»Weesnich, wo er hinnegangen is«, sagte Hausmeister schroff und sah sie hilfesuchend an. »Glaumse, er hat n Unfall gehabt? So was?« Hausmeister trug noch die schaffellgefutterte Wildlederjacke mit Fransen, die Haartracht und das Wassermann-Symbol seiner Jugend: anscheinend hatte er die Kleidung seit drei?ig Jahren nicht mehr gewechselt. Er sprach mit einem vorwurfsvollen Dylan-Naseln. Er roch sogar nach Marihuana. Einmal Hippie, immer Hippie.
Heather sah ihn freundlich an, denn sein Geruch erinnerte sie an ihre Mutter. »Vielleicht besucht er sein Ferienhaus an der Kuste. Es ist nur so, ihm geht es nicht besonders gut, er befindet sich in staatlicher Therapie. Er bekommt Schwierigkeiten, wenn er dort nicht erscheint. Wissen Sie, wo diese Blockhutte liegt und ob er dort Telefon hat?«
»Weesnich.«
»Kann ich Ihr Telefon benutzen?«
»Nehmse seins«, sagte Hausmeister achselzuckend.
Sie rief einen Freund an, der bei der Verwaltung der Nationalparks von Oregon arbeitete, lie? ihn die vierunddrei?ig Blockhutten im Siuslaw-Nationalpark nachschlagen, die verlost worden waren, und sich den Weg beschreiben. Hausmeister hing herum und horte mit, und als sie fertig war, sagte er: »Beziehungen, hm?«
»Kann ganz hilfreich sein«, antwortete die Schwarze Witwe klickernd.
»Hoffentlich finden Sie George. Ich mag den Bruder. Leiht sich meine Pharmaziekarte aus«, sagte Hausmeister und stie? unvermittelt ein schnaubendes Lachen aus, das sofort wieder verstummte. Als sich Heather verabschiedete, lehnte er murrisch am abblatternden Rahmen der Eingangstur, wo er und das alte Haus einander gegenseitig Halt gaben.
Heather fuhr mit der Stra?enbahn in die Innenstadt, mietete bei Hertz einen Ford Steamer und fuhr auf der 99-W los. Sie fand Gefallen daran. Die Schwarze Witwe verfolgt ihre Beute. Warum war sie nicht Privatdetektivin geworden, statt eine gottverdammte dumme drittklassige Anwaltin fur Zivilrecht? Sie ha?te die Juristerei. Man brauchte eine aggressive, rechthaberische Personlichkeit dafur. Die hatte sie nicht. Sie hatte eine verstohlene, listige, schuchterne, schuppenartige Personlichkeit. Sie hatte die Geschlechtskrankheiten der Seele.
Der Kleinwagen hatte die Stadt bald hinter sich gelassen, denn der Vorortstreifen, der sich einst meilenweit an den westlichen Highways entlang erstreckt hatte, existierte nicht mehr. In den achtziger Jahren, den Jahren des Schwarzen Todes, als in manchen Gebieten nicht ein Mensch von zwanzig am Leben blieb, waren die Vororte keine gute Gegend gewesen. Meilen vom Supermarkt entfernt, kein Benzin fur das Auto, und die Doppelhaushalften im Rancherstil um dich herum voll von Toten. Keine Hilfe, kein Essen. Rudel halbwilder Hunde, ehedem Statussymbole — Windhunde, deutsche Schaferhunde, Bernhardiner —, streunten uber die von Kletten und Kreuzkraut uberwucherten Rasenflachen. Geborstene Panoramafenster. Wer sollte auch kommen und das in die Bruche gegangene Glas ersetzen? Die Menschen hatten sich in den alten Stadtkern zuruckgezogen; und nachdem die Vororte geplundert waren, brannten sie. Wie Moskau 1812, Strafe Gottes oder Vandalismus: sie wurden nicht mehr gebraucht, darum brannten sie. Afterkreuzkraut, aus dem Bienen den kostlichsten Honig von allen machen, wuchs Hektar uber Hektar dort, wo Kensington Homes West, Sylvan Oak Manor Estates und Valley Vista Park gewesen waren.
Die Sonne ging unter, als sie den Flu? Tualatin uberquerte, der reglos wie Seide zwischen steilen, bewaldeten Ufern lag. Nach einer Weile ging der Mond auf, fast voll und gelb zu ihrer linken, da die Stra?e nach Suden fuhrte. Sie reagierte besorgt, wenn sie ihn in Kurven uber die Schulter betrachtete. Blickwechsel mit dem Mond waren nicht mehr angenehm. Er verkorperte nicht mehr das Unerreichbare, wie Jahrtausende lang, und auch nicht mehr das Errungene, wie in den vergangenen wenigen Jahrzehnten, sondern das Verlorene. Eine gestohlene Munze, die Mundung der eigenen Waffe, die auf einen selbst gerichtet wurde, ein rundes Loch im Gewebe des Himmels. Die Au?erirdischen hielten den Mond besetzt. Ihr erster aggressiver Akt — durch den die Menschheit zum erstenmal auf ihre Anwesenheit im Sonnensystem aufmerksam wurde —, war der Angriff auf die Mondbasis und die schreckliche Ermordung der vierzig in der Kuppel stationierten Manner durch Ersticken gewesen. Und am selben Tag, zur selben Stunde, hatten sie die russische Raumstation zerstort, dieses seltsame, schone, einem Distelsamen nicht unahnliche Gebilde in der Erdumlaufbahn, das den Russen als Sprungbrett zum Mars dienen sollte. Kaum zehn Jahre nach dem Abklingen der Seuche war die ruinierte Zivilisation der Menschheit wie Phonix aus der Asche auferstanden und hatte den Orbit, den Mond, den Mars erobert: und war auf das gesto?en. Formlose, sprachlose, grundlose Brutalitat. Der einfaltige Ha? des Universums.
