Milliarden und in den nachsten zehn Jahren noch einmal um eine Milliarde Menschen reduziert hatte, hatte die Zivilisation der Welt bis in die Grundfesten erschuttert, sie am Ende aber doch unversehrt gelassen. Sie hatte nichts radikal verandert: nur quantitativ.

Die Luft war immer noch grundlich und irreparabel verpestet: diese Verschmutzung ging dem Zusammenbruch Jahrzehnte voraus, stellte sogar seine eigentliche Ursache dar. Heute gefahrdete sie praktisch keinen mehr, au?er den Neugeborenen. Der Schwarze Tod holte in seiner leukamieahnlichen Variante immer noch selektiv und umsichtig eines von vier Babys, die zur Welt kamen, und totete es innerhalb von sechs Monaten. Alle, die uberlebten, waren so gut wie immun gegen Krebs. Aber es gab andere Sorgen.

Unten am Flu? stieg kein Rauch aus den Fabrikschloten auf. Keine Autos verpesteten die Luft mit ihren Abgasen; die wenigen noch existierenden wurden mit Dampf oder Batterien betrieben.

Es gab auch keine Singvogel mehr.

Man konnte die Folgen der Seuche immer noch allerorten erkennen, sie selbst blieb nach wie vor virulent, und doch hatte sie nicht verhindern konnen, da? wieder ein Krieg ausbrach.Tatsachlich wurde im Nahen Osten erbitterter gekampft als in der uberbevolkerteren Welt. Die USA engagierten sich stark fur die israelisch-agyptische Seite und stellten Waffen, Munition, Flugzeuge und »militarische Berater« im Dutzend billiger zur Verfugung. China engagierte sich gleicherma?en stark fur die iranisch-irakische Seite, hatte allerdings noch keine chinesischen Soldaten entsandt, nur Tibetaner, Nordkoreaner, Vietnamesen und Mongolen. Ru?land und Indien hielten sich noch nervos aus allem heraus; aber jetzt, wo Afghanistan und Brasilien sich mit dem Iran verbundeten, schien es denkbar, da? sich Pakistan auf die Seite der Isragypter stellte. In dem Fall wurde Indien Panik bekommen und ein Bundnis mit China eingehen, was der UdSSR soviel Kopfzerbrechen bereiten konnte, da? sie sich auf die Seite der USA stellte. Damit waren insgesamt zwolf Atommachte im Spiel, sechs auf jeder Seite. Dies waren die Spekulationen. Derweil lag Jerusalem in Schutt und Asche, wahrend die Zivilbevolkerung in Saudiarabien und dem Irak zusammengepfercht in unterirdischen Bunkern hauste, Panzer und Flugzeuge Feuer in der Luft und Cholera im Wasser verbreiteten und Babys von Napalm geblendet aus den Bunkern krabbelten.

In Johannesburg wurden immer noch Wei?e abgeschlachtet, konnte Orr einer Schlagzeile am Zeitungskiosk an der Ecke entnehmen. Jahre waren seit dem Aufstand vergangen, und es gab in Sudafrika immer noch Wei?e, die man abschlachten konnte! Die Menschen sind zah …

Der Regen fiel warm, verseucht, sanft auf seinen entblo?ten Kopf, wahrend er die grauen Hugel von Portland erklomm.

Im Sprechzimmer mit dem gro?en Eckfenster, das Aussicht auf den Regen bot, sagte er: »Bitte horen Sie auf damit, mit meinen Traumen etwas zu verbessern, Dr. Haber. Das funktioniert nicht. Es ist falsch. Ich mochte geheilt werden.«

»Das ist eine unabdingbare Voraussetzung fur eine Heilung, George! Da? Sie es wollen.«

»Das ist keine Antwort.«

Aber der gro?e Mann glich einer Zwiebel, schalte Schale fur Schale Personlichkeit, Glauben, Verantwortung ab, unendlich viele Schalen, ohne Ende, er hatte kein Zentrum. Niemals hielt er an, mu?te anhalten, sagte: Hier bleibe ich! Kein Wesen, nur Schalen.

»Sie benutzen meine wirkungsvollen Traume, um die Welt zu verandern. Nur mir gegenuber geben Sie nicht zu, da? Sie das machen. Warum nicht?«

»George, Sie mussen sich vergegenwartigen, da? Sie Fragen stellen, die von Ihrem Standpunkt aus vernunftig erscheinen mogen, von meinem Standpunkt aus jedoch buchstablich nicht zu beantworten sind. Wir sehen die Realitat auf unterschiedliche Weise.«

»Aber wenigstens soweit identisch, da? wir uns unterhalten konnen.«

»Ja. Zum Gluck. Aber dennoch konnen wir nicht immer fragen und antworten. Noch nicht.«

»Ich kann Ihre Fragen beantworten und beantworte sie auch … Jedenfalls: Horen Sie mir zu. Sie konnen nicht damit weitermachen, alles zu verandern, sich zum Leiter aufzuschwingen.«

»Bei Ihnen hort sich das an, als ware es ein allgemeiner moralischer Imperativ.« Er sah Orr mit einem jovialen, vaterlichen Lacheln an und strich sich uber den Bart. »Aber ist das nicht tatsachlich gerade der Sinn des Menschen auf Erden — etwas zu schaffen, zu verandern, zu leiten, eine bessere Welt zu schaffen?«

