deren Kinder danach. Alle, die ich kannte.« Haber breitete die Hande aus. »Ja, ich erinnere mich an diese Jahre«, sagte er mit schwerer Stimme. »Wenn es sein mu?.«

»Wenigstens haben sie damit das Problem der Uberbevolkerung gelost, nicht?« fragte Orr, und diesmal war der Unterton unuberhorbar. »Wir haben es wirklich geschafft.«

»Ja. So ist es. Es gibt keine Uberbevolkerung mehr. Gab es eine andere Losung, abgesehen von einem Atomkrieg? Es gibt keine ewigen Hungersnote mehr in Sudamerika, Afrika und Asien. Wenn die Transportwege wieder ganz hergestellt sind, wird es nicht ein mal mehr die Enklaven des Hungers geben, die jetzt noch existieren. Sie sagen, ein Drittel der Menschheit geht abends immer noch hungrig zu Bett; aber 1980 waren es zweiundneunzig Prozent. Es gibt keine Uberschwemmungen mehr im Ganges, weil sie die Leichen der Verhungerten dort aufstapeln. Unter den Kindern der Arbeiterklasse von Portland, Oregon, gibt es keine Proteinunterversorgung und keine Mangelkrankheiten mehr. Wie es vor dem Zusammenbruch gang und gabe war.«

»Der Schwarze Tod«, sagte Orr.

Haber beugte sich uber seinen gro?en Schreibtisch nach vorn. »George. Sagen Sie mir eines. Gibt es noch eine Uberbevolkerung?«

»Nein«, sagte der Mann. Haber hatte das Gefuhl, als wurde Orr lachen und wich ein wenig verzagt zuruck; dann wurde ihm klar, da? Tranen den Augen Orrs dieses eigentumliche Funkeln verliehen. Er war zum Zerrei?en gespannt. Um so besser. Wenn er jetzt einen Nervenzusammenbruch hatte, ware die Anwaltin noch weniger geneigt, ihm zu glauben, wenn er etwas sagte, das mit dem ubereinstimmte, woran sie sich moglicherweise noch erinnerte.

»Aber, George, vor einer halben Stunde waren sie noch zutiefst besorgt, angstlich, weil Sie glaubten, da? Uberbevolkerung eine aktuelle Bedrohung fur unsere Zivilisation und das gesamte irdische Okosystem darstellte. Also ich erwarte nicht, da? diese Angst verschwunden ist, keineswegs. Aber ich glaube, ihre Qualitat hat sich verandert, da Sie sie im Traum durchlebt haben. Ihnen ist jetzt klar, da? sie nicht in der Realitat verwurzelt ist. Die Angst existiert noch, aber mit diesem Unterschied: Sie wissen jetzt, da? sie irrational ist — da? sie einem inneren Zwang entspringt, nicht der au?eren Realitat. Also das ist ein Anfang. Ein guter Anfang. Wir haben verdammt viel erreicht mit einer einzigen Sitzung, mit nur einem Traum! Begreifen Sie das? Jetzt haben Sie einen Ansatzpunkt, mit dem Sie diese ganze Sache aushebeln konnen. Sie haben Macht uber etwas, das die ganze Zeit Macht uber Sie hatte, Sie zerquetschte, so da? Sie sich beengt und eingezwangt fuhlten. Von jetzt an wird es ein fairerer Kampf sein, weil Sie ein freierer Mann sind. Fuhlen Sie es nicht? Fuhlen Sie sich jetzt schon nicht mehr ganz so eingeengt?«

Orr sah ihn an, dann wieder die Anwaltin. Er sagte nichts.

Es folgte eine langere Pause.

»Sie wirken bedruckt«, sagte Haber, ein verbales Schulterklopfen. Er wollte Orr beruhigen, ihn in seinen normalen gefugigen Zustand zuruckversetzen, in dem ihm der Mut fehlte, in Anwesenheit einer dritten Person etwas uber die Kraft seiner Traume zu sagen; oder dafur sorgen, da? er richtig zusammenbrach und sich ganz offenkundig abnormal verhielt. Aber er tat ihm weder den einen noch den anderen Gefallen. »Wenn nicht eine Beobachterin vom Gesundheitsamt in der Ecke sa?e, wurde ich Ihnen einen Schluck Whisky anbieten. Aber wir verwandeln die Therapiesitzung lieber nicht in ein Zechgelage, oder?«

»Wollen Sie den Traum nicht horen?«

»Wenn Sie mochten.«

»Ich habe sie begraben. In einem dieser gro?en Massengraber … Ich arbeitete beim Bestattungskorps, als ich sechzehn war und meine Eltern sich angesteckt hatten … Aber in dem Traum waren alle nackt und sahen aus, als ob sie verhungert waren. Bergeweise. Ich mu?te sie alle begraben. Ich suchte nach Ihnen, aber Sie waren nicht dabei.«

»Nein«, sagte Haber beruhigend. »Ich bin bisher nicht in Ihren Traumen vorgekommen, George.«

»Oh, doch. Mit Kennedy. Und als Pferd.«

»Ja; ganz am Anfang der Therapie«, sagte Haber und ging daruber hinweg. »Also hat dieser Traum auf tatsachliches Gedachtnismaterial aus Ihrer Erfahrung zuruckgegriffen —«

»Nein. Ich habe nie jemanden begraben. Niemand starb am Schwarzen Tod. Es gab keinen Schwarzen Tod. Das entspring allein meiner Phantasie. Ich habe es getraumt.«

Verdammt, der dumme kleine Trottel! Er war au?er Kontrolle. Haber legte den Kopf schief und wahrte ein tolerantes Schweigen der Nichteinmischung; mehr konnte er nicht tun, denn eine drastische Intervention hatte die Anwaltin vielleicht mi?trauisch gemacht.

