ich au?er Rand und Band bin? Au?erirdische aus dem Weltraum, die die Erde angreifen: Wenn Sie mich wieder auffordern, zu traumen, was werden Sie dann bekommen? Vielleicht eine vollkommen wahnsinnige Welt, das Produkt eines wahnsinnigen Verstandes. Ungeheuer, Gespenster, Hexen, Drachen, Verwandlungen — alles, was wir in uns herumschleppen, alle Schrecken unserer Kindheit, die nachtlichen Angste, die Alptraume. Wie wollen Sie verhindern da? das alles freigesetzt wird? Ich kann es nicht verhindern. Ich habe keine Kontrolle daruber.«

»Machen Sie sich keine Sorgen uber Kontrolle! Sie arbeiten auf die Freiheit hin«, sagte Haber mit Gusto. »Freiheit! Ihr Unterbewu?tsein ist kein Sumpf der Schrecken und Laster. Das ist eine viktorianische Vorstellung, und eine schrecklich destruktive obendrein. Sie schadete den gro?ten Geistern des neunzehnten Jahrhunderts und ruckte die Psychologie in der gesamten ersten Halfte des zwanzigsten Jahrhunderts in ein schiefes Licht. Haben Sie keine Angst vor Ihrem Unterbewu?tsein! Es ist keine schwarze Grube voller Alptraume. Nichts dergleichen! Es ist eine Quelle von Gesundheit, Phantasie, Kreativitat. Was wir das ›Bose‹ nennen, wird von der Zivilisation hervorgebracht, ihren Zwangen und Repressionen, die den spontanen, freien Ausdruck der Personlichkeit deformieren. Das Ziel der Psychotherapie ist ja gerade eben, diese unbegrundeten Angste und Alptraume zu entfernen, das Unbewu?te ins Licht des rationalen Bewu?tseins zu holen, es objektiv zu untersuchen und festzustellen, da? es nichts zu furchten gibt.«

»Aber es gibt etwas zu furchten« sagte Orr sehr leise.

Haber lie? ihn schlie?lich gehen. Er trat in die fruhlingshafte Dammerung hinaus, blieb eine Minute mit tief in den Manteltaschen vergrabenen Handen auf der Treppe des Instituts stehen, betrachtete die Stra?enlaternen unten in der Stadt, die Nebel und abendliches Zwielicht so einhullten, da? sie zu funkeln und sich zu bewegen schienen wie die winzigen, silbernen Umrisse tropischer Fische in einem dunklen Aquarium. Eine Seilbahn fuhr rasselnd den steilen Hang herauf zu ihrem Wendepunkt oberhalb des Washington Park, vor dem Institut. Er trat auf die Stra?e hinaus und erklomm den Wagen, wahrend er wendete. Sein Gang war forsch und dennoch ziellos. Er bewegte sich wie ein Schlafwandler, wie unter Zwang.

7

Tagtraum, der sich zum Denken verhalt wie der Spiralnebel zum Stern, grenzt an den Schlaf und erforscht diese Grenze. Eine von lebendigen Transparenzen bewohnte Atmosphare: der Beginn des Unbekannten. Doch dahinter tut sich unerme?lich das Mogliche auf. Andere Wesen, andere Fakten sind da. Nicht das Ubernaturliche, nur die okkulte Fortsetzung der unendlichen Natur … Schlaf steht in Verbindung mit dem Moglichen, das wir auch das Unwahrscheinliche nennen. Die Welt der Nacht ist eine Welt. Nacht, als Nacht, ist ein Universum … Die dunklen Dinge der unbekannten Welt werden Nachbarn des Menschen, ob durch wahre Kommunikation oder eine visionare Vergro?erung der Entfernungen des Abgrunds … und der Schlafer, der nicht ganz sieht, nicht ganz bei Bewu?tsein ist, erblickt fremde Fauna, unheimliche Vegetationen, schreckliche oder strahlende Blasse, Gespenster, Masken, Gestalten, Hydren, Verwirrungen, Mondschein ohne Mond, obskure Vernichtung von Wundern, Wachstum und Vergehen in einer truben Tiefe, im Schatten schwebende Formen, das ganze Mysterium, das wir Traumen nennen und das nichts anderes ist als das Naherrucken einer unsichtbaren Realitat. Der Traum ist das Aquarium der Nacht.

Victor Hugo, Travailleurs de la mer

Am drei?igsten Marz um 14:10 Uhr konnte man Heather Lelache sehen, wie sie Dave’s Fine Foods in der Ankeny Street verlie? und mit einer gro?en schwarzen Handtasche mit Messingverschlu? und einem Regenmantel aus rotem Vinyl angetan auf der Fourth Avenue nach Suden ging. Hutet euch vor dieser Frau. Sie ist gefahrlich.

Nicht, da? ihr besonders viel daran gelegen hate, diesen armseligen, verdammten Psychopathen zu sehen, aber, Schei?e, sie stand nicht gern wie eine Idiotin vor Kellnern da. Besetzte mitten im dicksten Mittagstrubei eine halbe Stunde lang einen Tisch — »Ich warte auf jemanden.« — »Tut mir leid, ich warte auf jemanden.« — und es kommt niemand und es kommt niemand, und so mu?te sie schlie?lich bestellen und das Zeug in gro?er Hast hinunterschlingen, und jetzt wurde sie Sodbrennen bekommen. Zusatzlich zu Zorn, Verbitterung und gekrankter Eitelkeit. Oh, die Geschlechtskrankheiten der Seele.

