selbst. Eine kurze Leine gestanden sie mir zu, aber das war alles. Ich war ein Drood.

Ich ging von zu Hause fort, weil ich die Last der Verpflichtungen und der Geschichte der Familie als mehr als nur ein bisschen erdruckend empfand, und sie lie?en mich gehen, weil meine Haltung ihnen auf die Eier ging. Ich hielt mich uber die Jahre hinweg beschaftigt, nahm Auftrag um Auftrag an, nur um zu vermeiden, wieder nach Hause zu mussen und mich der Familienautoritat und den Familienvorschriften zu unterwerfen. Mir gefiel die Illusion, mein eigener Herr zu sein.

Aber wenn die Familie ruft, folgt man dem Ruf, wenn man wei?, was gut fur einen ist. Ich wurde wieder nach Hause gehen, verdammte Schei?e!

Morgen fruh. Heute Nacht gehorte Silikon Lily …

Kapitel Vier

Da, wo das Herz ist, bin ich zu Hause

Die Sonne stand erst etwa eine Stunde am Himmel, als ich schlie?lich meine kleine gemutliche Wohnung verlie?, die an einem umschlossenen Platz in einer der besseren Gegenden von Knightsbridge versteckt lag. Sie kostete pro Woche mehr Miete, als die Familie mir im Jahr schickte, aber ich habe dem Eigentumer einmal einen Gefallen getan, und seitdem ubernimmt er die Kosten. Im Gegenzug lasse ich kein Sterbenswortchen daruber verlauten, was genau der Sukkubus in dieser Wohnung gemacht hatte, bevor ich ihn exorzierte. (Es soll hier nur gesagt sein, dass ich das Bett verbrennen und die Wande mit einem Gemisch aus Weihwasser und Lysol abschrubben musste.) Den heller werdenden Himmel durchzogen noch tiefrote Streifen, die Vogel sangen sich die kleinen Herzen aus dem Leib - die larmenden Drecksviecher -, und der Tag trug die frischen und durchdringenden Vorahnungen von Dingen in sich, die er noch bringen wollte.

Ich bin normalerweise kein Morgenmensch, aber es war eine wirklich gute Nacht gewesen, dank Silikon Lily. Mit einem Knistern sich entladender Tachyonen war sie vor ungefahr einer Stunde aus meinem Bett verschwunden und hatte mich mit der Erinnerung an ein Augenzwinkern und ein Lacheln und dem Duft ihres parfumierten Schwei?es auf meinen Laken zuruckgelassen. Verdammt, im dreiundzwanzigsten Jahrhundert verstehen sie es zu leben! Ich sog ein paar tiefe Zuge frischer Morgenluft ein, gahnte plotzlich und strich uber meine Bluejeans, mein wei?es Hemd und meine abgenutzte schwarze Lederjacke. Gut genug fur die Familie. Normalerweise halte ich nicht viel davon, zur selben Zeit wie alle anderen aufzustehen, wie Leute, die sich ihren Lebensunterhalt tatsachlich verdienen mussen, aber vor mir lag ein langer Tag. Ich sperrte die Garage unter meiner Wohnung mit einem Wort und einer Gebarde auf und fuhr meinen Wagen ruckwarts auf den Kopfsteinpflasterhof heraus. Ich jagte den Motor hoch; er drohnte frohlich, und ich musste grinsen, als ich an die Kopfe dachte, die es in den Wohnungen rings um den Platz jah aus den Kissen riss. Muss ich fruh raus, muss jeder fruh raus!

Ich fegte durch die nahezu leeren Stra?en Londons, missachtete rote Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen und staunte uber die vielen freien Parklucken. London direkt nach Tagesanbruch ist ein vollig anderer Ort. Ein paar Nachtschwarmer befanden sich noch torkelnd auf dem Nachhauseweg, umklammerten leere Champagnerflaschen und gelegentlich auch einen Leitkegel, und ich winkte ihnen im Voruberfahren vergnugt zu. Wir Nachteulen mussen zusammenhalten.

Ich fuhr meinen Hirondel-Sportwagen, das taubenblaue Modell, das Faltdach heruntergeklappt, und der Wind zerzauste mir liebevoll die Haare, wahrend ich aus London herausfuhr und das sudwestliche Umland ansteuerte, nach Hause fuhr, um mit meiner Familie zusammenzutreffen. Ich hatte kaum Schlaf und nur ein ubersturztes Fruhstuck aus Musli, Milch und verbranntem Toast zu mir genommen, aber um einen Kater abzuwenden, geht nichts uber eine Nacht mit richtig gutem Sex. Ich lenkte den Hirondel uber die M4, durch landliche Gegenden mit Wiesen und bestellten Feldern, und genoss die Fahrt, sang lautstark die Greatest Hits der Eurythmics aus dem CD-Spieler mit und uberbruckte die hohen Tone, die ich nicht treffen konnte, mit einer zweiten Stimme. Diese Annie Lennox hat schon einen Mordsstimmumfang!

