wieder andruckte, um die winzigen Elektroden anzupassen und unter dem dichten hellbraunen Haar an der Kopfhaut zu befestigen. Er redete viel und leise, wiederholte die Suggestion und stellte zwischendurch unverblumte Fragen, damit Orr noch nicht in den Schlaf abglitt, sondern aufmerksam blieb. Als die Kappe sich an Ort und Stelle befand, schaltete er das EEG ein und beobachtete es eine Zeitlang, um sich zu vergegenwartigen, wie Orrs Gehirn aussah.

Acht Elektrodenkabel an der Kappe fuhrten in das EEG; im Innern der Maschine zeichneten acht Stifte ununterbrochen die elektrische Aktivitat des Gehirns auf. Der Monitor, den Haber im Auge behielt, gab die Impulse direkt wieder, krakelige wei?e Linien auf dunkelgrauem Grund. Er konnte jede einzeln isolieren und vergro?ern oder eine uber die andere legen, ganz nach Belieben. Es war ein Bild, dessen er niemals uberdrussig wurde, das rund um die Uhr geoffnete Kino, der Film auf Kanal eins.

Die sigmoidalen Ausschlage, die er suchte, charakteristisch fur bestimmte schizoide Personlichkeitstypen, konnte er nicht erkennen. Das Muster insgesamt wies, abgesehen von seiner Vielfalt, nichts Ungewohnliches auf. Ein einfaches Gehirn erzeugt ein relativ einfaches Zickzack-Muster und begnugt sich damit, das standig zu wiederholen; dies war kein einfaches Gehirn. Die Bewegungsmuster waren subtil und komplex, die Wiederholungen weder haufig noch ohne Variationen. Der Computer des Verstarkers wurde sie analysieren, aber bis er diese Analyse sah, konnte Haber keinen einzelnen Faktor isolieren, abgesehen von der Komplexitat selbst.

Als er dem Patienten befahl, die Kristallkugel nicht mehr zu sehen und die Augen zu schlie?en, bekam er sofort einen starken, klaren Alpharhythmus mit zwolf Zyklen. Er spielte noch ein wenig mit dem Gehirn herum, machte Aufzeichnungen fur den Computer und prufte die Tiefe der Hypnose: »Also, John —« Nein, wie, zum Teufel, lautete der Name des Subjekts? »George. Sie werden jetzt in einer Minute einschlafen. Sie werden tief schlafen und traumen; aber Sie werden erst einschlafen, wenn ich das Wort ›Antwerpen‹ sage; wenn ich das sage, werden Sie einschlafen und schlafen, bis ich dreimal Ihren Namen nenne. Wenn Sie schlafen, werden Sie einen Traum haben, einen schonen Traum. Einen klaren, angenehmen Traum. Uberhaupt keinen bosen Traum, einen angenehmen, aber sehr deutlich und lebhaft. Sie werden sich ganz sicher daran erinnern, wenn Sie wieder aufwachen. Sie werden von —« Er zogerte einen Moment; er hatte nichts geplant, sondern sich auf seine Inspiration verlassen. »Von einem Pferd traumen. Einem gro?en kastanienroten Pferd, das auf einer Wiese galoppiert. Herumlauft. Vielleicht reiten Sie das Pferd, fangen es ein oder betrachten es nur. Aber der Traum soll von einem Pferd handeln. Ein lebhafter —« was fur ein Wort hatte der Patient benutzt? — »wirkungsvoller Traum von einem Pferd. Danach werden Sie nichts anderes mehr traumen; und wenn ich dreimal Ihren Namen nenne, werden Sie aufwachen und sich ruhig und ausgeruht fuhlen. Und jetzt versetze ich Sie in Schlaf … indem ich es sage … Antwerpen.«

Gehorsam veranderten sich die dunnen tanzenden Linien auf dem Monitor. Sie wurden kraftiger und langsamer; wenig spater tauchten die Schlafspindeln des Schlafs im Stadium 2 auf, sowie erste Andeutungen der langen, tiefen Deltarhythmen von Stadium 4. Und so, wie sich der Hirnwellenrhythmus anderte, anderte sich auch die trage Masse, die von dieser tanzenden Energie bewohnt wurde: Die Hande lagen schlaff auf der Brust, die langsam atmete, das Gesicht wirkte schief und reglos.

Der Verstarker hatte eine vollstandige Aufzeichnung des Hirnwellenmusters im Wachzustand aufgezeichnet; jetzt zeichnete er die Muster des orthodoxen Schlafs auf und analysierte sie; bald wurde er die Anfange der Muster des paradoxen Schlafs des Patienten empfangen und imstande sein, sie schon in dem ersten Traum an das schlafende Gehirn zuruckzusenden und so dessen eigene Emissionen zu verstarken. Gut moglich, da? das schon in diesem Augenblick geschah. Haber hatte mit einer Wartezeit gerechnet, aber die hypnotische Suggestion und der lange Quasi-Traumentzug des Patienten versetzten diesen sofort in den paradoxen Schlafzustand: Kaum hatte er Stadium 2 erreicht, begann der Wiederaufstieg. Die langsam kriechenden Linien auf dem Monitor schlugen mal hier, mal da aus; schlugen erneut aus; wurden schneller und fingen an zu tanzen, entwickelten einen hastigen, asynchronen Rhythmus. Nun war die Varolsbrucke aktiv und die Linie des Ammonshorns zeigte einen Funf- Sekunden-Zyklus, den Thetarhythmus, der sich bei diesem Subjekt nicht klar gezeigt hatte. Die Finger zuckten ein wenig; die Augen bewegten sich unter den geschlossenen Lidern, beobachteten; die Lippen offneten sich zu einem tiefen Atemzug. Der Schlafende traumte.

