Familie uberhaupt erlaubt wird, Agenten im Au?endienst zu werden. Und weshalb ich immer an so einer kurzen Leine gehalten werde. Der Lageraum muss darauf warten, dass Frontagenten auf traditionellem Wege ihren Bericht erstatten, haufig auf der Flucht, und sie dann mit so viel Informationen und Unterstutzung versorgen wie moglich. Jeder Agent wird von Tausenden von Forschern, Beratern, Fachleuten in den arkaneren Bereichen von Wissenschaft und Zauberei und einem Rund-um-die-Uhr-Nachrichtentechnikerstab unterstutzt.

Agenten im Au?endienst sammeln Informationen, entscharfen Druckpunkte und handeln, wenn notig. (Wir ziehen es zwar vor, mit einem leisen Wort und einer subtilen Drohung zu arbeiten, aber die Familie ist auch noch nie davor zuruckgeschreckt, sich die Hande schmutzig zu machen.) Jeder von uns wei? jedoch, dass es die Unterstutzung der Leute im Herrenhaus ist, die unsere Arbeit erst ermoglicht.

Die Familie hat die Fernwahrnehmung in all ihren Formen zu einer Art Kunst erhoben. Und da wir schon immer Wissenschaft und Zauberei als nur zwei Seiten derselben nutzlichen Munze betrachtet haben, arbeiten wir hart, um bei allen neuesten Fortschritten in vorderster Reihe zu bleiben. Genau genommen arbeiteten unsere Forschungslabore pausenlos und unermudlich, damit wir todsicher immer die Nase vorn haben. Wir haben Waffen hervorgebracht und Antworten auf Waffen, von deren Existenz gro?e Teile der Welt nicht einmal traumen. Wir benutzen, was immer wir mussen, damit die Welt ein sicherer Ort bleibt.

Ich war uberrascht und ein klein wenig beunruhigt daruber, wie viele Katastrophenalarme zu sehen waren; Warnungen vor schwerwiegenden Bedrohungen, die bisher noch nicht auf ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Person oder Gruppe eingegrenzt waren. Und wenn ich schwerwiegende Bedrohung sage, dann meine ich damit eine offensichtliche und gegenwartige Gefahr fur die Welt. Ich hatte den Lageraum noch nie so geschaftig erlebt, mit Leuten, die sich um jede Anzeige, jeden Computer, jeden aktenubersaten Tisch scharten. Da war ein allgemeines Sauseln gemeinschaftlich murmelnder Stimmen, fast als ob man sich in einer Kirche befande. (Gehobene Stimmen werden missbilligt; sie erzeugen Unruhe.) Fortwahrend eilten Boten ein und aus und uberbrachten Aufzeichnungen und Berichte und hochwichtige Aktualisierungen. Und Kannen frischen Tees. Die Familie lauft mit Tee. Und mit Jaffa Cakes.

Keiner warf auch nur einen Blick in meine Richtung.

Die Matriarchin sa?, mit steifem Rucken und gelassen aufmerksam wie immer, am gro?ten Tisch und studierte eine endlose Reihe dringender Berichte, so wie sie ihr gerade gereicht wurden. Manche zeichnete sie ab und stimmte damit Ma?nahmen zu; andere lie? sie zuruckgehen fur mehr Einzelheiten. Boten standen Schlange und warteten auf eine Gelegenheit, eine Akte vor sie zu schieben oder ihr vertraulich ins Ohr zu flustern, ehe sie mit neuen Instruktionen davoneilten. Die Matriarchin gestattete es sich nie, gehetzt oder besorgt zu wirken, und nie wurde sie laut. Falls einmal ein besonders penetranter Bote den Bogen uberspannte, indem er eine Einzelheit infrage stellte oder die Wichtigkeit seiner Botschaft nachdrucklich betonte, so genugte ein Blick aus den kalten grauen Augen der Matriarchin, und der Bote brach sich formlich das Kreuz, wahrend er katzbuckelnd von ihr wegeilte.

Der Seneschall setzte die Matriarchin von meiner Ankunft in Kenntnis, und sofort drehte sie sich um und sah mich an. Ich erwiderte ihren Blick gelassen und machte mir nicht einmal die Muhe, die gekreuzten Arme vor der Brust wegzunehmen. Sie winkte mich gebieterisch zu sich her, und ich durchquerte gemachlich den Lageraum, um mich zu ihr zu gesellen, und lie? mir dabei bewusst Zeit. Die Matriarchin bedeutete den Umstehenden mit einer knappen Geste, sich zuruckzuziehen, und alle nahmen einen gebuhrenden Abstand ein, damit sie und ich unter vier Augen miteinander reden konnten. Der Seneschall schien tatsachlich emport, mit allen anderen in einen Topf geworfen zu werden, aber er ging. Man diskutierte nicht mit der Matriarchin. Sie stand auf, um mich zu begru?en, wobei sie ihre ubliche kalte und missbilligende Miene zur Schau trug.

Die Familienmatriarchin, Martha Drood. Gro?, elegant und koniglicher als jede Konigin. Sie war inzwischen in den Mitsechzigern und kleidete sich wie eine Landadelige, lauter aufeinander abgestimmte Tweedsachen, Perlen und unauffalliges Make-up. Ihr langes graues Haar thronte zu einer Skulptur aufgeschichtet auf ihrem Kopf. Zu ihrer Zeit war sie schon gewesen, und ihr kraftiger Knochenbau sorgte dafur, dass sie auch jetzt noch bemerkenswert war. Wie bei der Eiskonigin aus dem Marchen, die einem einen Splitter ihres Eises ins Herz treibt, wenn man noch jung und hilflos ist, so hat man keine andere Wahl, als sie fur immer zu lieben. Sie bot mir keine Hand zum Schutteln an, und ich bot nicht an, sie auf die Wange zu kussen. Ausgleich in puncto Ehrerbietungen. Ich nickte ihr zu.

