niemals einen Mann oder ein Kind gehabt und bin, nachdem ich meine Mutter verloren habe, die eine Krankheit dahinraffte, allein geblieben.«
»Ich kann nicht glauben, da? ein Madchen, das so ... so schon ist, niemals einen ...«
»... Mann gehabt hat? So etwas kommt vor. Vielleicht, weil ich nie dem Mann begegnet bin, der mir vorschwebte. Vielleicht, weil alle sich verpflichtet oder imstande fuhlen, sich um ein Madchen zu kummern, das allem geblieben ist. Ich habe beweisen mussen, da? ich mir selbst genuge, und das wirkt auf Manner nicht gerade verlockend, ja, es schreckt sie ab.
Andererseits mussen in meiner Stadt alle kampfbereit sein, und ich habe gelernt, mit Pfeil und Bogen und mit dem Schwert umzugehen, ehe ich kochen und nahen konnte. Bei uns kampfen auch die Frauen, wenn es sein mu?. Sie haben gelernt, zwischen dem Gerausch einer Welle, die vom Wind getrieben wird, und dem einer Welle, die von einem Ruder bewegt wird, zu unterscheiden, und sie haben gelernt, dann, wenn sie Wache schieben mussen, im Stehen zu pinkeln, wie die Manner ...«
Aurelius mu?te bei diesen so derben Worten insgeheim schmunzeln, aber Livia fuhr fort: »Trotzdem brauchen wir Manner wie dich, um unsere Zukunft aufzubauen. Wenn wir beide diese Mission erfullt haben, wurde es dir dann nicht gefallen, dich bei uns niederzulassen?«
Aurelius schwieg, weil er nicht wu?te, was er auf diese ganzlich unerwartete Frage antworten sollte, doch nach einigen Augenblicken des Schweigens erwiderte er schlie?lich: »Ich wurde dir gern sagen, was ich in diesem Moment empfinde, aber ich bin wie jemand, der sich im Dunkeln auf unbekanntem Gelande bewegt, und kann nur einen Schritt nach dem anderen tun. Versuchen wir erst einmal, diesen Jungen zu befreien. Das ist ja auch kein Pappenstiel.«
Dann streifte er ihre Lippen mit einem Ku?. »Und jetzt versuche, dich auszuruhen«, sagte er. »Heute ubernehme ich die erste Schicht.«
XI
Zwei Tage spater trafen sie gegen Abend in der Umgebung von Pozzuoli ein. Die Tage waren nun schon deutlich kurzer, und die Sonne ging, von einem Kranz rotlichen Dunstes umgeben, recht fruh unter. Der schonste Landstrich Italiens wirkte immer noch im gro?en und ganzen wie eine Insel der Seligen: Hier sah man keine Spuren der grauenhaften Verwustungen wie im Norden und auch nicht die Traurigkeit und das Elend der Regionen Mittelitaliens. Die au?erordentliche Fruchtbarkeit der Felder, die zwei Ernten im Jahr erlaubte, sorgte dafur, da? alle ausreichend zu essen hatten und sogar noch genug ubrigblieb, das man zu hohen Preisen in solche Gebiete verkaufen konnte, in denen Mangel herrschte. Es gab noch Gemuse in den Garten und sogar Blumen in den Beeten, und die Prasenz der Barbaren machte sich hier weniger bemerkbar als im Norden. Die Menschen waren freundlich und zuvorkommend, die Kinder larmend und ein wenig lastig, und uberall horte man noch den starken griechischen Akzent der Neapolitaner. In Pozzuoli kauften Livia und Aurelius sich etwas zu essen auf dem Markt, der an den Wochentagen mit geraden Zahlen im Amphitheater abgehalten wurde. In der Arena, die fruher einmal vom Blut der Gladiatoren getrankt war, drangten sich jetzt Verkaufsstande, an denen Ruben und Kichererbsen, Kurbisse und Lauch, Zwiebeln und Bohnen, Wirsingkohl, Radicchio und au?erdem jede Art von Fruchten feilgeboten wurden, die frisch geerntet waren und unter denen vor allem Feigen, rote, grune und gelbe Apfel und Granatapfel von einem schonen, flammenden Rot auffielen. Einige von ihnen lagen kunstvoll aufgeschnitten da, so da? man ihre rubinfarbenen Samen sehen konnte. Eine wahre Augenweide.
»Man fuhlt sich wie neugeboren«, sagte Aurelius. »Hier ist alles so anders.«
»Bist du noch nie hiergewesen?« fragte Livia. »Ich schon. Vor ein paar Jahren, zusammen mit Leuten von Antemius, um den Bischof von Nicaa bis nach Rom zu begleiten.«
»Nein«, antwortete Aurelius. »Ich bin nie weiter sudlich als Pa-lestrina gekommen. Unsere Truppe ist immer im Norden stationiert gewesen: in Noricum oder in Raetien oder in Pannonien. Hier ist das Klima so mild, alles duftet so gut, und die Menschen sind so umganglich. Es scheint eine andere Welt zu sein.«
»Verstehst du jetzt, warum die Leute, die hierherkommen, nicht mehr von hier wegwollen?«
»Und ob!« erwiderte Aurelius. »Und wenn ich ehrlich sein soll, wurde ich mich, wenn ich die Wahl hatte, auch viel lieber hier niederlassen als in deinem Sumpf.«
»Lagune«, verbesserte ihn Livia.
