Dr. Haber hatte die Psychiatercouch in seinem Buro behalten, eine Art absichtlich bescheidener Erinnerung an seine Anfange als praktizierender Psychiater, als er sich immer nur um einen Menschen gekummert hatte, nicht um Milliarden. Aber es dauerte eine Weile, bis man zu dieser Couch gelangte, denn seine Suite war etwa zweitausend Quadratmeter gro? und hatte sieben Zimmer. Orr meldete sich bei der Autorezeptionistin an der Tur zum Wartezimmer an, dann ging er an Miss Crouch vorbei, die gerade Daten in ihren Computer eingab, und passierte das offizielle Buro, einen Prunksaal, in dem nur der Thron fehlte, wo der Direktor Botschafter, Delegationen und Nobelpreistrager empfing, bis er schlie?lich zu dem kleineren Buro mit dem Panoramafenster vom Boden bis zur Decke und der Couch gelangte. Dort waren die antiken Rotholzpaneele einer ganzen Wand beiseite geschoben worden und gaben den Blick auf ein grandioses Arsenal von Forschungsmaschinen frei: Haber steckte bis zur Taille in den freiliegenden Eingeweiden des Verstarkers. »Hallochen, George!« polterte er aus dem Inneren, ohne sich umzudrehen. »Ich schlie? mal eben einen neuen Ergisschalter an Babys Hormokupplung an. Klitzekleines Augenblickchen noch. Ich glaube, heute machen wir mal eine Sitzung ohne Hypnose. Setzen Sie sich, das wird noch ein Weilchen dauern, ich hab wieder ein wenig herumgebastelt … Horen Sie. Erinnern Sie sich an die Batterie von Tests, denen Sie unterzogen wurden, als Sie zum erstenmal unten in der Universitatsklinik aufgekreuzt sind? Personlichkeitsanalyse, IQ, Rorschachtest und so weiter, und so fort. Dann habe ich personlich bei Ihrer dritten Sitzung hier Assoziationstests und ein paar simulierte Begegnungssituationen mit Ihnen durchgefuhrt. Erinnern Sie sich nicht mehr? Haben Sie sich je gefragt, wie Sie abgeschnitten haben?«

Habers von schwarzen Locken und einem Bart eingerahmtes graues Gesicht erschien plotzlich uber der herausgezogenen Verkleidung des Verstarkers. Als er Orr ansah, spiegelte sich das Licht vom deckenhohen Fenster in seinen Augen.

»Vermutlich ja«, sagte Orr; eigentlich hatte er nicht einmal daran gedacht.

»Ich glaube, es ist an der Zeit, Ihnen mitzuteilen, da? Sie im Referenzrahmen dieser standardisierten, aber extrem subtilen und nutzlichen Tests so normal sind, da? man es schon als abnormal bezeichnen konnte. Naturlich benutze ich den laienhaften Ausdruck ›normal‹, der keine exakte, objektive Bedeutung hat; in me?baren Ausdrucken sind Sie Mittelma?. Ihr Extrovertiert/Introvertiert-Wert, zum Beispiel, liegt bei 49,1. Das hei?t, Sie sind um 0,9 Punkte introvertierter als extrovertierter. Das ist nicht ungewohnlich; auffallig ist aber, da? dieses verdammte Muster sich uberall wiederholt, quer durch die Bank. Wenn man sie alle in ein einziges Diagramm ubertragt, bekommt man einen glatten Mittelwert von 50. Dominanz, zum Beispiel; ich glaube, da hatten Sie 48,8. Weder dominant noch unterwurfig. Unabhangigkeit/Abhangigkeit — dasselbe. Kreativ/Destruktiv auf der Ramirez- Skala — dasselbe. Beides, keines. Entweder, oder. Wo es gegensatzliche Paare gibt, eine Polaritat, stehen Sie in der Mitte; wenn es etwas abzuwagen gibt, stehen Sie am Gleichgewichtspunkt. Sie sind so austariert, da? in gewissem Sinne nichts ubrigbleibt. Also Walters unten in der Uniklinik, der deutet die Ergebnisse etwas anders; er sagt, Ihr Mangel an sozialen Errungenschaften sei das Resultat Ihrer ganzheitlichen Anpassung, was immer er darunter verstehen mag, und was ich als Selbstverleugnung betrachte, sei ein ganz besonderer Zustand des Gleichgewichts, der Harmonie. Woran man ermessen kann, seien wir ehrlich, der alte Walters ist ein klaglicher Scharlatan, er ist dem Mystizismus der siebziger Jahre nie entwachsen; aber er meint es gut. Also, sprechen wir es ruhig aus: Sie sind der Mann in der Mitte des Diagramms. So, jetzt konnen wir das Glumdalklitsch mit dem Brobdingnag verbinden, und schon sind wir bereit … Verflucht!« Er hatte sich beim Aufstehen den Kopf an einem Paneel gesto?en. Er lie? den Verstarker offen. »Sie sind ein schrager Vogel, George, und das Schragste an Ihnen ist, da? nichts schrag an Ihnen ist.« Er lachte sein polterndes, joviales Lachen. »Also, heute versuchen wir eine neue Vorgehensweise. Keine Hypnose. Kein Schlaf. Kein REM-Stadium und keine Traume. Heute mochte ich Sie im Wachzustand mit dem Verstarker verbinden.«

Orr wurde ganz mulmig, aber er wu?te nicht, warum. »Wieso das?« fragte er.

