Tag gesteckt? kommen Sie!«
Orr kam hinkend naher; die linke Seite seines Gesichts war geschwollen und blutig, die Lippe aufgeplatzt und die Halfte des vorderen Schneidezahns fehlte. Die Frau an seiner Seite sah nicht ganz so ubel mitgenommen, aber dafur erschopfter aus: Glasige Augen, weiche Knie. Orr lie? sie auf der Couch im Buro Platz nehmen. »Hat sie einen Schlag auf den Kopf bekommen?« fragte Haber mit seiner lauten Medizinerstimme.
»Nein. Es war nur ein langer Tag.«
»Mir geht es gut«, murmelte die Frau, zitterte aber ein wenig. Orr handelte rasch und umsichtig, zog ihr die absto?end schmutzverkrusteten Schuhe aus und breitete die Kamelhaardecke vom Fu?ende der Couch uber sie; Haber fragte sich, wer sie sein mochte, dachte jedoch nicht weiter daruber nach. Allmahlich funktionierte er wieder. »Lassen Sie sie hier liegen, sie wird schon wieder. Kommen Sie her, waschen Sie sich. Ich habe den ganzen Tag nach Ihnen gesucht. Wo sind Sie gewesen?«
»Wir haben versucht, in die Stadt zuruckzukehren. Wir sind in eine Art Bombenteppich geraten, sie haben die Stra?e direkt vor dem Auto gesprengt. Das Auto ist wie verruckt herumgeschlittert. Ist umgekippt, nehme ich an. Heather folgte mir und konnte rechtzeitig bremsen, darum ist ihrem Auto nichts passiert und wir sind damit weitergefahren. Aber wir mu?ten uber den Sunset Highway, weil die 99 gesprengt worden ist, und dann mu?ten wir das Auto drau?en beim Vogelschutzgebiet an einer Stra?ensperre abstellen. Wir sind zu Fu? durch den Park hergekommen.«
»Wo, zum Teufel, waren Sie?« Haber hatte hei?es Wasser in sein personliches Waschbecken laufen lassen und reichte Orr ein dampfendes Handtuch, das er sich an das blutige Gesicht halten konnte.
»Blockhutte. Im Kustengebirgszug.«
»Was ist mit Ihrem Bein los?«
»Ich nehme an, ich habe es mir verletzt, als das Auto umgesturzt ist. Wie sieht es aus, sind sie schon in der Stadt?«
»Wenn das Militar etwas daruber wei?, rucken sie nicht damit raus. Sie sagen nur, da? die gro?en Raumschiffe, als sie heute Morgen gelandet sind, in kleinere mobile Einheiten zerlegt wurden, so etwas Ahnliches wie Helikopter, die ausgeschwarmt sind. Sie sind uber der gesamten Westhalfte des Bundesstaats. Es wird gemeldet, da? sie sich nur langsam fortbewegen, aber von Abschussen hat man noch nichts verlautbaren lassen.«
»Wir haben eins gesehen«, Orrs Gesicht kam mit purpurnen Blutergussen unter dem Handtuch hervor, aber von Schmutz und Blutspuren befreit, sah es nicht mehr ganz so schockierend aus. »Es mu? eins gewesen sein. Ein kleines silbernes Ding, etwa zehn Meter uber einer Wiese nahe North Plains. Es schien irgendwie entlangzuhupfen. Sah nicht wie etwas Irdisches aus. Fuhren die Au?erirdischen Krieg gegen uns, schie?en sie Flugzeuge ab?«
»Davon wurde im Radio nichts gesagt. Es wurden keinerlei Verluste gemeldet, au?er unter der Zivilbevolkerung. Aber jetzt kommen Sie, wir mussen Ihnen Kaffee und etwas zu essen besorgen. Und dann werden wir, bei Gott, eine kleine Therapiesitzung mitten in der Holle durchfuhren und diesem idiotischen Schlamassel, das Sie uns da eingebrockt haben, ein Ende machen.« Er hatte eine Dosis Natriumpentothal vorbereitet; jetzt ergriff er Orrs Arm und verabreichte ihm die Spritze ohne Vorwarnung oder Entschuldigung.
