Trompeten, und zogen von dort aus weiter bis zum nachsten Flu?hafen an der Seine. Dort schifften sie sich ein und fuhren den Flu? hinab bis zur Hauptstadt, der alten Kolonie Lutetia Parisiorum, die inzwischen fast alle nach ihren Einwohnern nur noch »Parisii« nannten. Sie legten die weite Strecke vollig unbehelligt zuruck, wodurch sich allen der Eindruck vermittelte, die sie so lange Zeit belastende Bedrohung sei nun vorbei oder hege zumindest so weit hinter ihnen, da? sie sich daruber keine Sorgen mehr zu machen brauchten. Jede Tagesreise brachte sie naher an ihr Ziel heran, und mehr und mehr wurde Aurelius von einer sonderbaren Aufregung erfa?t, deren tatsachliche Ursache er sich nicht erklaren konnte. Das einzige, was ihn beunruhigte, war die hochst mangelhafte Beziehung zu Kommandant Volusianus, mit dem sie nur selten und kurz in Beruhrung kamen. Er hielt sich gewohnlich in seiner Unterkunft am Heck auf. Wenn er einmal heraustrat, war er immer von seinem Stab umringt, so da? sich niemand an ihn wenden konnte. Nur Aurelius hatte eines Abends die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Als er ihn aufrecht am Bug stehen und in die uber der Flu?ebene untergehende Sonne blicken sah, trat er auf ihn zu.

»Salve, Kommandant«, sagte er zu ihm.

»Salve, Soldat«, antwortete Volusianus.

»Unsere Reise verlauft ruhig.«

»Scheint so.«

»Darf ich dir eine Frage stellen?«

»Das kannst du sicher, aber du wirst nicht zwangslaufig eine Antwort erhalten.«

»Jahrelang habe ich unter dem Befehl von Manilius Claudianus gekampft und seine personliche Garde befehligt. Vielleicht sagt dir sein Name etwas und bewirkt, da? ich deiner Achtung wurdig bin?«

»Claudianus war ein gro?er Soldat und ein sehr integrer Mann. Ein Romer, wie es sie heute nicht mehr gibt. Wenn er dir sein Vertrauen schenkte, bedeutet das, da? du seine Achtung verdient hast.«

»Du hast ihn also gekannt.«

»Personlich, was mir zur Ehre gereicht. Die Mauerkrone, die du auf meiner Standarte siehst, verdiente ich mir unter seinem Befehl. Er selbst hat sie mir vor den Mauern von Augusta Raurica verliehen.«

»Der dortige Kommandant Claudianus ist gefallen, hinterrucks angegriffen von Odoakers Truppen. Meine Kameraden und ich sind einige wenige, die das Massaker uberlebt haben. Doch nicht aus Feigheit oder weil wir desertiert sind.«

»Wir wollen keinerlei Einmischung, aber auch kein Chaos herbeifuhren«, fugte Aurelius in gramerfulltem Ton hinzu. »Wir suchen nur einen ruhigen, entlegenen Ort, um diesen unglucklichen jungen Menschen in Zukunft vor der grausamen Verfolgung zu bewahren, deren Opfer er bis zum jetzigen Augenblick war. Er strebt weder nach Macht noch nach Auftrag und hat auch kein Interesse an einem offentlichen Amt. Er sucht lediglich Ruhe und Vergessen, um endlich das Leben eines gewohnlichen Menschen zu fuhren. Und wir mit ihm. Wir haben alles gegeben, was wir konnten. Wir haben fur Rom unseren Schwei? und unser Blut vergossen. Und jedesmal, wenn es notig war, unser Leben riskiert und uns niemals geschont. Wir haben Rom verlassen, weil wir uns weigern, den Barbaren Gehorsam zu leisten. Das hat nichts mit Desertion, sondern mit Wurde zu tun. Au?erdem sind wir erschopft, ermattet und entmutigt. La? uns gehen, General.«

Volusianus wandte sich wieder dem Horizont zu und betrachtete den langen, blutroten Streifen, der im Westen die Schneewuste einsaumte. Nur muhsam kamen die Worte aus ihm heraus, als sei ihm die Kalte, die ihm die Glieder gefror, bis ins Herz gedrungen: »Ich kann nicht«, antwortete er. »Syagrius hat mir Offiziere zur Seite gestellt, die nur danach streben, meine Nachfolge anzutreten und mich zu ersetzen. Sie meinen, mein Einflu? auf die Truppen sollte gemindert werden. Durch sie wird er ohnehin uber eure Anwesenheit unterrichtet sein. Falls ich diesen Punkt also nicht selbst zur Sprache bringe, mache ich mich in seinen Augen so verdachtig, da? ich in Zukunft von ihm kein Verstandnis mehr erwarten kann. Daher ist es besser, wenn ich ihn personlich in Kenntnis setze.«

»Was geschieht dann mit uns?«

Ambrosi Volusianus bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. Er hatte die grauen Augen eines Raubvogels, und seine Gesichtshaut war von tiefen Falten durchfurcht und wirkte sehr trocken. Sein Haar war kurz geschnitten, und er trug einen mehrere Tage alten Bart. Die Muhen und Anstrengungen seines Lebens waren in jedem Zug seiner Personlichkeit abzulesen, ebenso seine Fahigkeit, Menschen zu beurteilen.

