hier. Ich mu? jetzt los, ich gehe zu Fu? zur Arbeit, verdammt, zehn Minuten von hier, das staatliche Wohnheim in der Macadam.« Die Luftmatratze federte, als er aufstand. »Wissen Sie, da? allein in diesem Gebaudekomplex zweihundertsechzig Kinder an Kwashiorkor leiden? Allesamt aus Familien mit geringem Einkommen oder von der Wohlfahrt abhangig, und die bekommen einfach keine Proteine. Und was, zum Teufel, soll ich dagegen machen? Ich habe funf verschiedene Antrage gestellt, damit diese Kinder wenigstens die Minimalration Proteine erhalten, aber die kommen einfach nicht bei, nichts als Papierkrieg und Ausreden. Leute, die von der Wohlfahrt leben, konnen es sich leisten, anstandiges Essen zu kaufen, bekomme ich immer wieder zu horen. Klar, was aber wenn man dieses Essen nirgendwo kaufen kann? Ach, zum Teufel damit. Ich gebe ihnen ein paar Dosen Vitamin C und tue so, als wurden sie nur an Skorbut leiden und nicht verhungern …«

Die Tur fiel ins Schlo?. Die Luftmatratze federte erneut, als Mannie sich dorthin setzte, wo der Arzt gesessen hatte. Ein schwacher Geruch, su?lich, wie von frisch geschnittenem Gras, breitete sich aus. Aus der Dunkelheit geschlossener Lider, dem Nebel, der uberall ringsum aufstieg, drang wie aus weiter Ferne Mannies Stimme. »Ist es nicht wunderbar, am Leben zu sein?«

2

Das Tor zu Gott ist Nicht-Sein.

Dschuang-Dsi, XXIII

Dr. William Habers Praxis hatte keine Aussicht auf Mount Hood. Es handelte sich um eine der innen gelegenen Gewerbesuiten im dreiundsechzigsten Stock des Willamette East Tower und hatte uberhaupt keine Aussicht. Aber eine der fensterlosen Wande zeigte ein gro?es fotografisches Wandbild von Mount Hood, und das betrachtete Dr. Haber, als er uber Sprechanlage mit seiner Vorzimmerdame redete.

»Wer ist dieser Orr, der jetzt drankommt, Penny? Der Hysteriker mit den Leprasymptomen?«

Sie sa? nur drei Schritte jenseits der Mauer von ihm entfernt, aber eine Burosprechanlage weckt, ebenso wie ein Diplom an der Wand, Zuversicht beim Patienten wie auch beim Arzt. Und es gehort sich nicht, da? ein Psychiater selbst die Tur aufrei?t und »Der Nachste!« ruft.

»Nein, Doktor, das ist Mr. Greene morgen um zehn. Dies ist der, den uns Dr. Walters von der Universitatsklinik herschickt, ein FTB-Fall.«

»Medikamentenmi?brauch. Richtig. Ich habe die Akte hier. Okay, schicken Sie ihn rein, wenn er da ist.«

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da konnte er den Fahrstuhl aufheulen und anhalten, die Turen zischend aufgehen horen; danach Schritte, Zogern, die Vorzimmertur, die geoffnet wurde. Au?erdem konnte er jetzt, wo er horchte, Turen, Schreibmaschinen und Toilettenspulungen den ganzen Flur hinauf und hinab und auf den Stockwerken uber und unter sich horen. Der wahre Trick bestand darin, sie nicht zu horen. Die einzig verbliebenen soliden Wande befinden sich im Kopf.

Wahrend Penny die Formalitaten des ersten Besuchs mit dem Patienten durchging und Dr. Haber wartete, betrachtete er abermals das Wandbild und fragte sich, wann diese Fotografie gemacht worden sein konnte. Blauer Himmel, Schnee von den Vorgebirgen bis zum Gipfel. Zweifellos schon vor geraumer Zeit, in den sechziger oder siebziger Jahren. Die Folgen des Treibhauseffekts hatten sich nur langsam gezeigt, und Haber, der 1962 geboren worden war, konnte sich deutlich an den blauen Himmel seiner Kindheit erinnern. Heute war der ewige Schnee von allen Bergen der Erde verschwunden, sogar vom Everest, sogar vom Erebus mit seinem Feuerschlund an der Kuste der antarktischen Wuste. Aber naturlich hatten sie auch eine moderne Fotografie nachkolorieren, den blauen Himmel und den wei?en Gipfel falschen konnen; schwer zu sagen.

»Guten Tag, Mr. Orr!« sagte er, stand auf, lachelte, streckte jedoch nicht die Hand aus, denn viele Patienten litten heutzutage unter einer ausgepragten Abscheu vor Korperkontakt.

Der Patient zog unsicher die fast dargebotene Hand zuruck und fingerte nervos an seiner Halskette. »Wie geht es Ihnen?« sagte er. Die Halskette war das ubliche Modell, lang und aus versilbertem Stahl. Gewohnliche Kleidung, Buroangestelltenstandard; Haarschnitt konservativ schulterlang, Bart kurz. Helle Haare und Augen, ein kleiner, zierlicher, blonder Mann, leicht unterernahrt, bei guter Gesundheit, zwischen achtundzwanzig und zweiunddrei?ig Jahren. Unaggressiv, sanftmutig, ein Hasenfu?, selbstbeherrscht, konventionell. Der wichtigste Zeitraum der Beziehung zu einem Patienten, sagte Haber haufig, waren die ersten zehn Sekunden.