Die Stra?en wurden nicht mehr so gut in Schu? gehalten wie damals, als der Highway noch Konig gewesen war; es gab unebene Stellen und Schlaglocher. Aber Heather beschleunigte manchmal bis hart ans Tempolimit (70 kmh), wahrend sie durch das breite Tal im Mondenschein fuhr, den Flu? Yamhill viermal uberquerte, oder waren es funf, passierte Dundee und Grand Ronde, ersteres ein bewohntes Dorf, letzteres eine Geisterstadt, so ausgestorben wie Karnak, und kam schlie?lich in die Berge, die Walder. Van Duzer Waldstreifen, ein uraltes Stra?enschild aus Holz: Land, das schon beizeiten vor dem Zugriff der Sagewerke gerettet worden war. Nicht alle Walder Amerikas waren fur Einkaufstuten, Holzhauser und Dick Tracy am Sonntagmorgen geopfert worden. Ein paar gab es noch. Eine Abzweigung nach rechts: Siuslaw-Nationalpark. Und keine gottverdammte Baumschule, die nur aus Stumpfen und kummerlichen Spro?lingen bestanden hatte. Riesige Schierlingstannen schwarz vor dem mondhellen Himmel.
Das Schild, das sie suchte, konnte man in der verastelten und farnigen Dunkelheit, die das fahle Licht der Autoscheinwerfer verschluckte, kaum erkennen. Sie bog abermals ab und holperte etwa eine Meile lang in Fahrrinnen und uber Unebenheiten dahin, bis sie die erste Blockhutte sah, Mondlicht auf einem Schindeldach. Es war kurz nach acht Uhr.
Sie standen auf Parzellen, zehn bis zwolf Meter Abstand dazwischen; wenige Baume waren geopfert worden, aber das Unterholz gelichtet, und als sie das Muster begriffen hatte, konnte sie die kleinen Dacher im Mondschein sehen, und auf der anderen Seite des Bachs eine entsprechende Anlage. Nur in einer der Hutten war ein Fenster erleuchtet. Ein Dienstagabend im Vorfruhling: nicht viele Feriengaste. Als sie die Autotur offnete, registrierte sie erstaunt, wie laut der Bach tonte, ein kraftiges, unablassiges Rauschen. Ewige und unerschutterliche Lobpreisung! Sie fand den Weg zu der erleuchteten Blockhutte, stolperte nur zweimal in der Dunkelheit und betrachtete das Auto, das davor stand: ein Batteriewagen von Hertz. Na klar. Aber wenn nicht? Es konnte ein Fremder sein. Na ja, Schei?e, die wurden sie nicht gleich fressen, oder? Sie klopfte.
Nach einer Weile klopfte Heather leise fluchend noch einmal. — Der Bach rauschte lautstark, der Wald hielt den Atem an.
Orr machte die Tur auf. Sein Haar hing strahnig und lockig herab, die Augen blickten blutunterlaufen, seine Lippen waren trocken. Er schaute sie blinzelnd an. Er sah verkommen und verwirrt aus. Sie hatte Todesangst vor ihm. »Sind Sie krank?« fragte sie schneidend.
»Nein, ich … Kommen Sie rein …«
Sie mu?te eintreten. Zu dem Franklin-Ofen gehorte ein Schurhaken: damit konnte sie sich verteidigen. Naturlich konnte er auch sie damit angreifen, wenn er zuerst hinkam.
Oh, um Himmels willen, sie war fast so gro? wie er und viel besser in Form. Feigling, Feigling. »Sind Sie high?«
»Nein, ich …«
»Sie was? Was ist los mit Ihnen?«
»Ich kann nicht schlafen.«
Die winzige Blockhutte roch herrlich nach Holzrauch und frischem Holz. Das Mobiliar bestand aus dem Franklin-Ofen mit zwei Kochplatten, einer Kiste voller Erlenscheite, einem Schrank, einem Tisch, einem Stuhl, einer Armeepritsche. »Setzen Sie sich«, sagte Heather. »Sie sehen schrecklich aus. Brauchen Sie was zu trinken oder einen Arzt? Ich habe Brandy im Auto. Oder kommen Sie besser mit mir, wir suchen in Lincoln City einen Arzt.«
»Mir geht es gut. Es ist nur murmel murmel mude.«
»Sie sagten, Sie konnen nicht schlafen.«
Er sah sie mit roten, gereizten Augen an. »Darf nicht. Habe Angst davor.«
»Oh Gott. Wie lange geht das schon so?«
»Murmel murmel Sonntag.«
»Sie haben seit Sonntag nicht mehr geschlafen?«
»Samstag?« sagte er fragend.
»Haben Sie was genommen? Hallowachtabletten?«
