Schlaf zu fordern. Was aber, wenn man das diffuse, niederfrequente Signal spezifischer machen und direkt zu dem spezifischen Bereich im Hirn dirigieren wurde; na klar, Dr. Haber, das ist ein Kinderspiel! Aber sobald ich mir den angemessenen Etat fur die Elektronikforschung unter den Nagel gerissen hatte, dauerte es nur zwei Monate, eine einfache Maschine zu bauen. Dann versuchte ich, das Hirn des Subjekts mit einer Aufzeichnung von Hirnwellen gesunder Menschen wahrend der entsprechenden Phasen von Schlaf und Traum zu stimulieren. Mit ma?igem Erfolg. Ich fand heraus, da? ein Signal von einem anderen Gehirn vielleicht eine Reaktion bei dem Subjekt auslosen konnte, vielleicht auch nicht; mu?te lernen, zu verallgemeinern, aus Hunderten von normalen Hirnwellenaufzeichnungen den Durchschnitt bilden. Wenn ich dann mit der Patientin arbeite, enge ich ihn wieder ein, schneidere ihn zurecht: wann immer das Gehirn des Subjekts etwas macht, das es in starkerem Umfang machen soll, zeichne ich diesen Augenblick auf, verstarke ihn, vergro?ere und verlangere ihn, spiele ihn wieder ab und stimuliere das Gehirn dadurch, seinen eigenen gesundesten Impulsen zu folgen, wenn das Wortspiel gestattet ist. Also das erforderte alles eine Menge Feedbackanalysen, so da? aus einem einfachen EEG mit Trancekappe das da wurde«, und er zeigte zu dem Urwald elektronischer Gerate hinter Orr. Den gro?ten Teil davon verbarg er hinter Kunststoffpaneelen, denn viele Patienten hatten entweder Angst vor Maschinen oder identifizierten sich in allzu gro?em Ma?e mit ihnen, aber auch so beanspruchte alles ein Viertel des Sprechzimmers fur sich. »Das ist die Traummaschine«, sagte er mit einem Grinsen, »oder, prosaischer gesprochen, der Verstarker; und seine Wirkung besteht darin, er gewahrleistet, da? Sie schlafen und traumen — so kurz und leicht oder so lang und intensiv, wie wir es wollen. Oh, nebenbei, die depressive Patientin in Linnton wurde diesen Sommer als vollig geheilt entlassen.« Er beugte sich vor. »Mochten Sie es versuchen?«

»Jetzt?«

»Worauf wollen Sie warten?«

»Aber ich kann nicht um sechzehn Uhr drei?ig am Nachmittag einschlafen —«

Dann sah er belemmert drein. Haber hatte in einer ubervollen Schublade seines Schreibtischs gekramt und brachte jetzt ein Formular zum Vorschein, das Formular »Einverstandniserklarung zur Hypnose«, wie es das Gesundheitsamt vorschrieb. Orr nahm den Kugelschreiber, den Haber ihm reichte, unterschrieb das Formular und legte es ergeben auf den Schreibtisch.

»Wunderbar. Gut. Jetzt verraten Sie mir noch eines, George. Benutzte Ihr Zahnarzt ein Hypnoseband oder machte er es eigenhandig?«

»Band. Ich habe Stufe drei auf der Empfanglichkeitsskala.«

»Genau in der Mitte der Kurve, hm? Also, fur die Suggestion eines Trauminhalts, der gut funktioniert, brauche ich eine ziemliche tiefe Trance. Wir wollen schlie?lich keinen Trancetraum, sondern einen echten Schlaftraum; der Verstarker sorgt dafur, aber wir wollen gewahrleisten, da? die Suggestion ziemlich tief geht. Um zu vermeiden, da? wir Stunden damit vergeuden, Sie fur die tiefe Trance zu konditionieren, greifen wir auf die Pressurmethode zuruck. Schon mal gesehen, wie die funktioniert?«

Orr schuttelte den Kopf. Er sah angstlich drein, widersprach jedoch nicht. Er hatte eine ergebene, passive Haltung, die feminin, fast schon kindlich wirkte. Haber entdeckte eine beschutzende/unterdruckende Reaktion auf diesen korperlich schmachtigen und fugsamen Mann in sich. Es war so einfach, ihn zu beeinflussen, zu beherrschen, da? der Wunsch dazu fast ubermachtig wurde.

