Sollen wir mal einen Blick darauf werfen, was unsere geliebte Anfuhrerin im Moment so vorhat?«

Er schnalzte mit den Fingern in Richtung des leeren Fernsehgerats vor sich, und die alte Folge von Dark Shadows, die mit abgestelltem Ton gelaufen war, wurde von einem beeindruckend scharfen Bild der Familienmatriarchin in ihrem Arbeitszimmer ersetzt, die gerade mit ihrem Mann, Alistair, sprach. Er ging auf und ab und machte einen ausgesprochen besorgten Eindruck, wohingegen sie mit geradem Rucken auf ihrem Stuhl sa? und eisige Ruhe und Wurde ausstrahlte.

»Er wird bald hier sein«, sagte Alistair. »Was werden wir ihm sagen?«

»Wir werden ihm sagen, was er wissen muss, und nicht mehr«, sagte die Matriarchin. »So war es immer Familienbrauch.«

»Aber wenn er auch nur den leisesten Verdacht hegt …«

»Das wird er nicht.«

»Wir konnten ihm die Wahrheit sagen.« Alistair blieb stehen und blickte die Matriarchin direkt an. »Wir konnten an sein besseres Wesen appellieren. An seine Pflicht, an seine Liebe zur Familie …«

Die Matriarchin schnaubte verachtlich. »Sei kein Narr! Er ist viel zu gefahrlich. Ich habe entschieden, was getan werden muss, und das ist alles, was dazu zu sagen ist. Ich habe immer verstanden, was fur die Familie das Beste ist. Warte … jemand hort mit! Bist du das, Jacob?«

Sie drehte sich mit einem Ruck um und starrte uns durch den Bildschirm direkt an. Jacob gestikulierte rasch, und das Bild verschwand und machte einer alten Folge der Addams Family Platz.

»Hab dir ja gesagt, dass sie die Sicherheitsvorkehrungen verscharft hat«, sagte Jacob. »Was denkst du, worum es wohl gerade ging?«

»Ich wei? es nicht«, antwortete ich. »Aber die Sache gefallt mir nicht.«

»Irgendetwas ist im Busch«, orakelte Jacob dunkel. »Etwas, wovon die Matriarchin und ihr feiner innerer Zirkel nicht wollen, dass das Fu?volk es erfahrt. Es liegt etwas in der Luft … Etwas Gro?es ist im Anmarsch. Ich kann es spuren, wie es sich wie Gewitterwolken in der Zukunft zusammenballt. Und wenn es schlie?lich losbricht, dann wird es etwas Ungeheuerliches sein … In jungster Zeit hat es mehrere direkte Angriffe auf das Herrenhaus gegeben.«

»Augenblick mal!«, sagte ich uberrascht. »Angriffe? Niemand hat mir irgendwas von irgendwelchen Angriffen erzahlt! Was fur Angriffe?«

»Machtige Angriffe.« Jacob rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her. »Selbst ich habe sie nicht kommen sehen, und das sieht mir gar nicht ahnlich. Naturlich kam nichts durch, aber die blo?e Tatsache, dass jemand oder etwas sich zuversichtlich genug fuhlte, einen direkten Angriff auf den Ort zu starten, an dem wir leben, spricht Bande. Zu meiner Zeit hatte das niemand gewagt. Wir hatten sie aufgespurt, ihnen die Seelen herausgerissen und sie an unsere Au?enmauern genagelt. Aber heutzutage ist alles Politik - Ubereinkunfte und Pakte und Burgfrieden. Die Familie ist nicht mehr das, was sie mal war … Ich wei? nicht, wieso sie dich zuruckgerufen haben, Eddie, aber todsicher nicht, um dir einen Orden an die Brust zu heften. Halt die Augen auf, Junge!«

»Immer doch!«, sagte ich. »Irgendetwas, was ich fur dich tun kann, Jacob?«

Er sah mich mit einem, offen gestanden, beunruhigenden lusternen Grinsen an. »Falls diese kopflose Nonne noch im Nordflugel spukt, dann sag ihr, sie soll ihren ektoplasmatischen Arsch hier runterschwingen, und ich werde sie eine ganz neue Methode der Manifestation lehren!«

»Aber … sie hat keinen Kopf!«

»Es ist ja auch nicht ihr Kopf, an dem ich interessiert bin!«

Und da wundert er sich, dass der Rest der Familie nicht mit ihm sprechen will!

* * *

Wieder drau?en im strahlenden Sonnenlicht, unter einem makellos blauen Himmel, bei Greifen, die auf den Rasenflachen patrouillierten, bei Schmetterlingen, so gro? wie meine Hand, die durch die Blumengarten flatterten, fand ich es schwer zu glauben, dass die Familie sich in wirklicher Gefahr befinden konnte. Oder ich. Ich mochte hier nicht immer glucklich gewesen sein, aber ich hatte mich im Herrenhaus immer sicher gefuhlt. Die Macht der Droods war von der Tatsache abhangig, dass niemand uns erreichen konnte. Ich sah am Herrenhaus hoch, das vor mir aufragte, uralt und machtig, genau wie wir. Wie konnte an einem so vollkommenen Ort, an einem so vollkommenen Tag, etwas nicht in Ordnung sein?

