fort, »es sei denn, Pakistan stellt sich auf die Seite des Irans. Dann mu? Indien Isragypten mehr als nur der Form halber unterstutzen.« Das war Fernsehsprech fur die neue Allianz zwischen der Neuen Arabischen Republik und Israel. »Ich glaube, Guptas Rede in Delhi deutet darauf hin, da? er sich auf diese Eventualitat vorbereitet.«

»Es zieht immer gro?ere Kreise«, sagte Orr, der sich unwurdig und ungebildet vorkam. »Der Krieg, meine ich.« Er kam sich ziemlich dumm vor.

»Beunruhigt Sie das?«

»Beunruhigt es Sie nicht?«

»Irrelevant«, sagte der Arzt und lachelte sein breites, haariges Barengrinsen, wie ein gro?er Barengott; aber seit gestern war er immer noch mi?trauisch.

»Ja, mich beunruhigt es.« Doch Haber hatte sich diese Antwort nicht verdient; der Fragende kann sich nicht von der Frage distanzieren und Objektivitat vorschutzen — als waren die Antworten ein Objekt. Aber Orr sprach diese Gedanken nicht aus; er war in den Handen eines Arztes, und der Arzt wu?te doch ganz gewi?, was er tat.

Orr ging von Natur aus davon aus, da? die Leute wu?ten, was sie taten, weil er meist das Gefuhl hatte, da? er selbst es nicht wu?te.

»Gut geschlafen?« wollte Haber wissen und nahm unter dem linken Hinterhuf von Tammany Hall Platz.

»Prima, danke.«

»Was halten Sie von einem weiteren Ausflug in den Palast der Traume?« Er ma? Orr mit stechenden Blicken.

»Klar, darum bin ich ja hier, denke ich.«

Orr sah Haber aufstehen und um den Schreibtisch herumkommen, er sah die gro?e Hand nach seinem Hals greifen, und dann passierte nichts.

»… George …«

Sein Name. Wer rief? Eine unbekannte Stimme. Trockenes Land, trockene Luft, das Drohnen einer fremden Stimme in seinem Ohr. Tageslicht, keine Orientierung. Kein Weg zuruck. Er wachte auf.

Der halb vertraute Raum; der halb vertraute gro?e Mann in seiner voluminosen rostroten Samtjacke, mit dem rotbraunen Bart, dem wei?en Lacheln und den milchigen dunklen Augen. »Es sah laut EEG nach einem kurzen Traum aus, aber einem sehr lebhaften«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Schie?en Sie los. Je schneller die Erinnerung rekapituliert wird, desto vollstandiger ist sie.«

Orr richtete sich auf, fuhlte sich aber ein wenig benommen. Er sa? auf der Couch, wie war er dorthin gekommen? »Mal sehen. Viel war es nicht. Wieder das Pferd. Haben Sie mir noch einmal befohlen, von dem Pferd zu traumen, als ich in Hypnose war?«

Haber schuttelte den Kopf, was weder ja noch nein bedeuten sollte, und horte zu.

»Also, dies hier war ein Stall. Dieses Zimmer. Stroh und ein Futtertrog und eine Mistgabel in der Ecke, und so weiter. Das Pferd war darin. Es …«

Habers erwartungsvolles Schweigen duldete keine Ausfluchte.

»Es hat einen enormen Haufen Kot fallen lassen. Braun, dampfend. Pferdeschei?e. Sah ein wenig wie der Mount Hood aus, mit dem kleinen Hocker an der Nordseite und allem. Sie lag uberall auf dem Teppich und bedrangte mich irgendwie, darum sagte ich: ›Es ist nur das Bild des Bergs.‹ Ich nehme an, dann wachte ich auf.«

Orr hob den Kopf und blickte an Dr. Haber vorbei zu dem Wandbild hinter ihm, der Fotografie von Mount Hood.

Es war ein friedliches Bild in gedampften, kunstlerischen Farben: der Himmel grau, der Berg hellbraun oder rotlich braun mit wei?en Flecken um den Gipfel herum, der Vordergrund ganz dunstige, formlose Baumkronen.

Der Arzt sah das Wandbild nicht an. Er betrachtete Orr mit diesen stechenden, milchigen Augen. Er lachte, als Orr fertig war, nicht lange oder laut, aber vielleicht ein wenig aufgeregt.

»Wir machen Fortschritte, George!«

»Tatsachlich?«

Orr kam sich uberrumpelt und toricht vor, wie er so auf der Couch sa? und sich immer noch ein wenig schwindelig von seinem Schlummer fuhlte, nachdem er dort geschlafen hatte, wahrscheinlich mit offenem Mund und schnarchend, hilflos, wahrend Haber die geheimen Kurven und Muster seiner Gehirntatigkeit beobachtete und ihm vorschrieb, was er traumen sollte. Er fuhlte sich blo?gestellt und benutzt. Und zu welchem Zweck?

