halb in seinem Traum und sagte emotionslos: »Sie sind gelandet.«
Denn er hatte genau das getan, was sie ihm befohlen hatte. Sie hatte ihm befohlen, zu traumen, da? die Au?erirdischen nicht mehr auf dem Mond waren.
8
Himmel und Erde sind nicht menschenfreundlich.
Im Zweiten Weltkrieg erlebte der Bundesstaat Oregon als einziger Teil des amerikanischen Festlands einen direkten Angriff. Ein paar japanische Feuerballons setzten ein Stuck Wald an der Kuste in Brand. Im Ersten Interstellaren Krieg war der einzige Teil des amerikanischen Festlands, der eine Invasion erlebte, der Bundesstaat Oregon. Man hatte den Lokalpolitikern die Schuld daran geben konnen; die historische Funktion eines Senators aus Oregon besteht darin, alle anderen Senatoren wahnsinnig zu machen, darum wird auf das Brot des Bundesstaats niemals irgendwelche militarische Butter gestrichen. Oregon besa? nichts haufenweise, ausgenommen Heu, keine Raketensilos, keine Stutzpunkte der NASA. Es war ganz offenkundig schutzlos. Die Ballistischen Anti- Au?erirdische-Raketen, mit denen man das Land verteidigte, wurden von den riesigen unterirdischen Anlagen in Walla Walla, Washington, und Round Valley, Kalifornien aus gestartet. Von Idaho, das zum uberwiegenden Teil der amerikanischen Luftwaffe gehorte, rasten die enormen XXTT-9900-Jagdbomber mit Uberschallgeschwindigkeit nach Westen, lie?en jedes Trommelfell zwischen Boise und Sun Valley platzen und patrouillierten, um nach jedem Raumschiff der Au?erirdischen zu suchen, dem es irgendwie gelungen sein mochte, das unfehlbare Netz der BAARs zu durchbrechen.
Von den Schiffen der Au?erirdischen, die uber eine Vorrichtung verfugten, mit denen sie die Steuerungssysteme der Abwehrraketen beeinflussen konnten, wurden die BAARs einfach ubernommen, wendeten irgendwo in der Stratosphare, kehrten um, landeten und explodierten hier und da im gesamten Bundesstaat Oregon. Die trockenen Osthange der Cascades wurden von Flammen verwustet. Feuersbrunste wuteten in Gold Beach und Dalles und vernichteten sie. Portland verzeichnete keine direkten Treffer; aber eine verirrte BAAR mit Atomsprengkopf schlug in der Nahe des alten Kraters in den Mount Hood ein und weckte den erloschenen Vulkan. Dampf und Erdsto?e waren die unmittelbare Folge, und um die Mittagszeit des ersten Tages der Invasion der Au?erirdischen, dem ersten April, hatte sich am Nordwesthang ein breiter Ri? mit einer heftigen Eruption aufgetan. Lavastrome setzten die schneefreien, abgeholzten Hange in Brand und bedrohten die Ortschaften Zigzag und Rhododendron. Ein Schlackekegel bildete sich, und die gesamte Atmosphare im vierzig Meilen entfernten Portland wurde bald trub und grau von Asche. Als der Abend kam und der Wind nach Suden drehte, wurden die unteren Luftschichten ein klein wenig klarer und offenbarten das feierliche orangerote Flackern der Eruption in den Wolkenschichten im Osten. Am von Regen und Asche verhangenen Himmel schossen donnernd ganze Geschwader von XXTT-9900S dahin und suchten vergeblich nach Schiffen der Au?erirdischen. Nach wie vor wurden weitere Jagdbombergeschwader und Kampfflugzeuge von der Ostkuste und befreundeten Nationen des Pakts entsandt; diese schossen sich mitunter gegenseitig ab. Erdbeben, Raketeneinschlage und absturzende Kampfjets lie?en den Boden erbeben. Eines der au?erirdischen Schiffe war keine acht Meilen von der Gemarkungsgrenze entfernt gelandet, darum wurden alle sudwestlichen Vororte der Stadt dem Erdboden gleich gemacht, da Jagdbomber das gesamte, elf Quadratmeilen gro?e Areal, in dem das Schiff der Au?erirdischen angeblich gelandet sein sollte, verwusteten. Tatsachlich jedoch waren langst Informationen eingetroffen, da? es sich uberhaupt nicht mehr dort aufhielt. Aber schlie?lich mu?te etwas getan werden. Bomben fielen aus Versehen auf viele andere Teile der Stadt, wie es bei Flachenbombardements nun einmal nicht zu vermeiden ist. Im gesamten Stadtzentrum blieb keine einzige Fensterscheibe heil. Statt dessen lagen sie als Scherben und Bruchstucke zwei bis drei Zentimeter hoch in samtlichen innerstadtischen Stra?en. Fluchtlinge aus dem Sudwesten von Portland mu?ten daruber hinweg laufen; Frauen trugen ihre Kinder und marschierten weinend in dunnen Schuhen voller Glassplitter dahin.
