Wenig spater spurte er Habers Hand schwer auf der Schulter. »Wieder ein schlimmes Erlebnis? Verdammt, ich dachte, diesmal wurde ich es Ihnen leicht machen. Ich hatte Ihnen befohlen, da? Sie vom Frieden traumen.«
»Das habe ich.«
»Und das empfanden Sie als beangstigend?«
»Ich habe eine Weltraumschlacht beobachtet.«
»Beobachtet? Von wo?«
»Von der Erde.« Er schilderte den Traum kurz, lie? die Gans jedoch unerwahnt. »Ich wei? nicht, ob sie eins von uns oder wir eins von ihnen abgeschossen haben.«
Haber lachte. »Ich wunschte, wir
»Nur Frieden? Traumen Sie vom Frieden — mehr haben Sie nicht gesagt?«
Haber antwortete nicht sofort. Er machte sich an den Kontrollen des Verstarkers zu schaffen.
»Okay«, sagte er schlie?lich. »Lassen wir Sie dieses eine Mal die Suggestion mit dem Traum vergleichen. Vielleicht finden wir heraus, warum er einen negativen Verlauf nahm. Ich sagte … nein, spielen wir das Band ab.« Er ging zu einem Paneel in der Wand.
»Sie schneiden die ganze Sitzung mit?«
»Freilich. Psychiatrische Standardvorgehensweise. Wu?ten Sie das nicht?«
Woher sollte ich es wissen, wenn das Tonband versteckt ist, kein Signal von sich gibt und du es mir nicht mitgeteilt hast, dachte Orr; aber er sagte nichts. Vielleicht war es die Standardvorgehensweise, vielleicht Habers personliche Arroganz; so oder so konnte er nichts daran andern.
»Da sind wir, hier etwa mu?te es sein. Jetzt der Hypnosezustand, George. Sie sind — Hier! Dammern Sie mir nicht weg, George!« Das Band zischte. Orr schuttelte den Kopf und blinzelte. Die letzten Anweisungen stammten naturlich nur von dem Haber auf Tonband; aber er stand immer noch unter dem Einflu? des hypnoseinduzierenden Medikaments.
»Ich mu? ein Stuck uberspringen. Also gut.« Jetzt ertonte wieder Habers Stimme vom Tonband:»- Frieden. Kein Massenmord mehr von Menschen an anderen Menschen. Keine Kampfe im Iran, in Arabien und Israel. Keine Volkermorde mehr in Afrika. Keine Arsenale von nuklearen und biologischen Waffen. Keine Forschung mehr an Mitteln und Wegen, wie man Menschen totet. Eine Welt in Frieden mit sich selbst. Friede als allgemeingultiger Lebensstil auf Erden. Sie werden von dieser Welt traumen, die in Frieden mit sich ist. Jetzt werden Sie einschlafen. Wenn ich —« Er hielt das Band unvermittelt an, um Orr mit dem Schlusselwort nicht wieder in Schlaf zu versetzen.
Orr rieb sich uber die Stirn. »Na ja«, sagte er leise, »ich habe die Anweisungen befolgt.«
»Kaum. Von einem Kampf im cislunaren Raum zu traumen —« Haber verstummte so unvermittelt wie das Band.
»Cislunar«, sagte Orr, dem Haber ein wenig leid tat. »Wir haben dieses Wort nicht benutzt, als ich einschlief. Wie ist die Lage in Isragypten?«
Das Kunstwort aus der alten Realitat hatte eine seltsame Schockwirkung, als es in dieser Realitat ausgesprochen wurde: wie der Surrealismus, schien es einen Sinn zu ergeben, oder schien scheinbar ohne Sinn zu sein und dennoch einen zu ergeben.
