aus fruheren Existenzen so deutlich an sie, da? er sich, bis er dort eintraf, schlichtweg weigerte, seiner momentanen Erinnerung zu glauben, in der es einfach keine Ankeny Street gab. Wo sie sein sollte, ragte zwischen Rasenflachen und Rhododendren das Koordinationszentrum fur Forschung und Entwicklung in den Himmel. Er sparte sich die Muhe, nach dem Pendleton Building zu suchen; Morrison Street gab es noch, eine breite Allee, deren Mittelstreifen man gerade neu mit Orangenbaumen bepflanzt hatte, aber es gab dort keine Gebaude im Neo-Inka-Stil und hatte sie nie gegeben.
Er konnte sich nicht an den genauen Namen von Heathers Kanzlei erinnern; lautete er Forman, Esserbeck und Rutti oder Forman, Esserbeck, Goodhue und Rutti? Er fand eine Telefonzelle und schlug die Kanzlei nach. Nichts Vergleichbares war eingetragen, aber es gab einen P. Esserbeck, Rechtsanwalt. Orr rief dort an und fragte nach, aber eine Miss Lelache arbeitete nicht dort. Schlie?lich nahm er allen Mut zusammen und suchte nach ihrem Namen. Es standen keine Lelaches in dem Buch.
Sie konnte noch existieren, aber einen anderen Namen tragen, dachte er. Vielleicht hatte ihre Mutter den Namen ihres Mannes abgelegt, als er nach Afrika ausgewandert war. Oder sie hatte nach der Scheidung den Namen ihres Mannes behalten konnen. Aber er wu?te uberhaupt nicht, wie ihr Mann mit Nachnamen gehei?en hatte. Vielleicht hatte sie ihn ja auch gar nicht angenommen; viele Frauen anderten ihre Nachnamen nach einer Eheschlie?ung nicht mehr, weil sie den Brauch als ein Relikt der Unterdruckung der Frau betrachteten. Doch welchen Sinn hatten derartige Spekulationen? Es konnte gut sein, da? es gar keine Heather Lelache gab: da? die — dieses Mal — nicht geboren worden war.
Als er das akzeptiert hatte, fiel Orr eine andere Moglichkeit ein. Wenn sie in diesem Augenblick vorbeilaufen und nach mir suchen wurde, dachte er, wurde ich sie uberhaupt erkennen?
Sie war braun. Ein klares, dunkles Bernsteinbraun, wie Bernstein aus dem Baltikum oder eine Tasse starken Tees aus Ceylon. Aber es gingen keine braunen Menschen vorbei. Keine schwarzen Menschen, keine wei?en, keine gelben, keine roten. Sie kamen aus allen Teilen der Welt her, um im Weltplanungszentrum zu arbeiten oder es sich anzusehen, aus Thailand, Argentinien, Ghana, China, Irland, Tasmanien, dem Libanon, Athiopien, Vietnam, Honduras, Liechtenstein. Aber alle trugen dieselbe Kleidung, Hosen, Jacken, Regencapes; und unter der Kleidung hatten sie alle dieselbe Hautfarbe. Sie waren grau.
Dr. Haber war entzuckt gewesen, als das passierte. Es war am letzten Samstag gewesen, ihre erste Sitzung nach einer Woche. Er hatte sich funf Minuten lang kichernd und bewundernd im Spiegel des Waschraums betrachtet; Orr hatte er auf dieselbe Weise bewundert. »Diesmal haben Sie es zur Abwechslung einmal auf die wirtschaftliche Weise gemacht, George! Bei Gott, ich glaube, Ihr Gehirn scheint allmahlich mit mir zu kooperieren. Sie wissen, was ich Ihnen zu traumen suggeriert habe — hm?«
Denn neuerdings redete Haber frank und frei mit Orr daruber, was er mit Orrs Traumen machte und bewirken wollte. Nicht, da? es viel geholfen hatte.
Orr hatte seine eigenen hellgrauen Hande mit den kurzen grauen Nageln betrachtet. »Ich nehme an, Sie haben mir suggeriert, da? es kein Problem mit unterschiedlicher Hautfarbe mehr geben soll. Keine Rassenfrage.«
»Exakt. Und naturlich schwebte mir eine politische und ethische Losung vor. Statt dessen wahlten Ihre primaren Denkprozesse wieder einmal die ubliche Abkurzung, die sich normalerweise als Kurzschlu? erweist, aber diesmal haben Sie das Problem an der Wurzel beseitigt. Haben die Veranderung biologisch und absolut gemacht. Es hat nie ein Rassenproblem gegeben! Sie und ich sind die einzigen Menschen auf der Welt, George, die wissen, da? es jemals ein Rassenproblem gegeben hat. Konnen Sie sich das vorstellen? Niemand war je Ausgesto?ener in Indien — niemand wurde je in Alabama gelyncht — niemand wurde in Johannesburg abgeschlachtet. Der Krieg ist ein Problem, das wir uberwunden haben, und Rassenzugehorigkeit ist ein Problem, das wir uberhaupt nie hatten! In der gesamten Menschheitsgeschichte mu?te niemand je wegen seiner Hautfarbe leiden. Sie lernen dazu, George! Sie werden der gro?te Wohltater sein, den die Menschheit je kannte, wenn auch unwillig. Soviel Zeit und Energie haben Menschen dafur verschwendet, um eine religiose Losung fur das Leid zu finden, und dann kommen Sie daher und entlarven Buddha und Jesus Christus und alle anderen als die Fakire, die sie waren. Sie haben versucht, vor dem Bosen davonzulaufen, aber wir, wir merzen es aus — wir schaffen es Stuck fur Stuck ab!«
Habers triumphierende Au?erungen erfullten Orr mit Unbehagen, daher horte er gar nicht darauf; statt dessen hatte er sein Gedachtnis abgefragt und darin keine Ansprache gefunden, die auf einem Schlachtfeld in Gettysburg gehalten worden war, und auch keine historische Personlichkeit namens Martin Luther King. Doch derartige Kleinigkeiten schienen ein geringer Preis fur die vollstandige ruckwirkende Ausrottung aller Rassenvorurteile zu sein, daher sagte er nichts.
