beschnitt. Inzwischen verbrachte er nur noch funf oder sechs Stunden pro Woche im Labor und hatte selbst nur noch einen einzigen Patienten, obwohl er naturlich die Therapie verschiedener anderer uberwachte.

Den einen Patienten behielt er freilich. Immerhin war er ja Psychiater. Er hatte sich der Schlafforschung und Oneirologie uberhaupt nur zugewandt, um therapeutische Anwendungsmoglichkeiten zu finden. Theoretisches, weltfremdes Wissen, Wissenschaft um der Wissenschaft willen: es hatte keinen Sinn, etwas zu lernen, wenn man keinen praktischen Nutzen daraus ziehen konnte. Relevanz war sein Prufstein. Er wurde immer einen Patienten behalten, um sich selbst an diese grundsatzliche Verpflichtung zu erinnern, um in Kontakt mit der menschlichen Realitat seiner Forschungen in Form der gestorten Personlichkeitsstruktur individueller Menschen zu bleiben. Eine Person definiert sich ausschlie?lich uber das Ma? ihres Einflusses auf andere Menschen, durch die Sphare ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen; und Ethik ist ein ganz und gar sinnloser Begriff, wenn man sie nicht als das Gute definiert, das man anderen erweist, als die Erfullung der eigenen Funktion im soziopolitischen Ganzen.

Orr, sein aktueller Patient, kam heute um sechzehn Uhr, denn sie hatten die nachtlichen Sitzungen aufgegeben; und Miss Crouch erinnerte um die Mittagszeit daran, da? bei der heutigen Sitzung eine Gutachterin des Gesundheitsamts anwesend sein wurde; um sich zu vergewissern, da? nichts Ungesetzliches, Unmoralisches, Ungebuhrliches Un- usw. mit der Anwendung des Verstarkers einher ging. Gottverdammte naseweise Behorden.

Das waren die Nachteile des Erfolgs und seiner Begleiterscheinungen Rampenlicht, offentliche Neugier, Neid und Mi?gunst, Kollegenrivalitat. Ware er noch ein Privatforscher, der sich im Schlaflabor der Uniklinik und einer zweitklassigen Praxis im Willamette East Tower abqualte, hatte ganz bestimmt niemand von dem Verstarker Notiz genommen, bis er ihn zur Marktreife entwickelt hatte, und man hatte ihn in Ruhe gelassen, bis er das Gerat und seine Applikationen verbessert und perfektioniert gehabt hatte. Jetzt war er mit dem intimsten und komplexesten Teil seines Metiers beschaftigt, Psychotherapie mit einem gestorten Patienten, und der Staat wu?te nichts Besseres, als ihm einen Anwalt ins Haus zu schicken, der nicht die Halfte von dem verstand, was vor sich ging, und den Rest falsch verstand.

Der Anwalt traf um 15:45 Uhr ein, und Haber kam unverzuglich ins Vorzimmer, um ihn — sie, wie sich herausstellte — zu begru?en und gleich von Anfang an einen freundschaftlichen, herzlichen Eindruck zu hinterlassen. Es lief besser, wenn sie sahen, da? man angstfrei, kooperativ und personlich umganglich war. Viele Arzte machten kein Hehl aus ihren Vorbehalten, wenn ein Inspektor des Gesundheitsamts sie besuchte; und diese Arzte erhielten folgerichtig nicht viele staatliche Forschungsgelder.

Es war nicht ganz leicht, freundschaftlich und herzlich mit der Anwaltin umzugehen. Sie schnappte und klickte. Schwerer Messingschnappverschlu? an der Handtasche, schwerer, klirrender Kupfer- und Messingschmuck, Schuhe mit Blockabsatzen, ein wuchtiger Silberring mit einer abscheulich ha?lichen afrikanischen Maske, stirnrunzelnde Augenbrauen, harte Stimme: klack, schepper, schnapp … In den zweiten zehn Sekunden kam Haber zu der Uberzeugung, da? das alles tatsachlich eine Maske war, wie der Ring schon verriet: viel Schall und Wahn, die Unsicherheit kaschierten. Das ging ihn freilich nichts an. Er wurde die Frau hinter der Maske niemals kennenlernen, und sie war auch nicht relevant, wenn er nurden richtigen Eindruck auf Miss Lelache, die Anwaltin, machen konnte.

Es lief zwar nicht herzlich, aber es lief auch nicht schlecht; sie war kompetent, sie hatte schon ahnliche Aufgaben absolviert, und sie hatte ihre Hausaufgaben fur diesen speziellen Auftrag gemacht. Sie konnte die richtigen Fragen stellen und zuhoren.

»Dieser Patient, George Orr«, sagte sie, »der ist kein Suchtiger, richtig? Stellen Sie nach einer dreiwochigen Therapie die Diagnose psychotisch oder geistesgestort?«

»Geistesgestort, wie das Gesundheitsamt das Wort definiert. Schwer geistesgestort und mit kunstlicher Realitatsorientierung, aber nach der aktuellen Therapie auf dem Weg der Besserung.«

Sie hatte einen Taschenrekorder dabei und zeichnete das alles auf: alle funf Sekunden machte das Ding biep, wie es das Gesetz verlangte.