»Ich wende sie bei den meisten Patienten an. Sie ist schnell, sicher und gefahrlos — und eindeutig die beste Methode, um Hypnose zu induzieren, und sie bereitet dem Hypnotiseur wie dem Subjekt gleichzeitig am wenigsten Probleme.« Orr hatte ganz bestimmt das eine oder andere Ammenmarchen uber Subjekte gehort, die aufgrund von zu langer oder unsachgema?er Anwendung der Pressurmethode Hirnschaden davongetragen hatten, und auch wenn diese Gefahr hier nicht bestand, mu?te Haber doch entsprechend reagieren und beruhigen, damit Orr sich nicht gegen die Pressur wehrte. Darum plauderte er unbekummert weiter, beschrieb die funfzigjahrige Geschichte der Pressurmethode, schweifte ganz von der Hypnose ab und kam wieder auf den Themenkomplex Schlaf und Traume zuruck, um Orrs Aufmerksamkeit vom Induktionsproze? an sich weg und zu dessen eigentlichen Zielen hin zu lenken. »Das Hindernis, das wir uberwinden mussen, ist die Kluft, die zwischen dem Wachzustand oder Hypnosetrancezustand und dem Traumstadium existiert. Diese Kluft hat einen gebrauchlichen Namen: Schlaf. Orthodoxer Schlaf, SEM-Schlaf, wie Sie wollen. Es existieren, vereinfacht ausgedruckt, vier geistige Stadien, die fur uns relevant sind: Wachzustand, Trance, orthodoxer Schlaf und paradoxer Schlaf. Wenn man Geistesvorgange betrachtet, haben orthodoxer Schlaf, paradoxer Schlaf und Trancestadium etwas gemeinsam: Schlaf, Traum und Trance setzen allesamt die Aktivitat des Unterbewu?tseins, des unbewu?ten Verstandes, frei; sie greifen auf primare Denkprozesse zuruck, wohingegen es sich bei wachen Geistesvorgangen um sekundare Prozesse — rationale — handelt. Aber betrachten wir einmal die EEG-Aufzeichnungen der vier Stadien. Jetzt haben der paradoxe Schlaf, die Trance und der Wachzustand viel gemeinsam, wahrend der orthodoxe — gewohnliche — Schlaf vollkommen anders ist. Und man kann nicht direkt von einer Trance in das echte Traumen des REM- Stadiums uberwechseln. Das SEM-Stadium mu? dazwischenliegen. Normalerweise erlebt man den paradoxen Schlaf vier- oder funfmal in einer Nacht, etwa alle ein oder zwei Stunden und auch jeweils nur eine Viertelstunde am Stuck. Die restliche Zeit befindet man sich im einen oder anderen Stadium des orthodoxen Schlafs. Auch da traumt man, aber normalerweise nicht lebhaft; Geistesvorgange im orthodoxen Schlaf erinnern an einen Motor im Leerlauf, eine Art von konstantem Murmeln von Bildern und Gedanken. Wir haben es jedoch auf die lebhaften, emotionsgeladenen, einpragsamen Traume des paradoxen Schlafs abgesehen. Unsere Hypnose und der Verstarker werden gewahrleisten, da? wir sie bekommen, da? wir die neurophysiologische und zeitliche Kluft des Schlafs uberwinden und direkt zu den Traumen vorsto?en. Darum mussen Sie auf dieser Couch hier Platz nehmen. Die Pioniere meines Fachgebiets waren Dement, Aserinsky, Berger, Oswald, Hartmann und alle anderen, aber die Couch haben wir direkt von Papa Freud ubernommen … Nur benutzen wir sie zum Schlafen, wogegen er Vorbehalte hatte. Also fur den Anfang mochte ich, da? Sie sich hier an das Fu?ende der Couch setzen. Ja, genau so. Sie werden eine Weile hier verbringen, also machen Sie es sich so bequem wie moglich. Sie sagten, Sie haben es schon mit Selbsthypnose versucht, nicht? Also gut, dann wenden Sie getrost die Techniken an, die Sie dafur benutzt haben. Wie sieht es mit tief Durchatmen aus? Zahlen Sie beim Einatmen bis zehn, halten Sie den Atem funf Sekunden an; ja, genau so, ausgezeichnet. Sehen Sie jetzt bitte zur Decke hinauf und uberstrecken Sie den Kopf dabei. Okay, gut so.«