Ich ging durch den Haupteingang, und dort in der Vorhalle stand der Familienseneschall und wartete darauf, mich abzuholen. Klar wartete er; die Greifen hatten ihm sicher schon vor Stunden den genauen Moment meines Eintreffens mitgeteilt. Der Seneschall wurde niemals von etwas oder jemandem uberrascht - das war sein Job. Er nickte mir steif zu, was so ungefahr das an Begru?ung war, was ich erwartet hatte. In der Drood-Familie hatte der verlorene Sohn noch nie was zu lachen gehabt. Der Seneschall trug die stocksteife, schwarz-wei?e formelle Aufmachung eines viktorianischen Butlers, bis hin zu dem steifen und gestarkten Stehkragen, auch wenn er die Statur und das Auftreten eines Hauptfeldwebels hatte. Ich wusste ganz sicher, dass er standig ein halbes Dutzend versteckter Waffen von zunehmender Leistung und Bosartigkeit mit sich herumtrug. Sollte bei einem Angriff jemals eine Bresche ins Herrenhaus geschlagen werden, wurde er in der vordersten Verteidigungslinie stehen und hochstwahrscheinlich das Letzte sein, was die Angreifer je zu sehen bekamen.

Er hatte ein Gesicht, das aus Stein hatte gemei?elt sein konnen. Er wirkte ganz und gar nicht erfreut daruber, mich zu sehen, aber andererseits wirkte er nie erfreut uber irgendwas. Es ging das Gerucht, dass Lacheln gegen seinen Glauben war.

»Gru? dich, Butler«, sagte ich, nur um ihn aufzuziehen, denn wir wussten beide, dass er weit mehr als nur ein Butler war. (Im Herrenhaus gibt es keine Diener als solche. Wir dienen alle der Familie, auf unsere eigene Art.) (Oder zumindest ist das das offizielle Prinzip …)

»Guten Morgen, Edwin«, erwiderte der Seneschall mit einer Stimme wie ein Steinmahlwerk. »Die Matriarchin erwartet dich.«

»Ich wei?«, sagte ich. »Ich wunschte, ich konnte sagen, ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.«

»In der Tat«, sagte der Seneschall. »Ich wunschte, ich konnte sagen, ich bin froh, dich wiederzusehen, Junge.«

Wir grinsten einander einen Moment lang hohnisch an, dann - der Ehre war Genuge getan - erlaubte ich ihm, durch das schattige Vestibul voran und weiter in die gro?e Diele zu gehen. Durch Hunderte von Farbglasfenstern stromte das Licht herein und erfullte den weitlaufigen Raum mit samtlichen Farben des Regenbogens. Alte Gemalde und Bildnisse zeigten ehrwurdige Mitglieder der Familie: Drood-Manner und -Frauen, sitzend und stehend in starren und formellen Posen, in Kleidung und Mode vergangener Jahrhunderte, die mit strengen, unbewegten Augen auf ihre Abkommlinge hinausschauten.

Drood-Dienst und Drood-Tradition reichen einen langen Weg zuruck, und keinem von uns wird jemals erlaubt, das zu vergessen. Bis wir am Ende der Diele angekommen waren, waren die Gemalde Fotografien gewichen. Von den ersten schattenhaften Bildern uber Sepiatone bis hin zu den grellen Farben moderner Zeiten starrten die gefallenen Toten stolz auf die Welt hinaus, die sie erschaffen hatten.

Ich blieb stehen, um ein Foto in einem Silberrahmen zu betrachten, und der Seneschall hielt widerwillig neben mir an. Auf dem Foto waren zwei Gesichter abgebildet, die ich wie mein eigenes kannte. Ein Mann und ein Frau standen nebeneinander, stolz aufgerichtet, wie es Droods geziemt, doch in ihrem Lacheln und in ihren Augen lagen eine unverkennbare Warme und Zuneigung. Er war gro? und elegant und gut aussehend, und das Gleiche traf auf sie zu, und jeder Zoll an ihnen sah nach den gro?spurigen Abenteurern aus, fur die jedermann sie gehalten hatte: Charles und Emily Drood; mein Vater und meine Mutter. Ermordet auf einer Familienmission im Baskenland, als ich noch ein kleines Kind war. Als ich sie anschaute, so jung und voller Leben, wurde mir klar, dass ich jetzt alter war als sie zum Zeitpunkt ihres Todes.

Der Seneschall hielt sich schweigend dicht neben mir auf, machte mich durch seine Nahe auf seine Ungeduld aufmerksam, aber ich lie? mich nicht hetzen. Hallo, Papa, dachte ich. Hallo, Mama. Ich bin zuruckgekommen. Aber sonst fiel mir nichts ein, also nickte ich ihnen blo? zu und ging weiter.

Schlie?lich fuhrte mich der Seneschall in die Bibliothek, wo ich warten sollte, bis die Matriarchin bereit ware, mich zu empfangen. Er neigte noch einmal den Kopf, sehr steif, und entfernte sich, wobei er die Tur fest hinter sich zuzog. Ich schnitt der geschlossenen Tur ein Gesicht und entspannte mich ein wenig. Mit dem Seneschall irgendwohin zu gehen kam einem immer so vor, als wurde man mit einer Pistole im Rucken abgefuhrt. Ich schlenderte langsam durch die vielen, hoch aufragenden Bucherregale der Familienbibliothek und atmete die

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