altvertrauten Geruche der Ledereinbande, des Papiers, der Tinte und des Staubs ein. Auf diesen Regalen, in diesen Buchern, ist die wahre Geschichte der Welt festgehalten. All die geheimen Ubereinkunfte und Vertrage, die nicht fur die Offentlichkeit bestimmten Versprechen und Treubruche und all die geheimen Kriege, die hinter den Kulissen gefuhrt werden und von denen normale Leute nie etwas erfahren. Die raffinierten Schachzuge auf dem unsichtbaren Brett, im gro?ten Spiel von allen.

Hier im Herrenhaus kam ich auf die Welt, wurde ich gro?gezogen und ausgebildet, wie alle anderen Drood-Sohne und -Tochter, aber ich war einer der ganz wenigen, die sich je die Muhe machten, ein Buch zu lesen, das nicht Teil des offiziellen Lehrplans war. Ich entdeckte die Bibliothek, als ich zehn war, und danach war ich nicht mehr aus ihr drau?en zu halten. Die Familie bringt einem bei, wovon sie glaubt, man musse es wissen, und daruber hinaus nichts. Ich hingegen verschlang Bucher wie andere Leute Junkfood, und was die Familie als Bildung bezeichnete, betrachtete ich bald als Indoktrination. Ich wollte alles wissen, die reinen Fakten wie auch die Zusammenhange. Und je mehr ich las, desto mehr wollte ich in die wirkliche Welt hinaus und sie sehen, wie sie wirklich war.

Lange Zeit konnte ich nicht verstehen, wieso das solch ein Problem fur meine Lehrer war. Ich wurde dazu ausgebildet, das Bose zu bekampfen, zu wissen, wer die wahren Feinde der Menschheit waren und wie man sie besiegte; also war es doch bestimmt umso besser, je mehr ich uber sie wusste. Wann immer ich etwas infrage stellte, jedes Mal wurde mir gesagt, ich solle einfach die Klappe halten und weitermachen wie alle anderen auch, denn nur Leute, die alter und mir geistig uberlegen seien, konnten das Gro?e Bild sehen. Also las ich eben weiter und versuchte es auch zu sehen.

Das Problem mit der Drood-Familienbibliothek ist die verdammte schiere Gro?e von dem Ding. Meilen uber Meilen von Bucherregalen und -brettern, die das gesamte untere Stockwerk des Sudflugels einnehmen, jedes zum Bersten vollgepackt mit dem geballten Wissen und der gesammelten Weisheit von Jahrhunderten. Bucher, geschrieben in jeder Sprache unter der Sonne, und manche auch in Sprachen von dunkleren Orten, darunter ein paar derart arkane Dialekte, dass menschliche Stimmbander sie nicht laut aussprechen konnen. Also las ich, was ich konnte, im Original, und setzte dem Bibliothekar unaufhorlich zu, bis er mir die Ubersetzungen fur diejenigen heraussuchte, bei denen ich das nicht konnte. Ein komischer Kauz, der Bibliothekar. Trug schreiend bunte Pullover, auch im Sommer, und ging jedes Wochenende Motocrossrennen fahren. Er verschwand plotzlich, Jahre bevor ich wegging. Wir haben nie herausgefunden, was ihm zugesto?en ist.

Ich wanderte ziellos durch die Regale und strich mit den Fingerspitzen leicht uber die ledernen Buchrucken. Wir glauben an Bucher. Computerdateien konnen gehackt werden; Papier nicht. Der einzige Weg, Zugang zu den Informationen in dieser Bibliothek zu erhalten, ist, personlich hierherzukommen. Und der einzige Weg, das zu tun, ist, Teil der Familie zu sein.

»Hallo, Eddie! Schon dich wiederzusehen!«

Ich drehte mich um, bereits ein Lacheln auf den Lippen, denn ich wusste, wer das war, wer es sein musste. Es gab nur ein lebendes Familienmitglied, das sich tatsachlich freuen wurde, mich wiederzusehen. Mit gro?en Schritten kam Onkel James auf mich zu, um mich zu begru?en, eine Hand ausgestreckt, um mir einen festen, mannlichen Handedruck zu geben. Er sah fabelhaft aus, wie immer, perfekt ausgestattet mit dem stilvollsten dreiteiligen Anzug, der fur Geld zu haben war, und sah vom Scheitel bis zur Sohle wie der verwegene Abenteurer aus, der er war. Onkel James war hochgewachsen, auf dustere Weise gut aussehend, muhelos elegant und sardonisch und in echt guter Verfassung fur einen Mann in den Endfunfzigern. Sein auffalliges Gesicht hatte mehr als seinen gerechten Anteil an Charakterfalten, aber sein Haar war immer noch pechschwarz. Sein Begru?ungslacheln war breit und ungekunstelt, doch selbst mir gegenuber blieb eine Spur der eisigen Kalte, die seine Augen nie verlie?.

James war mir immer das liebste Mitglied der Familie gewesen. Nachdem mein Vater und meine Mutter ums Leben gekommen waren, wurde James fur mich das, was einem Elternteil am nachsten kam. Er nahm einen widerspenstigen, schweigsamen, verlorenen und introvertierten Jungen und gab ihm einen Grund zu leben. Er fand Sachen, die mein Interesse weckten und mich forderten, ermutigte mich in meiner Auflehnung und gab meinem Lernen ein Ziel: All die schlechten Menschen auf der Welt zu bekampfen, die dafur verantwortlich waren, dass so viele Kinder zu Waisen wurden. Er brachte mich zuruck aus mir selbst und ermoglichte es mir, wieder glucklich zu sein. Wenn ich jemals einen Helden hatte, dann war es Onkel James. Er war der Letzte der gro?en Abenteurer; er zog in den guten Krieg wie ein Verhungernder zu einem Festmahl. Er hatte die gro?te Erfahrung und mehr Auftrage erfolgreich durchgefuhrt als irgendein anderes Mitglied der Familie. Sein Rufname war ein Fluch auf den Lippen der Gottlosen, mit dem man Unterhaltungen in Bars und Spelunken auf der ganzen Welt zum Verstummen bringen konnte. Sie nannten ihn den Grauen Fuchs, und er verkorperte alles, was zu sein ich jemals anstrebte.

