aber weiter munter drauflos; was auch immer erforderlich sein wurde, um den Bann zu brechen. »Ich versetze ihn jetzt in eine kurze Phase orthodoxen Schlafs. Aber nicht zu lange, sonst ist seine Erinnerung an den Traum vage. Eine schone Aussicht, nicht wahr? Diese Ostwinde, die wir haben, sind ein Geschenk des Himmels. Im Herbst und Winter kann ich die Berge manchmal monatelang nicht sehen. Aber wenn sich die Wolken verziehen, dann sind sie da. Ein herrliches Land, Oregon. Der unberuhrteste Bundesstaat. Wurde vor dem Zusammenbruch nicht so sehr ausgebeutet. Portlands Wachstum begann erst in den spaten siebziger Jahren. Wurden Sie in Oregon geboren?«

Nach einer Minute nickte sie benommen. Der sachliche Tonfall seiner Stimme drang allmahlich zu ihr durch, wenn auch sonst nichts.

»Ich stamme eigentlich aus New Jersey. Dort war es schrecklich wahrend meiner Kindheit, wegen der Umweltverschmutzung. Es ist unglaublich, wieviel nach dem Zusammenbruch an der Ostkuste abgerissen und wieder aufgeforstet werden mu?te und noch wird. Hier drau?en hatten Uberbevolkerung und eine verfehlte Umweltpolitik noch keine so gravierenden Schaden angerichtet, au?er in Kalifornien. Das Okosystem von Oregon war noch intakt.« Es war gefahrlich, dieses unverblumte Gesprach uber das kritische Thema, aber etwas anderes fiel ihm nicht ein: er handelte wie unter einem Zwang. Sein Kopf war zu voll, er enthielt zwei verschiedene Erinnerungen, zwei vollstandige Informationssysteme: eines der (nicht mehr) realen Welt mit einer Weltbevolkerung von knapp sieben Milliarden, die wie eine geometrische Reihe anwuchs, und eines der (jetzt) realen Welt mit einer Bevolkerung von nicht einmal einer Milliarde, die sich immer noch nicht stabilisiert hatte.

Mein Gott, dachte er, was hat Orr getan?

Sechs Milliarden Menschen.

Wo sind die?

Aber die Anwaltin durfte nichts merken. Das durfte sie nicht. »Schon mal im Osten gewesen, Miss Lelache?«

Sie sah ihn vage an. »Nein«, sagte sie.

»Wozu auch. New York ist ohnehin dem Untergang geweiht, und Boston; die Zukunft dieses Landes liegt jedenfalls hier. Dies hier ist der Wachstumskern. Hier geht die Post ab, wie man zu sagen pflegte, als ich noch ein Kind war! Ich habe mich ubrigens gefragt, ob Sie Dewey Furth vom hiesigen Gesundheitsamt personlich kennen.«

»Ja«, sagte sie, immer noch wie belemmert, aber allmahlich reagierte und verhielt sie sich so, als ware nichts geschehen. Ein regelrechter Krampf der Erleichterung lief durch Habers Korper. Plotzlich wollte er sich setzen, tief durchatmen. Die Gefahr war uberstanden. Sie lehnte das unglaubliche Erlebnis ab. Sie fragte sich gerade: Was ist mit mir los? Warum, um alles in der Welt, habe ich aus dem Fenster gesehen und geglaubt, ich wurde eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern sehen? Habe ich einen Anfall von geistiger Verwirrung gehabt?

Naturlich, dachte Haber, wurde ein Mann, der ein Wunder gesehen hat, seinen Augen nicht trauen, wenn alle in seiner unmittelbaren Nahe nichts gesehen hatten.

»Es ist stickig hier drin«, sagte er mit einem Hauch Besorgnis in der Stimme und ging zu dem Thermostat an der Wand. »Ich sorge fur Warme; alte Gewohnheit von Schlafforschern; die Korpertemperatur sinkt im Schlaf, und man hat es nicht so gern, wenn sich ein Subjekt oder ein Patient eine Erkaltung holt. Aber diese Elektroheizung ist zu gut, sie macht zu warm, dann wird mir ganz plumerant … Er mu?te jetzt bald aufwachen.« Aber er wollte nicht, da? sich Orr zu deutlich an seinen Traum erinnern, da? er ihn wiedergeben und das Wunder bestatigen konnte. »Ich glaube, ich lasse ihn noch eine Weile schlafen, mir liegt nicht soviel daran, da? er sich genau an seinen Traum erinnert, und im Augenblick befindet er sich im dritten Schlafstadium. Lassen wir ihn da, wahrend wir unser Gesprach fortsetzen. Wollten Sie sonst noch etwas von mir wissen?«

»Nein. Nein, ich glaube nicht.« Ihre Armreife klirrten unsicher. Sie blinzelte und versuchte, sich wieder in die Gewalt zu bekommen. »Wenn Sie eine detaillierte Beschreibung Ihrer Maschine hier, ihrer Funktionen und ihrer aktuellen Anwendung, sowie alle Resultate an Mr. Furths Buro schicken, mu?te die Angelegenheit eigentlich erledigt sein … Haben Sie ein Patent fur das Gerat?«

»Es ist angemeldet.«

Sie nickte. »Konnte lukrativ sein.« Sie war leise klirrend und scheppernd zu dem schlafenden Mann gegangen, und jetzt blickte sie mit einem seltsamen Ausdruck ihres schmalen, braunen Gesichts auf ihn hinab.

