Wahrheit herausfinden, egal, was ich dafur tun muss!«

»Ich habe Jahre vergeblich mit Versuchen zugebracht, es herauszufinden«, sagte der Waffenmeister. »Genau wie James. Sie war unsere Schwester, die arme, liebe Emily, und wir liebten sie innig. Wir waren sogar mit deinem Vater einverstanden, sonst hatten wir nie zugelassen, dass er sie heiratet. Aber die Wahrheit ist, dass niemand etwas zu wissen scheint. Wahrscheinlich war es nur ein dummer Fehler. Mangelhafte Informationen, ungenugende Einsatzbesprechung, zu viel, was gleichzeitig schiefgelaufen ist. So was kommt vor, auch bei den bestgeplanten Missionen.«

»Es gibt immer noch den Zeitzug!«, sagte Penny plotzlich.

»Nein, gibt es nicht!«, widersprach der Waffenmeister schnell.

»Was zum Teufel ist ein Zeitzug?«, wollte Molly wissen. »Und warum beschleicht mich das Gefuhl, dass mir die Antwort nicht wirklich gefallen wird?«

»Das mussen deine Hexensinne sein, die Uberstunden machen«, sagte ich. »Verdammt, an den Zeitzug habe ich schon seit Jahren nicht mehr gedacht. Er ist ein Mittel, um durch die Zeit zu reisen, wenn auch vielleicht etwas seltsamer als die meisten. Seit Ewigkeiten hat ihn niemand mehr benutzt. Ich nehme an, er ist noch funktionsfahig. Oder, Waffenmeister?«

»Nun, technisch ja«, gab er zu. »Aber manche Dinge sind einfach zu gefahrlich, um daran herumzupfuschen.«

Ich musste eine Augenbraue hochziehen. »Das von dem Mann, der von unseren besten Telepathen verlangte zu versuchen, samtliche Atomsprengkopfe in China zur Explosion zu bringen, nur indem die Telepathen ›richtig fiese Gedanken zu ihnen denken‹?«

»Das hatte auch funktioniert, wenn die Matriarchin mich nicht aufgehalten hatte!«, wehrte sich der Waffenmeister schmollend. »Meine besten Ideen sind ihrer Zeit immer voraus!«

»Ich wechsle jetzt das Thema!«, erklarte ich bestimmt. »Eines muss uns allen klar sein: Die Familie muss etwas unternehmen, etwas Gro?es und Bedeutendes und Dramatisches, um der ganzen Welt zu beweisen, dass die Droods immer noch stark und gemein und eine Kraft sind, mit der man rechnen muss. Wir mussen uns ein Ziel aussuchen, einen wirklich wichtigen und unangenehmen Feind, und ihm dann einen richtig gewaltigen Praventivschlag versetzen. Ihn ausloschen, ein fur alle Mal!«

»Jetzt redest du wie ein Mann, Junge!«, zollte der Seneschall meinen Worten Beifall.

»Hort sich gut an fur mich«, meinte auch der Waffenmeister. »Unter der Matriarchin war die Familie jahrelang schrecklich reaktionar.«

»An wen hast du gedacht?«, erkundigte sich Molly. »Das Manifeste Schicksal?«

»Nein«, erwiderte ich. »Sie sind noch schwach; sie auszuradieren wurde niemanden beeindrucken. Wir brauchen etwas … Gro?eres.«

»Es gibt zwei Hauptbedrohungen fur die Menschheit«, sagte der Waffenmeister, wobei er in seinen langweiligen Dozentenmodus abglitt. »Ganz gleich, ob sie wissenschaftlich oder magisch in ihrem Ursprung sind, mythisch oder politisch oder biblisch - alle Feinde der Menschheit konnen in zwei verschiedene Arten unterteilt werden. Diejenigen, die uns Schaden zufugen, weil sie sich erhoffen, daraus einen irgendwie gearteten Nutzen zu ziehen; diese nennen wir Damonen. Und diejenigen, die zu gro? sind, um sich um uns zu kummern, die uns aber moglicherweise Schaden zufugen, einfach weil wir im Weg sind; diese nennen wir in Ermangelung eines besseren Wortes Gotter. Die Familie ist dazu ausgebildet und ausgerustet, sich mit Damonen zu befassen. Mit den Gottern geht man am besten feinfuhlig um, aus sicherer Entfernung, und uber so viele Vermittler wie moglich.«

»Ich habe bereits einen Gott getotet«, sagte ich. »Und das Herz schrie genau wie ein Mensch, als es starb.«

»Ich habe dir geholfen«, warf Seltsam ein. »Ohne mich hattest du das nicht tun konnen.«

»Kann sein«, erwiderte ich. »Aber andererseits musstest du das ja jetzt auch sagen, oder?«

»Konnen wir bitte die Anwandlungen von Gro?enwahn beiseite lassen, nur fur den Moment, und uns darauf konzentrieren, eine Strategie zu entwerfen?«, mischte Penny sich ein.

