meine diesbezuglichen Forschungen wieder aufnehme, werde ich sie selbstverstandlich umgehend wieder beim Gesundheitsamt anmelden.« Das entsprach der Wahrheit. Es mu?te nicht unbedingt erwahnt werden, da? er bereits mit Forschungen in dieser Richtung beschaftigt war, die sich freilich noch nicht schlussig auswerten lie?en und leicht mi?verstanden werden konnten.

»Die Form der Autostimulation durch Aufzeichnungen, die ich bei dieser Therapie anwende, konnte man dahingehend beschreiben, da? sie keinerlei Nebenwirkungen auf den Patienten hat, abgesehen von denen, die wahrend des Zeitraums der Funktion der Maschine auftreten: funf bis zehn Minuten.« Er verstand mehr vom Fachgebiet jeder Anwaltin des Gesundheitsamts, als die von seinem; er sah sie beim letzten Satz unmerklich nicken, es war genau das, was sie horen wollte.

Aber dann fragte sie: »Und was genau macht das Gerat?«

»Ja, dazu wollte ich gerade kommen«, sagte Haber und ma?igte sich augenblicklich in seinem Tonfall, da man ihm die Verargerung anmerkte. »Womit wir es in diesem Fall zu tun haben, ist ein Subjekt, das Angst davor hat, zu traumen: ein Oneirophober. Meine Behandlung besteht im wesentlichen aus einer Konditionierung in der klassischen Tradition moderner Psychologie. Dem Patienten werden hier, unter Laborbedingungen, Traume induziert; Trauminhalt und emotionaler Affekt werden durch hypnotische Suggestion manipuliert. Dem Subjekt wird vermittelt, da? es sicher und angenehm traumen kann, und so weiter, eine positive Konditionierung, die es von seiner Phobie befreit. Der Verstarker ist ein ideales Instrument fur diesen Zweck. Er gewahrleistet, da? das Subjekt traumt, indem er dessen eigene typische Aktivitat im paradoxen Schlaf einleitet und verstarkt. Ein Subjekt kann bis zu anderthalb Stunden brauchen, bis es die verschiedenen Stadien des orthodoxen Schlafs durchlaufen hat und von selbst das paradoxe Stadium erreicht, fur Sitzungen bei Tage eine unpraktisch lange Zeitspanne, und daruber hinaus konnte die Wirkung der hypnotischen Suggestion des Trauminhalts im Tiefschlaf teilweise verlorengehen. Das ist unerwunscht; im Zustand der Konditionierung kommt es ganz entscheidend darauf an, da? er keine bosen Traume, keine Alptraume hat. Und so bringt mir der Verstarker nicht nur eine Zeitersparnis, sondern dient auch als Sicherheitsfaktor. Die Therapie konnte auch ohne ihn Wirkung zeitigen; aber sie wurde wahrscheinlich Monate dauern; mit dem Verstarker gehe ich von wenigen Wochen aus. In den entsprechenden Fallen konnte er eine Menge Zeit einsparen, so wie die Hypnose selbst bei der Psychoanalyse und der Konditionierungstherapie.«

Biep, sagte der Rekorder der Anwaltin, worauf die Sprechanlage auf seinem Schreibtisch mit einem weichen, volltonenden und gebieterischen Bong antwortete. Gott sei Dank. »Hier kommt ja unser Patient. Ich schlage vor, Miss Lelache, da? Sie ihn kennenlernen und wir ein wenig plaudern, wenn Sie mochten; danach konnen Sie sich dann unauffallig in den Ledersessel in der Ecke zuruckziehen, ja? Ihre Anwesenheit sollte keinerlei Auswirkungen auf den Patienten haben, falls er jedoch standig daran erinnert wird, konnte sich das als au?erst hinderlich erweisen. Sehen Sie, er ist eine Person in einem recht gravierenden Angstzustand mit einer Neigung, Ereignisse als personliche Bedrohungen zu interpretieren; als Folge dessen hat er ein ganzes Arsenal schutzender Wahnvorstellungen aufgebaut — wie Sie sehen werden. Oh, ja, und der Rekorder mu? ausgeschaltet werden, eine Therapiesitzung ist nicht zur Aufzeichnung bestimmt, richtig? Okay, gut. Ja, hallo, George, treten Sie ein! Das ist Miss Lelache, die Beisitzerin des Gesundheitsamts. Sie ist hier, um den Verstarker in Aktion zu sehen.« Die beiden schuttelten sich auf eine hochst lacherlich steife Art und Weise die Hande. Schepper, klirr! machten die Armreife der Anwaltin. Der Kontrast amusierte Haber: die schroffe, selbstbewu?te Anwaltin, der schwache, charakterlose Mann. Sie hatten uberhaupt nichts gemeinsam.

