»Aber das ist kein Traum! Das ist passiert! Gottverdammt, wir mussen es noch mal machen. Vor ein paar Minuten, das konnte eine Atombombenexplosion gewesen sein, wir mussen in ein anderes Kontinuum, womoglich sind wir schon alle an der Strahlenkrankheit gestorben.«

»Oh, diesmal nicht«, sagte Orr, setzte sich auf und kammte die Elektroden aus seinem Haar, als waren sie tote Lause. »Naturlich ist es passiert. Ein wirkungsvoller Traum ist eine Realitat, Dr. Haber.«

Haber sah ihn an.

»Ich nehme an, Ihr Verstarker hat die Unmittelbarkeit fur Sie beschleunigt«, sagte Orr immer noch ungewohnlich ruhig. Er schien eine Weile nachzudenken. »Horen Sie, konnten Sie in Washington anrufen?«

»Wozu?«

»Na, weil man auf einen angesehen Wissenschaftler, der sich mitten im Geschehen befindet, vielleicht horen wird. Die werden nach Erklarungen suchen. Gibt es jemanden bei der Regierung, den Sie kennen, den Sie anrufen konnten? Vielleicht den Gesundheitsminister? Sie konnten ihm sagen, da? die ganze Angelegenheit ein Mi?verstandnis ist, da? die Au?erirdischen weder eine Invasion noch einen Angriff geplant hatten. Bis zu ihrer Landung war ihnen schlicht und einfach nicht bewu?t, da? Menschen ausschlie?lich auf verbale Kommunikation angewiesen sind. Sie haben nicht einmal gewu?t, da? wir dachten, wir wurden uns im Krieg mit ihnen befinden … Wenn Sie das jemandem sagen konnten, der das Vertrauen des Prasidenten genie?t. Je schneller Washington das Militar zuruckpfeifen kann, desto weniger Menschen werden hier getotet. Es sind nur Zivilisten, die sterben. Die Au?erirdischen tun den Soldaten nichts, sie sind nicht einmal bewaffnet, und ich habe den Eindruck, in diesen Schutzanzugen sind sie unverwundbar. Aber wenn niemand die Luftwaffe aufhalt, wird sie die ganze Stadt vernichten. Versuchen Sie es, Dr. Haber. Vielleicht hort man auf Sie.«

Haber spurte, da? Orr recht hatte. Es war bar jeglicher Vernunft, es war die Logik des Wahnsinns, aber hier hatte er sie: seine Chance. Orr redete mit der unverruckbaren Uberzeugung des Traums, in dem es keinen freien Willen gibt: Machen Sie das, Sie mussen dies und das machen, es mu? getan werden.

Warum war diese Gabe einem Narren gegeben worden, einem passiven Nichts von einem Mann? Warum war Orr so sicher und so uberzeugt, wahrend der starke, tatkraftige, positive Mann ohnmachtig und gezwungen war, zu versuchen, das armselige Werkzeug zu benutzen, ihm sogar zu gehorchen? Das alles ging ihm durch den Kopf, und nicht zum erstenmal, aber gleichzeitig ging er zu seinem Schreibtisch, zum Telefon. Er setzte sich und wahlte die Nummer des Gesundheitsministeriums in Washington. Der Anruf, der uber die Relais von Federal Telephone in Utah weitergeleitet wurde, konnte ubermittelt werden.

Wahrend er darauf wartete, da? er zum Minister fur Gesundheit, Bildung und Soziales durchgestellt wurde, den er recht gut kannte, sagte er zu Orr: »Warum haben Sie uns nicht in ein anderes Kontinuum versetzt, wo dieses Schlamassel einfach nie passiert ist? Das ware viel einfacher gewesen. Und niemand ware gestorben. Warum sind Sie die Au?erirdischen nicht einfach losgeworden

»Ich entscheide nicht«, sagte Orr. »Begreifen Sie das immer noch nicht? Ich folge.«

»Sie folgen meinen hypnotischen Suggestionen, ja, aber niemals vollstandig, niemals direkt und einfach —«

»Die habe ich nicht gemeint«, sagte Orr, aber dann war Rantows Privatsekretarin in der Leitung. Wahrend Haber redete, schlich sich Orr hinaus, zweifellos nach unten, um nach der Frau zu sehen. Das ging klar. Wahrend er mit der Sekretarin und dann mit dem Minister sprach, kam Haber zur Uberzeugung, da? jetzt alles gut werden wurde, da? die Au?erirdischen wirklich vollkommen nichtaggressiv waren und er Rantow davon uberzeugen konnte, und uber Rantow auch den Prasidenten und dessen Generale. Orr war jetzt uberflussig. Haber sah, was getan werden mu?te, und wurde sein Land aus dem Schlamassel herausfuhren.

9

Wer vom Jubel traumt, wird mit Wehklagen erwachen.

Lao-tse, II

Es war die dritte Woche im April. Orr hatte letzte Woche mit Heather Lelache ausgemacht, da? sie sich am Donnerstag im Dave’s zum Mittagessen treffen wurden, aber als er sich von seinem Buro auf den Weg machte, wu?te er schon, da? nichts daraus werden wurde.

