ware eine gute Partie fur sich. Du bist allmahlich ein bisschen zu alt, um so wahlerisch zu sein.«

»Das ist noch etwas, was ich selbst entscheide«, erklarte ich mit Bestimmtheit.

»Was war denn mit der guten Stephanie Mainwearing nicht in Ordnung?«, wollte Martha wissen. »Ein entzuckendes Geschopf, dachte ich.«

»Ach, komm schon, Gro?mutter! Ein kleines bisschen mehr Inzucht, und sie ware ihre eigene Schwester gewesen!«

»Alice Little?«

»Lebt in ihrer eigenen Welt und kommt nur zu den Mahlzeiten raus. Vielen Mahlzeiten.«

»Penelope Creighton?«

»Du machst wohl Witze! Sie hat mit mehr Frauen geschlafen als ich! Betreibt ihr Leute eigentlich nicht mal mehr Grundlagenforschung?«

»Nun, hast du wenigstens im Moment jemand im Auge, Edwin?«

Ich zog in Erwagung, ihr von Silikon Lily zu erzahlen, war aber uber die Versuchung erhaben. »Niemand Besonderes, Gro?mutter«, sagte ich.

»Ich hoffe, du bist … vorsichtig, Edwin«, sagte Alistair mit einer noch versnobteren Stimme als sonst. »Du wei?t, welche Ansichten die Familie uber uneheliche Kinder hat.«

Ich schaute ihn einen Moment lang an, dann sagte ich: »Ich bin immer vorsichtig, Alistair.«

»Letzten Endes«, sagte Alistair, »egal wem du dich schlie?lich zuwendest, sie muss fur die Familie akzeptabel sein.«

»So wie du, Alistair?«, fragte ich.

Erneut beschloss Martha, das Thema zu wechseln. »Du bist ins Herrenhaus zuruckgerufen worden, Edwin, weil ich einen sehr wichtigen und sehr dringenden Auftrag fur dich habe.«

»Etwas in der Art hatte ich mir schon zusammengereimt«, meinte ich. »Durfte ich mal fragen, was so wichtig sein konnte, dass ich den ganzen Weg hierhergeschleift werden musste, nur um es zu besprechen? Was ist los mit den ublichen Kanalen?«

»Es ist eine Frage der Sicherheit«, erklarte Martha. »Und du musst es sein, weil alle anderen beschaftigt sind - beschaftigter denn je. Du siehst ja die Anzeigen: Die ganze Familie ist gefordert bis an ihre Grenzen. Und du hast gesehen, was gerade im Sanktum passiert ist. Einst ware ein solcher Angriff undenkbar gewesen, doch nun ist die ganze Familie bedroht. All unsere gro?ten Bemuhungen mussen gegenwartig der Verteidigung der Familie und der Identifikation der Aggressoren gelten. Der Auftrag, den ich jetzt fur dich habe, Edwin, ist deine Chance, endlich deinen Wert zu beweisen und in den Scho? der Familie zuruckzukehren. Fuhre diese Mission erfolgreich durch, und du hast dir einen Sitz im Rat verdient.« Sie hielt inne und uberlegte sich ihre Worte sorgfaltig. »Einige von uns sind zu der Uberzeugung gelangt, dass es einen Verrater geben muss, vielleicht im innersten Kern der Familie. Ich bin nicht mehr sicher, wem ich vertrauen kann. Selbst mein eigener Rat ist in letzter Zeit … uneins und streitsuchtig. Als Au?enseiter siehst du vielleicht Dinge, die uns Ubrigen verborgen bleiben. Beweise dich mit dieser Mission, Edwin! Ich wusste deine Stimme in meinem Rat zu schatzen.«

Ich stand blo? da und schaute sie an. Das hatte ich wirklich nicht erwartet! Der Rat war der Ort, wo uber die Familienpolitik bestimmt wurde. Wo alle Entscheidungen getroffen wurden, auf die es ankam. Es war mir ehrlich nie auch nur in den Sinn gekommen, dass ich eines Tages darin landen konnte. Ich war nicht einmal sicher, ob ich so eine Ehre wollte, oder so eine Verantwortung, aber ich muss gestehen, dass ich versucht war. Wenn auch nur, um meine neue hohere Stellung dazu benutzen zu konnen, andere wie mich in der Familie zu erkennen und ihnen zu helfen.

»Wie lautet der Auftrag?«, fragte ich mit ausdrucksloser Stimme.

Zum ersten Mal lachelte die Matriarchin kurz. »Dein Auftrag lautet, die Seele Albions nach Stonehenge zuruckzubringen und sie wieder unter dem Hauptopferaltar zu vergraben, wo sie hingehort. Wenn sie erst einmal wieder am richtigen Platz ist, wird die Seele wieder sicher sein; die Steine werden sie beschutzen. In den falschen Handen konnte die Seele England zu Fall bringen - und vielleicht sogar die Droods.«

Noch wahrend sie sprach, nickte ich: Darum musste sich die Diskussion gedreht haben, die Jacob und ich in seinem toten Fernseher gehort hatten.

