Bock, der er ist. Ich glaube, er ist mein Urururgro?vater - Genealogie war noch nie meine Starke.

Im Gro?en und Ganzen ermutigt meine Familie Gespenster nicht zum Aufenthalt, sonst wurden wir hufthoch in den Dingern waten. Falls doch mal welche plarrend ins Herrenhaus zuruckkommen, nachdem sie an der Front ihr Leben gelassen haben, werden sie verdammt schnell ins Jenseits weiterbefordert. Die Familie blickt streng nach vorn, nie zuruck, und im Herrenhaus ist einfach kein Platz fur Sentimentalitaten. Jacob darf weiter in der Kapelle bleiben aufgrund irgendeiner formalen Spitzfindigkeit, die ich nie richtig verstanden habe, hauptsachlich, weil es den wenigen Leuten, die Genaueres wissen, anscheinend zu peinlich ist, daruber zu reden. Alle Familien haben irgendeine sonderbare Leiche im Keller, und unsere ist halt Jacob. Ostentativ spricht die Familie schon seit Jahren nicht mehr mit ihm, und ihm ist das vollig schnuppe. Meistens sitzt er einfach in seiner Gespensterunterwasche herum und schaut sich die Erinnerungen alter Fernsehsendungen in einem Gerat ohne Innenleben an. Hin und wieder hat er ein geisterhaftes Auge darauf, was die Familie vorhat, nur weil er wei?, dass er das nicht soll.

Jacob und ich sind immer prima miteinander ausgekommen.

* * *

Ich war acht, als ich ihn entdeckte. Cousin Georgie forderte mich dazu heraus, einen Blick durch das Fenster der verbotenen Kapelle zu werfen, und einer Herausforderung konnte ich noch nie widerstehen. Ich wurde erwischt (naturlich) und bestraft (naturlich) und mir wurde gesagt, dass die Kapelle und ihr Bewohner streng tabu waren. Anschlie?end konnte ich es nicht erwarten, ihn kennenzulernen. Ich wusste einfach, dass wir verwandte Geister waren. Also schlich ich mich in dieser Nacht hinaus und uberfiel kurzum das alte Gespenst in seinem Bau. Er machte ein paar unbeholfene Versuche, mich zu verscheuchen, aber er war nicht mit dem Herzen dabei. Er hatte lange darauf gewartet, dass die Familie noch ein schwarzes Schaf wie ihn hervorbrachte. Wir wurden schnell warm miteinander, und danach konnte uns niemand mehr voneinander fernhalten. Die Familie versuchte es, aber Jacob kam mit gro?en Schritten aus der Kapelle und marschierte geradewegs in die Privatgemacher der Matriarchin, und was immer dort auch gesagt wurde, danach uberlie? man uns beide strikt uns selbst.

Jacob war vielleicht der einzige echte Freund, den ich damals hatte; mit Sicherheit der einzige, dem ich vertrauen konnte. Er ermutigte mich in all meinen fruhen Auflehnungen und war als Einziger immer auf meiner Seite. Er war es, der mir sagte, ich solle bei der ersten Gelegenheit fortgehen. Er akzeptierte mich;

sagte, ich erinnerte ihn an ihn selbst als Teenager. Was eigentlich ziemlich beunruhigend war.

* * *

Die Kapelle sah so gedrungen und hasslich aus wie immer: unbehauene Steine, begraben unter dickem Efeugeflecht, das sich bedrohlich regte und wand, als ich mich der offenen Vordertur naherte - ein Bestandteil von Jacobs Fruhwarnsystem. Ich tatschelte das Efeu und sprach ihm freundlich zu, und es entspannte sich wieder, als es meine Stimme wiedererkannte und sich erinnerte. Die Tur stand halb auf und klemmte, wie immer, und ich stemmte die Schulter dagegen. Das schwere Holz kratzte laut uber den nackten Steinfu?boden und wirbelte eine Staubwolke auf. Ich hustete und nieste ein paarmal und spahte in die Dusterkeit: Nichts hatte sich verandert.

Das Kirchengestuhl war immer noch an der Wand gegenuber aufgestapelt, um Platz zu machen fur Jacobs gigantischen schwarzen Ledersessel mit verstellbarer Ruckenlehne, und neben diesem stand ein antiquierter Kuhlschrank, der irgendwie immer mit atherischem Alk gefullt war. Vor dem Sessel thronte ein massiver alter Fernseher, auf dem echte Kaninchenohren aufgehauft waren, um den Empfang zu verbessern. Jacob blickte sich nicht um, als ich naher kam. Er lummelte sich knochenlos in seinem gro?en Sessel, eine graue, schmachtige Gestalt, die ein- und ausflimmerte, wenn ihre Konzentration schwankte. Er sah alter als der Tod aus, das Gesicht eine Ansammlung von Falten, der knochige Schadel geziert von einigen wenigen langen, lose fallenden Haaren. Augenblicklich trug er verblichene Bermudashorts und ein T-Shirt, auf dem Geister tun 's von jenseits zu lesen war. Er trank den Rest seines Biers auf ex und warf die Dose weg; sie verschwand, bevor sie auf dem Boden aufkam. Jacob fuchtelte mit einer grauen Hand fahrig in meine Richtung, was dunne Ektoplasmaschweife in der Luft zurucklie?.