»Also«, sagte er und gefiel sich in der Rolle des Spielleiters, »ich schlage vor, da? wir gleich zur Sache kommen, es sei denn, George, Sie hatten etwas Spezielles im Sinn, woruber Sie vorher noch gern sprechen mochten?« Er dirigierte sie mit seinen scheinbar unauffalligen Bewegungen: die Lelache zu dem Sessel in der Ecke gegenuber, Orr zu der Couch. »Okay. Also gut. Dann spulen wir einen Traum ab. Der nebenbei fur das Gesundheitsamt die Tatsache belegen wird, da? Sie wegen dem Verstarker keine Zehennagel verlieren, keine Arterienverkalkung bekommen, den Verstand verlieren oder an sonstigen Nebenwirkungen leiden, abgesehen davon, da? der Traumschlaf heute vielleicht ein klein wenig kurzer ausfallen wird.« Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da streckte er den Arm aus und legte die rechte Hand fast beilaufig an Orrs Hals.

Orr zuckte bei der Beruhrung zusammen, als ware er noch nie hypnotisiert worden.

Dann entschuldigte er sich. »Pardon. Sie haben so unerwartet zugegriffen.«

Es war erforderlich, noch einmal ganz von vorn mit der Hypnose anzufangen und dabei auf die Pressurmethode zuruckzugreifen, die selbstverstandlich vollkommen legal war, aber im Beisein einer Beobachterin des Gesundheitsamts dramatischer wirkte, als Haber lieb sein konnte; er war wutend auf Orr, bei dem er schon wahrend den letzten funf oder sechs Sitzungen einen zunehmenden Widerstand gespurt hatte. Als er den Mann endlich soweit hatte, schaltete er ein Tonband ein, das er selbst aufgenommen hatte und das ihm die langweilige Wiederholung der Vertiefung der Trance und der posthypnotischen Suggestion beim wiederholten Hypnotisieren ersparte. »Sie fuhlen sich jetzt ruhig und entspannt. Sie fallen immer tiefer in Trance«, und so weiter, und so fort. Wahrend es abgespielt wurde, ging er zu seinem Schreibtisch, sichtete mit ruhigem, ernstem Gesichtsausdruck Papiere und beachtete die Lelache gar nicht. Sie verhielt sich ganz still, weil sie wu?te, da? der Hypnosevorgang nicht unterbrochen werden durfte; sie schaute zum Fenster hinaus und geno? die Aussicht auf die Turme der Stadt.

Schlie?lich stoppte Haber das Tonband und setzte Orr die Trancekappe auf den Kopf. »Wahrend ich Sie jetzt vorbereite, reden wir daruber, was fur einen Traum Sie heute traumen werden, George. Sie mochten doch gern daruber reden, nicht wahr?«

Langsames Nicken des Patienten.

