Er setzte sich auf den Sessel hinter dem gro?en Schreibtisch aus Eichenholz, machte die unterste Schublade auf, holte eine Flasche und ein Glas heraus und schenkte sich eine kraftige Dosis Bourbon ein. Gro?er Gott, vor einer halben Stunde hatte es keinen Bourbon gegeben — seit zwanzig Jahren nicht mehr! Getreide war, da es sieben Milliarden Mauler zu stopfen galt, viel zu kostbar gewesen, um Alkohol daraus zu brennen. Es gab nichts anderes als Pseudobier oder (fur einen Arzt) absoluten Alkohol; das war die Flasche in seinem Schreibtisch noch vor einer Stunde gewesen.

Er trank die Halfte der Dosis in einem Schluck, dann hielt er inne. Er sah zum Fenster. Nach einer Weile stand er auf, ging zum Fenster und lie? den Blick uber die Dacher und Baume schweifen. Einhunderttausend Seelen. Der Abend senkte sich uber den stillen Flu? und lie? ihn verschwinden, aber die Berge ragten gewaltig und deutlich und fern im schragen Sonnenschein der Hohen.

»Auf eine bessere Welt!« sagte Dr. Haber, prostete seiner Schopfung mit dem Glas zu und trank den Whisky mit einem weiteren genu?lichen, lang anhaltenden Schluck leer.

6

Vielleicht mussen wir lernen … da? unsere Aufgabe erst anfangt und wir auch nicht den Hauch einer Hilfe bekommen, au?er der Hilfe der unaussprechlichen, unvorstellbaren Zeit. Vielleicht mussen wir lernen, da? das ewige Rad von Tod und Geburt, dem wir nicht entrinnen konnen, unsere eigene Schopfung, selbstgemacht ist; — da? die Krafte, die Welten vereinen, die Irrtumer der Vergangenheit sind; — da? das ewige Leid die ewige Gier unstillbaren Verlangens ist; — und da? die erloschenen Sonnen nur durch die unausloschlichen Leidenschaften vergangener Leben neu entzundet werden konnen.

Lafcadio Hearn, Out of the East

George Orrs Apartment lag im Obergescho? eines alten Holzhauses ein paar Blocks den Hugel hinauf in der Corbett Avenue, einem schabigen Teil der Stadt, wo die meisten Hauser schon hundert Jahre alt oder alter waren. Es hatte drei gro?e Zimmer, ein Bad samt tiefer Wanne auf Lowenpfoten und einen Ausblick uber die Dacher hinweg bis zum Flu?, wo Schiffe, Vergnugungsdampfer, Flo?e, Mowen und gro?e, kreisende Taubenschwarme dahinzogen.

Er erinnerte sich naturlich noch deutlich an sein anderes Apartment, das 2,5?Ч?3,5 Meter gro?e Zimmer mit ausziehbarem Herd, Luftmatratze und gemeinschaftlichem Etagenklosett am Ende des langen Linoleumkorridors im achtzehnten Stock des Wohnturms Corbett Condominium, der nie gebaut worden war.

Er stieg in der Whiteaker Street aus der Stra?enbahn und ging den Hugel und die breite, dunkle Treppe hinauf; er trat ein, lie? die Aktentasche auf den Boden und sich selbst auf das Bett fallen und verlor die Beherrschung. Er war angstlich, erbost, erschopft, fassungslos. »Ich mu? etwas tun, ich mu? etwas tun«, sagte er sich immer wieder panisch, aber er wu?te nicht, was er tun sollte. Er hatte nie gewu?t, was er tun sollte. Er hatte stets nur getan, was getan werden mu?te, das Nachstliegende, ohne Fragen zu stellen, ohne sich zu etwas zu zwingen, ohne sich Gedanken zu machen. Aber diese traumwandlerische Sicherheit hatte ihn verlassen, als er anfing, Medikamente zu nehmen, und inzwischen war er vom rechten Weg abgekommen. Er sollte handeln, er mu?te handeln. Er durfte sich nicht mehr von Haber als Werkzeug benutzen lassen. Er mu?te sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Er breitete die Hande aus und betrachtete sie, dann vergrub er das Gesicht darin; es war na? von Tranen. Oh, verflucht, verflucht, dachte er verbittert, was bin ich fur ein Mann? Tranen in meinem Bart? Kein Wunder, da? Haber mich benutzt. Wie konnte er anders? Ich habe keine Kraft, ich habe keinen Charakter, ich bin das geborene Werkzeug. Ich habe kein Schicksal. Ich habe nur Traume. Und selbst die steuern jetzt andere Menschen.

Ich mu? weg von Haber, dachte er und versuchte, nachdrucklich und entschlossen zu sein, aber noch wahrend er es dachte, wu?te er, da? er es nicht fertigbringen wurde. Haber hatte ihn an der Angel, und das nicht nur mit einem Haken.