»Sie haben einen merkwurdigen Beruf«, sagte sie unvermittelt. »Traume; die Funktion der Gehirne anderer Menschen beobachten; ihnen befehlen, was sie traumen sollen … ich nehme an, da? Sie einen gro?en Teil Ihrer Forschungen nachts durchfuhren?«

»Fruher. Der Verstarker kann uns einen Teil davon abnehmen; wenn wir ihn einsetzen, bekommen wir jederzeit genau den Schlaf, den wir haben mochten. Aber vor ein paar Jahren gab es eine Zeit, da kam ich dreizehn Monate lang keinen Tag vor sechs Uhr morgens ins Bett.« Er lachte. »Heute prahle ich damit. Mein Rekord. Inzwischen ubernimmt mein Personal den gro?ten Teil der Nachtschicht. Das sind die kleinen Vorteile des Alters.«

»Schlafende Menschen sind so entruckt«, sagte sie und sah Orr immer noch an. »Wo sind sie …?«

»Genau hier«, sagte Haber und klopfte auf den EEG-Monitor. »Genau hier, aber kommunikationsunfahig. Das kommt den Menschen am Schlaf so unheimlich vor. Seine vollkommene Abgeschiedenheit. Der Schlafende kehrt allen den Rucken zu. ›Das Mysterium des Individuums ist im Schlaf am ausgepragtesten‹ hat ein Autor in meinem Fachgebiet geschrieben. Aber naturlich ist ein Mysterium lediglich ein Problem, das wir noch nicht gelost haben! … Jetzt mu?te er aufwachen. George … George … wachen Sie auf, George.«

Und er erwachte wie immer, rasch, wechselte ohne Stohnen, stiere Blicke oder Benommenheit von einem Stadium ins andere. Er setzte sich auf und sah zuerst Miss Lelache an, dann Haber, der ihm gerade die Trancekappe vom Kopf gezogen hatte. Er stand auf, streckte sich ein wenig und ging zum Fenster. Dort blieb er stehen und blickte hinaus.

Die Haltung seiner schmachtigen Gestalt hatte etwas einzigartig Zwingendes, fast Monumentales. Er stand vollkommen still, so still wie das Auge eines Sturms. Sowohl Haber wie auch die Frau fuhlten sich ertappt und sagten kein Wort.

Orr drehte sich um und sah Haber an.

»Wo sind sie?« fragte er. »Wo sind sie alle hin?«

Haber sah, wie die Augen der Frau gro? wurden, sah die Anspannung in ihr aufsteigen und erkannte die Gefahr. Reden, er mu?te reden! »Wie ich dem EEG entnehmen kann«, sagte er und horte seine Stimme tief und herzlich ertonen, genau wie er es wollte, »haben Sie gerade einen au?erordentlich emotionalen Traum gehabt, George. Er scheint beangstigend gewesen zu sein; tatsachlich konnte man vermutlich fast von einem Alptraum sprechen. Der erste ›bose‹ Traum, den Sie hier hatten. Richtig?«

»Ich traumte vom Schwarzen Tod«, sagte Orr; er erschauerte von Kopf bis Fu?, als wurde ihm ubel.

Haber nickte. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Mit der ihm eigenen Fugsamkeit, seiner Angewohnheit, stets das Gewohnheitsma?ige und Akzeptable zu machen, folgte ihm Orr und nahm auf dem fur Gesprachspartner und Patienten reservierten Ledersessel Platz.

»Sie mu?ten einen gro?en Brocken bewaltigen, und es war nicht einfach, ihn zu bewaltigen. Richtig? Es war das erste Mal, George, da? ich Sie eine echte Angst im Traum erleben lie?. Diesmal haben Sie sich, unter meiner Anleitung und wie in der Hypnose suggeriert, mit einem der tieferen Elemente Ihrer psychischen Malaise auseinandergesetzt. Die Vorgehensweise war weder leicht noch angenehm. Der Traum ist regelrecht die Holle gewesen, nicht wahr?«

»Erinnern Sie sich an die Jahre des Schwarzen Todes?« erkundigte sich Orr, nicht aggressiv, aber mit einer Spur von etwas Ungewohnlichem in seiner Stimme: Sarkasmus? Und er drehte sich zu der Lelache um, die sich in ihrem Sessel in der Ecke verkrochen hatte.

»Ja, ich erinnere mich. Ich war bereits ein erwachsener Mann, als die erste Epidemie ausbrach. Ich war zweiundzwanzig, als in Ru?land zum erstenmal offentlich bekanntgegeben wurde, da? chemische Verunreinigungen in der Atmosphare im Zusammenspiel virulente Karzinogene bildeten. Am nachsten Abend veroffentlichten sie die Krankenhausstatistiken von Mexico City. Dann rechneten sie die Inkubationszeit hoch, und alle fingen an zu zahlen. Warteten. Es gab Unruhen, Sex-Orgien, die Bande des Jungsten Gerichts und die Vigilanten. Meine Eltern starben in diesem Jahr. Meine Frau im nachsten Jahr. Meine beiden Schwestern und

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