William Haber stand am gro?en Fenster seines Buros im Oneirologischen Institut von Oregon und betrachtete die lodernden Feuer unten in den Hafenanlagen und den blutroten Lichtschein der Eruption. Er hatte noch Glasscheiben in den Fenstern; beim Washington Park war noch nichts gelandet oder explodiert, und die Erdbeben, die unten bei den Flu?ufern ganze Gebaudezuge entzwei rissen, hatten hier bislang nichts Schlimmeres angerichtet, als die Scheiben in den Fensterrahmen klirren zu lassen. Ganz leise konnte er die Elefanten im Zoo trompeten horen. Streifen eines ungewohnlichen purpurroten Lichts zeigten sich gelegentlich im Norden, moglicherweise uber der Stelle, wo der Willamette in den Columbia einmundet; in dem ascheschwangeren, dunstigen Zwielicht konnte man nur schwer Genaueres erkennen. Weite Teile der Stadt lagen nach Stromausfallen im Dunkeln; andere Viertel funkelten schwach, obwohl die Stra?enbeleuchtung nicht eingeschaltet worden war.
Niemand sonst hielt sich im Institut auf.
Haber hatte den ganzen Tag lang versucht, George Orr ausfindig zu machen. Als sich seine Suche als vergeblich herausstellte und Hysterie und zunehmende Verwustung der Stadt eine Fortsetzung der Suche unmoglich machten, hatte er sich in das Institut zuruckgezogen. Er hatte den gro?ten Teil des Wegs zu Fu? zurucklegen mussen, fur ihn ein entnervendes Erlebnis. Ein Mann in seiner Position, mit einem so ubervollen Terminkalender, fuhr selbstverstandlich einen Batteriewagen. Aber die Batterie gab den Geist auf, und wegen den dichten Menschenmassen konnte er keine Ladestation erreichen. Er mu?te aussteigen und gegen den Hauptstrom der Masse gehen, direkt in ihrer Mitte. Das erwies sich als beunruhigend. Er mochte Menschenmassen nicht. Doch dann verschwanden die Menschenmassen und er schritt allein uber die weiten Rasenflachen und durch Baumgruppen und Walder des Parks: und das war, wie sich herausstellte, noch viel schlimmer.
Haber betrachtete sich selbst als einsamen Wolf. Er hatte weder eine Ehe noch enge Freundschaften je gewollt, er hatte sich fur zeitraubende Forschungen entschieden, die durchgefuhrt wurden, wahrend andere schliefen, er hatte personliche Beziehungen vermieden. Sein Sexualleben beschrankte er fast ausschlie?lich auf Abenteuer fur eine Nacht oder Hobbyhuren, manchmal Frauen und manchmal junge Manner; er wu?te, in welchen Bars und Kinos und Saunen er finden konnte, was er suchte. Er bekam, was er wollte, und verschwand wieder, bevor er oder die andere Person irgendeine Form von Bedurfnis nach dem anderen entwickeln konnten. Er schatzte seine Unabhangigkeit, seinen freien Willen.
Aber er fand es schrecklich, allein zu sein, ganz allein in dem riesigen, gleichgultigen Park, wo er sich in gro?er Eile, fast im Laufschritt, dem Institut naherte, weil er sonst nirgendwo hin konnte. Und als er dort eintraf, war es vollkommen still und menschenleer.
Miss Crouch bewahrte ein Transistorradio in der Schreibtischschublade auf. Das holte er und lie? es leise eingeschaltet, damit er die neuesten Berichte horen konnte, oder wenigstens eine menschliche Stimme.
Hier hatte er alles, was er brauchte; Betten, sogar Dutzende davon, Lebensmittel, die Sandwich- und Getrankeautomaten fur das Personal der Nachtschicht in den Schlaflabors. Aber er war nicht hungrig. Statt dessen verspurte er eine Art Apathie. Er horte dem Radio zu, aber das Radio horte ihm nicht zu. Er war ganz allein, und in der Einsamkeit schien nichts real zu sein. Er brauchte jemanden, irgend jemanden, mit dem er reden, dem er erzahlen konnte, was er empfand, damit er selbst uberhaupt wu?te, da? er etwas empfand. Dieses Grauen vor dem Alleinsein war so stark, da? es ihn fast wieder aus dem Institut hinaus zu den Menschenmassen dort unten getrieben hatte, aber noch war die Apathie starker als das Grauen. Er unternahm nichts, und die Dunkelheit der Nacht senkte sich langsam herab.
Uber dem Mount Hood breitete sich der rotliche Widerschein manchmal enorm aus, dann schrumpfte er wieder. Etwas Gro?es schlug im Sudwesten der Stadt ein, von seinem Buro aus nicht zu sehen; doch wenig spater wurden die Wolken von einem flackernden Schein von unten angestrahlt, der aus dieser Richtung zu kommen schien. Haber ging auf den Flur hinaus, um zu sehen, ob es etwas zu sehen gab, nahm aber das Radio mit. Leute kamen die Treppe herauf, er hatte sie gar nicht gehort. Einen Moment sah er sie nur an.
»Dr. Haber«, sagte einer von ihnen.
Es war Orr. »Das wurde aber auch Zeit«, sagte Haber verbittert. »Wo, zum Teufel, haben Sie den ganzen
