Im Zuhause meiner Familie war es schon immer lebhaft wie auf einem Kindergeburtstag zugegangen. Der kunstliche Wasserfall beherbergt eine Undine, die alte Kapelle hat ein Gespenst (allerdings spricht meine Familie nicht mehr mit ihm), und ab und zu gibt es Feen in unserem Garten. Wenn man allerdings schlau ist, macht man einen gro?en Bogen um sie.
Das Herrenhaus ruckte bedrohlich naher wie ein Termin beim Zahnarzt; notwendig zwar, aber man wei? einfach, dass alles in Tranen enden wird. Meine Gefuhle, als ich nach so langer Zeit meine alte Heimstatte wiedersah, waren so gemischt, dass ich nicht einmal wusste, wo ich anfangen sollte. Wohin ich auch schaute, uberall sprangen mich vertraute Anblicke an und uberfielen mich mit Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, als die Welt noch so viel einfacher schien. Dies war die Statte meiner Kindheit, meiner pragenden Jahre. Ich erinnerte mich daran, wie ich uber den See gesegelt war in einem Boot aus Spinnweben und Dichtungszaubern, unter der Sorte von blauem Himmel und strahlender Sonne, die man nur in den Erinnerungen an Kindheitssommer antrifft. Ich erinnerte mich daran, wie ich vier Jahre alt war und auf meinen kurzen, dicken Beinen den Pfauen nachjagte und weinte, weil ich sie nicht fangen konnte. Ich erinnerte mich daran, wie ich in Elbenstiefeln auf dem Dach tanzte, und wie ich auf den Einhornern flog, und wie … wie ich einfach nur auf dem Rasen lag mit einem guten Buch und mich durch endlose Sommernachmittage hindurchdoste …
Ich erinnerte mich auch an endlose Unterrichtsstunden in uberfullten Klassenzimmern, endlos strengen Drill und kalte Hoflichkeit und an den stummen, storrischen Widerstand meiner Teenagerjahre, als ich mich hartnackig weigerte, gefuhrt und geformt und bevormundet zu werden. An die nicht enden wollenden Auseinandersetzungen mit zunehmend hoherrangigen Familienmitgliedern daruber, wie mein Leben verlaufen sollte, und an das schreckliche Gefuhl, von ihren starren Erwartungen dessen, wer und was ein Drood sein sollte, eingeschrankt und erdruckt zu werden. An mein Bedurfnis, mein eigener Herr zu sein in einer Familie, wo dies niemals geduldet werden konnte. Am Ende war es weniger ein von zu Hause Fortgehen als vielmehr ein Fortlaufen, und es gereicht der Matriarchin zur Ehre, dass sie mich ziehen lie?.
Ich erinnerte mich an die Schlage, die argerlich erhobenen Stimmen und, schlimmer noch, an die schneidend kalten Worte der Enttauschung. An die Vorenthaltung von Vergnugen und Privilegien und Zuneigung, bis ich lernte, ohne sie auszukommen, nur um der Familie eins auszuwischen. Ich lernte es auf die harte Tour, unabhangig zu sein. Man hartet ein Schwert, in-dem man die Schei?e aus dem Stahl prugelt, und ich bin verdammt hart geworden.
Nun war ich wieder herzitiert worden, ohne Ankundigung oder Begrundung, und Vorahnungen und Paranoia schlangen einen kalten Knoten in meine Magengrube. Hieraus konnte nichts Gutes entstehen - nichts Gutes fur mich jedenfalls. Ein Teil von mir wollte am liebsten eine Vollbremsung hinlegen, wenden und wieder wegfahren. Einfach weiter und immer weiter fahren, England verlassen und mich in den dunkleren Teilen der Welt verlieren, vergessen, dass ich jemals ein Drood gewesen war. Aber das konnte ich nicht: Die Familie wurde nicht vergessen. Sie wurden mich zum Sicherheitsrisiko, zum Abtrunnigen, zum Vogelfreien erklaren, und sie wurden keine Ruhe geben, bis sie mich zur Strecke gebracht hatten.