Haber ging in dem langen, geschmackvollen Raum auf und ab. Einmal strich er mit der Hand uber seinen rotbraunen, lockigen Bart. Die Geste war berechnend und Orr wohl bekannt, doch als er zum Sprechen ansetzte, spurte Orr, da? er seine Worte mit Bedacht aussuchte und wahlte und sich zur Abwechslung einmal nicht auf seinen unerschopflichen Fundus an Improvisation verlie?. »Es ist eigentumlich, da? Sie die Verteidigung der Erde als Symbol oder Metapher fur den Frieden, fur das Ende der Kriegfuhrung benutzt haben. Und dennoch nicht unangebracht. Nur sehr subtil. Traume sind unendlich subtil. Unendlich. Denn tatsachlich
»Vom Regen in die Traufe«, sagte Orr. »Begreifen Sie nicht, Dr. Haber, da? Sie nie mehr als das von mir bekommen werden? Horen Sie, es ist nicht so, da? ich gegen Sie arbeiten, Ihre Plane zunichte machen mochte. Es war eine gute Idee, den Krieg zu beenden, da bin ich vollkommen Ihrer Meinung. Ich habe bei der letzten Wahl sogar fur die Isolationisten gestimmt, weil Harris versprochen hat, unser Engagement im Nahen Osten zu beenden. Aber ich denke, ich, oder mein Unterbewu?tsein, kann mir eine Welt ohne Krieg nicht einmal vorstellen. Es kann bestenfalls einen Krieg gegen einen anderen eintauschen. Sie sagten, Menschen sollen keine anderen Menschen mehr toten. Also traumte ich die Au?erirdischen. Ihre eigenen Einfalle sind klug und rational, aber Sie versuchen, mein Unterbewu?tsein zu benutzen, nicht meinen rationalen Verstand. Vielleicht konnte ich mir rational vorstellen, da? die menschliche Rasse nicht versucht, sich gegenseitig nationenweise auszurotten, das ist rational sogar leichter zu begreifen als die Motive fur einen Krieg. Aber Sie haben es mit etwas au?erhalb der Vernunft zu tun. Sie versuchen, progressive, humanitare Ziele mit einem Werkzeug zu erreichen, das nicht fur diese Aufgabe geeignet ist. Wer hat schon humanitare Traume?«
Haber sagte nichts und lie? keinerlei Reaktion erkennen, daher fuhr Orr fort.
»Oder vielleicht ist es nicht nur mein unterbewu?ter, irrationaler Verstand, vielleicht ist es mein ganzes Ich, mein gesamtes Wesen, das fur den Job einfach nicht geeignet ist. Ich bin vielleicht zu defatistisch, oder zu passiv, wie Sie gesagt haben. Ich besitze nicht genugend Begierden. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, da? ich diese — diese Gabe besitze, wirkungsvoll zu traumen; und wenn nicht, gibt es moglicherweise andere, die es konnen, Menschen mit einem Verstand, der mehr so wie Ihrer funktioniert, mit denen Sie besser zusammenarbeiten konnen. Sie konnen doch Tests durchfuhren; ich kann nicht der einzige sein; vielleicht bin ich nur der einzige, dem es bewu?t geworden ist. Aber ich
»Niemand wei?, wie die Au?erirdischen aussehen, George«, sagte Haber in einem vernunftigen, beschwichtigenden Tonfall. »Wir hatten alle ihretwegen unsere Alptraume, wei? Gott! Aber wie Sie sagten, ihre erste Landung auf dem Mond ist jetzt sechs Jahre her, und sie haben es noch nicht bis zur Erde geschafft. Mittlerweile sind unsere Raketenabwehrsysteme hochst wirkungsvoll. Wenn sie es bis jetzt nicht geschafft haben, besteht kein Grund zu der Annahme, da? sie durchbrechen konnen. Diese ersten paar Monate, bevor die Verteidigung auf der Basis internationaler Zusammenarbeit organisiert wurde, das war die Gefahrenperiode.«
Orr sa? eine Weile mit hangenden Schultern da. »Lugner!« wollte er Haber anbrullen, »warum lugst du mich an?« Aber der Wunsch war nicht besonders ausgepragt. Es fuhrte zu nichts. Moglicherweise war Haber gar nicht fahig, die Wahrheit zu sagen, weil er sich selbst belog. Vielleicht unterteilte er seinen Verstand in zwei hermetische Halften: In einer wu?te er, da? Orrs Traume die Realitat veranderten, und nutzte das fur seine Zwecke; in der anderen wu?te er, da? er Hypnosetherapie und Traum-Abreaktionen anwandte, um einen schizoiden Patienten zu heilen, der glaubte, da? seine Traume die Realitat veranderten.
Da? Habers interne Kommunikation solcherma?en au?er Kontrolle geraten sein konnte, fiel Orr schwer zu glauben; sein eigener Verstand war so resistent gegen derartige Unterteilungen, da? er sie bei anderen nur schwer erkannte. Aber er hatte gelernt, da? es sie gab. Er war in einem Land aufgewachsen, in dem Politiker Piloten losschickten, um Jagdbomber zu bemannen, um Babys zu toten, um die Welt so sicher zu machen, da? Kinder darin aufwachsen konnten.
Aber das war jetzt in der alten Welt gewesen. Nicht in der schonen neuen Welt.
»Ich drehe durch«, sagte er. »Das mussen Sie doch sehen. Sie sind Psychiater. Sehen Sie denn nicht, da?