Er war auch der Erste, der mir riet, das Herrenhaus zu verlassen und meine eigenen Wege zu gehen, bevor das Beharren der Familie auf Pflicht und Tradition mir den Schwung nahm. Ich habe immer geglaubt, der einzige Grund, weshalb mir uberhaupt erlaubt wurde, aus solcher Entfernung zu operieren, ist der, dass Onkel James sich bei der Matriarchin fur mich eingesetzt hat. Nicht dass ich das jemals erwahnt hatte, selbstverstandlich; es hatte ihn nur in Verlegenheit gebracht.

»Es ist schon, dich wiederzusehen, Onkel James«, sagte ich. »Zehn Jahre ist es jetzt her, und doch ist da seltsamerweise nicht eine Spur von Grau an deinen Schlafen …«

»Anstandiges Leben und heftiges Trinken«, sagte er leichthin. »Du hast zugenommen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Steht dir.«

»Wei?t du, weshalb man mich zuruckgerufen hat?«, fragte ich unverblumt.

»Hab keinen Schimmer, Eddie. Ich bin nur zu einem kurzen Besuch zwischen zwei Missionen hier. Ein weiches Bett, eine gute Mahlzeit und ein Bummel durch die Weinkeller, bevor sie mich wieder fortschicken. Ich komme gerade vom Amazonas zuruck, wo ich Dr. Delirium eine blutige Nase verpasst habe, und sobald ich hier ein paar Recherchen angestellt habe, bin ich auch schon wieder weg, um die Schattenboxer von Schanghai zur Schnecke zu machen. Du wei?t ja, wie es ist; eine verdammte Sache nach der anderen.«

»Ich bin ja so neidisch!«, sagte ich und musste wider Willen grinsen. »Du kriegst immer die glamourosesten Auftrage; ich selbst durfte noch nicht ein einziges Mal auch nur au?er Landes.«

Er zog eine Augenbraue hoch, wahrend er sich mit seinem goldenen Feuerzeug mit Monogramm eine schwarze russische Zigarette anzundete. »Nun, du wei?t, wieso das so ist, Eddie. Aber du leistest gute Arbeit. Die Leute bemerken das. Je mehr Auftrage du erfolgreich abschlie?t, desto mehr Vertrauen wirst du dir verdienen und desto mehr Leine werden sie dir geben.«

»Aber ganz von der Leine lassen werden sie mich nie, stimmt's? Ich werde nie frei von der Familie sein.«

»Warum solltest du das auch wollen? Du bist Teil des wichtigsten Erbes auf der Welt.« James blickte mir direkt und sehr ernst in die Augen. »Als Drood geboren zu werden, ist ebenso ein Privileg wie auch eine Verantwortung. Wir erfahren die Wahrheit daruber, wie die Dinge wirklich sind, und uns bleibt es uberlassen, die Kampfe zu bestreiten, auf die es wirklich ankommt. Und wenn wir dafur von allem das Beste bekommen, dann geschieht das deshalb, weil wir es verdient haben. Und alles, was die Familie je verlangt hat, ist Loyalitat.«

»Wir sind schon bei unserer Geburt fur einen Krieg ausgewahlt, der niemals endet«, erwiderte ich und hielt seinem Blick entschlossen stand. »Und die meisten von uns lassen ihr Leben in diesem Krieg, fernab der Familie und der Heimat. Manche von uns lernen nie ihre Eltern kennen und manche Eltern nie ihre Sohne. Ich wei?: Es ist eine Ehre zu dienen. Aber ich ware gern gefragt worden.«

Und das war der Moment, in dem Generalalarm geschlagen wurde, so als ob samtliche Glocken und Sirenen der Welt auf einmal losgingen. Wie ein Mann drehten James und ich uns um und rannten zuruck durch die Bibliothek. Wir sturmten auf den Gang hinaus und hatten um ein Haar den Seneschall uber den Haufen gerannt, der an uns vorbeisturzte, eine Waffe in jeder Hand. James packte ihn an der Schulter, zerrte ihn herum und brachte ihn zum Stehen, wahrend Familienmitglieder aus allen Richtungen angelaufen kamen.

»Es ist das Herz!«, schrie der Seneschall, riss sich los und raste den Gang hinunter. »Es ist ein Angriff aufs Sanktum!«

Er brauchte nicht mehr zu sagen; James und ich sturmten bereits mit voller Geschwindigkeit hinter ihm her. James hatte jetzt ebenfalls in jeder Hand eine Pistole. Und alles, was ich hatte, war mein Nadelrevolver. Ich zog ihn nicht; ich war mir ziemlich sicher, dass gefrorenes Weihwasser diesmal nicht genug sein wurde. Das Herz war die Quelle der Macht der Familie. Seine gespeicherte Energie machte all unsere Zauber und Superwissenschaften moglich, einschlie?lich der lebenden Rustung, auf die wir alle angewiesen waren. Aber das Sanktum, der gro?e

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