Und au?erdem, selbst nach allen Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten, glaubte ich immer noch an das, wofur die Familie eintrat: Ich glaubte immer noch daran, dass es richtig war, den guten Kampf zu kampfen.
Ich lenkte den Wagen durch eine lang gezogene Kurve, und das Haus schwenkte vor mir an den richtigen Platz, bis es die Bildflache beherrschte. Der riesige, wuchernde, alte Herrensitz stammte ursprunglich aus Tudorzeiten, doch war im Lauf der Jahrhunderte viel hinzugefugt worden. Das zentrale Gebaude hatte immer noch die traditionelle schwarz-wei?e, mit Brettern verkleidete Vorderfront mit schweren Bleiglasfenstern und vorspringendem Giebeldach; umgeben war es von den vier gro?en Flugeln, wuchtig und massiv im alten Regency-Stil, die ungefahr funfzehnhundert Schlafzimmer beherbergten, alle derzeit bewohnt von Familienmitgliedern. Jeder hier ist ein Drood. Das Dach hob und senkte sich wie eine mit grauen Ziegeln gedeckte See samt Giebeln, Wasserspeiern und Zierregenrinnen. Nicht zu vergessen das Observatorium, den Horst, den Hubschrauberlandeplatz und mehr Antennen als Chinesen im Sudteil Sohos. Es gibt viele Zimmer im Wohnhaus meiner Familie, und es gibt Platz fur jeden darin. Solange man spurt.
Das Herrenhaus ist auch schweineschwer zu heizen, im Winter zieht es darin wie Hechtsuppe, und die Familie glaubt nicht an Zentralheizung, weil sie findet, dadurch wird man nur verweichlicht. Ich wuchs heran mit der Vorstellung, das halbe Jahr uber lange Unterwasche zu tragen sei normal.
Und in den geheimsten Raumen des Herrenhauses bestimmt meine Familie das Schicksal der Welt. Sieben Tage die Woche und kein Urlaub wegen guter Fuhrung.
Das hier ist selbstverstandlich nicht das erste Zuhause meiner Familie. Die Droods waren schon damals, zu Tudorzeiten, eine alte, sehr alte Familie. So, wie unsere Gro?e und unser Prestige und unser Einfluss zunahmen, zogen wir weiter und wurden machtiger. Aber inzwischen war das Herrenhaus schon so lang unser Zuhause und Operationszentrum, dass es einem schwerfallt, sich uns irgendwo anders vorzustellen. Sie werden das Herrenhaus auf keiner offiziellen Karte finden und Sie werden auch keinen der Wege finden, die zu ihm fuhren. Ich spurte, wie die zahlreichen Schichten wissenschaftlicher und magischer Verteidigungsanlagen beiseite glitten, um mich vorbeizulassen, als ich den Hirondel uber den langen, gekiesten Fahrweg steuerte, wie sie vor mir fielen oder sich hoben wie eine Reihe von Schleiern, die weggezogen wurden, und dann hinter mir wieder hermetisch abriegelten. Jemand beobachtete mich seit dem Augenblick, als ich die Steinmauer passiert hatte, und wurde fortfahren mich zu beobachten, bis ich wieder ging. An einer Stelle kamen tatsachlich Automatikkanonen aus dem Rasen hoch und visierten meinen Wagen an, bevor sie sich widerstrebend wieder versenkten. Die waren neu. Aber naturlich sind es immer die Verteidigungsanlagen, die man nicht sehen oder spuren kann, die einen fix und fertig machen. Jeder, der auf der Suche nach uns hierherkommt, ungeladen und unerwartet, lauft Gefahr, auf unzahlige Arten ums Leben zu kommen, eine qualvoller als die andere.