»Ich glaube dir«, sagte er nach ein paar Augenblicken des Schweigens. »Was mochtest du wissen?«

»Ob wir unter deinem Schutz stehen oder in deinem Gewahrsam sind.« »Sowohl als auch.« »Warum?«

»Nachrichten uber gro?e Veranderungen im Bereich der Macht verbreiten sich schneller, als du denkst.«

»Das ist mir klar. Es wundert mich nicht, da? dein Konig uber Odoaker und die Ermordung des Flavius Orestes informiert ist und auch du auf dem laufenden bist. Was wei?t du noch, wenn ich fragen darf?«

»Da? Odoaker zu Wasser und zu Lande nach einem Jungen von dreizehn Jahren sucht, der unter dem Schutz einer Handvoll Deserteure steht und sich in Begleitung von sehr ... pittoresken Gestalten befindet.« Aurelius blickte zu Boden.

»Und jeder, der mit der Regierungsverantwortung betraut ist«, fuhr Volusianus fort, »ist sich daruber im klaren, da? dies genau das Alter des letzten Kaisers im Westreich ist, Romulus Augustus, von vielen auch Augustulus genannt. Du wirst zugeben, da? die Ubereinstimmung dieser Fakten allzu eindeutig ist, als da? man sie unberucksichtigt lassen konnte.« »Das mu? ich zugeben«, antwortete Aurelius. »Ist er es?«

Aurelius zogerte, dann nickte er. Und wahrend er seinem Gesprachspartner direkt in die Augen blickte, fugte er noch hinzu: »Von einem romischen Soldaten zum anderen gesagt.«

Volusianus nickte mit ernster Miene.

Volusianus sah ihm in die Augen. »Ich verspreche, die Identitat dieses Jungen nicht preiszugeben, denn es ist nicht gesagt, da? die anderen sie auch nur erahnen. Im besten Falle konnte er sie selbst vergessen und nicht mehr beachten, so da? er die volle Verantwortung mir uberlie?e. Ich kann dann die Ma?nahmen treffen, die mir als die angenehmsten erscheinen. In diesem Falle ...«

»Und falls er die Wahrheit ahnt?«

»Nun, dann ware es besser, euch keine Illusionen daruber zu machen. Der Junge ist sehr viel wert, allzu viel, wenn man es in Geld oder politischen Beziehungen ausdrucken will. Syagrius kann nicht unbeachtet lassen, da? Odoaker jetzt in Italien das Sagen hat. Er ist der wahre rex Romanorum. Was euch betrifft, ist die Sache einfach. Ich konnte fur euch einen Anwerbungsvertrag fur mein Heer erwirken, da wir immer gute Soldaten brauchen. Und da nimmt man es nicht so genau.«

»Ich verstehe«, antwortete Aurelius, der fuhlte, wie ihm die Eiseskalte in sein Herz kroch. Dann machte er Anstalten, sich zu entfernen.

»Soldat!«

Aurelius blieb stehen.

»Warum liegt dir so viel an diesem Jungen?«

»Weil ich ihn gern habe«, antwortete er, »und weil er der Kaiser ist.«

Aurelius hatte nicht den Mut, Ambrosinus, aber noch weniger Livia den Ausgang dieses Gesprachs zu offenbaren, und hoffte im Vertrauen auf Volusianus Wort, da? Romulus Identitat geheim bleiben konnte. Durch und durch ein Ehrenmann, behielt er die Sorgen, die an ihm nagten, fur sich und strengte sich an, moglichst ruhig zu wirken und sogar mit Romulus und den anderen Gefahrten zu scherzen.

Am funften Tag ihrer Schiffsreise erreichten sie kurz vor Sonnenuntergang die Stadt. Alle drangten sich an der Reling auf dem Vorschiff zusammen, um den sich ihnen bietenden Anblick zu bewundern. Auf einer Insel mitten in der Seine, umgeben von einer Festungsanlage, die aus Mauerwerk in opus cementicium und einer Holzpalisade bestand, erhob sich Parisii. In ihrem Inneren ragten die Dacher der hochsten Gebaude empor, die teils nach romischer Art mit gebrannten Dachziegeln, teils nach alter keltischer Art mit Holzschindeln und Stroh gedeckt waren.

Ambrosinus trat zu Romulus. »Auf der anderen Seite des Flusses, gegenuber dem Westufer dieser Insel, liegt der heilige Germanus begraben. Unter dem Namen Germain ist er noch heute all denen bekannt, die sein Andenken ehren.«

»Ist das der Held, der die Romer von Britannien im Kampf gegen die Barbaren im Norden anfuhrte? Der, von dem du in deinem Tagebuch erzahlst?«

»Ganz genau. Doch verfugte er uber kein eigenes Heer, sondern bildete unsere Leute aus und teilte sie nach dem Vorbild alter romischer Legionen in militarische Strukturen ein, bis er an den Wunden verstarb, die er in der

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