Martha wendete sich an ein halbes Dutzend bewaffneter Wachen, die daraufhin eine gro?e Eichentruhe nach vorn brachten, die mit massiven Silberriegeln und Kalteisenvorhangeschlossern fest verschlossen war. Obendrein knisterte die ganze Truhe formlich vor Schutzzaubern. Die Wachen hatten nicht respektvoller damit umgehen konnen, wenn sie bis zum Rand mit Nitroglyzerin gefullt gewesen ware. Sie stellten die Truhe ganz behutsam zu Marthas Fu?en ab und zogen sich dann so schnell zuruck, dass sie fast ubereinander stolperten. Martha bedachte sie mit einem ihrer besten eisigen Blicke und offnete dann mit einem Wort die Bander und Vorhangeschlosser. Sie schnappten auf, eins nach dem anderen, und augenblicklich begannen die Verteidigungszauber warm zu laufen, bis Martha sie mit einer schnellen Geste stilllegte. Der Truhendeckel klappte von selbst auf, und Martha griff hinein und forderte eine kleine Schmuckschatulle aus Silber zutage, die nicht gro?er als ihre Hand war.

Sie drehte den zierlichen Schlussel in seinem Schloss herum, und die Schatulle offnete sich und enthullte eine Unterlage aus rotem Pluschsamt und auf dieser die Seele Albions: Eine geschliffene Kristallkugel, nicht gro?er als mein Daumen, die mit ubernaturlichem Feuer leuchtete. Sie war unglaublich, atemberaubend schon, fast schmerzhaft fur die Augen, wie das platonische Ideal jedes Edelsteins oder Juwels oder wertvollen Steins, die je existiert hatten. Quer durch den Lageraum horten Leute auf mit dem, was sie gerade machten, und blickten sich um, weil sie die Anwesenheit von etwas Neuem und Wundervollem in ihrer Mitte spurten.

Es wird angenommen, dass die Seele vor etwa dreitausend Jahren von den Sternen auf die Erde fiel, aber uber die Seele gibt es mehr Legenden als Verse in Paradise Lost. Entsetzlich schon, unglaublich machtig, fur immer an das Land gebunden, in das sie fiel. Martha klappte den Deckel der Schmuckschatulle zu und schnitt das funkelnde Licht ab, und wir atmeten alle wieder ein wenig leichter. Wenn ihr Licht strahlte, war es fast unmoglich, an etwas anderes als an die Seele zu denken. Martha warf einen argerlichen Blick in die Runde, und alle begaben sich schnell wieder an die Arbeit. Sie verschloss die Schatulle und reichte sie mir. Ich nahm sie behutsam entgegen. Sie fuhlte sich merkwurdig leicht, fast substanzlos in meinen Handen an. Ich lie? sie in meine Jackentasche gleiten und nahm die Hand so schnell wie moglich von der Schatulle weg. Alles in allem, denke ich, hatte ich mich mit einer Atombombe auf dem Rucken, deren Zeitzunder bereits tickte, sicherer gefuhlt.

»Solange die Seele Albions in dieser Schatulle bleibt, ist sie von machtigen Verschleierungszaubern geschutzt«, erklarte Martha. »Und die Bleiauskleidung durfte dich vor dem Gro?teil der zerstorerischen Strahlung der Seele abschirmen.«

»Oh, prima!«, sagte ich. »Jetzt fuhle ich mich gleich viel besser.«

Vor langer, langer Zeit, so langer Zeit, dass Historie zu Legende und Mythos wird, benutzte jemand die Seele, um einen machtigen Zauber zu wirken, und jetzt ist England gefeit gegen alle Gefahren feindlicher Invasion, solange die Seele Albions an ihrem festgesetzten Platz in dem gro?en Ring stehender Steine ruht, der Stonehenge hei?t. (Es gibt eine andere Legende uber drei Konigskronen Angliens, aber die diente immer nur der Ablenkung.) Konig Harold grub die Seele aus und nahm sie 1066 mit nach Hastings, weil er glaubte, sie wurde ihm helfen, sich Wilhelm von der Normandie vom Leib zu halten - der Narr. Nach der Schlacht beaufsichtigte Wilhelm der Eroberer personlich die Ruckkehr der Seele nach Stonehenge, und seitdem hatte sie niemand mehr bewegt.

Bis jetzt.

»Ich muss das jetzt mal fragen«, sagte ich: »Wer zum Teufel hielt es fur eine gute Idee, die Seele Albions uberhaupt erst den ganzen Weg hierher zu bringen? Und hat man dem- oder denjenigen auch ordentlich den Hintern versohlt?«

Alistair rumpfte die Nase und tat sein Moglichstes, um blasiert auf mich herabzublicken. »Es geht hier um Politik, Edwin. Das brauchst du nicht zu wissen. Es genugt wohl, wenn ich sage … es waren Sicherheitsfragen involviert.«

»Jedoch«, sagte Martha schnell, »in Anbetracht der jungsten Angriffe auf das Herrenhaus und jetzt auf das Herz selbst, ist beschlossen worden, dass die Seele an ihre rechtma?ige Stelle zuruckgebracht werden soll, und zwar je schneller desto besser. Ursprunglich war dein Onkel James fur diese Mission ausersehen; aus diesem Grund haben wir ihn aus dem Amazonasdschungel zuruckbeordert. Aber wir glauben alle, dass … unter den gegenwartigen Umstanden … die Bewegungen eines bedeutenden Agenten wie dem Grauen Fuchs zwangslaufig scharfer uberwacht werden als sonst. Sollte irgendeiner unserer Feinde herausfinden, dass er nach Stonehenge

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