traumten, und auf einmal war es nicht mehr da und hatte nie existiert!«
»Ich dachte, Sie kommen aus dem Osten«, sagte er. Relevanz war im Augenblick nicht seine starke Seite.
»Nein.« Sie kratzte die Thunfischdose fein sauberlich aus und leckte das Messer ab. »Portland. Jetzt zweimal. Zwei verschiedene Krankenhauser. Herrgott! Aber hier geboren und aufgewachsen. Wie meine Eltern. Mein Vater war schwarz, meine Mutter wei?. Irgendwie interessant. Er war der richtig militante Black-Power-Typ, damals in den Siebzigern, und sie ein Hippie. Er stammte aus einer Sozialhilfefamilie in Albina, kein Vater, und sie war die Tochter eines Firmenanwalts aus Portland Heights. Sie war eine Aussteigerin, nahm Drogen und was die damals eben alles so getrieben haben. Und sie haben sich bei einer politischen Veranstaltung kennengelernt, beim Demonstrieren. Das war, als Demonstrationen noch legal waren. Und sie heirateten. Aber er konnte es nicht lange ertragen, ich meine die ganze Situation, nicht nur die Ehe. Als ich acht war, ist er nach Afrika ausgewandert. Nach Ghana, glaube ich. Er war der Meinung, da? seine Vorfahren ursprunglich von dort stammten, aber genau wu?te er es nicht. Sie hatten seit Menschengedenken in Louisiana gelebt, und Lelache war der Name des Sklavenhalters, das ist Franzosisch. Es bedeutet ›Der Feigling‹. Ich habe an der High School Franzosisch gewahlt, weil ich einen franzosischen Namen trug.« Sie kicherte. »Jedenfalls ging er einfach fort. Und die arme Eva verkraftete es nicht. Das ist meine Mutter. Sie wollte nie, da? ich sie Mutter oder Mom nannte, das klang zu sehr nach klassischem Besitzdenken spie?iger Mittelschichtskleinfamilien. Also nannte ich sie Eva. Und wir lebten eine Weile in einer Art von Kommune auf dem Mount Hood, oh Gott. Es war kalt im Winter! Aber die Polizei hat sie aufgelost, sie behaupteten, da? es sich um eine antiamerikanische Verschworung handelte. Und danach verdiente sie irgendwie muhsam ihren Lebensunterhalt, sie machte hubsche Topferwaren, wenn sie bei jemand Drehscheibe und Brennofen benutzen konnte, aber meistens half sie in kleinen Geschaften und Restaurants aus, oder dealte Stoff. Diese Leute halfen einander immer. Wirklich immer. Aber sie kam nicht von den harten Drogen los, sie war suchtig. Sie schaffte es, ein Jahr davon wegzukommen, und dann bingo. Sie uberlebte den Schwarzen Tod, aber mit achtunddrei?ig erwischte sie eine verschmutzte Nadel, und die brachte sie um. Und stand nicht sofort ihre Familie auf der Matte und nahm mich zu sich? Ich hatte sie nie gesehen! Und sie finanzierten mir College und Jurastudium. Ich gehe jedes Jahr zum Weihnachtsessen hin. Ich bin ihre Quotennegerin. Aber ich kann Ihnen sagen, was mich wirklich fertigmachte, ich kann mich nicht entscheiden, was fur eine Farbe ich habe. Ich meine, mein Vater war ein Schwarzer, ein richtiger Schwarzer — oh, er hatte etwas wei?es Blut in sich, aber er war ein
»Braun«, sagte er sanft und trat hinter ihren Stuhl.
»Die Farbe von Schei?e.«
»Die Farbe der Erde.«
»Sind Sie ein Portlander? Jedesmal.«
»Ja.«
»Ich kann Sie uber den verdammten Bach hinweg kaum verstehen. Ich dachte, die Wildnis soll still sein. Fahren Sie fort!«
»Aber ich hatte inzwischen so viele Kindheiten«, sagte er. »Von welcher soll ich Ihnen denn erzahlen? In einer starben meine Eltern schon im ersten Jahr am Schwarzen Tod. In einer gab es gar keinen Schwarzen Tod. Ich wei? nicht … Keine war besonders interessant. Ich meine, es gibt nichts zu erzahlen. Ich war immer nur damit beschaftigt, zu uberleben.«
»Naja. Das ist ja auch die Hauptsache.«
»Es wird standig schwieriger. Der Schwarze Tod, und jetzt die Au?erirdischen …« Er gab ein unbekummertes Lachen von sich, aber als sie aufschaute, sah sein Gesicht mude und elend aus.
»Ich kann nicht glauben, da? Sie die getraumt haben. Ich kann es einfach nicht glauben. Ich habe schon so lange Zeit Angst vor ihnen — seit sechs Jahren! Aber ich wu?te, da? Sie dafur verantwortlich sind, als ich daruber nachdachte, denn sie existierten nicht in diesem anderen … Zeitverlauf oder was immer es ist. Aber an sich sind sie nicht schlimmer als diese gra?liche Uberbevolkerung. Diese winzigkleine Wohnung, in der ich hauste, zusammen mit vier anderen Frauen, in einer Wohnanlage fur Geschaftsfrauen, um Gottes willen! Und die Fahrten mit dieser grauenhaften U-Bahn, und meine Zahne waren in einem absto?enden Zustand, und es gab nie etwas Anstandiges zu essen, und vor allem nie die Halfte von dem, was man gebraucht hatte. Konnen Sie sich vorstellen, am Freitag wog ich achtundvierzig Kilo, und inzwischen sind es achtundfunfzig. Ich habe seit Freitag zehn Kilo zugenommen!«
»Das stimmt, Sie waren schrecklich mager, als ich Sie zum erstenmal gesehen habe. In Ihrer Anwaltskanzlei.«
»Sie aber auch. Sie waren abgemagert. Aber alle anderen auch, darum ist es mir nicht weiter aufgefallen. Jetzt sehen Sie aus, als waren Sie ein kerngesunder Typ, wenn Sie nur genugend Schlaf bekommen wurden.«
Er sagte nichts.