»Komm rein, Eddie, komm rein! Und mach die Tur hinter dir zu! Die Zugluft spielt meinen alten Knochen ubel mit.«

Ich pflanzte mich neben seinem Stuhl auf, die Arme vor der Brust verschrankt. »Und was fur Knochen sollen das sein, du widerlicher alter Wiederganger?«

Er blickte unter buschigen wei?en Augenbrauen heraus finster drein. »Werd erst mal so steinalt wie ich, Junge, dann wirst du auch deine Wehwehchen haben! Es ist nicht einfach, so alt zu sein. Sonst wurde es ja auch jeder werden.«

»Wie kann dir was wehtun? Du bist tot. Du hast gar keinen eigentlichen Korper mehr.«

»Recht so! Reite nur darauf herum! Nur weil ich tot bin, hei?t das noch lange nicht, dass ich keine Gefuhle habe. So, wie die Familie mich dieser Tage behandelt, wurde ich mich am liebsten im Grab herumdrehen!«

»Du bist eingeaschert worden, Jacob.«

»Na schon, dann werde ich mich eben in der Urne herumdrehen!« Mit einem Fingerschnippen stellte er den Ton seines gespenstischen Fernsehgerats ab und drehte sich endlich um, um mir zuzulacheln. »Verdammt, es tut gut, dich wieder hier zu haben, Junge! Keiner aus der jetzigen Generation hat den Mumm, hier rauszukommen und mit mir zu reden. Wie lange ist es jetzt her, Eddie? Hier drin verliert man jegliches Zeitgefuhl …«

»Zehn Jahre«, sagte ich.

Er nickte bedachtig. »Hast ganz schon zugenommen, Junge. Gute Kleidung, sauma?ige Haltung, und du siehst aus, als ob du deinen Mann stehen konntest. Gereichst meinen Lehren zur Ehre. Aber was zum Teufel treibt dich wieder hierher, Eddie? Du hast doch das geschafft, was nicht mal mir gelungen ist: Du bist entkommen!«

»Die Familie hat mich heimgerufen«, sagte ich und gab mir alle Muhe, locker und unbeschwert zu klingen. »Irgendwie hatte ich gehofft, du konntest wissen, warum.«

Jacob rumpfte die Nase und lehnte sich in seinem Sessel zuruck. Eine Geisterpfeife erschien in seiner Hand; nachdenklich sog er am Mundstuck und paffte dicke Ektoplasmawolken vor sich hin, die zur spinnwebenbehangenen Decke emporschwebten. »Hat nicht viel Sinn, mich zu fragen, Junge. In letzter Zeit hat sich die Familie mich noch mehr vom Leib gehalten als sonst. Naturlich halt mich das nicht davon ab, ein wachsames Auge auf sie zu haben …« Er grinste mich niedertrachtig an. »Du willst den ganzen neuesten Klatsch und Tratsch, Eddie-Junge? Du willst wissen, wer wen ubers Ohr haut, wer's an der Front mal wieder vermasselt hat und wer vollig bedrohnt zuruckgekommen ist und mit dem Autogiro eine Bruchlandung auf dem Dach hingelegt hat?«

»Erzahl mir alles!«, forderte ich ihn auf. »Ich denke, ich muss alles wissen.«

Jacob winkte seine Pfeife fort, und sie loste sich in dahintreibende Ektoplasmafaden auf. Er setzte sich in seinem Sessel gerade und fixierte mich mit einem starren Blick aus seinen uralten Augen, der mich an der Stelle festnagelte, wo ich gerade stand. »Um es gleich zu sagen, es gibt eine neue Splittergruppe innerhalb der Familie. Findet 'ne Menge Unterstutzung, besonders unter den Jungeren. Im Grunde lauft es auf eine Lasst- uns-sie-erledigen-bevor-sie-uns-erledigen-Strategie hinaus. Diese neue Splittergruppe redet lauthals uber die Vorzuge von Praventivschlagen und einer Null-Toleranz-Politik gegenuber allen bestatigten Bosewichtern: ›Schlagt euch nicht mehr mit Problemen rum, wenn welche auftauchen; hangt alles ohne Rucksicht auf Verluste den Bosen an, ob ihnen was zu beweisen ist oder nicht.‹«

»Wenn wir den offenen Kriegszustand erklaren wurden«, sagte ich langsam, »wurden unsere Feinde sich einfach zusammenrotten, um sich gegen eine allgemeine Bedrohung zu schutzen, und wir waren gewaltig in der Unterzahl. Wir haben nur deshalb so lange uberlebt, weil wir die Vorteile von ›Teile und herrsche!‹ begriffen haben.«

Jacob zuckte die Schulter. »Die jungen Leute heutzutage - keine Geduld mehr. Betrachten nichts mehr auf weite Sicht. Fur sie zahlt nur noch sofortige Befriedigung. Fur mich sind daran MTV und Videospiele schuld. Bis jetzt halten altere und weisere Kopfe in der Familie die neue Fraktion fest in ihren Schranken, aber jeder spricht daruber … Auch dein Cousin William hat gestankert, nur um reichlich gutes Filmmaterial fur die Dokumentation zu bekommen, die er uber die Familie macht. Auch wenn Gott allein wei?, wer die seiner Ansicht nach sehen soll. Konnte andererseits ein gro?er Hit werden, wenn man bedenkt, wie viele Leute The Osbournes angeschaut haben. ›Lernen Sie die Droods kennen: eine noch gestortere Familie, nur weitaus gefahrlicher‹ …

Die Matriarchin hat die Sicherheitsvorkehrungen um das Herrenhaus herum verscharft. Wieder einmal. Wahrscheinlich hast du die zusatzlichen Ma?nahmen auf deinem Weg hierher bemerkt. Klar, mich konnen sie naturlich nicht drau?en halten. Es ist schwer, Geheimnisse vor den Toten zu wahren: Wir sind naturliche Voyeure.

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