Offenkundig hatte der Arzt keine Erinnerung mehr an das Wandbild mit dem Pferd, und auch nicht an das Gesprach, das sie daruber gefuhrt hatten; er war ganz und gar in dieser neuen Gegenwart, und seine samtlichen Erinnerungen fuhrten zu ihr. Also konnte er uberhaupt nichts bewirken. Dennoch schritt er jetzt im Zimmer auf und ab und redete noch lauter als gewohnlich. »Na also! a) Sie konnen auf Befehl traumen und tun es auch, Sie befolgen die Hypnosuggestionen; b) Sie reagieren prachtig auf den Verstarker. Demzufolge konnen wir schnell und wirkungsvoll zusammenarbeiten, ohne Narkose. Ich arbeite lieber ohne Medikamente. Was das Gehirn von sich aus macht, ist unendlich faszinierender und komplexer als jede Reaktion, die durch chemische Stimulation ausgelost werden kann; darum habe ich den Verstarker entwickelt, um dem Gehirn ein Mittel zur Selbststimulation zu geben. Die kreativen und therapeutischen Ressourcen des Gehirns — ob im Wachsein, Schlafen oder Traumen — sind praktisch unendlich. Wenn wir nur die Schlussel zu allen passenden Schlossern finden konnen. Die Macht der Traume allein kann sich niemand traumen lassen!« Orr lachelte unbehaglich; das schien ihm nur allzu wahr zu sein. »Ich bin jetzt sicher, da? der Weg Ihrer Therapie in diese Richtung fuhrt, Ihre Traume zu benutzen, anstatt ihnen auszuweichen und sie zu meiden. Sich Ihren Angsten zu stellen und sie mit meiner Hilfe zu erkennen. Sie furchten sich vor Ihrem eigenen Verstand, George. Das ist eine Angst, mit der kein Mensch leben kann. Aber das mussen Sie auch nicht. Sie haben die Hilfe, die Ihr eigener Verstand Ihnen geben kann, wie Sie ihn selbst benutzen und kreativen Zwecken zufuhren konnen, noch gar nicht begriffen. Sie durfen sich nur nicht vor Ihren eigenen Geisteskraften verstecken, Sie durfen sie nicht unterdrucken, sondern mussen sie freisetzen. Das konnen wir gemeinsam schaffen. Also, kommt Ihnen das nicht auch richtig, wie die richtige Vorgehensweise vor?«

»Ich wei? nicht«, sagte Orr.

Als Haber davon sprach, die Krafte seines Verstands zu nutzen, anzuwenden, hatte Orr einen Augenblick geglaubt, da? der Arzt seine Gabe, durch Traumen die Realitat zu verandern, meinen mu?te; aber wenn er das meinte, hatte er es doch ganz sicher klar und deutlich gesagt? Da Haber wu?te, wie sehr Orr auf Bestatigung angewiesen war, wurde er sie ihm gewi? nicht absichtlich verweigern.

Orr reagierte betrubt. Die Einnahme von Betaubungs- und Aufputschmitteln hatte ihn emotional aus dem Gleichgewicht gebracht; das wu?te er und versuchte darum, seine Gefuhle zu kontrollieren und dagegen anzukampfen. Aber diese Enttauschung entzog sich seiner Kontrolle. Er hatte sich, wie ihm jetzt klar wurde, ein wenig Hoffnung gegonnt. Gestern war er uberzeugt gewesen, da? der Arzt die Veranderung vom Berg zum Pferd bemerkt hatte. Es hatte ihn weder uberrascht noch beunruhigt, da? Haber im ersten Schock versucht hatte, sein Wissen zu verheimlichen; zweifellos hatte er es nicht einmal sich selbst gegenuber eingestehen und anerkennen konnen. Orr hatte ebenfalls ziemlich lange gebraucht, bis er akzeptierte, da? er etwas Unmogliches vollbrachte. Aber er hatte sich in der Hoffnung gewogen, da? Haber, der den Traum kannte und zugegen war, als er getraumt wurde, mitten im Zentrum, die Veranderung doch sehen, sich erinnern und sie bestatigen konnte.

Zwecklos. Kein Ausweg. Orr war wieder da, wo er seit Monaten war — allein: Er wu?te, da? er verruckt war, und da? er nicht verruckt war, beides gleichzeitig und gleicherma?en intensiv. Das reichte aus, ihn in den Wahnsinn zu treiben.

»Ware es moglich«, sagte er zaghaft, »da? Sie mir eine posthypnotische Suggestion geben, nicht mehr wirkungsvoll zu traumen? Schlie?lich konnen Sie ja auch suggerieren, da? ich es tue … Auf die Weise kame ich wenigstens von den Medikamenten los, jedenfalls eine Weile.«

Haber lie? sich zusammengekauert wie ein Bar hinter seinem Schreibtisch nieder. »Ich bezweifle sehr, da? das wirken wurde, und sei es nur fur eine Nacht«, sagte er schlicht und einfach. Und dann, plotzlich wieder schallend: »Ist das nicht der vergebliche Weg, den Sie schon ausprobiert haben, George? Medikamente oder Hypnose, beides lauft auf Unterdruckung hinaus. Sie konnen nicht vor Ihrem eigenen Verstand davonlaufen. Das begreifen Sie, sind aber noch nicht bereit, es zu akzeptieren. Das macht nichts. Sehen Sie es einmal so: Sie haben jetzt schon zweimal getraumt, genau hier, auf dieser Couch. War das so schlimm? Hat es irgendwelchen Schaden angerichtet?«

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