»Keine Gotter anzugreifen klingt fur mich nach einer richtig guten Strategie«, meinte Molly. »Ich stimme fur Damonen!«

»Damonen hort sich gut an fur mich«, sagte auch der Waffenmeister. »Es gibt nie Mangel an Damonen, die die Menschheit verarschen wollen.«

»Na schon«, fasste ich zusammen, »dann also Damonen. Mochte jemand ein paar Namen ins Gesprach bringen, einfach um die Sache in Bewegung zu setzen?«

»Die Umgehenden Leichentucher?«, schlug der Seneschall vor.

»Die sind letztes Jahr so ziemlich ausgerottet worden«, wandte Penny ein. »Haben einen Revierkrieg mit dem Kalten Eidolon gefuhrt, in den Seitengassen von Neapel. Beide Seiten erholen sich noch davon; es konnte ewig dauern, bis eine wieder eine anstandige Bedrohung auf die Beine stellen kann.«

»Die Abscheulichen?«, bot ich an. »Ich hasse Seelenfresser!«

Penny runzelte die Stirn. »Es sind unlangst nachrichtendienstliche Informationen hereingekommen, dass sie sich in gro?er Zahl zusammenrotten, unten in Sudamerika. Niemand scheint zu wissen warum, aber das ist nie ein gutes Zeichen.«

»Ich wurde echt gern etwas gegen die Alraunenwiedervereinigung unternehmen«, sagte Molly. »Allein schon, weil sie mir eine Mordsgansehaut verursachen.«

»Nicht wirklich ein stichhaltiger Grund, gegen jemand in den Krieg zu ziehen, oder?«, wandte der Waffenmeister ein.

»Der Kultus des Purpurnen Altars?«, schlug Jacob vor. »Satanisten der alten Schule, Ableger des ursprunglichen Hollenfeuer-Klubs. Hab sie noch nie gemocht. Sie haben mir die Mitgliedschaft verweigert, als ich noch am Leben war, die boykottverliebten Dreckskerle.«

»Sie machen gegenwartig ein gro?eres Schisma durch«, berichtete Penny aufgeraumt. »Wegen irgendeines kleinen Dogmas, das so kompliziert und so trivial ist, dass niemand au?erhalb des Kultus daraus schlau werden kann. Die Mitglieder des Kultus schlachten sich seit sechs Wochen gegenseitig ab, und bei dem Eifer, den sie dabei an den Tag legen, bezweifle ich, dass am Ende noch genug ubrig sein werden, um eine Selbsthilfegruppe aufzumachen.«

»Das Traum-Mem?«, fragte der Seneschall hoffnungsvoll.

»Nein!«, lehnte der Waffenmeister ab. »Wir wissen immer noch nicht mit Gewissheit, wer oder was sie sind oder auch nur, was sie wollen. Und ja, Cyril, ich habe alle aktuellen Verschworungstheorien gehort, und keine einzige davon uberzeugt mich. Sie sind nur eine ubernaturliche Neuzeitlegende, genau wie die Kulissenschieber.«

»Die Vril-Gesellschaft?«, machte Molly weiter. »Unser aller Lieblingsalbtraum aus dem Zweiten Weltkrieg?«

»Sind nach der Wiedervereinigung Deutschlands in die Politik gegangen«, berichtete Penny. »Von dieser Seite gibt es keine Uberraschungen mehr.«

»Genug Namen!«, sagte ich. »Wir mussen der Welt eine Botschaft ubermitteln. Eine aussagekraftige Botschaft. Deshalb sage ich, wir nehmen die Abscheulichen. Niemand mag Seelenfresser, also wird sich niemand mit ihnen verbunden, nicht einmal gegen uns. Ich sage, wir spuren diese neue Zusammenrottung in Sudamerika auf, schicken eine gepanzerte Truppe hin und rotten sie entweder endgultig aus oder schicken sie wenigstens in die Holle oder dorthin zuruck, wo auch immer sie hergekommen sind. Das ist nur recht und billig, wenn man bedenkt, dass diese Familie die Verantwortung dafur tragt, dass sie uberhaupt erst auf diese Welt gebracht wurden.«

Der Waffenmeister und der Seneschall blickten finster drein; fur sie war das keine Neuigkeit. Fur Penny und Jacob schon; sie wirkten schockiert. Die meisten in der Familie wussten nichts davon - nur ein weiteres jener schmutzigen, kleinen Geheimnisse, die die alte Garde gern fur sich behalten hatte.

»Ich denke, ich werde meine alte Freundin Janitscharen Jane kontaktieren«, fuhr ich fort. »Sie wei? uber den Kampf gegen Damonen alles, was es zu wissen gibt. Wenn sie nuchtern ist. Penny, da all unsere Frontagenten auf dem Weg nach Hause sind, mochte ich, dass du auch an alle vogelfreien Droods die Aufforderung ergehen lasst, heimzukommen. Alle Sunden sind vergeben, wenn auch nicht vergessen. Sie haben auf die harte Tour gelernt, wie man ohne Unterstutzung der Familie in der Welt uberlebt, und besitzen Fertigkeiten, von deren Einsatz wir profitieren konnen.«

»Alle Vogelfreien?«, vergewisserte sich Penny.

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