Er hatte seinen Satz noch nicht beendet, als ein weiterer Schrei zu horen war, der dieses Mal nach Wut und Schmerz klang und auf den sofort ein Todesrocheln folgte.
»Verdammt noch mal!« fluchte Wulfila und sturzte zu dem Fenster, das auf den Hof blickte. Dort war nur eine Laterne zu sehen, die in der Bibliothek brannte, aber er konnte ein Getummel von Umrissen erkennen und das Aufblitzen von Klingen, die durch das Dunkel sausten, und daraufhin waren erneut Geschrei und Todesrocheln zu vernehmen.
»Sie greifen uns an! La? Alarm schlagen, aber schnell! Los!«
Der Mann gehorchte: Er rief eine Wache, die mehrmals in das Signalhorn stie?, bis ein anderes Horn antwortete und noch eines, bis schlie?lich die ganze Villa von diesem grauenhaften Larm widerhallte. Ein Blitz tauchte den gro?en Hof in taghelles Licht, und Wulfila erkannte von oben Aurelius just in dem Augenblick, als dieser einen seiner Manner niederstreckte, der herbeigelaufen war, um ihm den Weg zu versperren. Ihm zur Seite waren andere Gestalten, zwei oder drei, und hinter ihnen der Alte mit dem Knaben.
»Verdammt!« rief er, »schon wieder der!«
Er sturzte auf den Korridor hinaus, das Schwert in der Hand, und brullte wie ein Besessener: »Den will ich lebend, bringt ihn mir lebend!«
Aurelius war klar, da? ihm dort unten nur wenige Sekunden blieben, und er fuhrte seine Leute zur Stiegenrampe, wahrend schon aus allen Richtungen weitere Soldaten, brennende Fackeln schwingend, herbeistromten. Die Gruppe erreichte den oberen Korridor, fand ihn aber bereits von einem gro?eren Haufen Bewaffneter versperrt. Da griff Livia von links an, wahrend Vatrenus und Demetrios versuchten, die Manner mit todlichen Hieben von der Treppe wegzulocken, damit sich Aurelius den Weg zur oberen Terrasse bahnen konnte. Ambrosinus hatte sich gegen die Wand gepre?t und hielt Romulus fest an sich gedruckt. Der Erzieher war dusterster Stimmung, denn das Unternehmen war bereits zu Beginn in Gefahr. Aurelius fuhrte einen weiteren Hieb aus, aber sein Gegner wich diesem aus, und das Schwert des Romers zerbrach am Stutzpfeiler der Treppe. Als Aurelius begann, sich, so gut er konnte, mit dem Dolch zu verteidigen, zogerte Romulus keinen Moment, sondern warf ihm, nachdem er sich aus Ambrosinus Umklammerung gerissen hatte, sein Schwert zu und rief: »Versuch es mit diesem hier!«
Die sagenhafte Waffe flog, leuchtend wie ein Blitz in der Nacht, auf Aurelius Hand zu, die sich streckte, um sie aufzufangen. Jetzt lag sie fest in seiner Faust und begann sofort, alles um ihn herum unerbittlich niederzumahen.
Nichts konnte ihr Widerstand entgegensetzen: Ganze Kaskaden von Funken spruhten beim Zusammensto? mit Schilden und Streitaxten. Das Schwert schnitt Helme entzwei und drang in Schadel ein, als handele es sich um dieselbe Materie, und als es auf den Pfeiler niedersauste, regnete mit scharfem, ohrenbetaubendem Larm eine Ladung gluhender Splitter herab. Der erstaunte und entsetzte Rest der Barbaren wurde uberwaltigt, und sofort zog Livia Romulus und Ambrosinus die Treppe hinauf, die nun durch kein Hindernis mehr verstellt war. Aurelius blieb bis zuletzt, um seinen Kameraden Deckung zu geben, und in dieser Position, inmitten eines Haufens lebloser Leiber, mit der glanzenden und bluttriefenden Waffe in der Hand, sah ihn Wulfila. Zwischen den beiden Kriegern kam es zu nicht mehr als einem blitzartigen Austausch von Blicken, und schon war Aurelius verschwunden und schlo? sich seinen Gefahrten auf der oberen Terrasse an. Ehe die Verfolger sie einholen konnten, versperrten und verrammelten sie die massive, mit Eisen verstarkte Tur hinter sich. Wulfila, der eine Sekunde zu spat kam, warf sich dagegen und trommelte, ohnmachtig und vor Wut schaumend, mit den Fausten auf sie ein. Er rief: »Schnell! Zur ostlichen Rampe! Sie kommen nicht davon!« Die Fluchtenden sturzten die Treppe hinunter und stie?en dabei auf eine weitere Gruppe von Soldaten, die in diesem Augenblick herbeieilte und die von Wulfilas Stellvertreter angefuhrt wurde.
»He, ihr da, zur Au?entreppe der Lagerraume! Los, wir fangen sie ab!« befahl er. Die Manner gehorchten, rannten in die entgegengesetzte Richtung und verschwanden am Ende des Korridors.
Auf der oberen Terrasse liefen Aurelius und seine Kameraden zur Brustung, wo Orosius sie schon sehnsuchtig erwartete und ihnen den einzigen Fluchtweg sicherte.