Aber jetzt: da? er nie eine Frau mit brauner Haut gekannt hatte, mit brauner Haut und drahtigem schwarzen, Haar, so kurz geschnitten, da? man die elegante Wolbung des Schadels darunter erkennen konnte, die den Kurven einer Bronzevase glich — nein, das war falsch. Das war unertraglich. Da? jeder Menschen auf Erden die Farbe eines Schlachtschiffs haben sollte: Nein!
Darum ist sie nicht hier, dachte er. Sie hatte nicht grau geboren werden konnen. Ihre Hautfarbe, ihre braune Hautfarbe, war ein essentieller Teil von ihr, kein Zufall. Ihr Zorn, ihre Schuchternheit, Schroffheit, Zartlichkeit, das waren alles Elemente ihrer Mischlingspersonlichkeit, ihres Mischlingscharakters, dunkel und dennoch transparent, wie Bernstein aus dem Baltikum. Sie konnte in einer Welt grauer Menschen nicht existieren. Sie war gar nicht geboren worden.
Aber er. Er konnte in jeder Welt geboren werden. Er hatte keinen Charakter. Er war ein Klumpen Lehm, ein unbearbeiteter Holzklotz.
Und Dr. Haber: auch er war geboren worden. Nichts konnte ihn verhindern. Er wurde nur mit jeder Reinkarnation gro?er.
Wahrend der schrecklichen Tagesreise von der Blockhutte ins umkampfte Portland, als sie in dem pfeifenden Ford Steamer uber eine Landstra?e geholpert waren, hatte Heather ihm eroffnet, sie hatte zu suggerieren versucht, da? er von einem besseren Haber traumen sollte, worin sie sich auch einig gewesen waren. Und seither verhielt sich Haber Orr gegenuber wenigstens aufrichtig, was seine Manipulationen betraf. Aber aufrichtig war nicht das richtige Wort dafur; Haber besa? einen viel zu komplexen Charakter fur Aufrichtigkeit. Man konnte Schicht fur Schicht von der Zwiebel abschalen, und doch kam darunter nichts anderes zum Vorschein als Zwiebel.
Dieses Abschalen einer Schicht nach der anderen stellte die einzige wahre Veranderung an ihm dar, und es schien durchaus denkbar, da? das gar nicht auf einen wirkungsvollen Traum zuruckzufuhren war, sondern auf die veranderten Umstande. Haber war jetzt so selbstbewu?t, da? er seine Absichten nicht mehr verheimlichen oder Orr tauschen mu?te; er konnte ihn einfach zwingen. Orr hatte weniger Chancen denn je, ihm zu entrinnen. Freiwillige Therapeutische Behandlung trug jetzt die Bezeichnung Kontrolle Privaten Wohlbefindens, aber die gesetzlichen Mittel blieben gleich, und kein Anwalt hatte es gewagt, einem Patienten bei einer Klage gegen Dr. William Haber beizustehen. Er war ein wichtiger Mann, ein uberaus wichtiger Mann. Er war leitender Direktor von EFMEG, dem Herzstuck des Weltplanungszentrums, wo alle wichtigen Entscheidungen gefallt wurden. Er hatte stets Macht haben wollen, um Gutes zu tun. Jetzt hatte er sie.
In dieser Hinsicht entsprach er immer noch exakt dem jovialen und distanzierten Mann, den Orr anfangs im Willamette East Tower in der schabigen Praxis mit dem Wandbild des Mount Hood kennengelernt hatte. Er hatte sich nicht verandert; er war einfach nur gewachsen.
Die Eigenschaft des Machtstrebens ist, ganz exakt, Wachstum. Errungenschaft ist sein Ende. Um uberhaupt zu existieren, mu? das Machtstreben mit jeder Errungenschaft gro?er werden, damit die Errungenschaft lediglich zu einem Schritt wird, der zum nachsten fuhrt. Je gro?er die Macht ist, die erlangt wurde, desto gro?er die Gier nach mehr. Und da die Macht, die Haber durch Orrs Traume ausuben konnte, scheinbar keine sichtbaren Grenzen kannte, gab es auch fur Habers Entschlossenheit, die Welt zu verbessern, keine Grenze.
Ein Au?erirdischer rempelte Orr in dem Gewuhl auf der Morrison Mall an und entschuldigte sich tonlos mit erhobenem Ellbogen. Die Au?erirdischen hatten ziemlich schnell gelernt, nicht auf Menschen zu zeigen, weil es sie beunruhigte. Orr schaute erschrocken auf; seit der Krise am ersten April hatte er die Au?erirdischen fast vergessen.
Im augenblicklichen Stand der Dinge — oder Kontinuum, wie Haber sich storrisch auszudrucken beliebte —, fiel Orr jetzt wieder ein, war die Landung der Au?erirdischen nicht so katastrophal fur Oregon, die NASA und die Luftwaffe verlaufen. Anstatt hastig und in einem Hagel von Bomben und Napalm ihre Ubersetzungscomputer zu erfinden, hatten sie sie gleich vom Mond mitgebracht, waren kreuz und quer durch die Gegend geflogen, bevor sie landeten, hatten uber Funk ihre friedlichen Ab sichten mitgeteilt, sich fur den Krieg im All entschuldigt, der einem