»Hallo, Gro?mutter.«

Die Familie wird von jeher von einer Matriarchin gefuhrt; es ist ein Uberbleibsel unseres druidischen Erbes. Martha stammt von einer langen Reihe von Kriegerkoniginnen ab, und das sieht man. Ihr Wort ist Gesetz. Als ich ein Kind war, legte ich im Unterrichtsfach Familiengeschichte dem Lehrer dar, dass, wenn sie unsere Konigin war, wir Ubrigen nur ihre Drohnen waren. Dafur wurde ich viel angeschrien. Rein formal hat die Matriarchin uneingeschrankte Macht uber die Familie; in der Praxis steht ihr ein Rat, der sich aus zwolf der herausragendsten Familienmitglieder zusammensetzt, sehr eng zur Seite. Man muss schon etwas wirklich ganz Bemerkenswertes fur die Familie vollbringen, um auch nur in die engere Wahl zu kommen. Matriarchinnen, die nicht auf ihren Rat horen oder horen wollen, haben nicht die Tendenz, es lange zu machen. In extremen Fallen hat man schon Unfalle erlebt, und eine neue Matriarchin ubernahm das Ruder. Die Familie kann au?erordentlich skrupellos sein, wenn es sein muss.

Marthas zweiter Mann, Alistair, stand schuchtern neben ihr, wie immer, bereit fur was auch immer sie von ihm verlangen mochte. Er war gro? und kraftig und kleidete sich wie ein vornehmer Bauer; die Sorte, die sich ihre teuren Stiefel niemals schmutzig macht. Er war zehn Jahre junger als Martha und hinlanglich gut aussehend, nehme ich an, auf eine irgendwie schwache und unfertige Art; wie der Investitionsmakler, der einem versichert, dass das Geschaft, das er vorschlagt, einen absolut garantiert reich machen wird. Ich nickte ihm kurz zu.

»Hallo, Alistair.«

Er war Prinzgemahl durch lange Tradition, aber der Teufel sollte mich holen, wenn ich ihn Gro?vater nannte. Mein richtiger Gro?vater, Marthas erster Mann, Arthur, starb im Kampf in der Kiew-Verschworung von 1957. Ich habe ihn nie kennengelernt.

Alistair und ich sind nie miteinander ausgekommen. Offiziell war seine Funktion innerhalb der Familie die des personlichen Beraters der Matriarchin, aber das war nur etwas, um ihn zu beschaftigen, damit er nicht merkte, dass er nur ein besserer Laufbursche war. In seinem ganzen Leben hatte er nie einen Au?eneinsatz gehabt, zu seiner Erleichterung ebenso wie zu der aller anderen. Vor seiner Hochzeit mit Martha war er etwas in der Londoner Geschaftswelt, aber nur dank einer Erbschaft. Es hie?, die Londoner Geschaftswelt war froh, ihn los zu sein. Die ganze Familie wusste, dass er nutzlos war, aber Gro?mutter liebte ihn, daher sagte aus Achtung vor ihr nie jemand etwas. Wohingegen man geflissentlich dafur sorgte, dass Alistair nie in die Nahe von etwas Wichtigem gelassen wurde. Oder von etwas Zerbrechlichem. In jeder Familie gibt es einen wie Alistair.

Martha musterte mich kalt. »Es ist eine ziemliche Weile her, seit du uns mit deiner Gegenwart beehrt hast, Edwin.«

Ich zuckte die Achsel. »Ich bin gern beschaftigt. Und es ist ja auch nicht so, als ob es hier irgendetwas gabe, was mir fehlen wurde.«

»Nach all dieser Zeit gibst du immer noch der Familie die Schuld am Tod deiner Mutter und deines Vaters«, sagte Martha. »Du solltest stolz auf ihr Opfer sein.«

»Bin ich«, erwiderte ich. »Aber mich wird niemand jemals in den Tod bei einer Operation schicken, die nicht ordentlich geplant war. Ich leite meine Missionen selbst.«

»Du dienst der Familie«, sagte Alistair, indem er sich an Marthas frostigem Ton versuchte, ohne ihn jedoch zustande zu bringen.

»Ich diene der Familie«, sagte ich. »Auf meine eigene Weise.«

»Die Personen, die fur die unzulangliche Planung dieser Mission verantwortlich waren, wurden schon vor langer Zeit bestraft«, sagte Martha. »Du musst es dabei bewenden lassen, Edwin. Sie war auch meine Tochter.« Sie unternahm eine bewusste Anstrengung, das Thema zu wechseln. »Was hast du da uberhaupt an, Edwin? Ist das wirklich das Beste, was dir bei deinem ersten Besuch im Herrenhaus seit zehn Jahren moglich war?«

»Tut mir leid«, sagte ich. »Aber vor Kurzem hat man bei mir eine Modeintoleranz diagnostiziert. Ich kann nichts Gutes tragen, sonst kriege ich Stil.«

Sie blickte mich an. »Du wei?t, dass ich Humor nicht komisch finde, Edwin. Und steh gerade! Willst du Hangeschultern bekommen? Und wann wirst du endlich heiraten und der Familie Kinder schenken? Wie alle anderen hast du die Pflicht, die Familie mit frischem Blut zu versorgen, um uns stark und vital zu erhalten. Wir haben dir mehrere Listen mit vollig respektablen Kandidatinnen aus geeigneten Familien vorgelegt. Jede davon

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