»Darum bin ich hergekommen. Aber ich wei? nicht, ob —«
»Sie es konnen? Sie konnen es. Kommen Sie!« Orr beugte sich wieder uber die Frau. »Ihr geht es gut. Sie schlaft, storen Sie sie nicht, genau das braucht sie jetzt. Kommen Sie!« Er begleitete Orr zu den Lebensmittelautomaten und lie? ihm ein Roastbeefsandwich, ein Sandwich mit Ei und Tomate, zwei Apfel, vier Schokoriegel und dazu zwei Tassen Kaffee heraus. Sie setzten sich an einen Tisch im Schlaflabor Nummer Eins und fegten ein Patiencespiel zur Seite, das aufgegeben worden war, als die Alarmsirenen ertonten. »Okay. Essen Sie. Und wenn Sie glauben, Sie konnen dieses ganze Chaos nicht wieder beseitigen, vergessen Sie es. Ich habe an dem Verstarker gearbeitet, und der kann es Ihnen abnehmen. Ich besitze jetzt das Templat, das Modell Ihrer Gehirnemissionen beim wirkungsvollen Traumen. Mein Irrtum in den ganzen vergangenen Monaten uber war, da? ich nach einer Entitat, einer Omegawelle gesucht habe. Es gibt aber keine. Es handelt sich schlicht und einfach um ein Muster, das durch die Kombination anderer Wellen gebildet wird, und in den vergangenen Tagen kam ich schlie?lich dahinter, bevor hier die Holle losgebrochen ist. Der Zyklus betragt siebenundneunzig Sekunden. Das sagt Ihnen naturlich nichts, obwohl Ihr gottverdammtes Gehirn ja die Ursache dafur ist. Drucken wir es einmal so aus, wenn Sie wirkungsvoll traumen, ist Ihr gesamtes Gehirn mit einem komplex synchronisierten Muster von Emissionen daran beteiligt, das siebenundneunzig Sekunden braucht, bis es einmal vollstandig durchgelaufen ist und von vorn anfangt, eine Art Kontrapunkteffekt, der sich zu normalen Diagrammen paradoxen Schlafs verhalt wie Beethovens Neunte zu Hanschen klein. Es ist unglaublich komplex, und doch ist es konsistent und wiederholt sich immer wieder. Aus diesem Grund kann ich es Ihnen direkt und verstarkt wieder einspeisen. Der Verstarker ist eingestellt, er ist bereit fur Sie, er ist endlich ganz und gar auf das eingestimmt, was in Ihrem Kopf vor sich geht! Wenn sie diesmal traumen, dann im ganz gro?en Ma?stab, Baby! In einem so gro?en Ma?stab, da? Sie diese verruckte Invasion beenden und uns fein sauberlich in ein anderes Kontinuum versetzen konnen, wo wir von vorn anfangen. Das machen Sie namlich, wissen Sie. Sie verandern keine einzelnen Dinge oder Leben, Sie verschieben das ganze Kontinuum.«
»Es ist schon, da? ich mit Ihnen daruber reden kann«, sagte Orr, oder etwas in der Art; er hatte die Sandwiches trotz aufgeplatzter Lippe und abgebrochenem Schneidezahn unglaublich schnell hinuntergeschlungen und sich uber die Schokoriegel hergemacht. Ironie oder etwas Ahnliches schwang in seinen Worten mit, aber Haber war zu beschaftigt, um darauf zu achten.
»Horen Sie. Ist diese Invasion einfach so passiert, oder ist sie passiert, weil Sie eine Sitzung versaumt haben?«
»Ich habe sie getraumt.«
»Sie haben sich zu einem unkontrollierten wirkungsvollen Traum hinrei?en lassen?« Haber machte kein Hehl aus seinem rechtschaffenen Zorn. Er war zu zartfuhlend, zu zimperlich mit Orr umgesprungen. Orrs Verantwortungslosigkeit war schuld daran, da? so viele unschuldige Menschen ums Leben gekommen waren und Verwustung und Panik in der Stadt herrschten: er mu?te die Verantwortung fur sein Tun ubernehmen.
»Keineswegs«, begann Orr gerade, als eine besonders heftige Explosion erfolgte. Das ganze Gebaude erbebte, hallte hohl, bekam Risse, die elektronischen Apparate an der Reihe der leeren Betten hupften in die Hohe, der Kaffee schwappte in den Tassen. »War das der Vulkan oder die Luftwaffe?« fragte Orr, und Haber stellte mitten in dem ganz naturlichen Schrecken fest, mit dem die Explosion ihn erfullt hatte, da? Orr kein bi?chen erschrocken wirkte. Seine Reaktion war vollkommen abnormal. Am Freitag war er noch wegen einer ethischen Lappalie ganz aus dem Hauschen geraten; und heute, am Mittwoch, blieb er mitten im Armageddon vollig ruhig und gleichmutig. Er schien keinerlei Furcht um seine Person zu empfinden. Aber die mu?te er empfinden. Wenn Haber Angst hatte, dann mu?te Orr sie zweimal haben. Er unterdruckte seine Angst. Oder glaubte er, fragte sich Haber plotzlich, da? die Invasion ein Traum war, nur weil er sie getraumt hatte?
Und wenn ja?
»Wir gehen besser wieder nach oben«, sagte Haber und stand auf. Er wurde immer ungeduldiger und gereizter; die Aufregung wurde zuviel fur ihn. »Wer ist diese Frau uberhaupt, die Sie da bei sich haben?«
»Das ist Miss Lelache«, sagte Orr und sah ihn dabei seltsam an. »Die Anwaltin. Sie war am Freitag hier.«
»Wie kommt es, da? sie bei Ihnen ist?«
»Sie hat nach mir gesucht, ist mir in die Blockhutte gefolgt.«
»Das konnen Sie mir alles spater erklaren«, sagte Haber. Sie hatten keine Zeit, sich mit derartig unbedeutenden Nebensachlichkeiten zu beschaftigen. Sie mu?ten raus, raus aus dieser explodierenden Welt.
Als sie gerade Habers Buro betraten, barst das Glas des gro?en Doppelfensters mit einem schrillen, singenden Gerausch und einem gewaltigen Luftsog; beide Manner wurden zu dem Fenster gerissen wie in die Offnung eines Staubsaugers. Dann wurde alles wei?: Alles. Beide fielen hinaus.
Als Haber wieder sehen konnte, hielt er sich an seinem Schreibtisch fest und rappelte sich muhsam auf. Orr stand schon an der Couch und versuchte, die erschrockene Frau zu beruhigen. Es war kalt in dem Buro: kalte Feuchtigkeit lag in der Fruhlingsluft, die durch die leeren Fensteroffnung hereinstromte, und sie roch nach Rauch, verbrannter Isolation, Ozon, Schwefel und Tod. »Wir sollten hinunter in den Keller, finden Sie nicht?« fragte Miss Lelache in gefa?tem Tonfall, obwohl sie am ganzen Korper schlotterte.
»Gehen Sie«, sagte Haber. »Wir mussen noch eine Weile hier oben bleiben.«