»Setzen Sie sich, Mr. Orr. Prima! Rauchen Sie? Die mit braunen Filtern beruhigen, die mit wei?en sind nikotinfrei.« Orr rauchte nicht. »Also, mal sehen, ob wir Ihre Situation richtig einschatzen. Das Gesundheitsamt mochte wissen, warum Sie sich die Pharmaziekarten Ihrer Freunde ausgeborgt haben, um sich mehr als die Ihnen zustehende Ration Aufputschmittel und Schlaftabletten am Medikamentenautomaten zu beschaffen. Richtig? Darum haben die Sie zu den Jungs auf dem Hugel geschickt, und die wiederum haben Freiwillige Therapeutische Behandlung vorgeschlagen und Sie zur Therapie an mich uberwiesen. Alles korrekt?«

Er horte seinen eigenen jovialen, entspannten Tonfall, der sorgfaltig einstudiert war, damit sich die andere Person entspannte; aber der hier war alles andere als entspannt. Er blinzelte haufig, seine Sitzhaltung wirkte verkrampft, die Haltung seiner Hande ubertrieben formlich: das klassische Bild unterdruckter Nervositat. Er nickte, als wurde er gleichzeitig nach Luft ringen.

»Okay, prima, das ist nichts Ungewohnliches. Wenn Sie Ihre Tabletten gehortet hatten, um sie an Suchtige zu verkaufen oder einen Mord zu begehen, sa?en Sie jetzt in der Patsche. Aber da Sie sie selbst genommen haben, ist Ihre Strafe nicht schlimmer als ein paar Sitzungen bei mir! Aber ich mochte naturlich wissen, warum Sie sie genommen haben, damit wir dann gemeinsam einen besseren Lebensplan fur Sie ausarbeiten konnen, der einerseits dafur sorgt, da? Sie innerhalb der Dosierungslimits Ihrer Pharmaziekarte bleiben, Sie aber andererseits vielleicht vollig von der Medikamentenabhangigkeit heilt. Sie haben gewohnheitsma?ig«, er warf einen kurzen Blick in den Ordner, den die Uniklinik geschickt hatte, »zwei Wochen Barbiturate eingenommen, dann ein paar Nachte zu Dextroamphetamin gewechselt, und dann wieder zuruck zu Barbituraten. Wie fing das an? Schlaflosigkeit?«

»Ich schlafe gut.«

»Aber Sie haben Alptraume.«

Der Mann sah angstlich auf: ein Anflug unverhohlenen Entsetzens. Das wurde ein einfacher Fall werden. Er hatte keine Schutzmechanismen.

»Irgendwie schon«, sagte er heiser.

»Das war fur mich leicht zu erraten, Mr. Orr. Sie schicken mir normalerweise die mit Traumen.« Er grinste den kleinen Mann an. »Ich bin Traumspezialist. Buchstablich. Oneirologe. Schlaf und Traume sind mein Metier. Okay, damit komme ich zur nachsten klugen Schlu?folgerung, namlich der, da? Sie das Phenobarbiturat genommen haben, um die Traume zu unterdrucken, aber feststellen mu?ten, da? das Medikament bei zunehmender Gewohnung Traume immer weniger unterdruckt, und schlie?lich gar nicht mehr. So ahnlich verhalt es sich mit dem Dexedrin. Also haben Sie sie abwechselnd genommen. Richtig?«

Der Patient nickte steif.

»Warum war der Zeitraum der Einnahme von Dexedrin stets kurzer?«

»Es machte mich nervos.«

»Das kann ich mir denken. Und die letzte kombinierte Dosis, die Sie einnahmen, brachte das Fa? zum Uberlaufen. War aber an sich nicht gefahrlich. Trotzdem haben Sie etwas Gefahrliches gemacht, Mr. Orr.« Er legte eine rhetorische Pause ein. »Sie haben Ihre Traume unterdruckt.«

Der Patient nickte abermals.

»Wurden Sie versuchen, Nahrungs- und Wasseraufnahme zu unterdrucken, Mr. Orr? Haben Sie in letzter Zeit einmal versucht, ohne Luft auszukommen?«

Er wahrte den jovialen Tonfall, und der Patient brachte ein kurzes, ungluckliches Lacheln zustande.

»Sie wissen, da? Sie Schlaf brauchen. So, wie Sie Nahrung, Wasser und Luft brauchen. Aber ist Ihnen klar, da? Schlaf allein nicht ausreicht, da? Ihr Korper ebenso nachdrucklich darauf besteht, sein geruttelt Ma? an Traumschlaf zu bekommen? Wenn Ihrem Gehirn systematisch alle Traume entzogen werden, wird es ziemlich merkwurdige Dinge mit Ihnen anstellen. Es wird Sie gereizt, hungrig und unkonzentriert

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