Roger packte die Nase mit der linken Hand und brachte sie mit einem Ruck, der von einem schmerzhaft klingenden Knacken begleitet wurde, wieder in die richtige Stellung. Ich zuckte bei dem Gerausch zusammen, und ich bin mir sicher, dass es mir nicht allein so ging.
»Angeber!«, sagte Harry nachsichtig zu Roger. »Jetzt benimm dich! Ich habe fur dein Verhalten garantiert, schon vergessen? Willst du mich schlecht aussehen lassen?«
»Sicher. Es tut mir leid, Harry.« Roger lachelte mir kurz zu. »Es wird nicht wieder vorkommen. Nicht bose sein, ja?«
Ich rustete ab und schaute erst ihn an und dann Harry. Mir kam der Gedanke, dass die beiden dieses kleine Schauspiel vielleicht nur inszeniert hatten, um zu sehen, wozu die neue Rustung in der Lage war. Durchtrieben, hinterlistig und ein kleines bisschen paranoid - schlie?lich waren sie Droods.
»Lasst uns zuruck ins Haus gehen«, sagte der Waffenmeister. »Es wird allmahlich kalt hier drau?en.«
Kapitel Vier
Sohne und Geliebte
»Es ist schon, dich wieder daheim zu haben, Harry«, sagte der Waffenmeister. »Und deinen … Freund. Kommt mit und ich werde euch irgendwas suchen, wo ihr bleiben konnt. Allerdings wei? ich noch nicht so recht, wo ich euch hinstecken soll; das Herrenhaus ist dieser Tage so uberfullt, dass man sich kaum drehen und wenden kann.«
»Wir konnten sie in die Verliese stecken«, schlug ich vor.
Der Waffenmeister warf mir einen kalten Blick zu. »Du wei?t sehr wohl, dass wir keine Verliese mehr haben, Eddie. Sie wurden schon vor langer Zeit zu Billardzimmern umfunktioniert.«
»Ihr habt Billardtische hier?«, fragte Molly, und ihre Miene erhellte sich.
»Aber ja doch!«, bestatigte ich. »Sie sind au?erst beliebt. Man muss sich sogar in die Queues stellen, um hineinzukommen!«
»Noch so ein Witz und ich schlag deine Balle gegeneinander!«
»Warum kann ich denn nicht Vaters altes Zimmer beziehen?«, wollte Harry wissen. »Die Matriarchin ist doch noch nicht dazu gekommen, es neu zuzuteilen, oder? Dachte ich's mir; die liebe Gro?mutter war schon immer sehr sentimental, wenn ihr Sohn betroffen war. Und wer hatte ein gro?eres Anrecht auf das Zimmer des Grauen Fuchses als sein einziger legitimer Sohn?«
»Tja … ich schatze, das stimmt«, raumte der Waffenmeister ein. »Ja, James ware damit einverstanden. Kommt mit mir mit, Harry. Und Roger, und ich werde euch unterbringen.«
»Wir sehen uns spater, Cousin Eddie«, verabschiedete sich Harry.
»Ja«, antwortete ich, »das werden wir.«
Der Waffenmeister fuhrte die beiden uber den Rasen in Richtung Herrenhaus fort. Molly und ich sahen zu, wie sie gingen, wahrend die Greifen, die sich zuruckgezogen hatten, wieder zu uns gewandert kamen, sich neben uns hockten und unglucklich schnaubten und knurrten. Ich tatschelte ein paar Kopfe, zupfte an ein paar Ohren, und einigerma?en zufrieden zogen sie wieder ab. Es beunruhigte mich, dass sie nicht in der Lage gewesen waren, Harrys und Rogers Eintreffen vorherzusagen. Das warf die Frage auf, was die Hollenbrut sonst noch alles vor uns verbergen konnte.