»Sie sagten, Sie erinnern sich an den Schwarzen Tod; aber erinnern Sie sich nicht auch daran, da? es keinen Schwarzen Tod gab, da? niemand an Umweltkrebs starb, da? die Bevolkerungszahl einfach immer weiter anstieg? Nicht? Daran erinnern Sie sich nicht? Wie ist es bei Ihnen, Miss Lelache — verfugen Sie uber beide Erinnerungen?«

Daraufhin stand Haber auf. »Tut mir leid, George, aber ich kann nicht zulassen, da? Sie Miss Lelache da mit hineinziehen. Sie ist nicht qualifiziert. Es ware unangemessen, da? sie Ihnen antwortet. Dies ist eine psychiatrische Sitzung. Sie ist hier, um den Verstarker zu begutachten, weiter nichts. Darauf mu? ich bestehen.«

Orr war kalkwei?; die Wangenknochen seines Gesichts standen vor. Er sa? da und schaute zu Haber auf. Er sagte nichts.

»Wir haben hier ein Problem, und ich furchte, das la?t sich nur auf eine Weise losen. Den gordischen Knoten zerschlagen. Nichts fur ungut, Miss Lelache, aber wie Sie sehen konnen, sind Sie selbst das Problem. Wir befinden uns einfach in einem Stadium, in dem unser Dialog kein drittes Mitglied vertragt, auch wenn es sich selbst nicht einmischt. Am besten blasen wir die ganze Sache einfach ab. Auf der Stelle. Morgen nachmittag um sechzehn Uhr machen wir weiter. Okay, George?«

Orr stand auf, ging aber nicht zur Tur. »Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, Dr. Haber«, sagte er ieise, aber ein wenig stotternd, »da? es noch andere Menschen geben konnte, die wie ich traumen? Da? die Realitat andauernd unter uns verandert, ersetzt, erneuert wird — aber wir bemerken es nicht? Nur der Traumende wei? es, und diejenigen, die seinen Traum kennen. Wenn das stimmt, konnen wir uns vermutlich glucklich schatzen, da? wir es nicht wissen. Das alles ist auch so verwirrend genug.«

Mit freundlichen, unverbindlichen, trostenden Worten komplementierte Haber ihn zur Tur und hinaus.

»Sie haben eine Krisensitzung miterlebt«, sagte er zu der Lelache und machte die Tur hinter sich zu. Er wischte sich die Stirn ab, lie? seine Miene und seinen Tonfall Erschopfung und Besorgnis ausdrucken. »Puh! Was fur ein Tag, um eine Inspektorin des Gesundheitsamts hier zu haben!«

»Es war uberaus interessant«, sagte sie, und ihre Armreife schwatzten ein wenig.

»Es ist kein hoffnungsloser Fall«, sagte Haber. »Eine Sitzung wie diese macht auf mich einen verdammt entmutigenden Eindruck. Aber er hat eine Chance, eine echte Chance, aus diesem Netz der Wahnvorstellungen, in dem er gefangen ist, herauszufinden, dieser schrecklichen Angst vor dem Traumen. Das Problem ist, es handelt sich um ein komplexes Netz und einen recht intelligenten Verstand, der darin verstrickt ist; er wirkt nur allzu schnell neue Netze, in denen er sich selbst einfangen kann … Hatte man ihn doch nur vor zehn Jahren schon hergeschickt; als er noch unter zwanzig war; aber naturlich hatte der Wiederaufbau vor zehn Jahren noch kaum angefangen. Oder auch nur vor einem Jahr, bevor er begann, seine Realitatsorientierung mit Hilfe von Medikamenten zu zerstoren. Aber er versucht es immer wieder; und vielleicht gelingt es ihm ja doch noch, eine vernunftige Realitatsanpassung zu erreichen.«

»Aber Sie sagten, er sei nicht psychotisch«, bemerkte die Lelache mit einem leicht zweifelnden Unterton.

»Korrekt. Ich sagte geistesgestort. Wenn er zusammenbricht, dann wird er naturlich vollkommen zusammenbrechen, vermutlich in Richtung katatonische Schizophrenie. Eine geistesgestorte Person ist nicht weniger anfallig fur eine Psychose als eine normale.« Er konnte nicht mehr sprechen, die Worte verdorrten ihm auf der Zunge und verwandelten sich in sinnlose trockene Hulsen. Ihm schien, als wurde er schon seit Stunden eine wahre Sturzflut sinnloser Worte ausspucken und hatte keinerlei Kontrolle mehr daruber. Glucklicherweise hatte Miss Lelache offenbar auch genug davon; sie schepperte, klirrte, schuttelte ihm die Hand, ging.

Haber ging zuerst zu dem Tonbandgerat, das in einem Wandpaneel hinter der Couch verborgen war und mit dem er samtliche Therapiesitzungen aufzeichnete: Rekorder ohne Warnsignal waren ein spezielles Privileg von Psychotherapeuten und dem Geheimdienst. Er loschte die Aufzeichnung der vergangenen Stunde.

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