sich zu einer ernsthaften Verwirrung ausgewachsen zu haben, aber noch nie war ihm eine Wahnvorstellung so unverblumt geschildert worden. Orr mochte ein intelligenter Schizophrener sein, der ihn an der Nase herumfuhrte, ihm mit schizoider Erfindungsgabe und Heimtucke etwas vorspielte; aber ihm fehlte die leicht introvertierte Arroganz dieser Leute, fur die Haber ein ganz au?erordentlich feines Gespur besa?.
»Was meinen Sie, warum Ihre Mutter nicht bemerkte, da? sich die Realitat seit der vergangenen Nacht verandert hatte?«
»Also sie hat es nicht getraumt. Ich meine, der Traum hat die Realitat tatsachlich verandert. Er schuf ruckwirkend eine andere Realitat, zu der sie die ganze Zeit gehort hatte. Da sie sich darin befand, hatte sie keine Erinnerung an eine andere. Ich schon, ich erinnerte mich an beide, weil ich im Augenblick der Veranderung … da … war. Das ist die einzige Erklarung, die ich habe, und ich wei?, da? sie nicht besonders logisch erscheint. Aber ich brauche eine Erklarung, andernfalls mu?te ich der Tatsache ins Auge sehen, da? ich verruckt bin.«
Nein, dieser Bursche war kein Hasenfu?.
»Ich halte nichts von Spekulationen, Mr. Orr. Ich habe es auf Fakten abgesehen. Und geistige Vorgange sind Fakten fur mich, glauben Sie mir. Wenn man
»Einige. Aber lange Zeit nicht mehr. Nur unter Stre?. Aber es schien … ofter zu passieren. Ich bekam es mit der Angst zu tun.«
Haber beugte sich vor. »Warum?«
Orr sah ihn mit leerem Blick an.
»Warum Angst?«
»Weil ich nichts verandern
Haber strich sich wieder uber den Bart. »Darum«, sagte er bedachtig, »die Traume unterdruckenden Medikamente. Damit Sie eine weitere Verantwortung vermeiden.«
»Ja. Die Medikamente verhinderten, da? diese Traume sich aufbauen und allzu lebhaft werden konnten. Es sind nur ganz bestimmte, sehr intensive, die …« Er suchte nach dem richtigen Wort, »… Wirklichkeit werden.«
»Richtig. Okay. Wollen mal sehen. Sie sind unverheiratet; Sie sind Bauzeichner bei der Bonneville-Umatilla- Energieversorgung. Wie gefallt Ihnen Ihre Arbeit?«
»Gut.«
»Wie ist es um Ihr Liebesleben bestellt?«
»Ich hatte eine Probeehe. Ging letzten Sommer in die Bruche, nach zwei Jahren.«
»Haben Sie oder die Frau sie beendet?«
»Beide. Sie wollte kein Kind. Es war kein umfassender Ehevertrag.«
»Und seither?«
»Na ja, ein paar Madchen aus meinem Buro, ich bin eigentlich nicht so ein … triebhafter Hengst.«
»Wie sieht es mit zwischenmenschlichen Beziehungen generell aus? Finden Sie, da? Sie zufriedenstellende Beziehungen zu anderen Menschen haben, da? Sie eine Nische in der emotionalen Okologie Ihrer Umgebung finden konnten?«
»Ich denke ja.«
»So, da? Sie sagen konnen, mit Ihrem Leben ist im gro?en und ganzen alles in Ordnung. Richtig? Okay. Und jetzt verraten Sie mir noch eines; mochten Sie, mochten Sie sich wirklich von ganzem Herzen von dieser Medikamentenabhangigkeit befreien?«
»Ja.«
»Okay, gut. Sie haben Medikamente eingenommen, weil Sie nicht mehr traumen wollen. Aber nicht alle Traume sind gefahrlich; nur ganz bestimmte besonders lebhafte. Sie haben im Traum Ihre Tante Ethel als wei?e Katze gesehen, aber am nachsten Morgen war sie nicht wirklich eine wei?e Katze — richtig? Manche Traume sind in Ordnung — sicher.«
Er wartete auf Orrs zustimmendes Nicken.
»Denken Sie uber folgendes nach. Was halten Sie davon, wenn wir die ganze Sache einmal testen und dabei vielleicht herausfinden, wie Sie sicher traumen konnen, ohne Angst? Lassen Sie mich das erklaren. Das Thema Traume ist bei Ihnen emotional ziemlich aufgeladen. Sie haben buchstablich Angst davor, zu traumen, weil Sie glauben, da? einige Ihrer Traume das wirkliche Leben in einer Art und Weise beeinflussen konnen, auf die Sie keinen Einflu? haben. Also das mag eine komplexe und bedeutungsvolle Metapher sein, mit der Ihr Unterbewu?tsein Ihrem bewu?ten Verstand etwas uber die Realitat sagen mochte — Ihre Realitat, Ihr Leben —, das Sie momentan rational noch nicht zu akzeptieren bereit sind. Aber wir konnen die Metapher auch wortwortlich nehmen; es ist im Augenblick noch nicht notig, sie in rationale Begriffe umzuwandeln. Ihr Problem ist derzeit folgendes: Sie haben Angst davor, zu traumen, aber Sie mussen traumen. Sie haben bisher versucht, Ihre Traume mit Hilfe von Medikamenten zu unterdrucken; das hat nicht funktioniert. Okay, versuchen wir das Gegenteil. Bringen wir Sie absichtlich zum Traumen. Bringen wir Sie gleich hier dazu, intensiv und lebhaft zu traumen. Unter meiner Aufsicht, unter kontrollierten Bedingungen. Damit
»Wie soll ich auf Kommando traumen?« fragte Orr extrem nervos.
»In Dr. Habers Palast der Traume konnen Sie das! Sind Sie schon hypnotisiert worden?«
»Bei der Zahnbehandlung.«
»Gut. Okay. Wir gehen folgenderma?en vor. Ich versetze Sie in hypnotische Trance und suggeriere, da? Sie schlafen, da? Sie traumen werden, und
»Aber ich werde hier nicht wirkungsvoll traumen; es passiert nur bei einem einzigen Traum unter Dutzenden oder Hunderten.« Orrs Schutzbehauptungen waren erstaunlich konsistent.
»Sie konnen hier jedwede Art von Traum traumen. Trauminhalt und Traumwirkung konnen von einem motivierten Subjekt und einem entsprechend ausgebildeten Hypnotiseur fast vollkommen kontrolliert werden. Ich mache das schon seit zehn Jahren. Und Ich werde die ganze Zeit bei Ihnen sein, weil Sie eine Trancekappe tragen werden. Haben Sie schon mal eine getragen?«
Orr schuttelte den Kopf.
»Aber Sie wissen, was das ist.«
»Sie schicken ein Signal durch Elektroden, mit dem das … das Gehirn stimuliert wird, mitzumachen.«
»Im gro?en und ganzen. Die Russen benutzen sie seit funfzig Jahren, die Israelis haben sie weiterentwickelt, und zuletzt kamen wir mit an Bord und haben mit der Massenproduktion fur die Anwendung zur Beruhigung psychotischer Patienten und fur den Hausgebrauch zur Induzierung von Schlaf oder Alpha-Trance begonnen. Also ich habe vor zwei Jahren im Klinikum von Linnton mit einer Patientin gearbeitet, die unter schweren Depressionen litt. Wie so viele Depressive, bekam sie nicht viel Schlaf und besonders wenig Schlaf im REM-Stadium, Traumschlaf; jedesmal, wenn sie in die Phase des paradoxen Schlafs kam, wachte sie auf. Ein