»Alle sehen jetzt viel besser aus, wenn man es recht bedenkt. Horen Sie. Wenn Sie nichts fur Ihre Gabe konnen, aber es damit fur alle ein klein wenig besser machen, dann sollten Sie deswegen keine Schuldgefuhle haben. Vielleicht sind Ihre Traume ja gewisserma?en nichts weiter als ein neues Mittel der Evolution. Ein hei?er Draht. Uberleben der Starksten, und so weiter. Mit Notfallprioritat.«
»Oh, es ist viel schlimmer«, sagte er in demselben unbeschwerten, albernen Tonfall; er setzte sich auf das Bett. »Erinnern Sie sich noch an den April vor vier Jahren — 1998?«
»April? Nein, dazu fallt mir nichts Besonderes ein.«
»Da ging die Welt unter«, sagte Orr. Ein Muskelkrampf entstellte sein Gesicht, und er schien nach Luft zu ringen. »Niemand sonst erinnert sich daran«, sagte er.
»Was meinen Sie?« fragte sie von einem vagen Gefuhl der Angst erfullt. April, April 1998, dachte sie, erinnere ich mich an den April 1998? Sie glaubte nicht und wu?te doch, sie sollte sich erinnern; und sie hatte Angst — vor ihm? Mit ihm? Um ihn?
»Es ist nicht die Evolution. Nur Selbsterhaltung. Ich kann nicht — jedenfalls war es viel schlimmer. Viel schlimmer als in Ihrer Erinnerung. Es war dieselbe Welt wie die erste, an die Sie sich erinnern, mit einer Bevolkerung von sieben Milliarden Menschen, aber es — es war schlimmer. Niemand au?er ein paar kleinen europaischen Landern hatte Rationierung und Umweltschutz und Geburtenkontrolle rechtzeitig eingefuhrt, in den siebziger Jahren, und als wir endlich versuchten, die Verteilung von Nahrungsmitteln zu rationieren, war es zu spat, es gab nicht mehr genug und die Mafia kontrollierte den Schwarzmarkt, jeder mu?te auf dem Schwarzmarkt kaufen, wenn er etwas zu essen haben wollte, und viele Menschen bekamen nichts. 1984 haben sie die Verfassung umgeschrieben, wie Sie sie heute kennen, aber da stand es schon so schlimm, da? diese Verfassung noch katastrophaler wurde, die schutzten nicht einmal mehr Demokratie vor, wir wurden eine Art Polizeistaat, aber es hat nicht geklappt, er zerfiel auf der Stelle wieder. Als ich funfzehn war, wurden die Schulen geschlossen. Es gab keinen Schwarzen Tod, aber Epidemien, eine nach der anderen, Ruhr und Hepatitis, und dann die Beulenpest. Die meisten Menschen verhungerten jedoch. Dann, 1993, begann der Krieg im Nahen Osten, aber er war anders. Israel gegen die Araber und Agypten. Alle gro?en Lander griffen ein. Einer der afrikanischen Staaten stellte sich auf die Seite der Araber und lie? Atombomben auf zwei israelische Stadte abwerfen, also halfen wir ihnen bei einem Vergeltungsschlag, und …« Er verstummte eine Zeitlang und fuhr dann offenbar ohne zu merken, da? er uberhaupt eine Pause gemacht hatte, fort. »Ich versuchte, aus der Stadt rauszukommen. Ich wollte in den Nationalpark. Ich war krank, ich konnte nicht weitergehen und setzte mich auf die Treppe eines Hauses droben in den westlichen Hugeln, die Hauser waren alle abgebrannt, aber die Treppenstufen bestanden aus Beton, ich erinnere mich noch, da? Lowenzahn in einer Ritze zwischen den Stufen bluhte. Ich sa? da und konnte nicht aufstehen und wu?te, da? ich es nie wieder konnen wurde. Ich dachte standig, da? ich aufstand und weiterging, da? ich die Stadt hinter mir lie?, aber das war nur das Delirium, ich kam zu mir und sah den Lowenzahn wieder und wu?te, da? ich sterben mu?te. Und da? alles andere auch starb. Und dann hatte ich den — hatte ich diesen Traum.« Er hatte sich heiser geredet; jetzt verstummte er kieksend.
»Es ging mir gut«, fuhr er schlie?lich fort. »Ich traumte, ich ware zu Hause. Ich erwachte, und alles war gut. Ich lag zu Hause in meinem Bett. Aber es war kein Zuhause, das ich je gehabt hatte, dieses andere Mal, in der ersten Zeit. Der bosen Zeit. Oh, Gott, ich wunschte, ich wurde mich nicht daran erinnern. Meistens tue ich es auch