»Konnten Sie mir die Therapie, die Sie anwenden, bitte beschreiben, biep, und erklaren, welche Rolle dieses Gerat dabei spielt? Erzahlen Sie mir nicht, biep, wie es funktioniert, das steht in Ihrem Bericht, sondern, was es macht. Biep, wie unterscheidet sich seine Anwendung zum Beispiel vom Elektroson oder der Trancekappe?«

»Also, diese Gerate erzeugen, wie Sie wissen, verschiedene niederfrequente Impulse, die die Nervenzellen in der Gro?hirnrinde stimulieren. Diese Signale konnte man laienhaft als allgemein bezeichnen; ihre Wirkung auf das Gehirn wird in einer Art und Weise erreicht, die im wesentlichen vergleichbar ist mit der von Stroboskoplicht in einem kritischen Rhythmus oder einem auralen Stimulus, wie etwa einem Trommelschlag. Der Verstarker sendet ein ganz bestimmtes Signal, das von einem ganz bestimmten Bereich des Gehirns empfangen werden kann. Zum Beispiel kann man ein Subjekt so trainieren, da? es willentlich Alpharhythmen produziert, wie Ihnen sicher bekannt ist; aber der Verstarker kann das ohne Training induzieren, und das obendrein in einem Zustand, in dem das Subjekt normalerweise nicht fur den Alpharhythmus empfanglich ist. Er speist einen Alpharhythmus von neun Zyklen durch angemessen plazierte Elektroden ein, und das Gehirn kann diesen Rhythmus schon Sekunden spater akzeptieren und so gleichma?ig wie ein Zen-Buddhist in Trance Alphawellen erzeugen. Auf dieselbe Weise kann man, was nutzlicher ist, jedes Schlafstadium mit seinen typischen Zyklen und regionalen Gehirntatigkeiten induzieren.«

»Stimuliert er auch das Lustzentrum oder das Sprachzentrum?«

Oh, das moralinsaure Funkeln im Auge eines jeden Gesundheitsinspektors, wenn das Lustzentrum zur Sprache kam! Haber verbarg jeden Anflug von Ironie und Unmut und antwortete ganz im Tonfall freundlicher Aufrichtigkeit. »Nein. Es handelt sich nicht um ESB, wissen Sie. Es ist nicht wie eine elektrische Stimulation oder eine chemische Stimulation eines Zentrums; es beinhaltet keinerlei Einflu? auf bestimmte Bereiche des Gehirns. Der Verstarker bewirkt lediglich, da? sich die gesamte Tatigkeit des Gehirns verandert, da? es in ein anderes seiner naturlichen Stadien wechselt. Es ist ein bi?chen wie eine eingangige Melodie, ein Ohrwurm, bei dem man sofort mit den Fu?en mitwippt. Das Gehirn tritt also in das Stadium ein, das fur die Therapie gewunscht wird, und verharrt darin, solange es notwendig ist. Ich habe das Gerat absichtlich Verstarker genannt, um seine nichtkreative Funktion zu betonen. Nichts wird von au?en aufgezwungen. Der Schlaf, der mittels des Verstarkers induziert wird, ist exakt und im wahrsten Sinne des Wortes Schlaf, wie er fur dieses bestimmte Gehirn normal ist. Der Unterschied zwischen dem Verstarker und den Elektroschlafmaschinen ist wie der zwischen einem Ma?anzug und einem Anzug von der Stange. Der Unterschied zwischen ihm und Elektrodenimplantation ist — oh, verdammt — der zwischen einem Skalpell und einem Vorschlaghammer!«

»Aber wie erzeugen Sie die Stimuli, die Sie benutzen? Zeichnen Sie biep zum Beispiel einen Alpharhythmus von einem Subjekt auf und verwenden ihn bei einem anderen biep

Diesem Thema war er bislang ausgewichen. Er hatte naturlich nicht vor, zu lugen, aber es hatte schlicht und einfach keinen Sinn, uber noch laufende Forschungen zu sprechen, bis sie abgeschlossen und erprobt worden waren; das konnte bei einem Laien einen vollkommen falschen Eindruck erwecken. Er setzte unbekummert zu einer Antwort an und war froh, da? er seine eigene Stimme horte und nicht ihr Scheppern und Klirren und Biepen; es war schon recht seltsam, da? er nur diese nervtotenden kleinen Gerausche vernahm, wenn sie redete. »Zuerst benutzte ich ein allgemeines Set von Stimuli, einen Durchschnitt aus den Aufzeichnungen meiner Subjekte. Die in meinem Bericht erwahnte depressive Patientin wurde auf diese Weise erfolgreich behandelt. Aber ich fand, da? die Wirkung zufalliger und willkurlicher ausfiel, als mir lieb war. Ich fing an, zu experimentieren. Naturlich mit Tieren. Katzen. Wir Schlafforscher lieben Katzen, wissen Sie; die schlafen viel!

Jedenfalls fand ich mit den Versuchstieren heraus, da? die vielversprechendste Vorgehensweise die war, bei der ich Rhythmen benutzte, die ich vorher vom eigenen Gehirn des Subjekts aufgezeichnet hatte. Eine Art von Autostimulation via Aufzeichnung. Mir geht es um das Spezifische, wissen Sie. Ein Gehirn reagiert sofort auf den eigenen Alpharhythmus, und zwar spontan. Freilich tun sich auch eine Reihe therapeutischer Moglichkeiten in anderen Forschungsbereichen auf. Es konnte moglich sein, das Muster des Patienten nach und nach mit einem anderen Muster zu uberlagern: einem gesunderen oder vollstandigeren Muster. Einem, das vorher vom Subjekt selbst oder einem anderen Subjekt aufgezeichnet wurde. Das konnte sich als enorm hilfreich bei Fallen von Hirnschadigungen, Lasionen, Traumata erweisen; es konnte ein beschadigtes Gehirn dabei unterstutzen, seine alten Gewohnheiten in frischen Kanalen neu zu etablieren — etwas, worum sich das Gehirn selbst verbissen und ausgiebig bemuht. Man konnte es benutzen, um ein abnormal funktionierendes Gehirn neue Gewohnheiten zu ›lehren‹, und so weiter. Beim momentanen Stand der Dinge ist das freilich noch rein spekulativ, wenn und falls ich

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