»Und dabei fing der Tag heute so gut an!«, sagte ich schlie?lich. »Jetzt ist Harry wieder da, der es kaum erwarten kann, mir ein Messer in den Rucken zu sto?en. Und als ob das nicht reichte, hat er noch ein Damonenhalbblut mitgebracht. Ich meine, ich bin ja nicht voreingenommen, aber - verdammt, das ist ein Wesen aus der Holle!« Ich schaute Molly an. »Bist du wirklich mit ihm ausgegangen?«
»Noch ein Wort daruber von dir, Eddie«, erwiderte sie frostig, »und du wirst mich nie wieder nackt sehen!«
Wir gingen zu meinem Zimmer ins Herrenhaus zuruck. Ich verspurte das dringende Bedurfnis nach einer Auszeit. Als ich entschied, wieder ins Herrenhaus einzuziehen, um die Entwicklung der Dinge richtig im Auge behalten zu konnen, musste ich mich auch entscheiden, wo ich bleiben wollte. Mein altes Zimmer war langst fort, an irgendjemanden in der Familie vergeben, als ich weggegangen war, um ein Frontagent zu sein. (Und unterwegs die ganze Zeit
Da ich jetzt die Familie fuhrte, hatte ich mir jedes Zimmer nehmen konnen, das mir zusagte. Ich hatte die Matriarchin aus ihrer Sondersuite werfen konnen, und keiner hatte mich davon abgehalten. Aber das brachte ich nicht ubers Herz; es ware grausam gewesen … Alistair gegenuber.
Am Ende entschied ich mich einfach fur eins der besser gelegenen Zimmer im Westflugel und schmiss den armen Kerl raus, der dort wohnte. Der seinerseits suchte sich einen in der Nahrungskette tiefer Stehenden aus, zwang diesen zur Raumung und zog in dessen Zimmer ein. Und so ging es weiter, einige Tage lang, bis man sich in den Korridoren nicht mehr bewegen konnte, weil sie voller Leute waren, die ihre Siebensachen von einem Zimmer zum andern schleppten. Vermutlich landete das arme Schwein am Boden der Pyramide wieder im Gemeinschaftsschlafsaal bei den Kindern.
(Im Herrenhaus gibt es keine Gastezimmer. Nur Familie kommt in den Genuss, im Herrenhaus zu wohnen.)
Dennoch war Molly nicht sonderlich beeindruckt, als sie sah, wo sie mit mir wohnen wurde. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, dass Mitglieder der machtigsten Familie der Welt nur ein Zimmer bekamen, um darin zu leben. Aber so was passiert halt, wenn die Familie schneller wachst, als wir neue Flugel anbauen konnen. Noch eine oder zwei Generationen, und wir werden uns ein neues Zuhause suchen oder bauen mussen, aber daruber war noch niemand bereit zu sprechen.
Ich lie? uns in unser Zimmer, und sofort lief Molly zum Bett hin und warf sich darauf. Sie versank so tief in der weichen Gansefedermatratze, dass sie halb au?er Sicht war, und seufzte selig.
»Das Zimmer mag ich immer noch nicht besonders, aber dieses Bett hier liebe ich! Ich fuhle mich, als konnte ich bis runter nach China sinken!«
»Was ist denn nicht in Ordnung mit dem Zimmer?«, erkundigte ich mich geduldig.
»Ist viel zu sehr wie ein Hotelzimmer«, antwortete Molly bestimmt. »Alles sehr luxurios, da bin ich sicher, aber es hat keinen Charakter. Es ist kalt und unpersonlich.«
Ich lachelte sie an. »Wann hast du dich denn jemals in einem Hotel aufgehalten, o bose Hexe der Walder?«
Sie rekelte sich wohlig im Bett. »Oh, ich komme herum! Du warst uberrascht, wo ich schon uberall gewesen bin! Und es ist ja nicht so, als ob ich meinen Wald uberallhin mitnehmen konnte … Trotzdem, eins muss ich Hotels lassen - ich liebe Zimmerservice! Du nimmst einfach den Horer ab, und sie bringen dir was zu essen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. In Hotels schlage ich mir immer den Bauch voll. Besonders weil ich nie lange genug bleibe, um die Rechnung zu bezahlen.«
»Hier gibt's keinen Zimmerservice«, erklarte ich streng. »Und es wird von einem erwartet, dass man sein Zimmer selbst in Ordnung halt. Es gibt kein Dienstpersonal unter den Droods, oder wenigstens nicht als solches. Wir werden von klein auf darin bestarkt, selbst fur uns zu sorgen. Ist dem Charakter und dem Selbstvertrauen forderlich.«
»Wie au?erordentlich ehrenwert!«, meinte Molly. »Lass uns mal eins klarstellen zwischen uns beiden: Ehrenwert ist bei mir nicht! War das echt das beste Zimmer, dass du dir aussuchen konntest, von allen, die du kriegen konntest?«
»Ich habe mich fur dieses Zimmer entschieden, weil es fruher das meiner Eltern war«, sagte ich. »Damals,