Die Familie hat ihre Zuruckgezogenheit immer sehr ernst genommen. Wenn man die Welt so lange beschutzt und in Ordnung gehalten hat wie wir, ist es unvermeidlich, dass sich ernst zu nehmende Feinde ansammeln. Das Herrenhaus und seine weitlaufigen Parkanlagen sind umgeben und uberzogen von Schicht um Schicht von Schutzvorrichtungen, einschlie?lich eines ganzen Haufens von Vogelscheuchen. Wir stellen sie aus alten Feinden her. Wenn Sie die richtige ubernaturliche Frequenz abhoren, konnen Sie sie schreien horen. Legen Sie sich nicht mit den Droods an: Wir nehmen das personlich! Wir werden sauer und machen Sie fertig!
Mit einer Vollbremsung brachte ich den Hirondel in einem Spruhregen aus aufgewirbeltem Kies direkt vor der Vordertur zum Stehen und parkte ihn genau dort, nur weil ich wusste, dass ich das nicht sollte. Ich stellte den Motor ab und sa? dann eine Weile einfach da, starrte ins Leere und trommelte mit den Fingerspitzen auf dem Lenkrad herum, lauschte den Schreien der Pfauen und dem langsamen Ticken des abkuhlenden Motors. Ich wollte das hier nicht machen. Indem ich nicht ausstieg, schob ich den Moment hinaus, in dem ich mein altes Zuhause betreten und in den kalten, abweisenden Scho? der Familie zuruckkehren musste. Aber … fruher oder spater muss man in den Behandlungsraum des Zahnarztes gehen und die Sache eben hinter sich bringen.
Ich knallte die Autotur zu, erfreute mich an den Echos und schloss dann ab. Nicht, weil es notig war, und schon gar nicht, weil es denjenigen, den sie mit Sicherheit schicken wurden, davon abhalten wurde, den Wagen zu bewegen. Ich wollte einfach nur jedermann klarmachen, dass ich hier niemandem traute. Das Herrenhaus erhob sich vor mir wie eine versteinerte Flutwelle. Von Nahem wirkte es noch gro?er, als ich es in Erinnerung hatte, und noch bedrohlicher. Ich konnte seine Substanz spuren, die Jahrhunderte angesammelter Pflicht und Verantwortung, die versuchten, mich einzusaugen wie ein schwarzes Loch, doch vor der Vordertur zogerte ich. Eigentlich hatte ich direkt hineingehen und mich bei der Matriarchin melden mussen, wie Brauch und Tradition es verlangten - aber ich habe noch nie gro?en Wert darauf gelegt, zu tun, was ich eigentlich musste. Und da ich immer noch mehr als nur ein bisschen verargert daruber war, so abrupt zuruckbeordert worden zu sein, beschloss ich, dass die Matriarchin warten konnte, dieweil ich noch einen kleinen Spaziergang machte.
Ich kehrte der Vordertur den Rucken zu, summte laut und sorglos vor mich hin und schlenderte an den vielen Bogen- und Bleiglasfenstern in der Fassade des Hauses vorbei. Ich konnte ihre Gegenwart spuren wie den Druck unzahliger beobachtender Augen, daher hielt ich meinen eigenen Blick eisern geradeaus gerichtet. Der Kies knirschte laut unter meinen Fu?en, als ich am Ostflugel voruberging, um die Ecke bog und zum ersten Mal lachelte, als ich die alte Familienkapelle sah. Sie war deutlich vom Rest der Gebaude abgesetzt und vor den Blicken versteckt, ein gedrungenes Steingebaude mit Kreuzfenstern. Sie sah angelsachsisch aus, war aber tatsachlich eine Torheit aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Familie hatte jetzt ihre eigene Kapelle im Inneren des Herrenhauses, angenehm und friedlich und gro?zugig multikonfessionell, und das alte Gebaude war dem Verfall uberlassen worden. Es wird gegenwartig vom Familiengespenst, Jacob Drood, bewohnt, zankischer alter geiler