»Als Sie das letzte Mal hier waren, haben wir uber einige Dinge gesprochen, die Sie bekummern. Sie sagten, da? Sie Ihre Arbeit lieben, es Ihnen aber nicht gefallt, da? Sie mit der U-Bahn zu Ihrem Arbeitsplatz fahren mussen. Sie fuhlen sich bedrangt, sagten Sie — eingezwangt, zusammengequetscht. Sie wurden sich fuhlen, als hatten Sie keine Ellbogenfreiheit, als waren Sie nicht frei.«

Er machte eine Pause, und der Patient, der sich unter Hypnose stets recht wortkarg gab, antwortete schlie?lich nur: »Uberbevolkerung.«

»Mhm, das war das Wort, das Sie benutzt haben. Das ist Ihr Wort, Ihre Metapher fur dieses Gefuhl der Unfreiheit. Also, unterhalten wir uns uber dieses Wort. Sie wissen, da? schon im achtzehnten Jahrhundert Malthus Panik wegen des Bevolkerungswachstums machte; und vor drei?ig, vierzig Jahren herrschte deswegen abermals eine enorme Aufregung. Und die Bevolkerungszahl ist tatsachlich angestiegen; aber die prophezeiten Schrecken blieben einfach aus. Es ist schlicht und einfach nicht so schlimm, wie vorhergesagt wurde. Wir hier in Amerika kommen ganz gut zurecht, und auch wenn wir unseren Lebensstandard in mancher Hinsicht senken mu?ten, ist er doch in vielerlei anderer Hinsicht hoher als noch vor einer Generation. Vielleicht reprasentiert eine ubertriebene Furcht vor Uberbevolkerung — Uberfullung — also nicht die au?ere Realitat, sondern einen inneren Geisteszustand. Wenn Sie sich beengt fuhlen, obwohl Sie es gar nicht sind, was hat das zu bedeuten? Vielleicht, da? Sie Angst vor menschlichen Kontakten haben — davor, Menschen nahe zu sein, beruhrt zu werden. Und aus diesem Grund haben Sie eine Art von Ausrede gesucht, um die Realitat auf Distanz zu halten.« Das EEG lief mit, und wahrend Haber sprach, schlo? er den Verstarker an. »So, George, wir werden uns jetzt noch ein Weilchen unterhalten, und wenn ich das Schlusselwort ›Antwerpen‹ sage, schlafen Sie ein; wenn Sie erwachen, fuhlen Sie sich erfrischt und ausgeruht. Sie werden sich nicht mehr an das erinnern, was ich gesagt habe, wohl aber an Ihren Traum. Es wird ein lebhafter Traum sein, lebhaft und angenehm, ein wirkungsvoller Traum. Sie werden von diesem Thema traumen, das Sie so sehr bekummert, Uberbevolkerung: Sie werden einen Traum traumen, in dem Sie herausfinden, da? Sie in Wahrheit gar keine Angst davor haben. Schlie?lich konnen die Menschen nicht aliein leben; Einzelhaft ist die schlimmste Form der Haftstrafe! Wir brauchen Menschen um uns herum. Damit sie uns helfen, damit wir ihnen helfen konnen, damit wir uns mit ihnen messen und unsere Fahigkeiten an ihnen verbessern konnen.«

Und so weiter, und so fort. Die Anwesenheit der Anwaltin engte ihn extrem ein; er mu?te alles in abstrakte Begriffe verpacken, anstatt Orr einfach frei heraus zu befehlen, was er traumen sollte. Naturlich verfalschte er seine Methode nicht, um die Beobachterin zu tauschen; seine Methode war einfach noch nicht invariabel. Er variierte sie von Sitzung zu Sitzung und suchte nach narrensicheren Mitteln und Wegen, den exakten Traum zu suggerieren, den er haben wollte, und stets mu?te er dabei gegen den Widerstand ankampfen, der fur ihn manchmal auf die ubertriebene Buchstabentreue primarer Denkvorgange und manchmal auf eine eindeutige Sturheit in Orrs Denken zuruckzufuhren zu sein schien. Was auch immer das Haupthindernis war, der Traum gestaltete sich fast nie so, wie Haber ihn beabsichtigt hatte; daher konnte es gut sein, da? diese vage, abstrakte

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