Der Hirondel ist ein 1930er-Modell, vollstandig restauriert, er hat jedoch auch viele moderne Extras und einige au?ergewohnliche Sonderausstattungen, dank des Waffenschmieds der Familie. Der fest daran glaubt, dass jedes Mitglied der Familie jederzeit auf einen feindlichen Angriff gefasst sein muss. Er glaubt auch daran, es anderen zuzufugen, bevor sie die Chance haben, es einem selbst zu tun. Als Ergebnis seiner au?erst inspirierten Arbeit konnen Geschwindigkeitsuberwachungskameras mich nicht sehen, mein Nummernschild ist Corps diplomatique, sodass die Bullen mich in Ruhe lassen, und jedes Auto, das den Fehler macht, zu nahe heranzukommen, kann plotzlich ernsthafte Probleme mit dem Motor bekommen. Fur diejenigen, die darauf bestehen, zu nahe heranzukommen, habe ich vorn und achtern elektronische Bordkanonen, die pro Minute zweitausend Explosivnadelgeschosse abfeuern konnen, Flammenwerfer und einen EMP-Generator. Wenn Sie mich fragen, hat der Waffenschmied zu viele Spionagefilme gesehen. Ich ziehe es vor, mein Vertrauen darauf zu setzen, wie der Teufel zu fahren und meine Feinde meine Auspuffgase schlucken zu lassen.

In der Nahe von Bristol fuhr ich von der M4 ab, mittlerweile Leonard Cohens I'm Your Man mitsummend, und lie? die Hauptstra?en rasch hinter mir, wahrend die Gegend immer landlicher wurde. Ich lenkte den Wagen uber immer schmalere Stra?en, bis die viel befahrenen Routen ein gutes Stuck hinter mir lagen und aus den Stra?chen bessere Feldwege wurden, die nicht mal mehr Markierungen oder Leuchtnagel in der Fahrbahnmitte aufwiesen. Die Morgenluft war klar und belebend, erfullt vom Duft nach frisch gemahtem Gras und dem unverkennbaren Geruch, der die Anwesenheit von Kuhen verrat: Der Sudwesten ist Milchland. Kleine Marktflecken wichen noch kleineren Dorfern und Weilern, bis schlie?lich das Stra?chen, dem ich folgte, sich unvermittelt in einen unbefestigten Feldweg verlor, den schwere Landmaschinen tief aufgewuhlt hatten. Ich fuhr weiter, langsamer jetzt, folgte einem gewundenen Weg durch dunkle und brutende Walder, in deren allgemeine Dusternis sich goldene Speere von Sonnenlicht den Weg erzwangen wie Scheinwerferstrahlen voller tanzender Staubteilchen. Ich bremste stark ab, um dem Zusammensto? mit einem Dachs von der Gro?e eines Schweins zu entgehen, der uber den Weg wanderte und tatsachlich den Nerv hatte, mir einen bosen Blick zuzuwerfen, bevor er ins Unterholz wegtrippelte. Rotwild mit Augen, die in den Schatten funkelten, beobachtete mich still von den Seiten.

Ich bog um eine scharfe Kurve, und der Weg endete abrupt an einer hohen Steinmauer, die unter einem jahrhundertelangen Bewuchs von kriechendem Efeu begraben war. Jeder andere ware voll in die Eisen gestiegen, aber ich fuhr einfach weiter. Die Steinmauer turmte sich drohend vor mir auf, furchterlich massiv und unversohnlich, fullte mein Gesichtsfeld aus, und dann war ich in ihr und durch sie hindurch, und die Illusion zerteilte sich harmlos um mich herum und strich mir mit Fetzen gespenstischen Mauerwerks wie mit frostigen Fingerspitzen durchs Gesicht.

(Fur einen Drood ist es eine Illusion. Fur jeden anderen ist es eine solide Steinmauer. Und wenn Sie dagegenknallen, kommend Sie blo? nicht weinend zu uns gerannt! Geschieht Ihnen ganz recht, wenn Sie versuchen, uns zu finden!)

Strahlendes Sonnenlicht uberflutete den Wagen, als ich die Illusion hinter mir gelassen hatte und dem von zwei langen Reihen von Ulmen gesaumten Kiesweg in die ausgedehnten Parkanlagen des Herrenhauses folgte. Hier gab es vollendet angelegte Rasenflachen, fachmannisch geschnitten und so lang, dass ein Flugzeug darauf landen konnte. Sprinkler schleuderten ihre flussigen Gaben durch die Gegend und hullten die Sommerluft in einen feuchten Dunstschleier. Hinter den Rasen gab es Heckenlabyrinthe und Blumengarten, Zierbrunnen in imposantem viktorianischem Stil mit Wasser, das sich geschmackvoll aus klassischen Statuen ergoss, und sogar unseren eigenen See mit darauf hinziehenden Schwanen.

Als ich mich dem Herrenhaus naherte, stolzierten Pfauen uber den manikurten Rasen und verkundeten mit ihren schrillen und heiseren Rufen meine Ankunft. Auf einer Seite stand ein alter Wunschbrunnen, von dessen rotem Dach der Rost abblatterte. Wir hatten ihn mit Beton aufgefullt, weil er zu eingebildet geworden war. Vor den angrenzenden Stallungen grasten geflugelte Einhorner, die ihre edlen Kopfe in meine Richtung warfen; ihre Felle waren von so vollkommenem Wei?, dass sie beinah zu strahlen schienen. Wachsame Greifen patrouillierten rings um das Herrenhaus und behielten die nahe Zukunft im Auge, gerustet fur jedweden Angriff - die perfekten Huter und Wachhunde. Leider ernahren sie sich ausschlie?lich von Aas und mogen es, sich vorher darin zu walzen, deshalb streichelt sie nie jemand, und sie durfen auch nie ins Haus.

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