Sie bog nach links in die Morrison Street ein und blieb unvermittelt stehen. Was hatte sie hier verloren? Das war nicht der Weg zu Forman, Esserbeck und Rutti. Hastig kehrte sie mehrere Stra?enblocks nach Norden zuruck, uberquerte die Ankeny, kam zur Burnside und blieb wieder stehen. Was, zum Teufel, wollte sie hier?

Sie ging zu dem umgebauten Parkhaus 209 S.?W. Burnside. Welches umgebaute Parkhaus? Ihr Buro befand sich im Pendleton Building, Portlands erstem Burohochhaus nach dem Zusammenbruch, in der Morrison. Funfzehn Stockwerke, Neo-Inka-Stil. Was fur ein umgebautes Parkhaus, wer, zum Teufel, arbeitete in einem umgebauten Parkhaus?

Sie ging weiter die Burnside hinab und sah sich um. Tatsachlich, da war es. Ringsum von Zutritt-Verboten- Schildern umgeben.

Ihr Buro lag da oben im dritten Stock.

Wahrend sie auf dem Burgersteig stand und an dem leerstehenden Gebaude mit den merkwurdigen, leicht schragen Stockwerken und schmalen Fensterscharten hinaufsah, fuhlte sie sich wahrlich seltsam. Was war vergangenen Freitag wahrend der psychiatrischen Sitzung tatsachlich vor sich gegangen?

Sie mu?te den kleinen Pisser wiedersehen. Mr. Orr, sieh dich vorr. Er hatte sie beim Mittagessen versetzt, na und, sie hatte trotzdem noch ein paar Fragen an ihn. Sie schritt nach Suden aus, klick, klack, und mit den Scheren schnappend, zum Pendleton Building, und rief ihn von ihrem Buro aus an. Zuerst bei Bradford Industries (nein, Mr. Orr hat sich heute nicht sehen lassen, nein, er hat auch nicht angerufen), dann in seiner Residenz (Rring. Rring. Rring).

Vielleicht sollte sie wieder Dr. Haber anrufen. Aber der war so eine gro?e Nummer als Leiter seines Palasts der Traume dort droben auf dem Hugel. Und uberhaupt, was dachte sie sich eigentlich? Haber sollte nicht wissen, da? Orr kein Unbekannter fur sie war. Wenn ein Lugner eine Grube grabt, fallt er mit seinen kurzen Beinen selbst hinein. Eine Spinne, die sich in ihrem eigenen Netz verfangt.

An diesem Abend ging Orr weder um sieben noch um neun, noch um elf Uhr ans Telefon. Am Dienstagmorgen arbeitete er nicht, und am Dienstagnachmittag um vierzehn Uhr auch nicht. Um sechzehn Uhr drei?ig verlie? Heather Lelache die Kanzlei von Forman, Esserbeck und Rutti, fuhr mit der Stra?enbahn zur Whiteaker Street, ging den Hugel hinauf zur Corbett Avenue, fand das Haus, lautete an der Tur: einer von sechs schon unendlich oft gedruckten Klingelknopfen in einer abgegriffenen kurzen Reihe am abblatternden Rahmen der Ornamentglastur eines Hauses, das 1905 oder 1892 jemandes ganzer Stolz gewesen war, seither jedoch harte Zeiten durchgemacht hatte, aber gefa?t und mit einer gewissen schabigen Wurde dem Verfall entgegendammerte. Keine Reaktion, als sie Orrs Klingel betatigte. Sie lautete bei M. Ahrens, Hausmeister. Zweimal. Hausmeister kam, reagierte zuerst recht unwillig. Aber wenn die Schwarze Witwe eines beherrschte, dann war es, Insekten einzuschuchtern, die in der Nahrungskette unter ihr standen. Hausmeister ging mit ihr nach oben und versuchte sein Gluck an Orrs Tur. Die Tur ging auf. Er hatte sie nicht abgeschlossen gehabt.

Sie wich einen Schritt zuruck. Urplotzlich argwohnte sie, da? drinnen ein Toter liegen konnte. Und es war nicht ihre Wohnung.

Hausmeister scherte sich wenig um Privateigentum, marschierte hinein, und sie folgte ihm widerstrebend.

Die gro?en, alten und kargen Zimmer machten einen dusteren und unbenutzten Eindruck. Es kam ihr albern vor, da? sie gleich an den Tod gedacht hatte. Orr besa? nicht viel; sie sah weder die Schlampigkeit eines Junggesellen noch die penible Ordentlichkeit eines Junggesellen. Seine Personlichkeit spiegelte sich in diesen Raumen kaum wider, und dennoch sah sie ihn hier wohnen, einen unauffalligen Mann, der ein unauffalliges Leben fuhrte. Auf dem Tisch im Schlafzimmer stand ein Glas Wasser mit einem Strau? Heidekraut darin. Das Wasser war bis etwa zu einem Viertel des Glases verdunstet.

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