Inzwischen besa? er so viele verschiedene Erinnerungen, so viele Schicksalsfaden an Lebenserfahrung, die in seinem Kopf durcheinanderwirbelten, da? er kaum noch versuchte, sich an irgend etwas zu erinnern. Er nahm alles, wie es kam. Er lebte, fast wie ein kleines Kind, ausschlie?lich im aktuellen Geschehen. Nichts, und alles, konnte ihn uberraschen.

Sein Buro lag im dritten Stock der Offentlichen Planungsbehorde; seine Position war eindrucksvoller als jede, die er vorher gehabt hatte: Er hatte die Leitung der fur die Vorstadtparks Sudost zustandigen Abteilung der Stadtebaukommission. Er mochte seinen Job nicht, hatte ihn nie gemocht.

Es war ihm stets gelungen, eine Art Bauzeichner zu bleiben, bis zu dem Traum am vergangenen Montag, durch den die Bundesregierung und die Verwaltung der Bundesstaaten, damit sie einem Plan Habers entsprachen, so grundlich durcheinandergewirbelt wurden, da? es zu einer Neuorganisation des gesamten sozialen Systems kam und er als stadtischer Burokrat endete. In all seinen Leben hatte er nicht einen einzigen Job gehabt, der tatsachlich seinen Wunschen entsprochen hatte; er wu?te, er war am besten im Entwerfen, im Erfinden von angemessenen und zweckdienlichen Formen von Gegenstanden, aber diese Begabung war in keiner seiner zahlreichen Existenzen gefragt gewesen. Doch dieser Job, den er (jetzt) seit funf Jahren hatte und verabscheute, lag vollkommen au?erhalb seiner Interessen. Und das erfullte ihn mit Besorgnis.

Bis zu dieser Woche hatte es eine essentielle Kontinuitat, eine Koharenz zwischen allen Existenzen gegeben, die auf seinen Traumen basierten. Er war immer eine Art Bauzeichner gewesen, hatte stets in der Corbett Avenue gelebt. Selbst in dem Leben, das auf den Betonstufen eines ausgebrannten Hauses in einer verwusteten Stadt auf einer sterbenden Welt zu Ende gegangen war, selbst in diesem Leben hatte die Kontinuitat angehalten, bis es keine Jobs und keine Hauser mehr gab. Und quer durch alle anschlie?enden Traume oder Leben hindurch, waren viele bedeutende Sachverhalte ebenfalls gleich geblieben. Er hatte das lokale Klima ein wenig verandert, aber nicht sehr, und der Treibhauseffekt, das dauerhafte Erbe der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, war geblieben. Die Geographie blieb unverandert: Kontinente lagen weiterhin dort, wo sie hingehorten. Ebenso die Grenzen der Nationalstaaten; die menschliche Natur anderte sich nicht, und so weiter. Falls Haber ihm suggeriert haben sollte, ein edleres Menschengeschlecht herbeizutraumen, war der Erfolg bislang ausgeblieben.

Aber Haber lernte, wie er seine, Orrs, Traume besser steuern konnte. Die letzten beiden Sitzungen hatten die Lage radikal verandert. Er hatte nach wie vor seine Wohnung in der Corbett Avenue, dieselben drei Zimmer, durch die immer noch der Marihuanaduft des Hausmeisters wehte; doch jetzt arbeitete er als Verwaltungsangestellter in einem riesigen Gebaude in der Innenstadt, und die Innenstadt hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verandert. Die Wolkenkratzer wirkten beinahe so eindrucksvoll wie in der Welt, in der die Bevolkerung nicht dezimiert worden war, schienen aber viel haltbarer und hubscher zu sein. Inzwischen wurde alles vollkommen anders gehandhabt.

Seltsamerweise war Albert M. Merdle nach wie vor Prasident der Vereinigten Staaten. Er schien so unveranderlich zu sein wie die Umri?e der Kontinente. Aber die Vereinigten Staaten waren nicht mehr die Weltmacht, die sie einst gewesen waren, und auch kein anderes einzelnes Land.

Portland hatte es zum Hauptsitz des Weltplanungszentrums gebracht, Herz des supranationalen Volkerbundes. Portland war, wie man auf Ansichtskarten lesen konnte, die Hauptstadt des Planeten. Zwei Millionen Einwohner. Der gesamte Innenstadtbereich bestand aus gigantischen WPZ-Gebauden, keines alter als zwolf Jahre, allesamt sorgfaltig geplant und von Grunanlagen und Alleen umgeben. Tausende Menschen, gro?tenteils VoBu- Beamte oder Angestellte des WPZ, tummelten sich auf diesen Alleen; Touristengruppen aus Ulan Bator und Santiago de Chile defilierten mit erhobenen Kopfen vorbei und lauschten den Stimmen der Reisefuhrer in ihren Kopfhorern. Es war ein lebendiger und imposanter Anblick — die hohen, ansprechenden Gebaude, die gepflegten Rasen, die gutgekleideten Menschenmassen. Fur George Orr sah alles recht futuristisch aus.

Naturlich konnte er Dave’s nicht finden. Er konnte nicht einmal die Ankeny Street finden. Er erinnerte sich

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