Wahrend Orr gehorsam den Kopf zurucklegte, streckte Haber, der dicht neben ihm stand, rasch und lautlos die linke Hand hinter den Kopf des Mannes aus und druckte mit Daumen und einem Finger fest hinter jedes Ohr; gleichzeitig druckte er mit dem rechten Daumen und Finger fest auf die dargebotene Kehle, dicht unter dem blonden Bart, wo Vagusnerv und Halsschlagader verlaufen. Er spurte die zarte, glatte Haut unter den Fingern; er spurte die erste erschrockene Bewegung des Widerstands, dann sah er, wie die klaren Augen zufielen. Er verspurte den Nervenkitzel der Freude uber seine eigene Kunstfertigkeit, seine sofortige Dominanz uber den Patienten, wahrend er gleichzeitig leise und schnell murmelte: »Sie werden jetzt einschlafen; schlie?en Sie die Augen, schlafen Sie, entspannen Sie sich, machen Sie Ihren Verstand leer; Sie werden einschlafen, Sie sind entspannt, Sie werden ganz schlaff; entspannen Sie sich, lassen Sie los —«

Und Orr fiel nach hinten auf die Couch, als ware er erschossen worden; die rechte Hand hing schlaff an seiner Seite herunter.

Haber kniete sofort neben ihm nieder, lie? die rechte Hand leicht auf den Druckpunkten und machte keine Pause in dem leisen, raschen Schwall der Suggestion. »Sie sind jetzt in Trance, nicht im Schlaf, sondern tief in hypnotischer Trance, und Sie werden nicht daraus erwachen, bevor ich es Ihnen sage. Sie sind jetzt in Trance, und Sie gehen immer tiefer in diese Trance, aber Sie konnen immer noch meine Stimme horen und meinen Anweisungen folgen. Von nun an werden Sie jedesmal, wenn ich Sie einfach am Hals beruhre wie jetzt, sofort in hypnotische Trance fallen.« Er wiederholte die Anweisungen und fuhr fort. »Wenn ich Ihnen jetzt sage, Sie sollen die Augen offnen, werden Sie es tun und eine Kristallkugel vor sich schweben sehen. Ich mochte, da? Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf konzentrieren, und wahrend Sie das machen, werden Sie immer tiefer in Trance sinken. Schlagen Sie jetzt die Augen auf, ja, gut, und sagen Sie mir, wenn Sie die Kristallkugel sehen.«

Die hellen Augen sahen mit einem jetzt seltsam verinnerlichten Blick an Haber vorbei ins Leere. »Jetzt«, sagte der hypnotisierte Mann sehr leise.

»Gut. Sehen Sie sie weiter an und atmen Sie ganz regelma?ig dabei; bald werden Sie in einer sehr tiefen Trance sein …«

Haber sah zur Uhr hinauf. Das Ganze hatte nur rund zwei Minuten gedauert. Gut; er vergeudete nicht gern Zeit fur lange Wege, das Ziel war das entscheidende. Wahrend Orr liegend seine imaginare Kristallkugel betrachtete, stand Haber auf und setzte ihm die modifizierte Trancekappe auf, die er unablassig wegzog und

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