betrachtete Haber wieder mit dieser Klarheit, dieser Vorahnung, dieser stummen und verzweifelten Bitte um Hilfe.
Der Mann war krank. Er mu?te geheilt werden. »Ich mochte, da? Sie wiederkommen, George, und zwar morgen, wenn moglich.«
»Naja, ich arbeite —«
»Gehen Sie eine Stunde fruher und kommen Sie um vier Uhr zu mir. Sie sind in FTB. Sagen Sie das Ihrem Chef, und keine falsche Scham. Irgendwann einmal waren zweiundachtzig Prozent der Bevolkerung in FTB, ganz zu schweigen von den einunddrei?ig Prozent, die ZTB bekommen. Seien Sie also um vier Uhr hier, dann machen wir uns an die Arbeit. Wir werden Resultate erzielen, wissen Sie. Hier haben Sie ein Rezept fur Meprobamat; es wird Ihre Traume unterdrucken, ohne den paradoxen Schlaf vollig auszuschalten. Sie konnen den Vorrat alle drei Tage am Medikamentenautomaten auffrischen lassen. Wenn Sie einen Traum oder ein anderes Erlebnis haben, das Sie erschreckt, rufen Sie mich an, Tag oder Nacht. Aber ich bezweifle es, wenn sie das einnehmen; und wenn Sie bereit sind, hart mit mir an dieser Sache zu arbeiten, werden Sie bald gar keine Medikamente mehr brauchen. Das ganze Problem mit Ihren Traumen wird sich erledigen und Sie sind erlost. Richtig?«
Orr nahm die IBM-Rezeptkarte. »Das ware eine Erleichterung fur mich«, sagte er. Er lachelte ein zaghaftes, ungluckliches, aber nicht humorloses Lacheln. »Noch etwas wegen dem Pferd«, sagte er.
Haber, der einen Kopf gro?er war, sah auf ihn herab.
»Es sieht aus wie Sie«, sagte Orr.
Haber blickte hastig zu dem Wandbild. Tatsachlich. Gro?, gesund, haarig, rotbraun, im gestreckten Galopp —
»Vielleicht hatte das Pferd in Ihrem Traum Ahnlichkeit mit mir?« fragte er verschmitzt und jovial.
»So ist es«, sagte der Patient.
Als er fort war, setzte sich Haber und blickte nervos zum Wandbild der Fotografie von Tammany Hall. Es war wirklich zu gro? fur das Sprechzimmer. Verdammt, er wunschte, er konnte sich eine Praxis mit einem Fenster mit Aussicht leisten!
3
Jene, denen der Himmel hilft, nennen wir Sohne des Himmels. Sie erlernen dies nicht durch Lernen. Sie erarbeiten es sich nicht durch Arbeit. Sie entratseln es nicht durch Vernunft. Das Verstehen vor dem einzuschranken, was nicht zu verstehen ist, ist eine gro?e Leistung. Wer es nicht kann, wird durch die Gei?el des Himmels vernichtet werden.
George Orr beendete seine Arbeit um 16:30 Uhr und ging zur Haltestelle der U-Bahn; er hatte kein Auto. Hatte er gespart, hatte er sich vielleicht einen VW Steamer und die Kraftfahrzeugsteuer darauf leisten konnen, aber wozu? Die Innenstadt war fur Automobile gesperrt, und er wohnte in der Innenstadt. Er hatte zwar damals in den achtziger Jahren fahren gelernt, aber nie ein Auto besessen. Er fuhr mit der Vancouver-Bahn nach Portland zuruck. Die Zuge waren schon brechend voll; er stand au?er Reichweite der Halteschlaufen oder Stangen und wurde lediglich vom Druck der Leiber auf allen Seiten gestutzt und ab und an sogar von den Fu?en gehoben, so da? er frei schwebte, wenn der Druck der Menge
An der Haltestelle East Broadway stieg er aus und zwangte sich vier Hauserblocks weit durch die zunehmende Feierabendmenge bis zum Willamette East Tower, einer hohen, protzigen, schabigen Saule aus Beton und Glas, die in dem Dschungel vergleichbarer Gebaude mit der Verbissenheit einer Pflanze um Licht und Luft kampfte. Nur sehr wenig Licht und Luft drangen bis zur Stra?e herunter, und das bi?chen war warm und von feinem Nieselregen erfullt. Regen stellte eine alte Tradition von Portland dar, aber die Warme — zwanzig Grad Celsius am zweiten Marz — war modern, eine Folge der Luftverschmutzung. Stadtische und industrielle Emissionen waren nicht rechtzeitig genug eingedammt worden, um die kumulativen Entwicklungen umzukehren, die sich bereits Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts angedeutet hatten; es wurde noch mehrere Jahrhunderte dauern, bis das CO2 aus der Atmosphare verschwunden war — wenn uberhaupt. New York wurde eines der gro?eren Opfer des Treibhauseffekts werden, da die Polkappen weiter abschmolzen und der Meeresspiegel anstieg; tatsachlich jedoch befand sich ganz Boswash in Gefahr. Aber es gab auch einen Ausgleich dafur. Der Pegel in der Bucht von San Francisco stieg an und wurde alle Hunderte Quadratmeilen an Aufschuttungen und Mullhalden, die man seit 1848 hineingekippt hatte, bedecken. Was Portland anging, achtzig Meilen und ein Kustengebirgszug lagen zwischen der Stadt und dem Meer, es wurde nicht vom ansteigenden Wasser bedroht: Nur vom fallenden Wasser.