»Prinzipiell, um eine Aufzeichnung Ihrer normalen Gehirnstrome im Wachzustand zu bekommen, wenn sie verstarkt werden. Ich habe zwar bei der ersten Sitzung eine vollstandige Analyse durchgefuhrt, aber das war, bevor der Verstarker etwas anderes machen konnte als den Rhythmus aufzugreifen, den Sie in dem Moment ausgesandt haben. Jetzt kann ich ihn benutzen, um bestimmte individuelle Charakteristiken Ihrer Gehirnaktivitat spezieller anzuregen, besonders diesen Peak-Effekt Ihres Ammonshorns. Danach kann ich sie mit Ihren REM- Schlaf-Mustern und den Mustern anderer Gehirne vergleichen, normaler wie abnormaler. Ich versuche herausfinden, wie Sie ticken, George, damit ich erfahren kann, was Ihre Traume wirkungsvoll macht.«

»Wieso das?« wiederholte George.

»Wieso das? Sind Sie denn nicht gerade deswegen hier?«

»Ich bin hier, damit ich geheilt werde. Damit ich lerne, nicht wirkungsvoll zu traumen.«

»Wenn es ein einfaches Eins-zwei-drei-Heilmittel gabe, waren Sie dann hierher ins Institut geschickt worden, zu EFMEG — zu mir?«

»Und werden Sie das auch tun?«

Orr barg den Kopf in den Handen und sagte nichts.

»Ich kann Ihnen erst zeigen, wie Sie aufhoren konnen, wenn ich herausgefunden habe, was Sie machen, George.«

»Aber wenn Sie es herausfinden, werden Sie mir dann zeigen, wie ich aufhoren kann?«

Haber wippte auf den Absatzen hin und her. »Warum haben Sie solche Angst vor sich selbst, George?«

»Habe ich nicht«, sagte Orr. Seine Hande waren schwei?na?. »Ich habe Angst davor —« Aber seine Angst war so gro?, da? er es nicht einmal aussprechen wollte.

»Davor, etwas zu verandern, wie Sie sich ausdrucken. Okay. Ich wei?. Das haben wir oft genug besprochen. Warum, George? Diese Frage mussen Sie sich stellen. Was ist falsch daran, etwas zu verandern? Also ich frage mich, ob diese Ihre selbstverleugnende, austarierte Personlichkeit die Ursache dafur ist, da? Sie alles so defensiv sehen. Bitte versuchen Sie einmal fur mich, sich selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen und Ihren Standpunkt objektiv von au?en zu sehen. Sie haben Angst, Ihr Gleichgewicht zu verlieren. Aber Veranderung mu? Sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen; schlie?lich ist auch das Leben kein statisches Objekt. Es ist ein Vorgang. Stillstand gibt es nicht. Intellektuell wissen Sie das, aber emotional wehren Sie sich dagegen. Nichts bleibt von einem Augenblick zum nachsten gleich, man kann nicht zweimal in denselben Flu? steigen. Leben — Evolution — das ganze Universum mitsamt Raum/Zeit — Materie/Energie — die Existenz selbst — besteht im wesentlichen aus Veranderung.«

»Das ist ein Aspekt davon«, sagte Orr. »Der andere ist Stillstand.«

»Wenn sich nichts mehr verandert, dann haben wir es mit dem Endergebnis der Entropie zu tun, dem Warmetod des Universums. Je mehr Dinge sich bewegen, interagieren, zusammenprallen, sich verandern, desto weniger Gleichgewicht gibt es — und desto mehr Leben. Ich bin fur das Leben, George. Das Leben selbst ist ein gro?es Glucksspiel, ein Glucksspiel gegen jede Chance! Sie konnen nicht versuchen, sicher zu leben, weil es so etwas wie Sicherheit gar nicht gibt. Also strecken Sie den Kopf aus Ihrem Panzer heraus und leben Sie waghalsig! Es kommt nicht auf den Weg an, sondern auf das Ziel. Sie haben Angst davor, zu akzeptieren, da? wir beide in ein wirklich gro?es Experiment verwickelt sind, Sie und ich. Wir sind kurz davor, zum Wohle der gesamten Menschheit eine ganz neue Kraft zu entdecken und zu beherrschen, ein vollkommen neues Feld der anti-entropischen Energie, der Lebenskraft, des Willens zu handeln, zu verandern!«

»Das stimmt alles. Aber es ist —«

»Was, George?« Er gab sich jetzt vaterlich und geduldig; und Orr zwang sich, fortzufahren, wohl wissend, da? es keinen Sinn hatte.

»Wir sind in der Welt, nicht dagegen. Es funktioniert nicht, wenn man versucht, au?erhalb der Dinge zu stehen und sie auf diese Weise zu manipulieren. Es funktioniert einfach nicht, es ist gegen das Leben. Es gibt einen Weg, aber man mu? ihm folgen. Die Welt ist, ganz egal, wie sie unserer Meinung nach sein sollte. Man mu? mit dem Strom schwimmen. Man mu? sie sein lassen.«

Haber ging in dem Zimmer auf und ab und blieb vor dem gro?en Fenster stehen, das ein Panorama nordwarts des gleichmutigen und inaktiven Mount St. Helen einrahmte. Er nickte mehrmals. »Ich verstehe«, sagte er mit dem Rucken zu Orr. »Ich verstehe voll und ganz. Aber lassen Sie es mich einmal so ausdrucken, George, vielleicht verstehen Sie dann, worauf ich hinaus will. Sie sind allein im Dschungel, im Mato Grosso, und finden eine Eingeborenenfrau auf dem Weg, die nach einem Schlangenbi? im Sterben liegt. Sie haben Serum in Ihrem Rucksack, jede Menge, genug, um Tausende Schlangenbisse zu heilen. Geben Sie es ihr nicht, weil es ›der Lauf der Welt‹ ist, weil man es ›sein lassen‹ mu??«

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