»Nein!«

»Was ist dann sein Sinn?«

»Ich wei? nicht. Die Dinge haben keinen Sinn, als ware das Universum eine Maschine, wo jedes Teil eine nutzliche Funktion hat. Was ist der Sinn einer Galaxie? Ich wei? nicht, ob unser Leben einen Sinn hat, und ich sehe auch nicht, da? das wichtig ware. Wichtig ist, da? wir ein Teil sind. Wie ein Faden in einem Tuch oder ein Grashalm auf einer Wiese. Es ist und wir sind. Und unsere Taten sind wie Wind, der uber das Gras weht.«

Es folgte eine kurze Pause, und als Haber antwortete, klang seine Stimme nicht mehr jovial, trostlich oder ermutigend. Sie klang neutral, mit einer gerade noch erkennbaren Spur von Geringschatzung.

»Sie haben eine seltsam passive Anschauung fur einen Mann, der im judisch-christlich-rationalistischen Westen aufgewachsen ist. Eine Art von naturlichem Buddhismus. Haben Sie jemals die fernostliche Mystik studiert, George?« Die letzte Frage mit ihrer offenkundigen Antwort stellte eine offene Verhohnung dar.

»Nein. Ich wei? nichts daruber. Aber ich wei?, es ist falsch, Zwang auf das Muster des Daseins auszuuben. Das geht einfach nicht. Das ist seit Jahrhunderten unser Fehler. Begreifen Sie, begreifen Sie denn nicht, was gestern passiert ist?«

Die milchigen dunklen Augen sahen direkt in seine.

»Was ist gestern passiert, George?«

Kein Ausweg. Kein Ausweg.

Inzwischen benutzte Haber Natriumpentothal, um seinen Widerstand gegen den Hypnosevorgang zu reduzieren. George fugte sich und sah die Nadel nach einem Augenblick des Schmerzes in seine Ader gleiten. Das war der Weg, den er gehen mu?te; er hatte keine andere Wahl. Er hatte nie eine Wahl gehabt. Er war nur ein Traumer.

Haber ging irgendwo hin, irgendwas erledigen, wahrend das Medikament seine Wirkung entfaltete; aber nach funfzehn Minuten stand er prompt wieder da, polternd, jovial und unbekummert. »Also gut! Legen wir los, George!«

Orr wu?te schmerzhaft deutlich, womit er heute loslegen wurde: mit dem Krieg. Die Zeitungen berichteten uber nichts anderes mehr; nicht einmal der Nachrichten-resistente Orr hatte sich dem Thema auf dem Weg hierher entziehen konnen. Der eskalierende Krieg im Nahen Osten. Haber wurde ihn beenden. Und das Morden in Afrika zweifellos auch. Denn Haber war ein gutiger Mensch. Er wollte die Welt fur die Menschen verbessern.

Der Zweck heiligt die Mittel. Was aber, wenn es gar keinen Zweck gibt? Wir haben nur die Mittel. Orr legte sich auf die Couch und machte die Augen zu. Die Hand beruhrte seinen Hals. »Sie versinken jetzt im Hypnosezustand, George«, sagte Haber mit seiner tiefen Stimme. »Sie sind …«

Dunkelheit.

In der Dunkelheit.

Noch nicht ganz Nacht: Abenddammerung uber den Feldern. Baumgruppen, die schwarz und feucht aussahen. Die Stra?e, auf der er dahinschritt, spiegelte das letzte schwache Licht des Himmels; sie verlief lang und schnurgerade, eine alte Landstra?e mit rissiger Asphaltdecke. Eine Gans lief funf Meter vor ihm, etwa funfzehn Schritte voraus und lediglich als heller, wankender Fleck zu erkennen. Hin und wieder zischelte sie verhalten.

Die Sterne kamen wei? wie Ganseblumchen heraus. Ein besonders gro?er erbluhte rechts von der Stra?e, dicht uber dem dunklen Land, grellwei?. Als Orr wieder aufschaute, war der Stern schon gro?er und heller geworden. Er wachst, dachte Orr. Und je heller er wurde, desto rotlicher sah er aus. Er verrotlich-gro?erte sich. Der Blick verschwamm. Kleine blaugrune Linien zungelten um ihn, zickzackformiges Brownsches ringelreinherumringelreinherum. Ein riesiger milchiger Schein pulsierte um den gro?en Stern und kleine Linien, schwacher, klarer, pulsierend. Oh nein nein nein! sagte er, als der gro?e Stern riesendlich aufloderte und blendend BARST. Er fiel zu Boden, bedeckte den Kopf mit den Armen, wahrend der Himmel sich zu Streifen glei?enden Todes auftat, konnte sich aber nicht auf das Gesicht drehen, mu?te alles sehen und bezeugen. Der Boden zuckte auf und ab, die Haut der Erde schlug enorme bebende Falten. »La? ab, la? ab!« schrie er laut mit himmelwarts gewandtem Gesicht und erwachte auf der Ledercouch.

Er setzte sich auf und barg das Gesicht in den schwei?nassen, zitternden Handen.

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