Eine so ungewohnliche, in der Tat sogar einzigartige Traumkonfiguration, hatte Haber gesagt, sei von unschatzbarem Wert fur die Forschung: Orrs Beitrag zur menschlichen Erkenntnis wurde sich als immens erweisen. Orr glaubte, da? Haber das ernst meinte und wu?te, wovon er sprach. Der wissenschaftliche Aspekt der ganzen Sache war fur ihn zumindest tatsachlich der einzige Hoffnungsschimmer; er uberlegte sich, da? die Wissenschaft dieser eigentumlichen und schrecklichen Gabe vielleicht noch etwas Gutes abringen, sie einer sinnvollen Verwendung zufuhren und das ungeheure Leid, das sie gebracht hatte, wenigstens ein wenig kompensieren konnte.

Die Ermordung von sechs Milliarden nicht existierenden Menschen.

Orr hatte qualende Kopfschmerzen. Er lie? kaltes Wasser in das tiefe, gesprungene Waschbecken flie?en und tauchte das Gesicht mehrmals hintereinander jeweils eine halbe Minute hinein, bis er rot, blind und na? wie ein neugeborenes Baby war.

Haber hatte das moralische Druckmittel gegen ihn, aber so richtig am Haken hatte er ihn mit dem Gesetz. Wenn Orr die Freiwillige Therapie beendete, wurde er wahrscheinlich angeklagt werden, weil er sich auf illegale Weise Medikamente beschafft hatte, und sie wurden ihn ins Gefangnis oder Irrenhaus stecken. Diese Moglichkeit schied aus. Und wenn er nicht aufhorte, sondern einfach nicht mehr zu den Sitzungen kam oder die Zusammenarbeit verweigerte, stand Haber eine wirkungsvolle Zwangsma?nahme zur Verfugung: die Traume unterdruckenden Medikamente, die Orr nur mit Habers Rezept bekommen konnte. Jetzt erfullte ihn der Gedanke daran, spontan zu traumen, ohne Kontrolle, mit noch gro?erem Unbehagen. In seinem momentanen Zustand, nachdem er darauf konditioniert worden war, jedesmal wirkungsvoll im Labor zu traumen, wollte er gar nicht daran denken, was alles passieren konnte, wenn er ohne die durch Hypnose auferlegten rationalen Schranken wirkungsvoll traumte. Das ware ein Alptraum, ein schlimmerer Alptraum als der, den er gerade erst in Habers Buro erlebt hatte; davon war er felsenfest uberzeugt und wagte nicht, es dazu kommen zu lassen. Er mu?te die Traumblocker nehmen. Daran fuhrte kein Weg vorbei, es lie? sich nicht vermeiden. Aber er konnte es nur, solange Haber ihn lie?, und aus diesem Grund mu?te er mit Haber zusammenarbeiten. Er sa? in der Klemme. Eine Ratte in der Falle. Er lief fur einen verruckten Wissenschaftler durch ein Labyrinth, und ihm blieb kein Ausweg. Kein Ausweg, kein Ausweg.

Aber er ist kein verruckter Wissenschaftler, dachte Orr betrubt, er ist an sich ganz normal, jedenfalls war er es. Den Verfuhrungen der Macht, die meine Traume ihm geben, ist er erlegen. Er spielt weiter eine Rolle, und dies ermoglicht ihm, eine so schrecklich wichtige Rolle zu spielen. So da? er jetzt sogar seine Wissenschaft als Mittel zum Zweck einsetzt … Aber seine Absichten sind gut, oder nicht? Er mochte das Leben fur die ganze Menschheit verbessern. Ist das verwerflich?

Sein Kopf schmerzte wieder. Er hielt ihn unter Wasser, als das Telefon lautete. Hastig versuchte er, sein Gesicht und das Haar trockenzureiben und kehrte tastend in das dunkle Schlafzimmer zuruck. »Hallo, hier Orr.«

»Hier ist Heather Lelache«, horte er eine leise, mi?trauische Altstimme.

Eine irrelevantes, aber ausgepragtes Gefuhl der Freude stieg in ihm auf wie ein Baum, der binnen eines Blicks wuchs und Bluten trieb, mit den Wurzeln in seinem Unterleib und den Bluten in seinem Verstand. »Hallo«, sagte er wieder.

»Mochten Sie sich mit mir treffen, damit wir daruber reden konnen?«

»Ja. Naturlich.«

»Na ja. Sie sollen aber nicht denken, da? wir mit dieser Maschine, dem Verstarker, eine Anklage basteln konnten. Der scheint einwandfrei zu funktionieren. Er hat eine ausfuhrliche Probephase im Labor hinter sich, alle erforderlichen Tests bestanden, den Marsch durch die Institutionen begangen und ist jetzt beim Gesundheitsamt registriert. Er ist naturlich ein Vollprofi. Ich hatte keine Ahnung, wer er ist, als Sie ihn das erste Mal bei mir erwahnt haben. Ein Mann erreicht so eine Position nur, wenn er wirklich gut ist.«

»Welche Position?«

»Na ja. Leitender Direktor einer staatlich finanzierten Forschungseinrichtung.«

Ihm gefiel, wie sie ihre verbissenen, verachtlichen Satze so haufig mit einem schwachen, versohnlichen »na

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