»Lagune oder Sumpf - was macht das schon fur einen Unterschied? Von wo aus werden sie deiner Meinung nach in See stechen?« wechselte er plotzlich das Thema.
»Von Neapel aus. Zweifellos. Das ist der kurzeste Weg nach Capri. Und dort sind auch genug Lager, in denen man sich mit allem eindecken kann, was man fur einen langen Aufenthalt braucht.«
»Dann also los! Wir haben nicht viel Zeit, und diese Gegend ist verfuhrerisch. Auch Hannibal und sein Heer haben sich vom Mu?iggang und den Lebensgenussen in dieser Gegend verweichlichen lassen.«
»Die Mu?e von Capua ...«, stimmte ihm Livia zu. »Du kennst Titus Livius und Cornelius Nepos. Du hast wie ich eine Erziehung genossen, wie sie fur eine gute Familie der Mittel-, wenn nicht gar der Oberschicht typisch ist. Andererseits: Wenn der Name, den du tragst, wirklich der deine ist ...« »Er ist der meine!« schnitt ihr Aurelius das Wort ab.
Am spaten Vormittag des folgenden Tages erreichten sie den Hafen von Neapel und mischten sich unter die Menschenmenge, die sich auf dem Markt um die Stande drangte, um sich umzuhoren und womoglich die eine oder andere Information aufzuschnappen. Am Stand eines Stra?enhandlers a?en sie Brot und gebratenen Fisch und bewunderten die Schonheit des Golfes und das beeindruckende Massiv des Vesuvs, aus dem eine Rauchfahne aufstieg, die der Wind nach Osten druckte. Gegen Abend sahen sie den kaiserlichen Zug herannahen: Die Rustungen, die Schilde und die Helme der Barbarenkrieger wirkten in der friedlichen, frohlichen und farbenfrohen Atmosphare des Hafens wie ein monstroser Mummenschanz. Die Kinder schlichen sich fast bis zwischen die Beine der Pferde, andere traten nahe an die Krieger heran und versuchten, ihnen Su?igkeiten, gerostete Kerne und Rosinen zu verkaufen. Als Romulus aus seinem Wagen stieg, drangten sie sich um ihn, fasziniert von seinem Au?eren, von seinen bestickten Gewandern, seinen aristokratischen Zugen und seinem melancholischen Ausdruck. Weder Aurelius noch Livia konnten sich diesem Anblick entziehen: Er hatte sein Gesicht unter einem breitkrempigen Strohhut versteckt und sie das ihre hinter einem Schal, und so gingen sie die Mole hinunter, hielten sich aber im schutzenden Schatten des Portikus, der sie bis zum Ende saumte. Auf diese Weise gelang es ihnen, den kindlichen Kaiser, umgeben von seinen jungen Untertanen, aus sehr kurzer Distanz zu beobachten.
»Kommst du mit uns spielen?« fragte einer.
»Ja, komm doch, wir haben einen Ball!« rief ein anderer.
Einer reichte ihm eine Frucht. »Mochtest du einen Apfel? Der schmeckt wirklich gut, ehrlich!«
Romulus lachelte etwas verlegen, weil er nicht wu?te, was er antworten sollte, aber Wulfila stieg vom Pferd und trieb alle mit seiner unschonen Stimme und seinem gra?lichen Gesicht in die Flucht. Eine Gruppe Lastentrager hatte gerade die Waren ausgeladen, die fur die Residenz in Capri, das letzte Gefangnis des Kaisers des Westens, bestimmt waren. Dann naherten sich zwei gro?e Schiffe und nahmen nach und nach Menschen und Waren an Bord. Als letzter bestieg der Knabe, begleitet von seinem Erzieher, das Schiff.
Ambrosinus hob, wahrend er an Bord ging, den Saum seines Gewandes hoch und entblo?te seine knochigen Knie; gleichzeitig blickte er um sich, als suche er etwas oder jemanden. Einen ganz kurzen Moment lang kreuzte sein Blick den von Aurelius unter der Hutkrempe, und der Ausdruck seines Gesichts und das fluchtige Kopfnicken machten deutlich, da? er ihn erkannt hatte.
Die Matrosen machten die Leinen los und riefen sich wahrend der Manover knappe Befehle zu: Wahrend einige den Anker einholten und die Taue losten, setzten andere die Segel. Livia und Aurelius traten aus dem Schatten heraus und gingen bis zum Ende der Mole, um noch lange der Gestalt des Romulus nachzusehen, der aufrecht im Heck stand und mit zunehmender Entfernung immer kleiner wurde. Der Wind zerzauste ihm die Haare und blahte sein Gewand auf, und vielleicht trocknete er an diesem traurigen, milchfarbenen Abend die Tranen auf seinem Gesicht.
»Der arme Junge«, sagte Livia.
Aurelius lie? das bereits weit entfernte Schiff nicht aus den Augen, und es kam ihm so vor, als habe der Knabe zum Abschied sogar die Hand gehoben.
»Vielleicht hat er uns gesehen«, sagte er.
»Schon moglich«, stimmte Livia ihm zu. »Aber jetzt komm, gehen wir zuruck. Es ist besser, wenn man nicht auf uns aufmerksam wird.«
Aurelius blieb vor einer Herberge namens Parthenope stehen; so stand es auf dem Schild, auf dem eine kaum identifizierbare Gestalt ins Auge fiel, mit der der Kunstler wohl eine Sirene hatte darstellen wollen. »Sie