»Zuerst der Junge!« befahl Aurelius. Orosius beugte sich uber die Brustung und schrie aus voller Kehle, um das Getose des Sturms und der Flutwellen zu ubertonen. Batiatus horte ihn unten und machte sich bereit, die Fluchtenden in Empfang zu nehmen. Unterdessen bildeten Demetrios, Vatrenus und die anderen einen Halbkreis um Romulus, der sich auf den Abstieg vorbereitete. Der Junge blickte in die Tiefe und spurte, wie sich ihm das Herz zusammen-krampfte: Aus dieser Entfernung glanzte die Felswand wie Stahl, und unten, zwischen den scharfkantigen Klippen, wirbelte und schaumte es wild, und das von den Wogen geschuttelte Boot sah aus wie eine zerbrechliche Nu?schale. Romulus atmete tief ein, wahrend Orosius versuchte, ihn mit einem behelfsma?igen Halteseil am Abstiegsseil festzubinden, doch in diesem Augenblick sah Livia, die auf eine Auskragung der Brustung geklettert war, in der Ferne von rechts und von links Wulfilas Manner naher kommen, und schlug Alarm.
»Die Kruge!« rief sie, sobald sie wieder auf den Boden gesprungen war. »Werfen wir uns gegen die Kruge! Der erste und der dritte sind voller Ol!« Die Kameraden eilten herbei, und auch Orosius lie? das Seil fallen, um mitzuhelfen. Sie kippten die beiden gro?en Gefa?e nacheinander um und lie?en sie in entgegengesetzte Richtungen rollen. Auf diese Weise sich selbst uberlassen, kullerten die beiden Behalter nach rechts und nach links, prallten zuerst gegen die Brustung und dann gegen die Innenmauer, bis sie nach einem heftigeren Sto? zerbrachen, und sofort ergo? sich ein Schwall glanzenden Ols, der sich in Richtung der beiden in vollem Lauf begriffenen Gruppen ausbreitete. Die ersten rutschten aus und fielen zu Boden, dabei setzten die Fackeln, die sie in der Hand hielten, die Flussigkeit in Brand und lie?en an beiden Enden der Terrasse ganze Flammenwirbel auflodern. Einige der in menschliche Fackeln verwandelten Soldaten sprangen ins Meer und versanken in den Fluten, andere sturzten sich auf die Klippen, und ihre Korper hupften von einem Felszacken zum anderen und zerschellten schlie?lich zwischen den Felsen wie aus dem Leim gegangene Marionetten. Doch schon liefen andere zur Verstarkung herbei, und Aurelius begriff, da? nichts anderes ubrigblieb, als bis zuletzt zu kampfen. Er bi? die Zahne zusammen und umklammerte das Schwert, das ihm sein Kaiser anvertraut hatte. Er wurde es, bevor er starb, mit dem letzten Funken Kraft ins Meer schleudern, damit es nicht in die Hand der Feinde fallen konnte. Doch wahrend sich die funf in einer Reihe aufstellten, ruttelte sich Romulus, einer plotzlichen Eingebung folgend, auf. »Kommt mir nach!« rief er. »Ich kenne einen Fluchtweg!« Und er lief zu der kleinen eisenbeschlagenen Tur und schob den Riegel auf.
Aurelius war klar, was er vorhatte, beugte sich uber die Brustung, schrie Batiatus etwas zu und erklarte ihm mit weit ausholenden Gesten, da? er die Leinen losmachen und das Weite suchen sollte, dann warf er das Seil hinunter, weil er keinen Zweifel hatte, da? sie von hier aus nicht mehr nach unten klettern wurden. Anschlie?end rannte er zur Tur und sturzte seinen Gefahrten hinterher, dieselbe Treppe hinunter, uber die sie kurz zuvor hinaufgegangen waren. Der Sturm lie? unterdessen nach, aber in der Ferne horte man immer starker das Grollen des Vulkans, der seinen Zorn noch in seinem Inneren verbarg.
Sie gelangten in den Hof und hielten sich dabei stets dicht an der nordlichen Mauer, die im Dunkeln lag, und dann fand Romulus die Allee, die den Fluchtenden Schutz bot bis zu der Stelle, an der das Abflu?gitter den Zugang zu dem unterirdischen Geheimgang ermoglichte. Romulus offnete es und winkte den anderen, ihm zu folgen, wahrend er sich schon nach unten lie?.
»Wie gut, da? Batiatus nicht dabei ist«, sagte Vatrenus. »Hier ware er niemals durchgekommen.«
Sie begannen, der Reihe nach hinabzusteigen, doch einer der Diener, den dieses ganze Tohuwabohu aufgeweckt hatte, fing zu brullen an. Ihm antwortete das wutende Gebell der Hunde, und schon lief eine Gruppe Wachen mit Fackeln und Laternen herbei, um die ganze Umgebung abzusuchen.
»Wo sind diese Eindringlinge?« fragte der Mann, der sie anfuhrte.
Der Diener wu?te nicht, was er sagen sollte. »Aber ich schwore euch, da? sie gerade erst hier waren! Ich habe sie gesehen, ganz bestimmt!«
Unter dem Abflu?gitter verharrten alle regungslos, weil die Verfolger genau uber ihnen standen und man deutlich ihre von den Laternen erleuchteten Gesichter erkennen konnte.
»Und jetzt?« beharrte der Anfuhrer der Wachen. Der Mann zuckte die Achseln, wahrend die Hunde immer noch jaulend hin und her liefen. Da versetzte ihm der Barbar laut fluchend einen so heftigen Sto?, da? er nach hinten fiel, und fuhrte seine Manner anderswohin, wo weitere Gruppen die Suche fortsetzten. Romulus hob das Gitter ein wenig an und lugte nach drau?en, um sich zu vergewissern, da? sie wirklich abgezogen waren, und begann dann, sich auf den Boden des Geheimgangs herunterzulassen, alle anderen folgten ihm. Der unterirdische Gang war in vollkommenes Dunkel getaucht, doch Ambrosinus zog seinen Zundstein hervor, und nach einigen Versuchen gelang es ihm, einen Docht anzuzunden, den er aufgerollt in einem Gefa? hielt, das mit einer