Es hatte im westlichen Oregon immer viel geregnet, aber jetzt regnete es ununterbrochen, gleichma?ig, konstant. Es war, als wurde man in einem ewigen Wolkenbruch warmer Suppe leben.
Die neuen Stadte — Umatilla, John Day, French Glen — lagen ostlich der Cascades in einem Gebiet, das vor drei?ig Jahren Wuste gewesen war. Im Sommer war es dort immer noch sengend hei?, aber die Niederschlagsmenge lag nur bei eintausend Millimetern, in Portland waren es immerhin zweitausendzweihundert Millimeter. Intensiver Ackerbau lag im Bereich des Moglichen: die Wuste bluhte und gedieh. French Glen besa? bereits eine Bevolkerung von sieben Millionen. Portland, mit drei Millionen und ohne Wachstumspotential, war im unaufhaltsamen Lauf des Fortschritts langst weit zuruckgefallen. Das war nichts Neues fur Portland. Und was machte es schon aus? Unterernahrung, Uberbevolkerung und ein hohes Ma? an Umweltverschmutzung gehorten zur Tagesordnung. In den alten Stadten gab es mehr Skorbut, Typhus und Hepatitis, in den neuen mehr Bandenkriminalitat, Verbrechen und Morde. In den einen regierten die Ratten, in den anderen die Mafia. George Orr blieb in Portland, weil er sein ganzes Leben hier verbracht und keinen Grund zu der Annahme hatte, da? das Leben anderswo besser oder anders sein wurde.
Miss Crouch, die desinteressiert lachelte, fuhrte ihn gleich hinein. Orr hatte geglaubt, da? die Praxen von Psychiatern immer einen Vorder- und einen Hintereingang hatten, wie ein Kaninchenbau. Hier schien es nicht so zu sein, dennoch bezweifelte er, da? Patienten, die kamen und gingen, einander begegnen wurden. In der Uniklinik hatten sie gesagt, da? Dr. Haber nur eine kleine psychiatrische Praxis besa? und sich mehr der Forschung widmete. Das hatte ihm einen Eindruck von Erfolg und Exklusivitat vermittelt, den das selbstbewu?te und joviale Gebaren des Arztes bestatigte. Aber heute war er nicht mehr so nervos und sah mehr. Die Praxis strahlte nicht die vornehme Leder-und-Platin-Atmosphare finanziellen Erfolgs aus, aber auch nicht die heimelige Schlampigkeit wissenschaftlichen Desinteresses. Stuhle und Couch waren aus Plastik, der Schreibtisch aus Metall mit einer dunnen Holzimitatschicht aus Resopal. Uberhaupt nichts machte einen echten Eindruck. »Guten Tag!« polterte Dr. Haber mit seinen wei?en Zahnen, der rotbraunen Mahne und der hunenhaften Gestalt.
Diese Frohlichkeit war ungespielt, aber ubertrieben. Der Mann besa? eine Herzlichkeit, ein extrovertiertes Gemut, die echt waren; aber sie wurden ubertuncht von professionellen Manierismen und durch den einstudierten Einsatz des Arztes verzerrt. Orr spurte den Wunsch, gemocht zu werden, und den Drang zu helfen in dem Arzt; der Doktor, fand er, war nicht ganz davon uberzeugt, da? andere Menschen existierten, und wollte ihre Existenz beweisen, indem er ihnen half. Er posaunte sein »Guten Tag!« deshalb so laut hinaus, weil er nie sicher war, ob er eine Antwort bekommen wurde. Orr wollte etwas Freundliches sagen, aber nichts Personliches schien angemessen. »Sieht so aus, als wurde Afghanistan in den Krieg eintreten«, sagte er.
»Mhm, das steht schon seit letztem August in den Karten.« Er hatte wissen mussen, da? der Arzt in Sachen Weltpolitik besser informiert sein wurde als er selbst; er war generell nur halb informiert und hinkte den Ereignissen drei Wochen hinterher. »Ich glaube aber nicht, da? das die Alliierten erschuttern wird«, fuhr Haber