Es war 17:06 Uhr.

Um 17:11 Uhr druckte Haber auf die schwarze AUS-Taste des Verstarkers. Um 17:12 Uhr, als er abermals die tiefen Kerben und Spindeln des orthodoxen Schlafs wieder auftauchen sah, beugte er sich uber den Patienten und sagte dreimal deutlich dessen Namen.

Orr seufzte, machte eine weite, ausholende Geste mit den Armen, schlug die Augen auf und erwachte. Haber loste mit wenigen geubten Bewegungen die Elektroden von seiner Kopfhaut. »Fuhlen Sie sich gut?« fragte er jovial und selbstsicher.

»Bestens.«

»Und Sie haben getraumt. Soviel kann ich Ihnen sagen. Konnen Sie mir den Traum erzahlen?«

»Ein Pferd«, sagte Orr heiser und immer noch ein wenig schlaftrunken. Er setzte sich auf. »Er handelte von einem Pferd. Von dem da.« Und er winkte mit der Hand zu dem fenstergro?en Wandbild, das Habers Buro zierte, eine Fotografie des beruhmten Rennhengstes Tammany Hall, der in einem grasbewachsenen Pferch herumtollte.

»Was haben Sie uber das Pferd getraumt?« fragte Haber zufrieden. Er war nicht sicher gewesen, ob die Hypnosuggestion schon bei der ersten Hypnose auf den Inhalt des Traums wirken wurde.

»Es war … ich ging auf dieser Wiese spazieren, und das Pferd war eine Weile in weiter Ferne. Dann kam es zu mir galoppiert, und nach einem Moment wurde mir klar, da? es mich niedertrampeln wurde. Aber ich hatte gar keine Angst. Ich uberlegte mir, da? ich vielleicht seinen Zugel packen oder mich hinaufschwingen und es reiten konnte. Ich wu?te, da? es mir an sich gar nichts tun konnte, weil es das Pferd auf Ihrer Fotografie hier war, kein echtes. Es war alles irgendwie ein Spiel … Dr. Haber, kommt Ihnen etwas an diesem Bild … irgendwie … ungewohnlich vor?«

»Also manche Leute finden es ubertrieben dramatisch fur das Buro eines Seelenklempners, ein wenig uberwaltigend. Ein lebensgro?es Sexsymbol direkt gegenuber der Couch!« Er lachte.

»War es vor einer Stunde auch schon da? Ich meine, war da nicht eine Ansicht des Mount Hood, als ich hereinkam — bevor ich von dem Pferd getraumt habe?«

Gro?er Gott es war Mount Hood gewesen der Mann hatte recht.

Es war nicht Mount Hood gewesen es konnte nicht Mount Hood gewesen sein es war ein Pferd es war ein Pferd.

Es war ein Berg gewesen.

Ein Pferd es war ein Pferd es war —

Er sah George Orr an, sah ihn mit leerem Blick an, mehrere Sekunden mu?ten seit Orrs Frage vergangen sein, er durfte sich nicht verunsichern lassen, er mu?te Vertrauen einflo?en, er kannte die Losung fur alles.

»George, erinnern Sie sich daran, da? das Bild da eine Fotografie des Mount Hood gewesen ist?«

»Ja«, sagte Orr auf seine etwas traurige, aber unerschutterliche Art und Weise. »Ich erinnere mich. Er war es. Mit Schnee drauf.«

»Mhm.« Haber nickte abwagend, uberlegend. Die schreckliche Kalte in seiner Magengrube hatte nachgelassen.

»Sie nicht?«

Die Augen des Mannes, deren Farbe so unergrundlich, deren Blick aber so klar und direkt war: das waren die Augen eines Psychopathen.

»Nein, leider nicht. Es ist Tammany Hall, der dreifache Sieger von ’89. Ich vermisse die Pferderennen, es ist eine Schande, wie die niederen Arten durch unsere Nahrungsprobleme verdrangt werden. Naturlich ist ein Pferd der perfekte Anachronismus, aber ich mag das Bild; es besitzt Vitalitat, Kraft — totale Selbsterkenntnis auf tierischer Ebene. Es stellt gewisserma?en ein Idealbild von dem dar, was ein Psychiater mit der Humanpsychologie anstrebt, ein Symbol. Es ist naturlich die Quelle meiner Suggestion fur Ihren Traum, ich habe es zufallig betrachtet …« Haber warf einen scheelen Blick zu dem Wandbild. Naturlich war es das Pferd. »Aber horen Sie, wenn Sie eine dritte Meinung horen wollen, fragen wir Miss Crouch; sie arbeitet seit zwei Jahren hier.«

»Sie wird sagen, da? es immer ein Pferd gewesen ist«, sagte Orr ruhig, aber resigniert. »Und das war es auch immer. Seit meinem Traum. Ich dachte, Sie hatten, da Sie mir den Trauminhalt suggeriert haben, eine doppelte Erinnerung, so wie ich. Aber dem ist wohl nicht so.« Aber er hatte den Kopf nicht mehr gesenkt und

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