu einer seiner wortreichen Ablehnungen aus. »Wie Sie sicher wissen, wird alles, was wahrend einer Hypnose erlebt wird, einschlie?lich aller erteilten Anweisungen, normalerweise von einem Mechanismus blockiert, der auch die wache Erinnerung an neunundneunzig Prozent unserer Traume blockiert. Wurden wir diese Blockierung aufheben, wurden wir Ihnen zu viele widerspruchliche Befehle hinsichtlich einer recht diffizilen Sache geben, namlich des Inhalts der Traume, die Sie noch nicht getraumt haben. Daran — an den Traum — konnen Sie sich erinnern, dafur sorge ich. Aber ich mochte nicht, da? die Erinnerungen an meine Suggestionen sich mit den Erinnerung an den Traum, den Sie tatsachlich traumen, vermischen. Ich mochte beide strikt getrennt halten, damit ich einen klaren und eindeutigen Bericht daruber bekomme, was Sie getraumt haben, und nicht, was Sie Ihrer Meinung nach hatten traumen sollen. Klar? Sie konnen mir vertrauen, wissen Sie. Ich bin mit im Spiel, um Ihnen zu helfen. Ich werde nicht zu viel von Ihnen verlangen. Ich werde Sie drangen, aber nicht zu fest oder zu schnell. Ich werde Ihnen keine Alptraume bescheren! Glauben Sie mir, ich mochte diese Sache durchschauen und verstehen, genau wie Sie. Sie sind ein intelligentes und kooperatives Subjekt, und ein tapferer Mann, da? Sie diese Angste so lange allein mit sich herumgeschleppt haben. Wir bringen es zu Ende, George. Glauben Sie mir.«
Orr glaubte ihm nicht ruckhaltlos, aber der Arzt duldete so wenig Widerspruch wie ein Priester; und au?erdem wunschte er sich, er konnte ihm glauben.
Er sagte nichts mehr, sondern legte sich wieder auf die Couch und fugte sich der Beruhrung der gro?en Hand an seinem Hals.
»Okay! Da sind Sie wieder! Was haben Sie getraumt, George? Raus damit, frisch vom Grill!«
Orr kam sich verwirrt und albern vor.
»Etwas uber die Sudsee … Kokosnusse … Kann mich nicht erinnern.« Er rieb sich den Kopf, kratzte sich unter dem kurzen Bart, holte tief Luft. Er sehnte sich nach einem Schluck kalten Wasser. »Dann … traumte ich, da? Sie mit John Kennedy, dem Prasidenten, die Alder Street entlang gingen, wenn ich mich nicht irre. Ich folgte Ihnen gewisserma?en, ich glaube, ich habe etwas fur einen von Ihnen getragen. Kennedy hatte den Regenschirm aufgespannt — ich sah ihn im Profil, wie auf den alten Funfzigcentstucken —, und Sie sagten: ›Den werden Sie nicht mehr brauchen, Mr. Prasident‹, und nahmen ihm den Schirm aus der Hand. Er schien sich daruber zu argern und sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Aber es hatte aufgehort zu regnen, die Sonne kam heraus, und daher sagte er: ›Sieht so aus, als hatten Sie recht.‹ … Es
»Woher wissen Sie das?«
Orr seufzte. »Sie werden schon sehen, wenn Sie ins Freie kommen. Ist das alles fur heute nachmittag?«
»Ich kann jederzeit weitermachen. Der Staat ubernimmt die Rechnung, wissen Sie!«
»Ich bin sehr mude.«
»Also gut, dann machen wir eben fur heute Schlu?. Horen Sie, was halten Sie davon, wenn wir unsere Sitzungen nachts stattfinden lassen? Wir lassen Sie ganz normal schlafen, wenden die Hypnose nur an, um den Trauminhalt zu suggerieren. Ihr Arbeitstag wurde nicht beeintrachtigt werden, und
»Da habe ich eine Verabredung«, sagte Orr, selbst erschrocken wegen dieser Luge.
»Dann Samstag.«
»Einverstanden.«
Er ging und trug den feuchten Regenmantel uber dem Arm. Es war nicht notig, ihn anzuziehen. Der Kennedy-Traum war uberaus wirkungsvoll gewesen. Inzwischen war er ganz sicher, wenn er Traume hatte. Ganz gleich, wie unverhohlen der Inhalt gewesen sein mochte, er erwachte stets mit intensiven und deutlichen Erinnerungen daran und fuhlte sich zerschlagen und ausgelaugt, als hatte er enorme Korperkrafte aufbieten mussen, um einer ubermachtigen, unablassigen Kraft zu trotzen. Auf sich allein gestellt, hatte er sie nicht haufiger als einen einmal im Monat oder alle sechs Wochen gehabt; die
Es regnete nicht. Als er zu den Turen des Willamette East Tower herauskam, wolbte sich der Marzhimmel hoch und klar uber die Stra?enschluchten. Wind war aufgekommen und wehte von Osten, der trockene Wustenwind, der von Zeit zu Zeit fur ein wenig Abwechslung in dem nassen, hei?en, traurigen, grauen Wetter im Tal des Willamette sorgte.
Die frische Luft verbesserte Orrs Laune ein wenig. Er reckte die Schultern, setzte sich in Bewegung und achtete nicht weiter auf das leichte Schwindelgefuhl, das vermutlich die gemeinsame Folge von Mudigkeit, Nervositat, zwei kurzen Nickerchen zu einer ungewohnlichen Tageszeit und der Fahrt zweiundsechzig Stockwerke in die Tiefe mit dem Fahrstuhl war.
Hatte der Arzt ihm befohlen, zu traumen, da? es aufhorte zu regnen? Oder war die Suggestion dergestalt gewesen, da? er von Kennedy traumen sollte (der, wo er jetzt wieder daruber nachdachte, Abraham Lincolns Bart
